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Sachsen

Kretschmer nimmt Abschied von Kurt Biedenkopf

Kurt Biedenkopf ist am Donnerstag im Alter von 91 Jahren gestorben. Nun nehmen die Sachsen Abschied vom einstigen Regierungschef - auch Michael Kretschmer.

Sachsens amtierende Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) hat sich am Sonnabend als Erster in das Kondolenzbuch für den gestorbenen früheren Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) eingetragen.
Sachsens amtierende Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) hat sich am Sonnabend als Erster in das Kondolenzbuch für den gestorbenen früheren Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) eingetragen. © Christian Juppe

Dresden. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat sich als Erster in das Kondolenzbuch für den gestorbenen früheren Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) eingetragen. "Ruhe in Frieden und danke für Alles, lieber Kurt Hans", schrieb er am Samstag in der Staatskanzlei in Dresden auf die jungfräulichen Seiten. Er hob darin dessen große Verdienste um Deutschland und den Freistaat hervor, auf die "wir in Dankbarkeit und Anerkennung blicken".

Biedenkopf habe das Land "mit Weitblick" geprägt, neue Ideen gefördert und "die Grundlage für die heutige Stärke Sachsens gelegt", würdigte er den Amtsvorgänger. Dessen Vermächtnis sei "eine Hoffnung von Respekt und der unermüdlichen Suche nach Antworten auf alle neuen Herausforderungen dieser Welt." Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Soziale Marktwirtschaft seien das Fundament der Freiheit und des Wohlstands. "Hüten, gestalten und verteidigen wir sie - so wie Kurt Biedenkopf es ein Leben lang tat."

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Ab Montag und bis zum 27. August liegt das Buch öffentlich im Foyer des Regierungssitzes aus, auch in der Vertretung des Freistaates beim Bund in Berlin können Menschen Trauer und Anteilnahme in ein Kondolenzbuch schreiben. Der CDU-Politiker und erste Ministerpräsident des Freistaates nach 1990 bis 2002 war am Donnerstagabend im Alter von 91 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.

Zuletzt waren die Auftritte von Kurt Biedenkopf seltener geworden. Doch im Landtagswahlkampf der sächsischen Union im Sommer 2019 mischte "König Kurt" noch einmal kräftig mit. Auch als Schlichter im Tarifkonflikt bei der Bahn oder als "Elder Statesman" bei Treffen pensionierter Spitzenpolitiker fühlte er sich trotz seines Alters wohl. Auch der privaten Dresden International University blieb er als Gründungspräsident bis zuletzt treu.

Biedenkopf wird vor allem als erster Regierungschef Sachsens nach der Wiedervereinigung in Erinnerung bleiben - von 1990 bis 2002 lenkte er die Geschicke des Freistaats. Für den Westdeutschen war das damals ein unerwartetes politisches Comeback.

Beisetzung in Dresden geplant - drei Tage Staatstrauer

Nach Angaben der Staatskanzlei soll Biedenkopf im engsten Familienkreis in Dresden beigesetzt werden. Dies entspreche den Wünschen der Familie, sagte Regierungssprecher Ralph Schreiber am Freitag. In Abstimmung mit der Familie will die Landesregierung einen Trauerakt ausrichten. Ministerpräsident Michael Kretschmer ordnete zudem eine dreitägige Trauerbeflaggung an den öffentlichen Einrichtungen des Freistaates Sachsen an. Sie gilt bis zum 16. August.

Vom 16. bis zum 27. August haben Trauernde außerdem die Möglichkeit, ihre Anteilnahme durch eine Eintragung in ein Kondolenzbuch zum Ausdruck zu bringen, wie die Staatskanzlei weiter mitteilte. Kondolenzbücher liegen in der Kuppelhalle der Staatskanzlei in Dresden aus. Ein Kondolenzbuch liegt im selben Zeitraum auch in der Vertretung des Freistaates Sachsen beim Bund in Berlin aus.

"Ich bin damals freiwillig nach Sachsen gekommen"

1973 war der Rechtsprofessor auf Vorschlag des damaligen Parteichefs Helmut Kohl Generalsekretär der CDU geworden. Biedenkopf galt als brillanter Ideengeber und Analytiker. Später avancierte er zum Rivalen Kohls. "Unterschiedliche Auffassungen über Politik", gab Biedenkopf als Grund dafür an. In den 1980er Jahren sorgte er nur noch bei der CDU Nordrhein-Westfalen für Schlagzeilen. Dann war eigentlich Schluss mit der Politik. Fortan wollte sich der Professor nur noch der Wissenschaft widmen.

Die Wende in der DDR änderte diesen Plan. Da es der ostdeutschen CDU an geeigneten Führungskräften mangelte, wurden dringend West-Importe benötigt. Für Biedenkopf bot sich die Chance, es alten Widersachern in der Partei noch einmal zu zeigen. Tatsächlich sorgte er in den 1990er Jahren für die besten Wahlergebnisse der Union im Osten. Die Sachsen-CDU herrschte 14 Jahre lange allein.

"Ich bin damals freiwillig nach Sachsen gekommen, um zu helfen – nicht um zu regieren", sagte der Mann, der Modelleisenbahnen liebte und den die Sachsen bald "König Kurt" nannten, im Rückblick. Ehefrau Ingrid übernahm die Rolle der Landesmutter, wurde zur Mitregentin. Legendär ist ihr Ausspruch "Seit wir Ministerpräsident sind...". Ingrid Biedenkopf wurde zu einer Art Kummerkasten der Bevölkerung. Viele wandten sich persönlich an sie, wenn sie etwa eine Wohnung brauchten oder der Telefonanschluss zu lange auf sich warten ließ.

Weniger rühmliches Ende der Amtszeit

Sachsen erlebte mit Biedenkopf eine Gründerzeit. Das war freilich nicht nur sein Verdienst. Doch er steuerte das Land souverän durch eine schwierige Nachwendezeit. Später bekam sein Nimbus Kratzer. In der Paunsdorf-Affäre wurde ihm vorgeworfen, für ein Behördengebäude in Leipzig einen erhöhten Mietpreis für einen Duzfreund durchgesetzt zu haben. Im Möbelhaus Ikea wollte er gemeinsam mit seiner Frau einen Rabatt. Zudem gab es Kritik am Führungsstil Biedenkopfs, der nur selten eine zweite Meinung neben seiner gelten ließ. So gab er schließlich 2002 zur Hälfte der Legislaturperiode sein Amt auf - im Alter von 72 Jahren.

Fortan arbeitete er vor allem an seinen Tagebüchern. Im Herbst 2015 kam heraus, dass die Veröffentlichung erster Teile weitgehend vom Steuerzahler finanziert wurde. Insgesamt gab Sachsen 307.900 Euro für die ersten drei Bände aus. Das Geld stammte aus einem Etat für Publikationen zum Thema "25 Jahre Deutsche Einheit" und floss an die CDU-nahe Konrad - Adenauer-Stiftung. Die stellte extra zwei Leute ab, um Biedenkopfs Aufzeichnungen zu sichten und zur Veröffentlichung vorzubereiten. Die Regierung machte ein staatspolitisches Interesse geltend. Es gehe darum, die für Sachsens Geschichtsschreibung "bedeutsame Quelle" einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hieß es. Ein Geschmäckle blieb.

Dennoch tat das Biedenkopfs Popularität in der Bevölkerung keinen Abbruch. Auch als Polit-Rentner war er gefragt - manchmal über Parteigrenzen hinaus. Auf Wunsch des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) trat er 2004 dem Ombudsrat für Hartz-IV-Beschwerden bei. Später übernahm er den Vorsitz einer Regierungskommission zur Zukunft der betrieblichen Mitbestimmung. Das Thema Bildung interessierte den Hochschulpolitiker bis zuletzt. "Es besteht kein Erkenntnis- sondern ein Umsetzungsdefizit", lautete einer seiner Standardsätze. Ein anderer erklärt seinen Tatendrang: "Ich hätte keine Ruhe, wenn ich nichts zu tun hätte."

"Man wird alt, wenn man nicht mehr neugierig ist", sagte Biedenkopf auch kurz vor der Landtagswahl 2019. Der damals 89-Jährige mischte im Wahlkampf ordentlich mit, war auch am Abend des CDU-Erfolges mit seiner Ingrid auf der CDU-Wahlparty. Wenn man ihn nach Motiven seines Engagements fragte, verwies er gern auf ein Foto mit seinen Kindern und Enkelkindern. "Die Enkel haben die Folgen nicht gelöster Probleme zu tragen. Das ist mein Antrieb. Ich möchte, dass sich die Dinge positiv entwickeln."

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Einen letzten großen Bahnhof gab es für Biedenkopf zu seinem 90. Geburtstag am 28. Januar 2020. Beim Festakt in der Dresdner Frauenkirche war auch Bundeskanzlerin Angela Merkel dabei. Die Adenauer-Stiftung feierte 30 Jahre friedliche Revolution und die Neugründung Sachsens gemeinsam mit Biedenkopfs Ehrentag. "Veränderung als Chance - Chance der Veränderung" hatte sie ihr Programm betitelt. Der Satz hätte auch einem Vortrag Biedenkopfs entstammen können. (dpa)

  • Beileidsschreiben können an die folgende Adresse gerichtet werden: Sächsische Staatskanzlei, Kondolenz Kurt Biedenkopf, 01095 Dresden. Die Staatskanzlei leite die Schreiben an die Familie weiter.

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