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Seen sind zu wenig - was die Lausitz jetzt anpacken muss

Die Lausitz hat das Potenzial, eine attraktive Urlaubsregion zu sein. Doch vier Probleme muss die Region erst lösen. Ein Überblick.

Ein Stand-up-Paddler zieht im letzten Sommer seine Kreise auf dem Bärwalder See in der Lausitz.
Ein Stand-up-Paddler zieht im letzten Sommer seine Kreise auf dem Bärwalder See in der Lausitz. © Steffen Unger

Nichts mehr frei. Einige Campingplätze in der Ober- und Niederlausitz waren vergangenen Sommer zeitweise komplett belegt. Für Olaf Franke, Chef der für Tourismus zuständigen Marketing-Gesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien (MGO) mit Sitz in Bautzen, ist klar: „Wenn die Gäste dürfen, kommen sie.“ Der Tourismus gilt bei der Bewältigung des Kohleausstiegs und dem damit verbundenen Verlust von Arbeitsplätzen als wichtiger Faktor. „Mit Tourismus alleine packen wir den Strukturwandel nicht. Ohne Tourismus aber schon mal gar nicht.“, lautet das Fazit der „Tourismusstrategie Lausitz 2025“, die die Zukunftswerkstatt Lausitz erstellt hat.

Eine Prognose, wie viele zusätzliche Arbeitsplätze der Tourismus in der Region schaffen könnte, gibt es auf SZ-Nachfrage jedoch nicht, weder von Ministerien noch von Behörden. Sie verweisen auf die Menschen vor Ort, die selbst entscheiden, welche Rolle der Bereich in Zukunft spielen soll.

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Finanziell sei Tourismus kein wirklicher Ersatz für die Kohle, heißt es beispielsweise aus der betroffenen Gemeinde Boxberg. Die jährliche Wertschöpfung durch die Braunkohle-Verstromung liege bei 450 Millionen Euro, die aus dem Tourismus bei drei bis vier Millionen, betont Roman Krautz aus der Gemeindeverwaltung. Es gibt aber noch weitere Hürden für die touristische Entwicklung zu überwinden. Stellenweise fehle Qualität, heißt es etwa im Strategiepapier. Die Autoren empfehlen, an diesem Punkt anzusetzen. Denn „einen Lausitz-Bonus gibt es nicht“. Welche Hemmnisse ist noch zu überwinden gibt, hier im Überblick:

Hemmnis 1: Niedrige Löhne und Fachkräftemangel

Gastronomie und Hotels, aber auch Bäcker, Fleischer und Kinobetreiber profitieren vom Tourismus – zusammengenommen erhalten knapp 16.400 Menschen Einkommen aus diesem Sektor. Die Branche erwirtschaftet laut Landestourismusverband Sachsen in der Oberlausitz einen jährlichen Bruttoumsatz von etwa 624 Millionen Euro. Was Jobs angeht, ist die Dimension bei der Lausitzer Energie- und Kraftwerke AG (Leag) und Dienstleistern ähnlich groß. Allerdings liegt der Umsatz im Lausitzer Braunkohlesektor (mit Brandenburg) jährlich bei 1,5 Milliarden Euro.

Die Leag zahlt als Arbeitgeber höhere Löhne als Tourismusbetriebe. Sie liegen laut Tariftabellen durchschnittlich zwischen 3.000 und 5.000 Euro. Im Tourismus sind viele Menschen geringfügig beschäftigt. Für Festangestellte liegt der Lohn zwischen 1.600 und 2.400 Euro brutto. Thomas Rublack, im Landkreis Görlitz zuständig für Kreisentwicklung, betont, dass man die Branchen nicht vergleichen könne, angefangen bei der Unternehmensgröße. Er sieht im Lausitz-Tourismus eher ein Potenzial, „Lebensentwürfe zu verwirklichen“. Ein Problem ist auch der Fachkräftemangel, der schon vor Corona Thema gewesen sei, so Andrea Kis vom Landestourismusverband Sachsen. In der Tourismusstrategie 2025 wird deshalb die Bedeutung von Aus- und Weiterbildung betont.

Hemmnis 2: Fehlende Leuchttürme

„Ruhe und Natur, viel mehr haben wir hier nicht“, sagt Jürgen Bergmann, Gründer des Freizeitparks Kulturinsel Einsiedel nördlich von Görlitz. Mit 130.000 Besuchern jährlich und 25.000 Übernachtungen ist die Anlage neben dem Trixi-Park in Großschönau mit deutlich über 150.000 und dem Saurierpark bei Bautzen mit etwa 200.000 Gästen eines der wenigen großen touristischen Schlaglichter der Oberlausitz. In der Niederlausitz strahlt der Freizeit- und Badepark Tropical Islands mit 1,3 Millionen Besuchern noch deutlicher aus. Grundsätzlich aber fehlen Leuchttürme, wie Jürgen Bergmann meint.

Allein für die Region zwischen Bärwalder See und Görlitz müsse es drei bis fünf geben, um wirklich nennenswert Menschen anzuziehen. See allein reiche dabei nicht. Potenzielle Gäste etwa aus Berlin hätten die Wahl und die falle dann eher auf die „super ausgebaute Mecklenburger Seenplatte“, als auf das Seenland, das erst noch entwickelt wird. Bergmann empfiehlt „verrückte, einzigartige Ideen“. Die werden auf der Kulturinsel reichlich umgesetzt, beispielsweise Erlebnisübernachtungen im Baumhaus. Für weitere Vorhaben hat Bergmann als kreativer Kopf des Betriebs längst ein Gelände vorbereitet. Um es zu füllen, fehle es an Geld. Das sei ein großes Hindernis für Tourismus in der Lausitz. Dafür gebe es kaum Fördermittel. Die brauche ein Betrieb aber, um Kredite von Banken zu bekommen. Aus den Milliarden für den Strukturwandel können künftig touristische Vorhaben finanziert werden; Anträge stellen können Unternehmen der Privatwirtschaft aber nicht selbst, sondern nur über die Kommunen.

Hemmnis 3: Vielfalt erschwert Zusammenarbeit

Gurken, Kahnfahrten, Frauen in sorbischer Tracht – wer das Wort „Spreewald“ hört, hat sofort Bilder im Kopf. Doch die Region im Südosten Brandenburgs ist nur ein Teil der Lausitz und taugt nicht als Klammer für die Gesamtregion. Die gibt es wegen der Vielfalt an Landschaft, Geschichte, Architektur und letztlich Verwaltungsstruktur, Verkehrsverbünden sowie Länderzugehörigkeit schlicht nicht. Trotzdem empfehlen die Autoren der Tourismusstrategie, eine Dachmarke Lausitz zu etablieren. Olaf Franke von der MGO ist da vorsichtig. Die Oberlausitz werde mit dem Lausitz-Image „Kohle, Abbaggerung und zerstörte Landschaften“ bisher nicht in Verbindung gebracht. Er spricht mit Blick auf Seenland, Spreewald und Oberlausitz lieber von drei glitzernden Eisbergen, die aus dem Wasser ragen, aber unter der Oberfläche verbunden sind – ein Bild, das sich auch in der Tourismusstrategie findet. Franke betont: „Wir werden zusammenarbeiten – in Bereichen wie Fördermittel, Wegebau, Radtourismus.“ Thomas Rublack vom Kreis Görlitz hält Vielfalt indes für ein Potenzial, „das wir viel stärker nutzen sollten“.

Hemmnis 4: Ende der Tagebausanierung ist völlig offen

Ein großer Teil der ehemaligen Tagebaue ist teilweise oder fast komplett saniert. Doch längst ist nicht alles geschafft. Für einige Gewässer, so den Klinger See bei Cottbus, ist ungewiss, wann er überhaupt saniert wird. Andere Seen wie der Senftenberger waren oder sind durch Rutschungen beeinträchtigt. Für den Knappensee, südlich von Hoyerswerda, ging 2014 gar alles auf Anfang. Der Grund: Rutschungsgefahr. Alles wurde gesperrt, Campingplätze, ein Hotel, Bungalows abgerissen. Rund 6.000 Seenutzer sind betroffen, sagt Werner Petrick aus Bautzen, der die Arbeiten mit dem Verein Knappenseerebellen kritisch begleitet und die Notwendigkeit bezweifelt. Immerhin – ab der Saison 2022 soll der See wieder nutzbar sein. Ein Plan dafür wurde erstellt.

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Daniel Just, Geschäftsführer des Zweckverbandes Lausitzer Seenland Sachsen, macht deutlich: „Da wo noch keine Sanierung erfolgt ist, können die regionalen Akteure in der Regel nichts Konkretes entwickeln“ und auch keine privaten Investoren tätig werden. Für Bernd Sablotny, Chef des Bergbausanierers LMBV, stellt sich die Frage: „Müssen wir jeden Quadratmeter betretbar bekommen?“ Momentan seien in der Lausitz rund 20.000 Hektar Fläche gesperrt oder nur unter Auflagen zu betreten. Dass es irgendwann „zu viel See“ gibt, glaubt Kathrin Winkler, Chefin des Tourismusverbandes Lausitzer Seenland, nicht. Aktuell stehe man im Seenland bei rund 835.000 Übernachtungen jährlich, das langfristige Ziel seien langfristig 1,5 Millionen Übernachtungen.

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