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Hochwasser: Sachsen kehrt zur Normalität zurück

Auch einige sächsische Regionen, wie die Sächsische Schweiz, waren von Überflutungen betroffen. Jetzt geht es ans Aufräumen. Auch ein Minister ist vor Ort.

Krippen in der Sächsischen Schweiz wurde am Wochenende von den Wassermassen überrascht.
Krippen in der Sächsischen Schweiz wurde am Wochenende von den Wassermassen überrascht. © Thomas Kretschel


Die Bierwerbung hängt noch etwas schief in der Luft. Ihr Pfosten steckt in einem Berg aus getrocknetem Schlamm. Ansonsten lässt sich die Grundmühle das Wasser nicht mehr anmerken. Gäste des Hotels trinken unter Sonnenschirmen Bier vom Fass, unterhalb von ihnen rauscht der Krippenbach vorbei. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt Hotel-Eigentümerin Annegret Besser. Immer wieder sagt sie es, vor allem am Telefon, versichert, dass die Sächsische Schweiz kein Krisengebiet geworden sei.

Am Samstag entwickelte sich der Zufluss der Elbe im Bad Schandauer Ortsteil Krippen zu einem Strom, der Gärten und Keller geflutet hat. Als Gäste der Hotelleiterin Marta Buscai gegen 17 Uhr sagen, wie hoch der Bach geklettert sei, betreut sie die Rezeption im Erdgeschoss, von der das Wasser kaum zu sehen ist. Sie eilt auf die Terrasse, als die Einfahrt schon fast nicht mehr befahrbar ist. „Es regnete immer weiter. Wir hatten volles Haus, einige Gäste sollten noch anreisen“, sagt Buscai. Sie organisiert Ersatzzimmer und warnt per Telefon Gäste, die gerade unterwegs sind.

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Hotelgäste helfen beim Flutkampf

Gäste helfen, Betonplatten vom Hof zu zerren, legen den Übergang zum Haus mit Handtüchern aus, leiten das Wasser mit Holzlatten in Richtung Bach zurück. „Die meisten Gäste waren sehr hilfsbereit. Einige Schaulustige stand nur daneben und sahen ihnen zu.“ Gegen 20 Uhr fliest das Wasser langsam ab. Bis 1 Uhr nachts baggert der Hoteldirektor Schlamm vom Hof, am nächsten Tag putzt das Team Möbel und Boden.

Sachsens Umweltminister Wolfram Günther informierte sich am Montag vor Ort über die Überflutungen vom Wochenende.
Sachsens Umweltminister Wolfram Günther informierte sich am Montag vor Ort über die Überflutungen vom Wochenende. © Thomas Kretschel

Am Montag erinnern an den Strom nur noch der sandfarbene Film auf den Straßen, das Geröll an den Seiten, ein Haus und eine Mühle in Krippen, die besonders gelitten haben. Das Wasser, das jetzt noch über die Straßen läuft, stammt aus Gartenschläuchen von Leuten, die Möbel, Steine, Gärten vom Schlamm befreien. Ein paar verwaschene Wolken hängen am blauen Himmel über Bad Schandau, Autos mit Kennzeichen von Dänemark und Belgien bis Jena sammeln sich am Elbufer, Eltern beraten am Parkautomat darüber, wie viele Stunden ihre Kinder beim Wandern wohl durchhalten werden. Ab und zu rauscht ein Lastwagen des Technischen Hilfswerks vorbei.

"Die Elbe ist brav geblieben"

Anders als in Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz hat das Wasser in Sachsen diesmal zwar einige Zerstörung, aber vergleichsweise wenig Tragik hinterlassen. „Es rufen Leute aus ganz Europa an, die glauben, man könnte nicht mal mehr nach Bad Schandau einreisen“, sagt Hoteldirektorin Annegret Besser und schüttelt den Kopf. „Man kann vielleicht ein oder zwei Wanderwege nicht mehr nehmen und der Schlamm am Straßenwand sieht auf Fotos nicht so gut aus, aber im Grunde haben wir hier wieder Normalität. Panik wäre tödlich für uns. Gerade jetzt nach der Corona-Schließzeit können wir das nicht gebrauchen.“

Weiter unten im Ort inspizieren zwei Freundinnen den Schlamm, der in der Sonne trocknet. „Drei Mal hat uns die Elbe schon mit Hochwasser getroffen, zwei Mal davon richtig böse“, sagt die 73-jährige Ingrid. Diesmal sei die Elbe brav geblieben. „Ohne danach rufen zu können, haben wir ein Toi Toi Toi bekommen.“ Ihre Freundin Sieglinde hat während des Regens immer wieder aus dem Fenster gesehen, unsicher, wie nah das Wasser kommen wird. „Der Krippenbach ist ja eigentlich nur ein Bäche“, sagt die 83-Jährige. „Aber dafür kommt so ein Bach eben wahnsinnig schnell. Bei der Elbe hatte man immer mehr Zeit, zu reagieren.“

Günther in Wanderstiefeln

Auch Sachsens Umweltminister Wolfram Günther positioniert sich am Montag vor der Presse an einem Ort, der wohl Sachsens Widerstandsfähigkeit symbolisieren soll. Vor einer Wehranlage in Porschdorf, unweit von Krippen, die im Hintergrund ächzt und quietscht, wenn jemand ihre Tür bewegt.

Auf Gummistiefel verzichtete Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne).
Auf Gummistiefel verzichtete Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne). © Thomas Kretschel

Er trägt er nicht gleich Gummistiefel, wie Politiker in den Katastrophen-Bundesländern im Westen. Günther trägt Wanderstiefel zu seinem kartierten Hemd und der beigen Hose. Grüne Blätter wehen um seinen Kopf herum, ab und zu fährt ein Audi vorbei, aus dem jemand grölt. Einmal ein Radfahrer mit grauen Haaren. „Es hat funktioniert“, sagt der Grünen-Politiker immer wieder mit Blick auf Hochwasser-Steuerung, Staudämme, Sachsens Wassermanagement überhaupt. 3,6 Milliarden Euro seien seit Anfang der 2000er-Jahre in Sachsens Hochwasserschutz investiert, das Stauvermögen der Talsperren um ein Drittel erhöht worden.

Beziffern könne er die Schäden vom Wochenende noch nicht. Es wären sicherlich Millionen, seien doch Straßen, Schienen, Gebäude betroffen. Vergleichbar mit den Schäden im Westen sei nichts davon. Viele hilfreiche Maßnahmen zählt Günther auf, und räumt doch ein: Auch Sachsen könnte es wieder schlimmer treffen. Durch Braunkohletagebauten, die „Wasserregime zerstört“ hätten, und verdampfende Seen. Außerdem würden auch in Sachsen täglich vier bis fünf Hektar Fläche versiegelt.

"Wir kennen das hier ja"

In Nordrhein-Westfalen gehörten versiegelte Flächen zu den Treibern der Katastrophe. Auf null Hektar Versiegelung zu kommen, sei wünschenswert, sagt Günther. Vorgenommen habe man sich vorerst zwei. Mit „konsequenter Klimapolitik“ könne man das Problem „bei der Wurzel packen“. Doch auch dann, sagt Günther, könne es weiter Naturkatastrophen geben. Hochwasserschutz müsse die Politik, aber auch jede Einzelperson betreiben. Wetterlagen beobachten. In gefährdeten Gebieten Türen und Fenster abdichten. „Schlimme Erinnerungen“ würden die Bilder aus dem Westen gerade an Sachsens Hochwasserkatastrophen wecken.

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