merken
PLUS Sachsen

Diese Wossis haben sich in Görlitz was gebraut

Ein Lausitzer Ex-Offizier und eine Bier-Sommeliere aus Bayern scheitern im Westen und ziehen mit ihren Töchtern nach Görlitz. Hier geht ein Traum in Erfüllung.

Bier spielt eine ganz besondere Rolle im Leben von Alexander Klaus und Diana Metzner. Der Sachse und die Bayerin leben und brauen als Ost-West-Paar gemeinsam in Görlitz.
Bier spielt eine ganz besondere Rolle im Leben von Alexander Klaus und Diana Metzner. Der Sachse und die Bayerin leben und brauen als Ost-West-Paar gemeinsam in Görlitz. © Matthias Rietschel

Görlitz. Das Lokal „Bierblume“ muss eine Goldgrube sein: Görlizer mögen das Viertel an der Neiße – als Tourist und erst recht als Pole muss man auf dem Weg von der Altstadtbrücke zu den Schmuckstücken am Untermarkt direkt daran vorbei. Die Tische unter den Arkaden sind an diesem Nachmittag schon voll besetzt. Der Innenraum und der lauschige Innenhof werden sich erst abends füllen. Gerade fragte ein Gast vorsichtig, ob er noch eine Chance auf einen Tisch habe. Das Lokal wirkt wie ein Wohnzimmer, jeder Stuhl ein anderes Fabrikat. Bierkessel verschiedener Größe und Hefebottiche stehen herum. Viele Bierflaschen zieren die Regale. Sehr urig, sehr cool, verdammt viel Understatement für eine Goldgrube.

Aber dieser erste Eindruck ist falsch: Hier ist nicht viel geplant, Geld verdient wurde auch noch nicht. Das Lokal ist ein Traum, der erst Wirklichkeit wird und der nur zu verstehen ist, wenn man die irre deutsch-deutsche Geschichte vom Betreiber-Ehepaar Klaus-Metzner ganz von vorn erzählt.

Familie
Vater, Mutter und Kinder
Vater, Mutter und Kinder

sind eine wunderbare Kombination. Sie kann viel Spaß machen, aber auch Arbeit und Ärger. Tipps, Tricks und Themen zu allem, was mit Familie und Erziehung zu tun hat, gibts in einer besonderen Themenwelt von sächsische.de.

Alexander Klaus, 38, ist im verträumten Bernstadt auf dem Eigen im Dreiländereck aufgewachsen. Von der Wende hatte er natürlich noch nicht viel mitbekommen, dafür von den Verwerfungen danach umso mehr. Denn nach der Schulzeit bewarb er sich für x Berufe. Er schrieb 64 Bewerbungen. Er erhielt exakt 64 Absagen. Es ging ihm wie vielen jungen Leuten im Osten in den 90er-Jahren beim beabsichtigten Start ins Berufsleben. „Ich verstand das als Botschaft“, sagt Klaus heute, „und die lautete: Du bist nichts wert.“ Er suchte eine Alternative und machte das Abitur. „Dann studiere ich eben.“ Verkehrte Ost-Welt.

Nach dem Abi fragte die Bundeswehr an, und Alexander Klaus sagte sich: Na, wenigstens die brauchen dich. Er bestand den Eignungstest und landete zur Offiziersausbildung im Bayerischen Wald. Immerhin grenznah, dachte er sich, und der Dialekt erschien dem Oberlausitzer auch nicht übel. Hier traf er seine spätere Frau, die schon eine Ehe hinter sich hatte.

Mal Pause machen: Alexander Klaus und Diana Klaus-Metzner im Biergarten ihres Restaurants „Bierblume“ in der Görlitzer Altstadt.
Mal Pause machen: Alexander Klaus und Diana Klaus-Metzner im Biergarten ihres Restaurants „Bierblume“ in der Görlitzer Altstadt. © Matthias Rietschel

Diana Metzner stammt aus einem Nest im Fichtelgebirge, ging in Wunsiedel zur Schule und lernte Rechtsanwaltsgehilfin. In einer Kanzlei in Regensburg hatte sie es mit Zwangsvollstreckungen zu tun, für sie erschreckend viele im Osten. „Manche hatten teure Autos bestellt und konnten dann nicht zahlen. Mir tat das weh.“ Als sie einer Frau dann den Schäferhund pfänden sollte, weil sie die Krankenkassenbeiträge nicht zahlen konnte, kündigte sie kurzerhand den Job. In dieser Zeit heiratete sie einen Offizier aus Thüringen und bekam zwei Töchter. Aber die Ehe ging in die Brüche.

Diana Metzner hatte unterdessen in einer Kaserne eine Kantine eröffnet, dort lernte sie Alexander kennen. Er 21, sie 30. Sein Kommentar dazu: „Und es war Sommer.“ 2004 zogen sie in eine gemeinsame Wohnung, Alex ließ sich einen Bart wachsen, damit er älter aussah. Die Bemerkungen ihres Umfeldes über den Altersunterschied nervten schon.

Alexander Klaus, inzwischen Leutnant, hatte es in Bayern mit etwa 75 Prozent Ossis unter den Wehrdienstleistenden zu tun, im Osten gibt es ja nur wenige Kasernen. Die Offiziere kamen aus allen Ecken Deutschlands, er kam gut klar mit ihnen. Ja, die Frotzeleien über den Osten gab es, aber Soldaten hätten ein gemeinsames Grundverständnis, meint er. Schwer genervt haben ihn als Offizier im militärischen Nachrichtenwesen schon damals rechtsradikale Vorfälle bei der Bundeswehr. Ein Offiziersanwärter hatte die Reichskriegsfahne in der Kaserne aufgehängt, ein anderer im Suff den Hitlergruß gezeigt, wieder ein anderer die Nationalhymne umgedichtet mit antisemitischen Inhalten. Meist geschah nichts, fast nichts. Sie durften alle weiter in der Bundeswehr sein.

Tochter Johanna Metzner hilft mit, die Gäste in der „Bierblume“ zu bewirten.
Tochter Johanna Metzner hilft mit, die Gäste in der „Bierblume“ zu bewirten. © Matthias Rietschel

2010 lief seine Zeit dort ab. Sollte er Berufsoffizier werden? Dazu hätte die ganze Familie regelmäßig umziehen müssen, Frau Metzner hatte unterdessen Zwillinge geboren, noch zwei Mädchen. Das Paar entschied sich für den radikalen Umstieg. Gute Beziehungen sollten den erleichtern. Alexander Klaus war in seiner Kaserne auch Geschäftsführer des Offizierscasinos und hatte gute Kontakte zu einem Brauereibesitzer, der ihm das Bier lieferte. Seine Frau war in einem Wirtshaus aufgewachsen und hatte schon als Kind mitgeholfen. Es gab per Handschlag einen Deal mit dem Brauer: Klaus wurde mit 28 Brauer-Azubi, seine Frau leitete das brauereieigene „Bräustüberl“. Nebenher bildete sie sich zur Bier-Sommeliere weiter. Bald kannte sie alle Biersorten und versuchte hartnäckig, gestandene Bayern von ihrer Kompetenz zu überzeugen.

2012 nahmen beide ihren Mut zusammen und gründeten ihr erstes Lokal in Cham. Dort erst ging es los mit dem Ossi-Bashing. „Du kommst aus der Zone, was?“, hörte er von seinen Gästen. Und: „Warst bei den Kommunisten, nicht?“ Auf seine Gegenfrage, ob sie mal im Osten waren, folgte ein entsetztes „Naa.“ Aber nicht nur der Ossi störte die oberpfälzer Heimatduselei, auch die fränkische Wirtin war nicht willkommen. Zuerst wurde das Lokal geschnitten, am 3. Oktober zu einer Einheitsfeier mit Spezialitäten aus Ost und West kamen nur Ossis und der Bayerische Rundfunk. Diana Metzner: „Die Leute sind nett dort, aber heimisch wird man nicht.“ Es folgten persönliche Angriffe, Einbrüche. 2013 gab die Familie auf. Viel Kraft und Geld blieben auf der Strecke.

Auf einmal Hartz IV

Was nun? Auf jeden Fall weg. Sie schauten sich in seiner Heimat um, und er erkannte Görlitz kaum wieder. Er hatte die Stadt schwarz in Erinnerung, jetzt erlebte er sie bunt und lebendig. Er musste an eine Führung durch den Tagebau Berzdorf in seiner Jugendzeit denken, damals ein Kohlenloch. Der Leiter der Führung hatte von einem Badesee geträumt und er das als Spinnerei abgetan. Jetzt konnten sie dort wirklich schwimmen gehen. Auch ihr gefiel es hier, nicht zuletzt reizte sie die Aussicht, zum ersten Mal in einer größeren Stadt zu wohnen mit Läden um die Ecke und einer Straßenbahnhaltestelle vor der Tür. Die Töchter, damals 8 bis 14, müssten erstmals nicht mehr in die Schulen gefahren werden.

Die Töchter hatten keine Probleme, die Lehrer halfen sehr bei der Integration, Freunde fanden sich sofort. Alex Klaus fand einen Job und nahm ein duales Studium als Betriebswirt auf. Für seine Frau war es dann doch nicht leicht. Ihr freundliches „Grüß Gott“ erschreckte manchen Görlitzer, ihr Dialekt auch. Sie sagte dann erst mal lieber ein Jahr kein Wort mehr in der Öffentlichkeit. Ihre Schwiegermutter half, sie fanden Freunde unter anderen Zugezogenen.

Aber dann folgte noch einmal ein Tiefpunkt, mit dem sie überhaupt nicht gerechnet hatten. Alexander Klaus stand ohne Job da, sie hatte noch keinen. Auf einmal mussten sie mit Hartz IV klarkommen, sich bei der Tafel anstellen, Gelegenheitsjobs annehmen. So wie viele Görlitzer.

Das Paar fühlt sich heimisch in Görlitz. Weg will hier niemand mehr aus der Familie.
Das Paar fühlt sich heimisch in Görlitz. Weg will hier niemand mehr aus der Familie. © Matthias Rietschel

Als Wendepunkt erwies sich ein Absolvententreffen der Berufsakademie in Bautzen, an der sie unterdessen beide studierten. Die Kommilitonen fragten: Sagt mal, ihr seid doch Brauer, könnt ihr nicht was zum Fest beitragen? Sie brauten ein 200-Liter-Fass Bier – und alle waren begeistert. „Das müsst ihr in Görlitz machen!“, hieß es von allen Seiten.

Sie zierten sich noch eine Weile, mieteten sich dann einen Laden, neben dem Jobcenter, brauten dort Bier und verkauften es aus dem Fenster. Lief nicht schlecht. Sie suchten und fanden Hilfe bei der Wirtschaftsförderung der Stadt, die ihnen den tollen Standort in der Altstadt vermittelten. Ihre neue Braustätte nannten sie „Bierblume“, weil der erste Laden mal das „Haus der Blume“ war.

Gäste brachten Stühle mit

Aber jetzt mussten sie Miete für 200 Quadratmeter zahlen. Eine Menge Geld, wenn man keins hat. Sie hatten auch keine Möbel. Aber vier Töchter, einen Braukessel und einen Durchlaufkühler fürs Bier. Damit ging es los. Die ersten Gäste kauften Bier in Flaschen. Bald schon fragten sie: Können wir nicht ein bisschen bleiben an diesem schönen Ort? Können wir uns nicht setzen? Familie Klaus antwortete: Ja, gern, aber dann müsst ihr euren eigenen Stuhl mitbringen. Bald kamen tatsächlich die ersten Gäste und brachten Stühle mit, dann die ersten Tische. Auf Leihbasis oder als Geschenk. Die Brauerei wandelte sich zum Bierrestaurant mit 130 Plätzen. Zum Wohnzimmer mit Bierausschank in feinster Lage.

2019 wagten sie den ersten Kredit, die Einstellung eines ersten Mitarbeiters und der ersten Lehrlinge. Alles lief gut, bis Corona kam. Ihr Bier verkauften sie wieder aus dem Fenster und lieferten nach Hause – mit dem eigenen Auto und als das kaputtging per Fahrrad mit Anhänger. Ihre Gäste waren treu wie Gold, so überstanden sie auch diese Zeit.

Seither boomt der Tourismus in Görlitz, sie kommen mit dem Brauen und dem Verkauf kaum hinterher. Und falls Corona zurückkommt, steht schon die Notfallplanung. In den Hof kommt ein Zelt, vors Haus eine fränkische Bierhütte mit Feuerkorb zum Aufwärmen.

Von Ost nach West und wieder zurück

Der Osten Deutschlands erlebte drei große Abwanderungswellen. Vor 1961 gingen 2,7 Millionen in den Westen, bis 1989 weitere 1,9 Millionen.

Nach der Wende wanderten bis 1994 fast 1,4 Millionen meist Jüngere ab, ab 2000 in der dritten Welle noch einmal viele Jüngere mit höheren Bildungsabschlüssen, vor allem Frauen. Mehr als ein Viertel der 18- bis 30-Jährigen gingen fort.

Von 1991 bis 2017 verließen 3,6 Millionen den Osten, 2,45 Millionen zogen aus dem Westen in den Osten. Seit 2017 kehrt sich der Trend um, immer mehr kehren zurück.

Viele Probleme des Ostens haben ihre Ursache in der massiven Abwanderung. Viele Regionen überaltern, nicht wenige Hiergebliebene drückt eine depressive Stimmung. In diesen Regionen holt die AfD besonders gute Wahlergebnisse.

1 / 4

Jedenfalls will niemand aus der Familie mehr weg. Alex Klaus nicht, klar. Seine vier Töchter sind heimisch, mit „Ossi“ und „Wessi“ können sie nichts anfangen. Und auch seine Frau fühlt sich heimisch. Ihr klingt das „Grüß Gott“ inzwischen fremd in den Ohren. Sie plant bereits das nächste Projekt: Gemeinsam mit ihren Töchtern will sie ein Weinlokal „Weiberwirtschaft“ auf die Beine stellen, die Ausbildung zur Wein-Sommeliere läuft.

Nein, Görlitz ist ihnen nicht mehr fremd. Die Polarisierung der Gesellschaft irritiert sie, ja. Frau Metzner kennt das aus Wunsiedel. Sie ärgern sich mit den Görlitzern über die geringen Löhne in der Stadt. Nicht gut fürs Geschäft. Und sie wundern sich über Görlitzer, die das Aufbauwerk nicht zu würdigen wissen. „Na ja, aber …“, hören sie oft. Diana Metzner und ihr Mann können das nicht verstehen. „Ist doch Wahnsinn, was ihr geschafft habt. Und im Westen ist alles fertig, keiner will Veränderungen. Und hier ist noch so viel zu gestalten. Ist doch toll.“

Weiterführende Artikel

Bierverkostung: Schmeckt nach Oktoberfest

Bierverkostung: Schmeckt nach Oktoberfest

Die Wiesn fällt aus, gefeiert wird trotzdem. Doch welches Festbier schmeckt besser – bayerisches oder sächsisches? Die SZ bat Laien und Fachleute zur Blindverkostung.

Darauf zapft sie oder zapft er zur Aufmunterung gern ein selbst gebrautes Zoigl-Bier nach Rezept aus der anderen Heimat. Mit schöner Blume natürlich.

Die Serie "Ossi-Wessi-Wossi" gestaltet sächsische.de, ganz im Einheitsgedanken, in Kooperation mit dem Bonner General-Anzeiger.

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Episoden.

Mehr zum Thema Sachsen