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Gundermanns Band hat keine Angst vor Schlager

Die Seilschaft veröffentlicht ihr erstes Album ohne den Ex-Frontmann, wird ihn aber nicht ganz los.

Er machte Die Seilschaft einst populär: Gerhard Gundermann beim Konzert mit seiner Band im Dezember 1995 im Dresdner Bärenzwinger.
Er machte Die Seilschaft einst populär: Gerhard Gundermann beim Konzert mit seiner Band im Dezember 1995 im Dresdner Bärenzwinger. © Robert Michael

Ob Gerhard Gundermann auch in den ZDF-„Fernsehgarten“ gegangen wäre? Gut möglich, dass der Kult-Liedermacher aus der Lausitz allein beim Gedanken daran schon vor Lachen über den Fußboden gerollt wäre, genauso aber, dass er die Einladung als Chance gesehen und zackig ergriffen hätte. Seine Band Die Seilschaft entschied sich für Letzteres. Sie trat am vergangenen Sonntag in der bislang eher weniger für ihren hohen künstlerischen Anspruch bekannten Sonntagvormittags-Show auf. Wesentlicher Grund dafür: Die Seilschaft hat ein neues Album, dass es zu promoten gilt.

Die Seilschaft um Sänger Christian Haase (r.) im Jahr 2021.
Die Seilschaft um Sänger Christian Haase (r.) im Jahr 2021. © PR

Eigentlich ist es nicht einfach nur ein neues, sondern vielmehr eine Art Debütalbum. Denn bei den bislang veröffentlichten drei Studioplatten dieser Band war sie eindeutig die Begleitcombo des singenden Baggerfahrers, stand als Mannschaft hinter dem Star. Der starb 1998, bekam jedoch im Sommer 2018 durch Andreas Dresens Film „Gundermann“ einen postumen Popularitätsschub. Der Seilschaft, der 1992 in Berlin gegründete Band des Wahl-Hoyerswerdaers, gab der Erfolg des Films ebenfalls einen Kreativkick. Obwohl die Truppe in den vielen Jahren ohne Gundermann schon regelmäßig an neuen Songs gewerkelt, live hingegen bevorzugt altes Material vom Ex-Chef präsentiert hatte.

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Der auf sehr selten gewordene Art authentische Barde, der sowohl Stasi-Zuträger als auch Stasi-Opfer war, gesellschaftliche Verwerfungen exakt und dennoch poetisch sezieren konnte, hatte als Liedermacher seine eigene Schublade und kaum ernstzunehmende Konkurrenz.

Keyboarder Michael Nass, der seit 1999 auch diverse Tasteninstrumente für die Kölner Band BAP bedient, gesteht daher: „Wir hatten einfach sehr viel Respekt. Die Messlatte und damit auch die Erwartungen lagen schon hoch.“ Die Songs Gundermanns seien nicht unbegründet bis heute ein fester Bestandteil der Gegenwartskultur und würden in Theatern oder in Kino- wie Dokumentarfilmen erklingen. „Deshalb haben wir uns da langsam rangetastet, uns Zeit gelassen fürs Schreiben, auch, um uns dabei selbst zu finden.“


Die Seilschaft bei einem Live-Auftritt.
Die Seilschaft bei einem Live-Auftritt. © Lutz Müller Bohlen

Ein Ziel der Arbeit am Album „Dein Paket“ war definitiv, sich aus dem Schatten Gundermanns zumindest etwas rauszustrampeln. Objektiv bekam die Band um den in Leipzig geborenen Sänger Christian Haase das ganz gut hin. Die 13 Songs setzen auf deutsche Texte weit oberhalb des durchschnittlichen Pop-Dudel-Niveaus zu einem Mix aus Gitarren-Balladen, Folk und Rock mit Klangeinflüssen aus aller Welt. Mal haken sich Worte fest, mal eine Melodie. Die Platte taugt sowohl zum angenehm abwechslungsreichen Hintergrundsoundtrack für verschiedenste Beschäftigungen wie zum konzentrierten Anhören.

Parallelen, aber keine Kopie

Haase ist kein Kopist, sondern ein eigenständiger Interpret seiner Verse, die er größtenteils selbst vertonte. Wie Gundermann heute klänge, weiß kein Mensch. Vielleicht würde er Techno machen oder ausschließlich Kinderlieder schreiben. So nah verwandt die neuen Songs der Seilschaft mit seinem Werk sind, sie haben mit Gundermann rein gar nichts zu tun. Dennoch beeilen sich Kritiker, Parallelen zu konstruieren. Im „Fernsehgarten“ erzählte Moderatorin Andrea Kiewel gar vorm seltsam statisch anmutenden Playback-Auftritt der Seilschaft, sie sei Gundermanns Band gewesen. „Nein, sie ist seine Band.“ Und diese würde nun versuchen, „in seinem Sinne die Musik fortzusetzen“.

Empfindliche Künstler könnten auf derlei Behauptungen beleidigt reagieren. Nicht so der amtierende Frontmann Christian Haase. Ihm macht die zumindest temporäre Schlager-Nachbarschaft in der Sendung keine Angst. Im Gegenteil. Auf seiner Website postete er: „Während sich die Medienlandschaft an sich einmal mehr als recht engstirnig erweist, öffnet sich das Genre Schlager hingegen immer mehr und weiter anderen Musikstilen. Das ist meiner Meinung nach eine gute Entwicklung hin zu einem wieder abwechslungsreichen Musikprogramm in einer Sendung.“ Er freue sich über die Einladung, dort einen folkigen Song zu performen und „somit neuen Leuten den Zugang zum gesamten Repertoire der Seilschaft und natürlich auch zu meinen Solo-Platten zu ermöglichen“.

Bald live in Dresden

Der Band und dem Album ist dieser Effekt durchaus zu wünschen, besser bewerben lässt sich beides sicherlich mit wirklichen Live-Auftritten vor Publikum, das nicht bei jedem Künstler und jedem Song im gleichen Rhythmus mitklatscht. Eine gute Nachricht noch für Lokalpatrioten, denn ein bisschen Dresden sollte ja immer und überall dabei sein. Anne de Wolf, 1971 in der sächsischen Landeshauptstadt geboren und aufgewachsen, war als Geigerin einst vor allem mit Rosenstolz unterwegs, arbeitet nun bei BAP und steuerte für dieses Album Violinen-, Bratschen- und Cello-Passagen bei. Möglicherweise ist sie auch dabei, wenn Die Seilschaft im August in Dresden spielt.

Das Album: Die Seilschaft, Dein Paket. hTMV/Buschfunk

Das Konzert: Die Seilschaft spielt am 15. August ab 18 Uhr bei den Dresdner Filmnächten am Elbufer, im Anschluss läuft dort zudem Andreas Dresens Film „Gundermann“.

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