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Starke Schiene, starke Lausitz, starke Worte

Die Deutsche Bahn baut in Cottbus ein riesiges Reparaturwerk für ICE – der erste Schritt zum Wandel.

Eine Lokmotive für die Lausitz – Andreas Scheuer, Dietmar Woidke, Ronald Pofalla, Olaf Scholz (v.l.n.r.) und Michael Kretschmer (nicht im Foto) wollen dafür sorgen, dass dieses Bild auch im übertragenen Sinn zutrifft.
Eine Lokmotive für die Lausitz – Andreas Scheuer, Dietmar Woidke, Ronald Pofalla, Olaf Scholz (v.l.n.r.) und Michael Kretschmer (nicht im Foto) wollen dafür sorgen, dass dieses Bild auch im übertragenen Sinn zutrifft. © Christoph Soeder/dpa

Cottbus. So viel Politprominenz hat sich in der Lausitz selten vor Fernsehkameras und Mikrofonen gedrängelt wie an diesem Donnerstag in Cottbus. Die Verkündigung des Baus eines großen ICE-Werks in Cottbus macht’s möglich – und wohl auch die Bundestagswahl im nächsten Jahr.

Zur Ankündigung des ersten großen Projekts im Rahmen des Kohleausstiegs und des Strukturwandels in der Lausitz kamen neben anderen zwei Bundesminister und zwei Ministerpräsidenten ins fast 150 Jahre alte Cottbuser Bahnwerk mit 420 Beschäftigten. Von 2023 bis 2026 entstehen dort eine ICE-Halle für die schwere Instandhaltung von Elektrotriebzügen, eine Halle zur in Deutschland exklusiven Umrüstung von Dieselfahrzeugen auf Hybridtechnik mit Elektroantrieb sowie ein Technologiezentrum zur Hybridforschung und moderne Lehrwerkstätten.

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Bei der Würdigung des Projekts übertreffen sich die Festredner mit Superlativen. Vom „Leuchtturm der Ingenieurskunst“ ist die Rede, von „wahrhaft Großem“, einer „zweiten Gigafactory“, einem „Riesenschritt in die Zukunft“, vom „modernsten und grünsten Bahnwerk Europas“ – auch durch die energetische Nutzung von Fotovoltaik und Biomasse sowie von Abluft und Abwasser.

Dank Sensorik wisse man im Werk künftig schon vor Eintreffen des Zuges, was repariert werden muss, sagt Sabina Jeschke, DB-Vorstand Digitalisierung und Technik. Roboter, lernende Maschinen und künstliche Intelligenz verkürzten den Werkstattaufenthalt der ICE radikal. Diese Züge müssen nach 1,5 Millionen Kilometern für vier, fünf Wochen in die Revision. Das Werk sei „notwendig, weil die ICE-Flotte bis 2026 auf mehr als 420 Fahrzeuge wächst“, so Jeschke.

Neue Jobs, ehe die alten weg sind

Laut Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla wird das neue Werk mit verdreifachter Belegschaft die Reparaturkapazitäten der Bahn verdoppeln. Der Konzern gehe in seiner Strategie zweigleisig vor, sagt Pofalla: Er stärke alle Kohleregionen mit 40 Infrastrukturprojekten und schaffe wichtige Voraussetzungen für grüne Mobilität. „Wir schaffen Arbeitsplätze in der Lausitz, die wir aufbauen, bevor der Kohleausstieg Arbeitsplätze kostet“, betont er.

„Hier setzen wir etwas um, das zeigt, wie der Strukturwandel ganz konkret klappen kann“, sagt Bundesfinanzminister OPlaf Scholz (SPD). Er dürfe nicht nur eine Angelegenheit der Region sein, in der er stattfinde, und der betroffenen Unternehmen. „Es ist eine Angelegenheit des ganzen Landes“, und dafür brauche es eine solidarische Haltung. Die angesagten 1.200 Industriejobs seien „genau jene Arbeitsplätze und Lehrstellen, die gebraucht werden, wenn der Strukturwandel Platz greift“. Der Klimawandel lasse sich nur mit modernsten Technologien aufhalten.

Die Erweiterung des Bahnwerks zählt zu den Investitionen des Bundes im Rahmen der Strukturstärkung der Lausitz, weil der Ausstieg aus der Braunkohle bis 2038 geplant ist.
Die Erweiterung des Bahnwerks zählt zu den Investitionen des Bundes im Rahmen der Strukturstärkung der Lausitz, weil der Ausstieg aus der Braunkohle bis 2038 geplant ist. © Christoph Soeder/dpa

Eine Hybridlok ist dann auch die symbolträchtige Kulisse für das Gruppenfoto von Polit- und Bahnprominenz. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) macht den Betroffenen Mut für den Strukturwandel. Er erinnert daran, dass die Leute vor 150 Jahren auch Angst gehabt hätten, was mit der Eisenbahn auf sie zukommt. Mit den Infrastrukturmilliarden werde dafür gesorgt, „dass nicht Berlin näher an Cottbus heranrücken muss, sondern, dass Cottbus Cottbus sein kann – mit all seinen Chancen“. Dass Sachsen dort arbeiteten, sei „ja auch ganz okay“. Laut Bahn-Vorstand Pofalla ist der Konzern mit 20.000 Beschäftigten in Sachsen und Brandenburg dort einer der größten Arbeitgeber. „Klimaneutralität kann mit Wirtschaftswachstum, mit Industriearbeitsplätzen und mit Wohlstand in den Regionen verbunden werden“, sagt Brandenburgs Premier Dietmar Woidke (SPD), der selbst am Rand des Tagebaus Jänschwalde aufgewachsen ist. Der Region steckten noch die 90er-Jahre in den Knochen. „Diesmal sind wir angetreten, den Strukturbruch zu vermeiden.“ Der Kohleausstieg werde kein Industrieausstieg sein, die Strukturentwicklung habe gerade erst begonnen.

Einziger Baustein, der bald fertig ist

Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) feiert einen „großen Tag“, denn die angekündigte Lokomotive für Cottbus ziehe die Region bis weit hinter Weißwasser mit nach vorn. „Solch große Infrastrukturprojekte sind der Grund, warum in der Bevölkerung Zutrauen und Zuversicht in diesen Prozess wachsen – weil man merkt, dass die Politik und die damit zu tun haben, es ernst meinen.“

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Aus Fahrgastsicht sei die geplante Kapazitätserhöhung durch das Cottbuser Werk begrüßenswert, sagt Anja Schmotz vom Fahrgastverband Pro Bahn. „Bereits heute stehen ICE in den Abstellbahnhöfen, da sie die erlaubten Kilometerzahlen überschritten haben, aber kein Platz im Werk zur Revision vorhanden ist“, moniert die stellvertretende Vorsitzende für Mitteldeutschland. Das Werk sei aber „nur ein kleiner und vermutlich der einzige Baustein, der auf absehbare Zeit fertig wird“. Für die dringend notwendigen Projekte zur Beschleunigung, Elektrifizierung und (Wieder-)herstellung der Zweigleisigkeit sei sie „deutlich pessimistischer“, weil die DB Netz AG hoffnungslos unterbesetzt sei.

„Starke Schiene, starke Lausitz“ – so lautete das Motto des Cottbuser Festakts. Auch Anja, Mike und Thomas, die für die prominenten Besucher ausgewählten Gesprächspartner im Werk, setzen darauf, dass es nicht bei starken Worten bleibt.

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