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FÖJ in Sachsen: Nach der Schule freiwillig Öki werden

In Sachsen gibt es rund 2.500 Einsatzstellen für Freiwilligendienste. In Coronazeiten eine gefragte Alternative.

Die Schulbank hat Isabel Schöne gegen viel Bewegung im Freien eingetauscht. Sie macht ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf der Kinder- und Jugendfarm „Spielwiese“ in Dresden.
Die Schulbank hat Isabel Schöne gegen viel Bewegung im Freien eingetauscht. Sie macht ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf der Kinder- und Jugendfarm „Spielwiese“ in Dresden. © Matthias Rietschel

Knöpfchen und Lola können es kaum erwarten, von Isabel Schöne auf die Weide am Weißiger Hutberg im Dresdner Osten geführt zu werden. Die beiden Schafe recken ihre Hälse nach dem saftigen Gras. Nebenan schnaufen Pferde auf der Koppel, irgendwo kräht ein Hahn. Isabel macht hier auf der Kinder- und Jugendfarm „Spielwiese“ des Kinderland Sachsen e. V. seit September 2020 ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ). Konkret bedeutet das: Tiere versorgen, Ställe ausmisten, die Sozialpädagogen bei der Arbeit mit den junge Besuchern unterstützen.„Ich wusste nach der Schule noch nicht so genau, was ich machen will“, sagt Isabel. Klar war ihr nur: Direkt an Uni oder Berufsschule weiterzulernen, kann es nicht sein. Sie wollte Zeit für sich. „Aber nur faul zu Hause abhängen wollte ich auch nicht.“

Rund 33.500 sächsische Schüler sind jetzt dabei, ihren Schulabschluss zu machen. Viele haben bereits geklärt, wo sie danach ihre Ausbildung oder ein Studium beginnen werden. Aber wegen Unsicherheiten im zweiten Coronajahr wissen etliche noch nicht, wie es für sie weitergehen wird. Noch im April gab es fast zehn Prozent weniger Interessenten für eine Ausbildung als 2020. Gleichzeitig stehen beispielsweise in der Gastronomie in diesem Jahr 200 Ausbildungsplätze weniger zur Verfügung. Ein Jahr im Freiwilligendienst wäre eine Alternative.

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360 FÖJler gibt es aktuell in Sachsen, dazu etwa 2.500 junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ). Viele haben sich für diese Auszeit zwischen Schulende und beginnender Berufsausbildung entschieden, weil sie erst einmal etwas Praktisches machen oder sich für Dinge engagieren möchten, die ihnen am Herzen liegen. Andere wollen die Zeit sinnvoll überbrücken, bis sie ihr Wunschstudium aufnehmen können. Denn Freiwilligendienste werden als Wartesemester oder Vorpraktika anerkannt. Den meisten geht es aber wohl ähnlich wie Isabel. „Sie wissen schlicht noch nicht, wohin ihr beruflicher Weg sie führen soll“, sagt Anne-Katrin Frohnert von der Grünen Aktion Sachsen. Der Verein aus Freiberg ist einer der zehn FÖJ-Träger im Freistaat. Bis zu 50 Freiwillige vermittelt er jährlich an mehr als 55 Einsatzstellen, die in den Bereichen der Umweltbildung, im Naturschutz, im Wald, Forst oder der ökologischen Landwirtschaft arbeiten.

Mindestens 300 Euro Taschengeld

Das Einsatzfeld für Freiwilligendienstleistende ist riesig. Zu den zehn Trägern für das FÖJ kommen 43 Träger für das FSJ und den Freiwilligendienst aller Generationen hinzu. Insgesamt gibt es in Sachsen rund 2.500 Einsatzstellen, von der kleinen Kinder- und Jugendfarm in Weißig bis hin zu großen Anbietern wie dem Arbeiter-Samariter-Bund. Interessenten wenden sich am besten zunächst an die Fachstelle Freiwilligendienste Sachsen. Sie unterstützt im Auftrag des Sozialministeriums Träger und Freiwilligendienstleistende und bietet übersichtliche Informationen. Geleitet wird sie von Detlev Graupner. „Um die Suche nach einer geeigneten Einsatzstelle zu erleichtern, haben wir eine umfangreiche Datenbank erstellt, unseren Freiwilligenlotsen“, sagt er.

In der Regel starten die Freiwilligendienste zum ersten September und dauern ein Jahr. Es sind aber auch kürzere oder längere Einsatzzeiten möglich. Die Freiwilligen arbeiten Vollzeit, haben 24 Urlaubs- und 25 Weiterbildungstage und erhalten mindestens 300 Euro Taschengeld. Sie sind pflege-, renten-, unfall- und arbeitslosenversichert. Die Kosten der Krankenversicherung übernimmt der Träger.

„Es ist sinnvoll, sich schnell zu bewerben, spätestens bis zum Beginn der Sommerferien“, sagt Anne-Katrin Frohnert. Denn manche Bewerbungsfristen sind schon abgelaufen. Und: „Die Nachfrage nach dem FÖJ ist relativ hoch, viele Plätze sind schon vergeben. Auch beim FSJ verzeichnen wir in diesem Jahr mehr Bewerber“, sagt Detlev Graupner. Er begründet das mit der Pandemie. Viele Schulabgänger seien unsicher, ob sie ihre gewünschte Ausbildung überhaupt machen können. Andere schwenken von ihren ursprünglichen Auslandsplänen um. Zu wackelig stehen die Chancen, dass der Aufenthalt als Au-pair oder zum Work & Travel im Traumland stattfinden darf. Auch wer vorhatte, erst einmal Geld zu verdienen, kann trotz erster Öffnungen nicht sicher davon ausgehen, dass es mit dem Aushilfsjob in der Gastronomie, im Handel oder im Hotelgewerbe klappt.

FÖJler liebevoll „Ökis“ genannt

Auch Isabel hat die Pandemie einen Strich durchs FÖJ gemacht. Zwar mussten die Tiere jeden Tag versorgt werden, es blieb Zeit für Bauprojekte und das Gestalten der Facebook- und Instagram-Auftritte ihrer Einsatzstelle. Aber die Kinder durften maximal über den Zaun schauen oder in Einzelbetreuung mit den Tieren spazieren gehen. „Wir sind ein Projekt der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Dass unsere Arbeit durch den Lockdown so eingeschränkt wurde, war gerade in dieser Zeit besonders bitter“, sagt Teamleiterin Anne Dittrich.

Isabel musste auch auf die Seminarwochen mit analogen Kontakten zu anderen FÖJlern verzichten. Onlineseminare haben den Wissensinput zwar kompensiert, gesellige Runden am Lagerfeuer aber nicht ersetzen können. „Das Corona-Jahr war für viele Freiwilligendienstleistende schwierig“, weiß Graupner. FSJler im Gesundheits- und Pflegebereich machten oft Überstunden und waren durch die vielen Kranken und Sterbenden psychisch stärker belastet. Freiwillige im Kulturbereich wurden mitunter ins Homeoffice geschickt.

Anne Dittrich nennt ihre FÖJler liebevoll „Ökis“. „Es ist einfach schön, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich ein Jahr lang auszuprobieren. Und für uns sind sie ganz klar eine Arbeitserleichterung“, sagt sie. Während des Freiwilligendienstes kristallisiert sich oft der Berufswunsch heraus. Manche von Dittrichs ehemaligen Ökis studieren jetzt Umwelttechnik, Tiermedizin oder arbeiten im Garten- und Landschaftsbau. Auch Isabel weiß nun, was sie nach dem Ende des FÖJ machen möchte. Sie hat sich um einen Studienplatz für Soziale Arbeit beworben. „Ich bin selbstständiger und selbstbewusster geworden. Mit den Kindern zu arbeiten, liegt mir einfach. Das habe ich hier gelernt.“

Die Fachstelle Freiwilligendienste und den Freiwilligenlotsen finden Sie unter: www.engagiert-dabei.de


Freiwilligendienste im Überblick

  • Das Freiwillige Soziale Jahr bietet einen Einblick in soziale und pflegerische Berufe. Daneben gibt es in Sachsen das FSJ Kultur, das FSJ Denkmalpflege, das FSJ Sport, das FSJ Politik und das FSJ Pädagogik. Die meisten FSJler in Sachsen gehen ins Gesundheitswesen, in Kitas oder in die Altenhilfe. Maximalalter: 27 Jahre.
  • Wer sich fürs Freiwillige Ökologische Jahr entscheidet, arbeitet im Bereich des Natur- und Umweltschutzes zum Beispiel in der ökologischen Landwirtschaft, in Nationalparks, Tierschutzreservaten, Naturschutzzentren, ökologischen Bildungsstätten und Umweltämtern. Maximalalter: 27 Jahre.
  • Der Freiwilligendienst aller Generationen (FdaG) richtet sich an Menschen in persönlichen oder beruflichen Übergangssituationen wie Arbeitslosigkeit oder das Ende des Berufslebens. Mindestalter: 18 Jahre. Typische Einsatzstellen sind Kitas, Familienzentren und Begegnungsstätten. Die Einsatzzeit beträgt pro Woche zwischen acht und 20 Stunden.
  • Beim Bundesfreiwilligendienst (BFD) können sich alle Generationen für das Allgemeinwohl engagieren, neben dem sozialen, ökologischen und kulturellen Bereich auch im Bereich Sport, der Integration sowie im Zivil- und Katastrophenschutz.
  • Den Freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz „Dein Jahr für Deutschland“ gibt es erst seit diesem Jahr. Freiwillige erhalten eine siebenmonatige soldatische Grundausbildung und stehen dann als Reservist der Territorialen Reserve in einem Zeitraum von sechs Jahren zur Verfügung.

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