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Wie ein Kreuzfahrtschiff im Dächermeer

Mit vielen Ecken und Kanten hat sich ein Architektenpaar in Pirna seinen Traum vom Wohnen erfüllt – in einer Großskulptur. Teil 1 unserer Serie "Modernes Wohnen".

„Wir wollten dieses urbane Gefühl“: Blick in das Haus von Annette und Uwe Seidel in Pirna.
„Wir wollten dieses urbane Gefühl“: Blick in das Haus von Annette und Uwe Seidel in Pirna. © Matthias Rietschel

Pirna. Vom Marktplatz in Pirna läuft man keine Minute bis zur alten Wallanlage der Stadt. Und dort, an der Dr.-Wilhelm-Külz-Straße, Hausnummer 13 könnte der Kontrast kaum größer sein. Gegenüber der kleinen katholischen Kirche St. Kunigunde, gebaut im Stil der frühen Neogotik, zwischen einer Gründerzeit-Villa und einem Schulbau aus dem 19. Jahrhundert, mitten in der Umgebung denkmalgeschützter Gebäude steht eine schwarz-weiße Wohnskulptur samt Flachdach und nach außen in der Fassade bündigen Fenstern, die an Bauhaus-Architektur erinnern.

Das Haus haben sich Annette und Uwe Seidel vor zehn Jahren gebaut. Der Architekt nennt es „Großskulptur“ oder „schwarzer Achat“, der eine oder andere Pirnaer betrachtet es eher als „Kiste mit Kanten“. Schon der Grundriss für die gewünschten 1.000 Quadratmeter Nutzfläche war für die Bauherren eine Herausforderung, denn das Grundstück ist nur 550 Quadratmeter groß, vorn schmal, nach hinten lang, ein Handtuch. Hier stand ursprünglich ein kleines Gebäude, das einer der Vorfahren von Annette Seidel, Hugo Schwerg, Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut hatte und inzwischen baufällig war. Zu DDR-Zeiten befand sich in dem Haus der Laden von „Foto-Lehmann“, an den sich bis heute die Einwohnerinnen und Einwohner gern erinnern. Davon ist nichts mehr da.

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Das Haus der Seidels erinnert von außen an Bauhaus-Architektur.
Das Haus der Seidels erinnert von außen an Bauhaus-Architektur. © Matthias Rietschel

Stattdessen plante Uwe Seidel seine Idee vom modernen Wohnen in der Stadt. „Wir wollten dieses urbane Gefühl“, sagt er. Das Ehepaar arbeitete bis dahin in einem Büro in Pirna, wohnte aber in einem Einfamilienhaus samt großem Garten in Graupa. Beide wollten weg vom beschaulichen Land, um Arbeiten und Wohnen miteinander zu verbinden, um Wege zu verkürzen, um näher an der Kultur und an der Gastronomie zu sein. Zudem wünschten sie sich ein gemeinsames Heim mit den zwei Kindern und den Eltern der Ehefrau. Der Wunsch nach Verbindung zwischen Dienstlichem und Privatem, zwischen den Generationen und der Wiederbelebung einer Brache am Rande der Innenstadt sollte auf moderne Art realisiert werden. Gleichzeitig suchte eine Bank in Pirna neue Geschäftsräume und so war schnell klar, dass auch ein Mieter im Parterre Platz bekommen müsste.

Aus dem Fenster des Wohnlofts können Seidels direkt auf die Uhr der Kirche St. Kunigunde sehen.
Aus dem Fenster des Wohnlofts können Seidels direkt auf die Uhr der Kirche St. Kunigunde sehen. © Architekturbüro Seidel

Uwe Seidel stapelte die Ansprüche an das Haus und das kleine Grundstück kompakt übereinander. Ganz unten im Keller platzierte er die Tiefgarage und die notwendigen Mitarbeiterräume für die Bank, die zum Fußweg hin ihre Filiale bekam. In der ersten Etage befindet sich das Architekturbüro der Seidels, in der zweiten Etage zwei Kinder- und das Schlafzimmer der Eltern sowie die Wohnung der Großeltern. In der dritten Etage haben sich Seidels eine offene Küche mit Essbereich und Wohnzimmer eingerichtet. Das gleicht einem Loft, eine offene Grundfläche von 340 Quadratmetern, nur geteilt in Nischen, umgeben von Bodenfenstern, aus denen die Bewohner auf eine umlaufende Terrasse treten können wie auf eine Reling.

Faszinierend ist der Blick vom Hausdeck über die Dächer Pirnas. Die Stadt liegt wie ein Meer vor dem Bug des Gebäudes, das wie ein kleines Kreuzfahrtschiff im Hafen zu liegen scheint. Seidel mag den maritimen Vergleich, denn er plante das Haus wie ein Boot, dessen Bug nach vorn ragt. Die Etagen schweben wie eine Art Überhang über den Fußweg und die Spitze zur Kirche St. Kunigunde hin. Aus dem Fenster des Wohnlofts können Seidels direkt auf die Uhr des Gotteshauses sehen. „Das war ein Effekt, den wir in der Planungsphase noch nicht erkannten. Erst in der Höhe sahen wir es. Aber das hat natürlich etwas“, sagt Uwe Seidel.

Auf einer weiteren Terrasse befindet sich versteckt in einer Ecke ein Pool.
Auf einer weiteren Terrasse befindet sich versteckt in einer Ecke ein Pool. © Architekturbüro Seidel
© Architekturbüro Seidel
© Architekturbüro Seidel
© Architekturbüro Seidel
© Architekturbüro Seidel
© Architekturbüro Seidel
© Architekturbüro Seidel

Die Formensprache des Hauses sei zeitlos, meint der Architekt. Ihm sind die Linien an der Fassade, aber auch im Inneren wichtig. Dort stehen nur wenige solitäre Möbel, die meisten sind Einbauten, von der Küche bis zur Garderobe samt familiärem Schuhlager, vom Bücherregal bis zum Kleiderschrank. Bauherr und -frau war es wichtig, hochwertige Materialien einzusetzen und technisch auf dem neuesten Stand zu sein. So sind sämtliche Räume zum einen mit Fußbodenheizung, aber zudem mit einer passiven Deckenkühlung ausgestattet. Mithilfe des Grundwassers und einem Wärmetauscher wird die Temperatur an heißen Tagen um sechs Kelvin gesenkt. Sämtliche Fenster sind nach außen zur Fassade bündig und aus Aluminium. Die Außenhaut gestaltete Seidel minimalistisch. „Es sollte wie die Facette eines Edelsteins wirken“, sagt der Pirnaer. Die elektrische Anlage für Heizung, Kühlung und Licht ist vom Smartphone aus steuerbar.

„Das Gebäude besteht aus Stahlbeton, um die Überhänge und Verkippungen hinzubekommen. Außerdem besitzt das Material eine hohe Speichermasse, hält im Sommer die Temperatur unten und im Winter oben. Im Inneren existiert zudem ein Aufzug von der Tiefgarage bis zum Wohnloft. Und dort, auf der Terrasse am Heck des Hausbootes liegt nochmals eine Terrasse mit Blick in den Park hinterm Haus. Versteckt in einer Ecke gibt es zudem einen Pool. „Wir haben es bis heute keinen Tag bereut, vom Land hierher gezogen zu sein. Unsere Idee vom Stadtgefühl und Mehrgenerationenhaus ist aufgegangen“, sagt Uwe Seidel. Seine Frau Annette nickt und meint, dass sie es genauso wieder machen würde. Und die Pirnaer scheinen sich inzwischen an die Kantenkiste gewöhnt zu haben.

Alle Folgen der neuen Serie "Moderner Wohnen" lesen Sie hier.

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