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Lausitz eignet sich als Energie-Sonderzone

Dieser Vorschlag kommt von einem Aachener Physiker, der empfiehlt, die Energiewende ganz neu zu denken.

In Schwarze Pumpe entstand Europas größter Batteriespeicher, der das Stromnetz bei wechselnder Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen stabilisieren soll.
In Schwarze Pumpe entstand Europas größter Batteriespeicher, der das Stromnetz bei wechselnder Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen stabilisieren soll. © Rainer Weisflog

Eine Energie-Sonderzone in Deutschland, durchaus auch in der Lausitz, hat der Aachener Professor Uwe Sauer angeregt. Der Physiker von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und Sprecher des Netzwerks Energiesysteme der Zukunft (Esys) erklärte dies kürzlich in Schwarze Pumpe auf einer Innovationskonferenz des Bürgermeisterbündnisses Lausitzrunde folgendermaßen: „Mit dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und Atomkraft müssen wir das Energiewirtschaftssystem völlig neu denken.“ Das sei aber mit der sehr komplizierten deutschen Gesetzgebung derzeit kaum möglich. Die schränkt zu viele Optionen bei Gebührenerhebung und Stromnutzung ein. Deswegen wäre es sinnvoll, in einem relativ großen Gebiet das sogenannte Umlagesystem im Energiebereich mit Steuern und Netzgebühren abzustellen und auch beim Thema Erzeuger- und Endkundenpreise etwas auszuprobieren.

„Das Geld muss irgendwo herkommen“, so Sauer. Aber in so einer Zone könne man versuchsweise feststellen, welche Gebühren künftig zum Beispiel wo erhoben werden. „Muss das Netzentgelt wirklich beim normalen Strompreis draufgeschlagen werden? Kann man das nicht auch mit der Netzanschlussgebühr koppeln? Sollte man die Haushalte für die Spitzenlastnutzung bezahlen lassen, statt für die Kilowattstunde? Könnte man die Umlage für erneuerbare Energien auch aus Steuermitteln finanzieren?“, fragte Uwe Sauer. Es gehe überdies um den Umgang mit unterschiedlichen Stromarten, zum Beispiel mit überschüssigem Strom. Statt die Netze dagegen abzuriegeln oder ihn billig ins Ausland zu verkaufen, könne man damit Wasserstoff erzeugen. Für all dies brauche es aber eine Testregion, die frei ist von den bisherigen Gebühren-, Kosten- und Denkmodellen.

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Uwe Sauer © PR

Brandenburgs Wirtschaftsminister Professor Jörg Steinbach (SPD) hält so etwas grundsätzlich für denkbar. Es habe in Berlin dazu schon Gespräche gegeben. Aber da sei schnell klar geworden, nur für eine einzige Region sei so eine Sonderstellung nicht durchsetzbar im Bundesrat. „Wenn, dann muss es zwei bis drei solcher Gebiete in Deutschland geben. Sonst haben wir sofort Neid.“ Außerdem könne man dann Vergleiche ziehen, so Steinbach, der selbst Chemiker ist.

Umbrüche kommen immer schneller

Weiteres Thema der Konferenz war die Herstellung von Wasserstoff als Energieträger und welche Bedeutung das für den Strukturwandel haben könnte. In Schwarze Pumpe entsteht derzeit ein wasserstoffbasiertes Speicherkraftwerk. Nach einer Untersuchung des brandenburgischen Wirtschaftsministeriums könnten bis 2030 allein im Bereich der direkten Wasserstoffherstellung um die 7.500 neue Arbeitsplätze geschaffen werden – in der Lausitz.

Laut Professor Uwe Sauer werden zudem sehr viele neue Jobs im Handwerk und Dienstleistungssektor entstehen, „weil die Energieversorgung kleinteiliger wird“. Er nannte die Marke von 200.000 Stellen in Deutschland. Wirtschaftsminister Steinbach räumte ein, dass davon im Moment noch nicht viel zu sehen sei. Das dauere einige Zeit; neu gegründete Firmen benötigen normalerweise drei bis fünf Jahre, um sich zu etablieren. „Außerdem müssen wir froh sein, wenn sich jetzt noch nicht alle Kraftwerker bei Tesla bewerben. Die brauchen wir noch für die Stromerzeugung“, so Steinbach.

Kein einmaliges Ereignis

Der Publizist Wolf Lotter, der per Videoschalte den Einführungsvortrag hielt, fragte allerdings: „Wo sind die individuellen Lösungskonzepte?“ Der Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins „Brand eins“ glaubt, es werde keine Jobs für 5.000 bis 6.000 Menschen auf einen Schlag geben. „Die Person, der Bürger, ist das Zentrum des Strukturwandels“, so Lotter. Der könne nur gelingen, „wenn die Menschen diesen Wandel selbst wollen und glauben, dass die Vorteile für sie gegenüber den Nachteilen überwiegen.“

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Er betonte, dass die Geschehnisse in der Lausitz kein einmaliges Ereignis seien. Grundlegende Veränderungen gebe es seit Menschengedenken. Jetzt kommen diese Umbrüche aber immer schneller. Es wird also nach dem jetzigen – dem Ausstieg aus Kohleförderung und Verstromung – weitere geben. Lotter forderte auf, die Menschen zu befähigen, sich selbst zu helfen. Man müsse sie in die Lage versetzen, „selbst neue Chancen und Berufe zu erkennen“. Dann könnten sie auch künftige Veränderungen bewältigen.

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