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Im falschen Körper geboren

Liam Rogall kam als Mädchen auf die Welt. Doch der Dippoldiswalder ist transsexuell. Jahrelang litt er an Depressionen. Wie Liam schließlich zu sich selbst fand.

Liam S. Rogall aus Dippoldiswalde und seine Mutter Gabriele, die ihn unterstützt.
Liam S. Rogall aus Dippoldiswalde und seine Mutter Gabriele, die ihn unterstützt. © Matthias Rietschel

Fünf Jahre ist es her, Liam S. Rogall und seine Mutter Gabriele aus Dippoldiswalde erinnern sich noch genau an diesen Abend. Es war spät, der Vater lag bereits im Bett, als der damals 16-Jährige seine Mutter bat, mit ihm noch einen Film zu schauen. Liam, der zu diesem Zeitpunkt noch einen Mädchennamen und lange Haare trug, legte eine DVD ein: „Mein Sohn Helen“. Der Film erzählt die Geschichte eines Schülers, der sich fremd im eigenen Körper fühlt und ein Austauschjahr in den USA nutzt, um mit seiner Transition zu beginnen – und fortan als Frau leben möchte. Während des Films sprachen Liam und seine Mutter kaum ein Wort. Als der Abspann läuft, fragte sie ihn: Ist das bei dir auch so, nur andersherum? Bist du ein Junge? Er nickte. Gabriele Rogall nahm ihr Kind in den Arm. Sie redeten bis tief in die Nacht.

Lange hatte sich Liam auf diesen Moment vorbereitet, hatte im Internet Berichte gelesen, Videoclips geschaut, wie andere Jugendliche sich gegenüber ihren Eltern geoutet haben. Jugendliche wie er, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren können, mit dem sie zur Welt kamen. Transsexualität ist der medizinische Begriff dafür, die meisten Betroffenen bezeichnen sich jedoch als trans*. „Ich wusste nicht, wer ich bin. Manchmal saß ich tagelang auf meinem Bett und habe vor mich hingestarrt“, erzählt Liam heute. Der 21-Jährige mit den kurzen, schwarzen Haaren lächelt viel. Wirkt offen und selbstbewusst, so ganz anders als noch vor sechs, sieben Jahren. Er sei ein stilles Kind gewesen, oft in sich gekehrt, sagt seine Mutter Gabriele Rogall. Heute sei er ein ganz neuer Mensch.

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Niemand merkte, wie schlecht es ihm ging

Wie viele Transsexuelle es in Deutschland gibt, lässt sich nicht genau beziffern. Viele verheimlichen ihre wahre Identität. Dabei sind sie nicht allein. 29.700 Deutsche haben ihre Geschlechtszugehörigkeit seit Inkrafttreten des Transsexuellengesetzes 1981 amtlich ändern lassen. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Liam möchte das Tabu brechen, anderen Mut machen, aufklären – darum erzählt er seine Geschichte. Nur seinen früheren Mädchennamen möchte er nicht in der Zeitung lesen.

Was ist los mit mir? Diese Frage quälte Liam viele Jahre. Es habe Phasen gegeben, in denen er mit Make-up und Kleidern besonders mädchenhaft wirken wollte. Er dachte, wenn er sich nur genug Mühe gab, sich wie ein Mädchen zu verhalten, würde er sich auch irgendwann wie eines fühlen. Wie schlecht es ihm ging, bemerkte niemand. Er verliebte sich sowohl in Jungen als auch in Mädchen. Mit Beginn der Pubertät fühlte er sich zunehmend unwohl in seinem Körper. Im Inneren wusste er: Das bin nicht ich! Und irgendwann ging es einfach nicht mehr.

Es war in der zehnten Klasse. Wie ein Häufchen Elend habe Liam eines Morgens in der Küche gestanden, sagt die Mutter. Er habe geweint und sei zusammengebrochen. Die Eltern vermuteten Probleme mit den Mitschülern, doch das war es nicht. Die Kinderärztin schickte sie zu einer Psychotherapeutin. Liam ging es immer schlechter. Sechs Wochen vor dem Abschluss wollte er sogar die Schule hinschmeißen. Seine Eltern, die Therapeutin und die Kinderärztin konnten ihn davon abbringen. Er hatte eine Lehrstelle in Aussicht, als kurz vor Beginn die Absage kam.

Heimlich auf die Jungentoilette

Liam fiel erneut in ein Loch. Er entschloss sich, zwei Jahre auf einer Fachschule in Dresden dranzuhängen. Als der erste Elternsprechtag anstand, sei er nervös gewesen, erinnert sich Gabriele Rogall. Was sie nicht wusste: Ihr Kind war bei den Mitschülern und Lehrern als Lee bekannt. „Ich habe alle gebeten, mich so zu nennen. Mein Geburtsname ging nicht mehr. Lee erschien mir geschlechtsneutral“, sagt Liam. Damals ging er im Unterricht heimlich auf die Jungentoilette. Auch seine langen Haare ließ er abschneiden. In den Herbstferien brach er erneut zusammen, ging schließlich von der Schule. Da war Liam schon seit Monaten in psychiatrischer Behandlung. Die Diagnose: Depression.

Als er gegenüber seiner Therapeutin von Suizidabsichten sprach, wies diese ihn die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Arnsdorf ein. Eine Woche verbrachte Liam dort. Es seien die schlimmsten Tage seines Lebens gewesen. Er habe seine Eltern angefleht: Holt mich hier raus, ich habe doch nichts Schlimmes getan! In der Klinik hatte er einem Psychologen gesagt, dass er sich als Junge fühle, dass er transgeschlechtlich sei. Doch der glaubte ihm nicht. „Ich wurde nicht ernst genommen“, sagt Liam.

Er suchte Kontakt zum Gerede e. V. in Dresden, ein Verein für Menschen mit vielfältigen Liebes- und Lebensweisen. Einige Jahre zuvor hatte der ein Aufklärungsprojekt in Liams Schule. Nun traf Liam dort auf Menschen, die so waren wie er, bei denen er sich nicht verstellen musste. Und er lernte seinen Partner Robin kennen. Die Eltern spürten die Veränderung, von seiner Transsexualität wussten sie nichts.

Jedes Jahr werden es mehr

Dann kam der Filmabend, an dem sich Liam seiner Mutter, kurz darauf auch seinem Vater anvertraute. „Ich habe Erleichterung gespürt“, sagt Gabriele Rogall. War das die Erklärung für die Stimmungsschwankungen? „Es ist schlimm für Eltern, wenn sie nicht wissen, was mit dem eigenen Kind los ist.“ Gleichzeitig stellten sich neue Fragen: Was, wenn das nur eine Phase ist? Wie geht es weiter? Für Liam stand da bereits fest : Er möchte als Mann leben. Seinen Eltern sagte er: Wenn ihr mich so nicht akzeptiert, möchte ich nicht, dass ihr weiter Teil meines Lebens seid. Doch Gabriele Rogall und ihr Mann wollten nur eins – dass es ihrem Kind gut geht. Von Anfang an zeigten sie, dass sie hinter ihm stehen, haben während der folgenden Monate wie Löwen für Liam gekämpft – bei Ärzten, Therapeuten, bei Behörden, in der Schule. Weil er nicht volljährig war, benötigte er für jeden Schritt ihr Einverständnis.

Einer der ersten Wege führte die Rogalls zu Dr. Kurt Seikowski nach Leipzig. Der Psychologe und Psychotherapeut ist der führende Experte für Transgender-Personen in Mitteldeutschland. Rund 10.000 Transsexuelle hat er betreut. 2019 waren es 605, jedes Jahr werden es mehr. „Transsexualität gibt es schon immer, aber sie war verpönt“, sagt Seikowski. „Heute hören Eltern ihren Kindern mehr zu.“ Der Therapeut schaffte es, Gabriele Rogall ihre Ängste zu nehmen. Er sagte: „Alles, was länger als zwei Jahre dauert, ist nicht nur eine Phase. Wenn es den Kindern nach dem Outing besser geht, ist das ein eindeutiges Zeichen.“

Psychotherapie ist verpflichtend

Wie Liam leiden die meisten transgeschlechtlichen Jugendlichen unter Depressionen oder psychosomatischen Beschwerden. „Viele Kollegen wollen die Depressionen wegtherapieren und dann über eine Geschlechtsangleichung nachdenken. Ich finde, man sollte mit der Hormontherapie beginnen, dann gehen die Depressionen allein weg“, sagt Seikowski. Bei Liam lag der Fall eindeutig, er blühte auf. Nur wenn die Eltern ihn aus Versehen mal mit dem Geburtsnamen anredeten, wurde er wütend. „Es war auch für uns alles neu, wir hatten ja jahrelang eine Tochter“, sagt Gabriele Rogall.

Sie erinnert sich noch an die Schwangerschaft. Ihr Frauenarzt wollte das Geschlecht des Babys damals nicht verraten. „Also habe ich gefragt, welche Wolle ich für Stricksachen verwenden soll. Der Arzt sagte: Nehmen Sie ganz viel Rosa und machen Sie ein kleines blaues Schleifchen dran. Witzig, oder?“ Als sie später bei einer Therapierunde für jugendliche trans*-Personen und Angehörige in Dresden waren, haben sie eine Familie aus Dippoldiswalde getroffen. So selten ist das also gar nicht, dachte sie damals.

Nach einigen Sitzungen überwies Kurt Seikowski Liam zu einem Hormontherapeuten. Bevor Transmänner Testosteron verschrieben bekommen, müssen sie anderthalb Jahre Psychotherapie nachweisen – für Seikowski oft anderthalb Jahre verschenktes Leben. Als Liam mit der Testosteronbehandlung beginnt, veränderte sich als Erstes seine Stimme. Dann kam der Haarwuchs, Muskeln bauten sich auf. „Es war für mich eine zweite Pubertät. Ich war glücklich, weil mein Körper zu dem wurde, was ich bin“, sagt er.

Ein langer Weg durch die Behörden

Es folgte die Mastektomie, das Abnehmen der Brüste. Jahrelang hatte Liam sie abgebunden. Die Operation konnte er kaum erwarten. Seine Mutter habe heimlich Tränen vergossen, erzählt sie. „Das war das einzige Mal. Die Ärzte haben mir aber erklärt, wie wichtig es für Liam ist.“ Nach dem Eingriff fühlte sich Liam befreit. 90 Prozent der Transmänner, sagt Seikowski, wollen weitere geschlechtsangleichende Operationen, die Entfernung von Eierstöcken, Eileiter und Gebärmutter oder einen Penis-Aufbau. Liam hat sich noch nicht entschieden, er will sich Zeit damit lassen.

Er stellte den Antrag auf Namens- und Personenstandsänderung beim Amtsgericht – für viele Transsexuelle ein wichtiger Schritt. Bis 2011 mussten sie dafür noch nachweisen, dass sie dauerhaft unfruchtbar und geschieden sind. Es dauerte mehr als ein Jahr. Zwei unabhängige Gutachter mussten Liams Transsexualität bestätigen, auch die Alltagserprobung gehörte dazu. „Ich wurde komplett gemustert. Gestik, Mimik, Klamotten, Schmuck, das war schon absurd.“ Irgendwann kam der Tag, als ihm der Name Liam S. Rogall und das männliche Geschlecht anerkannt wurden. Das S steht für Sebastian. So hätten seine Eltern ihn genannt, wäre er mit Penis auf die Welt gekommen. Mit dem positiven Gerichtsurteil konnte Liam all seine Dokumente ändern lassen: Geburtsurkunde, Ausweis, Zeugnisse, Versicherung.

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Wie wäre es ihm eigentlich ergangen, wenn seine Mutter vor fünf Jahren anders reagiert hätte? „Es wäre das Schlimmste für mich gewesen, wenn sie mich nicht ernst genommen hätte“, sagt Liam, der nun eine Lehre als Mediengestalter abgeschlossen hat und mit Robin in Dresden wohnt. Robin identifiziert sich weder als Mann noch als Frau. Ehrenamtlich ist Liam für den Gerede e. V. tätig. Mit dem Projekt „LiebesLeben“ ist er in Schulen und klärt über Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung auf. Und manchmal zeigt er den Schülern dann auch einen Film „Mein Sohn Helen“.

Transsexuell oder Transgender?

In der Transgender-Debatte geraten oft Begriffe durcheinander. Ein Überblick.

Transsexualität: Bezeichnet das Gefühl, mit dem „falschen“ Geschlecht auf die Welt gekommen zu sein. Den Menschen ist es oft ein Bedürfnis, ihren Körper mit Hormonen oder OPs dem bevorzugten Geschlecht anzugleichen. Der Begriff stammt aus einem medizinischen Kontext, viele lehnen ihn inzwischen ab.

Transgender: Diese Menschen identifizieren sich nicht mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Das soziale Geschlecht entspricht oft nicht dem biologischen. Nicht jeder Transgender will seinen Körper so verändern, wie es viele Transsexuelle tun.

Transident: Legt den Schwerpunkt auf die Identität und verzichtet ebenfalls auf den teils irreführenden Begriff der Sexualität. Transident kann auch als deutsche Version des englischen Wortes Transgender verstanden werden.

Transvestit: Sie haben das Bedürfnis, zeitweise in die Kleidung des anderen Geschlechts zu schlüpfen und den Bewegungsstil anzupassen – im Bewusstsein, diesem Geschlecht nicht anzugehören.

Intersexualität: Bei diesen Menschen sind nicht alle geschlechtsbestimmenden Merkmale wie Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen oder äußere Geschlechtsorgane eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen. Oft war von „Zwittern“ die Rede.

Cisgender: Menschen identifizieren sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Das betrifft den größten Teil der Bevölkerung. (dpa)

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