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Gossenboss: Ich liebe alle Dialekte!

Gossenboss mit Zett ist eine von Sachsens Speerspitzen in Sachen Hip-Hop. Er rappt über fehlende Kita-Plätze und wünscht sich einen schärferen Corona-Lockdown.

Rapper Gossenboss mit Zett hat auch die Probleme junger Eltern mit im Blick.
Rapper Gossenboss mit Zett hat auch die Probleme junger Eltern mit im Blick. © Danny Kötter

Uneingeweihte denken bei dem Namen Gossenboss mit Zett in eine völlig falsche Richtung. Der 34-jährige Rapper, in Dresden geboren und aufgewachsen, lebt mittlerweile seit sechs Jahren in Leipzig und mixt in den Texten seines neuen Albums Witz mit geistreichen Analysen. Als freischaffender Musiker, der seinen bürgerlichen Namen konsequent für sich behält, macht er gerade wie fast alle Kollegen eine schwere Zeit durch. Dennoch verbreitet er beim Interview sowohl gute Laune als auch einen Hauch Hoffnung.

Gossenboss hat etwas Gangster-Attitüde, die man in Ihren Songs gar nicht findet. Wofür steht der Name?

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Der Name war vor über zehn Jahren mal eine Schnapsidee und hat sich im Laufe der Zeit verselbstständigt. Es gibt da keinen doppelten Boden oder tieferen Sinn.

Und wie viel Dresden oder Sachsen steckt in Ihrer Musik, Ihren Texten?

Dresden wird schon hier und da mal erwähnt und spielt natürlich eine wichtige Rolle für mich. Ich möchte aber auch nicht auf irgendwelche geografischen Herkünfte reduziert werden und natürlich auch über die Stadtgrenzen hinaus wahrgenommen werden.

Lediglich im Song „Combo“ gibt es zu Beginn ein paar Worte auf Sächsisch. Schämen Sie sich für den Dialekt?

Nee, im Gegenteil, ich liebe alle Dialekte! Mich fasziniert daran, wie die verschiedenen Sprachen über die Dialekte fließend ineinander übergehen. Bei Aufnahmen für Songs versuche ich aber schon, relativ neutral zu klingen, und rede abgesehen davon auch im Alltag nicht so krasses Sächsisch.

Wo steht Dresdner oder sächsischer Rap im bundesweiten Vergleich?

Der ist nicht unbedingt Tabellenführer, würde ich mal sagen. Aber es ist auch nicht so, als würde hier nix passieren.

Wie kommen Sie im Lockdown über die Runden?

Mit Musik alleine ist das leider nicht zu schaffen, da ja sämtliche Auftrittsmöglichkeiten weggebrochen sind. Konzerte und Clubshows waren vor der Pandemie meine Haupteinnahmequelle, und dementsprechend existenzbedrohend ist das Ganze für mich jetzt. Die komplette Kunst- und Kulturbranche ist davon betroffen, und es gibt nach wie vor viel zu wenig Hilfen für Freiberufler und Soloselbstständige.

Wirft Sie diese Zwangspause zurück oder nehmen Sie alles noch mit Gelassenheit?

Natürlich wirft es mich zurück, wenn ich ein Album produziere, Zeit und Geld investiere, mit dem Ziel, dann damit auf Tour gehen zu können. Und dann kommt eine Pandemie und nix geht mehr. Diese Doppelmoral, dass ich während derselben Pandemie aber beispielsweise in einem Produktionsbetrieb arbeiten gehen kann, wo es auf jeden Fall auch ein Ansteckungsrisiko gibt und entsprechende Hygienekonzepte nicht mal staatlich kontrolliert werden, finde ich allerdings zum Kotzen. Ich bin Befürworter der Zero-Covid-Strategie, also dafür, alle direkten Kontakte auf ein absolutes Minimum zu beschränken, alle Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen, Schulen zu schließen, bis wir halt null Prozent Neuinfektionen haben. Ich meine, alle privaten Einschränkungen bringen doch nichts, wenn man am Montag wieder im Großraumbüro sitzt. Diese Strategie ist für mich nicht nachvollziehbar und gefährdet jeden Tag weitere Menschenleben zugunsten von Profiten.

Während viele Kollegen in ihren Reimen auf dicke Hose machen, stapeln Sie eher tief. Warum?

Ich möchte eben nicht der nächste Rapper sein, der von Autos, Geld, Drogen und Waffenbesitz erzählt. Ich habe viel alltäglichere Probleme – und das sind meine Themen.

Frühere Nummern waren schon mal albern, jetzt überwiegen bei Ihnen ernstzunehmende Botschaften. Liegt das am Alter?

Ich fand mich früher auch ernstzunehmend, kommt immer auf die Perspektive an. Ich denke, im Vergleich zu anderen Leuten in meinem Alter macht mich aber nicht unbedingt meine starre Ernsthaftigkeit aus und dementsprechend höre ich die ehrlich gesagt auch nicht in meiner Musik. Mir ist es wichtig, auch wenn es mal ernst wird, keine Agenda vorzutragen, sondern trotzdem noch normal zu kommunizieren.

Warum scheint jedoch der hiesige Hip-Hop-Markt seit Jahren förmlich nach platten Reimen zu schreien?

Diese Frage könnte man auch gesamtgesellschaftlich und nicht nur auf Hip-Hop bezogen stellen. Warum wählen Menschen freiwillig AfD oder Trump?

Ärgert es Sie da, dass Genre-Kollegen mit ihren wenig geistreichen Raps viel erfolgreicher sind als Sie?

Wenn man Erfolg daran bemisst, wie viele Platten man verkauft, ist diese Aussage korrekt. Aber diese Kollegen müssen sich dann von dem vielen Geld ja auch viel teurere Kleidung und viel mehr Sportwagen kaufen, als ich es tu. Von daher ist alles ganz okay so, wie es ist.

Sind Streamingdienste und Online-Präsenzen in Ihren Augen wichtige Mittel für Künstler? Oder wäre Ihnen eine etwas analogere Welt lieber?

Für mich als Nischenkünstler, der in seiner eigenen kleinen Blase existiert, sind soziale Medien schon wichtig. Ich kann darüber auf direktestem Weg mit meiner Zuhörerschaft kommunizieren. Man muss halt wissen, wo man seine Zielgruppe erreicht und welches Format da am besten zu einem passt, dann bringt das schon was. Wertvoller ist es aber immer, die Leute über ein Konzert oder die Musik an sich abzuholen, also analog.

Ist es schädlich fürs Geschäft, sich eindeutig links zu positionieren? Wollen Sie deshalb „die Bullen“ rufen, wie es in einem Ihrer Songs heißt, wenn Sie noch jemand „Zecken-Rapper“ nennt?

Ich möchte mich dahingehend nicht labeln lassen. Zecken-Rap ist innerhalb der Szene so eine Schublade, die gern aufgemacht wird, sobald es nicht gewaltverherrlichend oder frauenverachtend ist oder sonst irgendwie dem gängigen zurückgebliebenen Rollenbild des Deutsch-Rappers entspricht. Also nix gegen Zecken-Rap; ich finde da ja auch statt, aber ich bin nicht der Rapper mit der politischen Agenda, der sonst keinerlei persönliche Eigenschaften oder Themen hat. Das überlasse ich sehr gerne anderen. Die Bullen würde ich deswegen natürlich nicht rufen, aber in der Übertreibung liegt die Anschaulichkeit oder so ähnlich.

Sich als Betroffener über Kita-Platz-Mangel zu beklagen, dürfte allerdings singulär im Deutsch-Rap sein. Warum werden derartig „normale“ Themen sonst kaum abgehandelt?

Ich kenne keine Musikrichtung, in der solche Themen behandelt werden, und wenn, dann ist noch am ehesten im Deutsch-Rap Platz für Gesellschaftskritik. Jedenfalls mehr als in der Schlager- oder Popmusik. Passiert natürlich trotzdem recht selten. Und Capital Bra, Bushido und Co., die ja als Väter auch vom Kita-Platz-Mangel betroffen sein dürften, haben wahrscheinlich das nötige Kleingeld, um so etwas problemlos für sich geregelt zu kriegen und somit nicht thematisieren zu müssen.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Sie gerne alte Platten von Queen und Supertramp hören, die letzte Nummer auf Ihrem neuen Album ist nun Punkrock pur. Würden Sie gerne mal völlig andere Musik machen?

Ich bin da völlig offen. Eine Punkband kann ich mir sehr gut vorstellen, aber auch Kinderlieder haben ihren Reiz.

Hören Sie am Ende gar manchmal heimlich Klassik?

Ich sehe keinen Grund, warum ich das verheimlichen sollte.

Und noch eine Gewissensfrage, die sich aus früheren Statements ergibt: Wann sind Sie zuletzt in der Bahn schwarzgefahren?

Das klingt jetzt, als würde ich das immer erfinden, aber so ist es nicht. Tatsächlich erst heute Morgen.

Das Interview führte Andy Dallmann.

Das Album: Gossenboss mit Zett, No Future. 100 Prozent O.K./Recordjet

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