merken
PLUS Feuilleton

„Ich bin der Richtige für die Landesbühnen“

Intendant Manuel Schöbel bereitet das Sommertheater von Rathen über Radebeul bis Moritzburg ab Ende Mai vor. Und legt als Chef noch mal nach.

Manuel Schöbel leitet seit 2011 die Landesbühnen Sachsen – und wird es bis Sommer 2027 tun.
Manuel Schöbel leitet seit 2011 die Landesbühnen Sachsen – und wird es bis Sommer 2027 tun. © Robert Michael

Manuel Schöbel kennt keinen Zwölf-Stunden-Arbeitstag. Seiner ist viel länger, denn er führt als Intendant nicht nur die Landesbühnen Sachsen. Er besucht Proben, inszeniert selbst oder stellt Stücke auf Corona-Bedingungen um. Ende Mai wird schließlich der Open-Air-Sommer seines Hauses starten. Zudem reist er zu Kollegen und Politikern, um neue Projekte vorzubereiten. Er begutachtet die Baustelle der Felsenbühne Rathen ... Und bittet trotzdem entspannt zum Interview, denn der 60-jährige Dresdner hat gerade seinen Vertrag um weitere fünf Jahre bis Juli 2027 verlängert. Ein Gespräch über ein heute sicheres Theater, inspirierende Grenzen und den alten Bertolt Brecht als stetigen Reiz.

Herr Schöbel, angesichts aktueller Theater-Einspar-Gutachten im Land – wie sicher sind die Landesbühnen?
Wir sind stärker in der Kulturlandschaft verankert als je zuvor. Das gelang seit der GmbH-Bildung der Landesbühnen 2011 durch die künstlerische Arbeit, die in weitem Bereich hoch anerkannt ist. Das gelang aber auch durch Kooperationen mit langjährigen Partnern wie dem Theater in Bad Elster und der Elbland Philharmonie Sachsen oder neuen Partnern etwa in Mittelsachsen und der Lausitz. So ist etwa die Musiktheater-Planung tatsächlich stark davon inspiriert, was das Publikum in Bad Elster nachfragt. Manchmal ist das eine Herausforderung, dass man über den Spielplan nicht nur im engeren Zirkel berät, sondern den Zuschauer ganz stark mitdenkend. Und ich bin dafür der Richtige. Es macht mir geradezu Spaß, mich in diesen Spagat zu begeben. So haben wir eine anregende Funktion in der sächsischen Kulturlandschaft und zugleich eine stabilisierende.

Küchen-Profi-Center Hülsbusch
Nichts anbrennen lassen und ab nach Weinböhla!
Nichts anbrennen lassen und ab nach Weinböhla!

Schon Goethe wusste: Essen soll zuerst das Auge erfassen und dann den Magen. Das gelingt besonders gut in einer schicken neuen Küche. Jetzt zum Küchen-Profi-Center Hülsbusch und sich beraten lassen.

Die alte Konkurrenz der Kulturraumtheater und Ihres Hauses ist vorbei?
Ich denke, dass sich dieses Gegeneinander Schritt für Schritt in ein fruchtbares Miteinander verwandelt. Das gelingt, weil wir unverwechselbar sind. Und das sind wir, weil wir viele Koproduktionen machen. Auch mit Künstlern der freien Szene. Wir sind an kleineren Orten unterwegs, auch im Freien. Meine Leidenschaft ist ein Theater, das in Bewegung ist, das sich stets neu auf Verhältnisse einstellt. Dann ist es sicher, weil es gebraucht wird.

Das Stammhaus der Landesbühnen in Radebeul.
Das Stammhaus der Landesbühnen in Radebeul. © Arvid Müller

Ist die Finanzierung Ihrer Bühne perspektivisch ausreichend?
Die Landesbühnen mussten schon vor der Privatisierung 2011 einige schwere Einschnitte hinnehmen. Es wurde Personal in technischen und technisch-künstlerischen Bereichen abgebaut. Wir merken das heute noch. Wir haben uns bemüht und teils umstrukturiert, sodass wir sagen können: Es gibt aktuell keinen Anlass, sich zu beschweren. Im investiven Bereich gab es lange Versäumnisse. Das Werkstattgebäude war neu zu errichten. Unser Haupthaus musste mit einer neuen Klimaanlage ausgestattet werden. Jetzt sind wir dabei, die Felsenbühne, die überfällig war, zu modernisieren und zukunftsfähig zu machen. Das sind immer anstrengende Prozesse für alle. Da wir aber unsere Einnahmen stabilisieren und ab und zu durch Drittmittel wie derzeit bei zwei Projekten durch die Bundeskulturstiftung unseren Spielraum erweitern konnten, wirtschaften wir gut. Wir sind für ein Theater unserer Größenordnung solide ausgestattet.

Wie wird Corona zu Buche schlagen?
Das können wir noch nicht sagen, weil wir nicht wissen, wie lange wir unter den derzeitigen Einschränkungen arbeiten müssen. Wir sehen mit großer Hoffnung auf den Open-Air-Sommer mit den Bespielungen im Theaterzelt in Rathen, mit „Aschenbrödel“ vor Schloss Moritzburg oder „Winnetou“ im Lößnitzgrund. Damit haben wir gute Aussichten, aus dieser Krise herauszukommen. Eines meiner Haupthemen dabei ist die zwischendurch unterbrochene Zuschauerbindung. Für viele unserer Abonnenten in Radebeul und die ebenso treuen Zuschauer unserer Abstecherorte ist dieser Einschnitt, uns lange Zeit nicht erlebt zu haben, gravierend. Das wird spannend. Denn eines zeigt die Krise ganz klar: Digitale Auftritte helfen, aber eben nicht bei jenen älteren, treuen Zuschauern. Deshalb haben wir die Aktion Fanpost retour gestartet. Unsere Künstler schreiben Briefe an die Zuschauer mit der Hoffnung, dass diese antworten. Junge Leute versuchen wir unter anderem mit dem digitalen Angebot „[email protected]“ zu erreichen, das mit einem digitalen Spiel zu Kafkas „Schloss“ auf sechs unterschiedliche Gastspielorte zugeschnitten ist.

Kollegen von Ihnen verweigern sich dem Digitalen – für Sie keine Option?
Wir alten Theaterleute sind in einer tollen Situation des Lernens. Wir müssen nicht alles kopieren, was derzeit in der Kulturszene ausprobiert wird. Aber es bereichert unser Wissen für die Beziehung zum Zuschauer.

Die Felsenbühne Rathen wird saniert, daher dient das Zirkuszelt den Landesbühnen Sachsen jetzt als Interimsspielstätte.
Die Felsenbühne Rathen wird saniert, daher dient das Zirkuszelt den Landesbühnen Sachsen jetzt als Interimsspielstätte. © ronaldbonss.com

Nur, wird der theaterentwöhnte Zuschauer zurückkehren?
Es gibt beide Wahrheiten. Einerseits ist da ein Hunger nach Kunst, nach Begegnungen und Sinnlichkeit. Andererseits gewöhnt man sich vieles ab, wird genügsam. Ich freilich bin ein unverbesserlicher Optimist und glaube, wir können selbst die etwas bequem Gewordenen mit unserem Enthusiasmus anstecken.

Sie bespielen meist kleine Podien, Ihr Haus ist in den Mitteln wie der Technik arg begrenzt. Motiviert oder desillusioniert Sie das eher?
Da kann ich aphoristisch sagen, dass sich künstlerische Intentionen und Kreativität auch durch Grenzen entwickeln, in denen man arbeitet. Man muss diesen Rahmen akzeptieren, ihn verstehen, ihn ausmessen und dann Ideen gebären. Anders verhält es sich mit der Zeitdauer dieser Begrenztheit. Wenn man einsehen muss, dass man bestimmte Dinge nicht ändern kann und bestimmte Ziele schon längere Zeit nicht erreicht hat. Dann muss man abwägen. Seit Jahren versuche ich, so etwas Großartiges wie die Burgfestspiele von Meißen auch an einem anderen Ort zu etablieren – vergeblich. Dagegen ist allein die Chance, die Felsenbühne neu zu gestalten, sie traditionell zu erhalten und gleichzeitig neue Akzente setzen zu können, ein starker Moment. In diesem Zusammenhang habe ich mich sehr gefreut, vom Freistaat Sachsen eingeladen worden zu sein, als Intendant der Landesbühnen weiterzumachen.

Intendant Manuel Schöbel im leeren Saal der Landesbühnen in Radebeul.
Intendant Manuel Schöbel im leeren Saal der Landesbühnen in Radebeul. © Arvid Müller

Ihr Haus ist als Stadt- und Reisetheater so eine Art Eierlegendewollmilchsau auf Brettern. Wie schafft man das?
Ja, wir sind im Winter eher ein Stadttheater, allerdings ein Stadttheater in mehreren Städten. Die Dichte der Vorstellungen in Radebeul, Meißen und Bad Elster ist ziemlich groß und die Präsenz in anderen Häusern gut. Im Sommer prägt das Bedürfnis nach Freilicht-Veranstaltungen unser Angebot. Da werden wir noch viel stärker zu einer fliegenden Bühne, einer Wanderbühne, obwohl der Publikumsschwerpunkt natürlich in Rathen ist. Gleichzeitig wird die Anzahl der Vorstellungen in den schönen Schlössern und Burgen, vor allem den freistaatseigenen, immer größer. Wer an unserem Haus arbeitet, muss Vielseitigkeit mögen. Sie kann belastend sein und zugleich eine Chance für ungewöhnliche Projekte.

Einst bespielte Ihr Haus den Dresdner Zwinger – dürfen Sie nicht mehr?
Wir würden gern den Zwinger wieder bespielen, aber der Freistaat hat uns aufgefordert, den Dresdner Theatern keine Konkurrenz zu machen und woanders unsere Akzente zu setzen. Wir spielen in Sachsen. Aber Dresden gehört zu Sachsen, insofern sage ich: Wenn es ein Angebot gibt, bei dem wir unsere Unverwechselbarkeit einbringen können, warum nicht. Und da gehörten die Aufführungen unseres Balletts im Zwinger unbedingt dazu. Das war eine Hausmarke. Vielleicht gibt es erneut Versuche, einen Dresdner Theatersommer zu etablieren? Da würden wir gerne mitwirken. Ja, der Zwinger ist ein besonderer und auch mit Auflagen besonders zu schützender Ort. Dresden hat es verdient, dass dort etwas passiert. Einen Domtreppen-Effekt wie in Erfurt halte ich für möglich.

Sie sind ein fleißiger und erfolgreicher Stückschreiber, sind erfahrener Intendant und kreativer Regisseur. Welcher dieser drei Schöbels ist der Beste?
Schwierige Frage, weil eher die Menschen um einen herum schärfer und kritischer abwägen können, wo man am meisten zu leisten vermag. Angesichts meiner Theaterbiografie denke ich, dass das wechselt. Es gab unterschiedliche Phasen. Anfangs konnte ich als Autor die meiste Wirkung erzielen. Dann gab es Phasen, wo ich gut moderierte und leiten konnte. Es gab Zeiten sehr ergiebiger Inszenierungen. Stets habe ich mich dabei als Teil einer Mannschaft verstanden. Das ist mein Maßstab.

Weiterführende Artikel

Der kreative Kopf für das Bühnenbild

Der kreative Kopf für das Bühnenbild

Stefan Wiel stattete 18 Jahre lang Stücke der Landesbühnen Sachsen in Radebeul aus. Vor Beginn des Ruhestands zeigt er eine Auswahl seines Schaffens.

Meißen: Bangen um die Zuschauer

Meißen: Bangen um die Zuschauer

Genesene, Geimpfte und Getestete dürften ins Theater. Aber lohnt es sich? Und wie wirken sich die harten Bühnen-Regeln aus? Chefin Ann-Kristin Böhme hat einen Plan.

Gibt es für die nächsten Jahre Projekte, die Sie unbedingt machen wollen?
Ja, ich möchte unbedingt die Dramatik Bertolt Brechts weiter untersuchen, etwa auf die Spielbarkeit für diese Bühne. Ich möchte gerne schauen, was an dramatischen Erben da ist, also Autoren dieser Art des epischen, eingreifenden Theaters. Diese will ich fördern. Das Vergnügen des Denkens in den Mittelpunkt zu rücken, das nehme ich mir sehr gerne vor. Und da ist auch das Musiktheater unbedingt mit eingeschlossen. Schließlich hat das in den 20er-Jahren, als Brecht den Bühnen seine Impulse gegeben hatte, davon stark geschöpft. Stücke von Brecht/Weill wie „Mahagonny“ machen zu dürfen, das ist ein Riesenerlebnis.

Das Gespräch führte Bernd Klempnow.

Mehr zum Thema Feuilleton