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Hilfe, die späten Mücken kommen!

Doreen Werner weiß, wie lange sie stechen, warum das zu schweren Infektionen führen kann – und dass am sächsischen Schimpfwort „Du Kriepel“ was dran ist.

Geht Doreen Werner auf Mückenjagd, wie hier in einem Auwald in Brandenburg, ist der Kescher ihr wichtigstes Utensil.
Geht Doreen Werner auf Mückenjagd, wie hier in einem Auwald in Brandenburg, ist der Kescher ihr wichtigstes Utensil. © Patrick Pleul/dpa

Hört das denn nie auf? Ein lauer Spätsommerabend mit Freunden im Biergarten an der Elbe, plötzlich zwickt und krabbelt es an Fußgelenken und zwischen den Fingerknöcheln. Winzige fliegenartige Insekten entwischen in die Dämmerung, während die Stichstellen allmählich zu veritablen Beulen anschwellen. Sie jucken noch Tage später. Kaum zu glauben, dass so etwas Kleines derart fies sein kann.

„Das könnten verspätete Kriebelmücken gewesen sein, obwohl Ferndiagnosen natürlich immer schwierig sind“, mutmaßt Dr. Doreen Werner über die Freisprechanlage ihres Autos. Die Biologin und Mückenforscherin kommt gerade von einem Einsatz bei Braunschweig. Deutschlandweit ist sie unterwegs, um Mücken einzufangen, zu bestimmen und ihre Brutherde zu eliminieren. Am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, an dem sie arbeitet, ist sie sowas wie ein Medienstar. Ständig gibt es Anfragen von Fernsehen, Rundfunk, Zeitungen. „Eigentlich ist es für Kriebelmücken schon zu spät. Sie produzieren in der Regel zwei Generationen: im Mai und im August. Vielleicht haben sie sich durch die warmen Tage verspätet“, sagt Werner. Also bleibt der Stich eine Ausnahme? „Nein, zumindest nicht von Stechmücken. Sie sind aktiv, bis die Nachttemperaturen es nicht mehr zulassen und gegen null Grad gehen. Also bis Ende Oktober, Anfang November.“ Super Aussichten.

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Von den 28 Mückenfamilien in Deutschland treten gerade einmal drei flächendeckend als Blutsauger auf. Das sind die Stechmücken, die Gnitzen und die Kriebelmücken. Die drei Familien unterteilen sich noch einmal in insgesamt 400 Arten. Doreen Werner kennt sie alle. Kriebelmücken sind nur zwei bis drei Millimeter klein, schwarz, pummelig. Sie erinnern eher an Fliegen, im Englischen heißen sie daher Blackflies. Genau wie die Gnitzen stechen sie nicht. Als Poolsauger beißen sie ein Stück aus der oberflächlichen Hautschicht heraus, bis sich eine winzige Blutlache bildet. Daraus lecken sie etwa zwei Minuten lang Blut, bis sie satt sind.

Die Mundwerkzeuge der Insekten sind mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen. Der Pool, auch wenn es martialisch klingt, wäre nicht schlimm, würden sie beim Beißen und Lecken nicht einen Proteincocktail aus Blutgerinnern und Vorverdauern abgeben. „Dieses Gemisch verlangsamt die Blutgerinnung und lähmt die Nerven, damit die Mücke genug Zeit hat, um das Blut aufzunehmen“, so Werner. Das Immunsystem reagiert: Die Stelle rötet sich, schwillt an, juckt. Speziell nach dem Biss der Kriebelmücke können sich Quaddeln bilden.

Kriebelmücke: Der Poolsauger krabbelt normalerweise in das Fell von Weidetieren. Will er Menschenblut, kriecht er in Hosenbeine und Ärmel.
Kriebelmücke: Der Poolsauger krabbelt normalerweise in das Fell von Weidetieren. Will er Menschenblut, kriecht er in Hosenbeine und Ärmel. © dpa

Im Westsächsischen bezeichnet das Wort „Kriepel“ einen Plagegeist oder Nervendieb, egal, ob Gegenstand, Tier oder Mensch. Dass es da einen Zusammenhang zur Mücke geben muss, weist niemand mehr von der Hand, dessen Bissbeulen spannen und brennen. „Bloß nicht kratzen“, sagt Dr. Dennis Paquet, Infektiologe an der Klinik für Tropenmedizin am Klinikum St. Georg in Leipzig. Sonst gelangen Bakterien in die Haut, die eine Bandbreite von Reaktionen auslösen können. Sie reichen von „kaum spürbar“, über Ödeme, Vereiterungen bis hin zu schweren bakteriellen Infektionen des weichen Hautgewebes. „Wir hatten Patienten, bei denen sich die Bakterieninfektion über den ganzen Körper ausgebreitet hat, inklusive Blutstrominfektion und Multiorganversagen“, sagt Paquet. Welche Mücke das ausgelöst hatte, war nicht mehr nachzuvollziehen.

Nicht kratzen – der Begriff ist weiter, als man annehmen würde. „Mit dem Handballen drüberstreichen, ein Kreuz in den Mückenstich machen, Spucke zum Kühlen drauf“, zählt Doreen Werner dazu. Was dann? „Aushalten“, sagt sie. Paquet rät, die Stichstellen sauber zu halten, zu kühlen, wenn nichts hilft, juckreizstillende Salben oder Tabletten zu verwenden. „In der Regel muss man sich einfach disziplinieren, damit man die Finger davon lässt“, sagt er.

Bei aller Disziplin: Warum schwellen manche Stiche stark an, andere dagegen nicht? Hat die Mücke vorher etwas Schädliches aufgenommen? „Was wir sofort merken, ist die Reaktion des Immunsystems auf die Substanzen im Speichel. Alle Erreger, egal ob Bakterien, Viren oder Parasiten, brauchen eine Weile, um sich im Gewebe auszubreiten“, erklärt der Infektiologe. Ein Fall für den Arzt wird die Reaktion auf den Stich, wenn „die Schwellung zu einer zunehmenden Funktionseinschränkung des betroffenen Körperteils führt.“ Wenn die Hand so anschwillt, dass man sie nicht mehr richtig einsetzen kann. Oder wenn ein aufgekratzter Mückenstich eitert. Ein Warnsignal sei Fieber.

Asiatische Tigermücke: Die etwa 0,9 Zentimeter große Mücke ist ein schlechter Flieger, meidet Wind und hält sich bodennah auf. Sticht mit Vorliebe Menschen.
Asiatische Tigermücke: Die etwa 0,9 Zentimeter große Mücke ist ein schlechter Flieger, meidet Wind und hält sich bodennah auf. Sticht mit Vorliebe Menschen. © ZALF

Fieber hat Doreen Werner auch einmal bekommen. Nach 200 Mückenstichen an Armen und Beinen – an einem Tag. Es hält sie nicht davon ab, die Tiere faszinierend zu finden. „Es gibt Stechmückenlarven, die Pflanzenstängel unter Wasser anbohren, um darüber zu atmen. Manche Gnitzen nehmen das Gift von Käfern auf und werden dadurch ungenießbar. Fast alle Kriebelmückenlarven erzeugen Spinnfäden wie Seidenraupen“, sagt sie. Unmöglich, sich für eine Lieblingsmücke zu entscheiden. Ist sie auf Mückenpirsch im Moor, an Gewässern oder im Wald, wäscht sie sich vorher mit Kernseife. Das sei das Einzige, was die Tiere eine Weile abhalte. Mücken werden vor allem vom Kohlendioxid unserer Ausatemluft angelockt. Auch von Schweiß. Licht ist ihnen egal. Sie werden nicht durch das geöffnete Schlafzimmerfenster fliegen, weil eine Lampe brennt. „Eher, weil darin geatmet wird oder die Bettwäsche nach Schweiß riecht“, sagt die Insektenforscherin. Für Kriebelmücken würde selbst dieser Reiz nicht ausreichen. Sie mögen keine geschlossenen Räume. In Deutschland haben sie nur ein einziges Schadgebiet. An der Oder in Brandenburg treten sie bei für sie günstigen Bedingungen in solchen Massen auf, dass Kindergartenkinder tagelang drinnen bleiben müssen.

Weltweit übertragen Mücken viele potenziell tödliche Erreger. Malaria, Gelbfieber, West-Nil-Fieber. Letzteres wird ausgelöst durch das West-Nil-Virus, das es seit 2019 auch in Deutschland gibt. Asiatische Tigermücke und Asiatische Buschmücke können es übertragen. Symptome sind grippale Beschwerden wie Muskel- und Gliederschmerzen, Fieber, Hautausschlag und Hirnhautentzündung, die zum Tod führen kann. 22 Fälle sind in ganz Deutschland 2020 erfasst worden. „Das ist noch sehr selten, aber es ist zu erwarten, dass das West-Nil-Fieber in den nächsten Jahren zunehmen wird“, sagt Infektiologe Paquet.

Doreen Werner bekommt viel Post. Im Sommer sind das 60 bis 80 Einsendungen, mit schockgefrosteten, in Gläschen oder Schächtelchen verpackten Mücken. Zugeschickt von Menschen, die den Mückenatlas für Deutschland mitgestalten wollen. Werner und ihr Team bitten dafür nicht nur um exotische Exemplare, sondern tatsächlich um jedes Einzelne. „Das sagt uns, wo welche Stechmücke aktiv ist, und ist ganz wichtig für unsere Forschung.“ Auch unter den heimischen Mücken gebe es Arten, die potenziell dafür geeignet seien, exotische Erreger zu übertragen. Ist zum Beispiel eine Asiatische Tigermücke unter den Einsendungen, reist sie an, sondiert in einem Radius von 200 Metern rings um die Fundstelle die Umgebung und vernichtet jegliche Wasseransammlung. „Wir bekommen nur die Spitze des Eisberges zur Kenntnis“, ist Werner sicher.

Asiatische Buschmücke: Der Japanische Buschmoskito brütet gern in alten Autoreifen und überträgt Erreger verschiedener Enzephalitis-Arten.
Asiatische Buschmücke: Der Japanische Buschmoskito brütet gern in alten Autoreifen und überträgt Erreger verschiedener Enzephalitis-Arten. © ZALF

Die Asiatische Buschmücke hat sie für Sachsen bereits auf dem Radar und nachgewiesen. Die Blutsauger brüten in kleinsten Wasseransammlungen. Schon altes Gießwasser im Blumentopfuntersetzer reicht aus. „Die bekommen wir nicht mehr weg“, sagt Werner. „Die eigentlich exotischen Arten, die tropische Erreger wie Zika-, Chikungunya- oder Dengue-Viren übertragen können, sind nicht mehr auszurotten und breiten sich über das Bundesgebiet aus.“

Tatsächlich saugen nur die weiblichen Mücken, und auch nur dann, wenn sie Eier ausbilden. Sonst sind sie Vegetarier, fressen Nektar und Pollen, genau wie die Männchen. Sie begegnen sich nur einmal nach dem Schlupf zur Paarung. Das Weibchen speichert die Spermien in zwei winzigen Täschchen und bedient sich bei Bedarf. Den hat sie fünf- bis sechsmal im Jahr.

Angesichts dessen lässt die Frage, wie effektiv es ist, im Herbst alle Mücken im Haus vernichten zu wollen, Doreen Werner ins Mikro kichern. „Das können Sie ja gern machen, aber lassen Sie uns mal rechnen“, sagt sie. Angenommen, die Mückenjagd ist erfolgreich und nur ein Weibchen überwintert versteckt hinter einem Schrank: Es wird im Frühjahr etwa 300 Eier legen. Schlüpfen nach etwa drei Wochen aus der Hälfte Mückenmännchen, bleiben 150 Damen, die jede wieder 300 Eier legen werden, von denen wieder ungefähr die Hälfte weiblich sein werden. Die Mutter respektive Oma tut das natürlich auch weiterhin, bis sie Uroma, Ururoma, Urururoma ist. Eine gigantische Mückenpyramide. „Viel Spaß beim Ausrechnen“, wünscht Werner.

Zum Glück gibt es Vögel, Amphibien, Reptilien, räuberisch lebende Insektenlarven und Fische. Ihnen allen dienen Mücken und ihre zum Teil in Fließgewässern lebenden Larven als Futter. „Sie sind ein wesentlicher Nahrungsfaktor“, sagt die Biologin. 4.000 Stück vertilgt allein eine Wasserfledermaus pro Nacht – fünf Gramm Mückenmasse, hat der Nabu berechnet.

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