SZ + Bautzen
Merken

Kohleausstieg: "Wir lassen uns nicht verrückt machen"

Alle reden vom Strukturwandel in der Lausitz. Was ein Bergmann und ein Kraftwerker dazu sagen, die aus Bautzen jeden Tag zur Arbeit ins Kohlerevier fahren.

Von Tilo Berger
 5 Min.
Teilen
Folgen
Stefan Wenke (l.) arbeitet im Kraftwerk Boxberg, Thomas Petrick im Tagebau Nochten. Was sie zum Thema Strukturwandel bewegt, haben sie Sächsische.de erzählt.
Stefan Wenke (l.) arbeitet im Kraftwerk Boxberg, Thomas Petrick im Tagebau Nochten. Was sie zum Thema Strukturwandel bewegt, haben sie Sächsische.de erzählt. © SZ/Uwe Soeder

Boxberg/Bautzen. Es ist bunt am Kraftwerk Boxberg. Sattes Grün bedeckt eine Fläche, groß genug für drei, vier Fußballfelder. Weißer Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen zum Himmel, der an diesem Herbsttag nochmal sein schönstes Blau trägt. Förderbänder bringen schwarzbraune Kohle aus den Tagebauen Nochten und Reichwalde. Wo der Wald beginnt, stehen ein paar helle Flachbauten. Dort fahren gelbe Lkws los, alle mit einem Bus-Aufsatz huckepack. Sie bringen die Kumpel zu den Tagebauen. Auf dem Rückweg nehmen sie die Bergleute mit, die jetzt Schichtschluss haben.

Auch Thomas Petrick hat Feierabend. Er wird duschen, etwas essen und nach Hause fahren. Nach Bautzen, wo er mit seiner Frau und zwei Söhnen wohnt. Unterwegs kommt er auch durch das kleine Uhyst, wo der jetzt 31-Jährige aufwuchs und wo schon zu seinen Kinderzeiten das stattfand, was heute alle Strukturwandel nennen. Als er geboren wurde, war zwischen Uhyst und Boxberg noch der Braunkohletagebau Bärwalde in Betrieb. Als er zur Schule ging, ruhte der Tagebau schon, war aber als solcher noch erkennbar. Dann kam die Flutung. Jetzt erstreckt sich hier der Bärwalder See mit Stränden, Häfen, Camping und Gastronomie.

Nicht bis zur Rente in der Kohle

Würde Petrick noch in Uhyst wohnen, hätte er es viel näher zur Arbeit. Aber die junge Familie entschied sich für Bautzen, das liegt zentraler. "Ich habe schon immer einen Bezug zum Bergbau", sagt Thomas Petrick. "Aber mir war auch damals schon bewusst, dass ich in der Kohle nicht bis zur Rente arbeiten könnte."

Damals, das war vor etwa zehn Jahren. Die Lehre zum Aufbereitungsmechaniker in der Fachrichtung Braunkohle lag erfolgreich hinter, das Arbeitsleben vor ihm. Im damaligen Vattenfall-Konzern, dem Vorgänger der heutigen Lausitz Energie Bergbau AG (Leag), lernte er alle Tagebaue und ihre stählernen Riesen kennen.

Thomas Petrick kennt auf den Abraumförderbrücken und Baggern in den Tagebauen Nochten und Reichwalde fast jede Schraube. Aber er weiß, bis zur Rente wird er hier nicht arbeiten.
Thomas Petrick kennt auf den Abraumförderbrücken und Baggern in den Tagebauen Nochten und Reichwalde fast jede Schraube. Aber er weiß, bis zur Rente wird er hier nicht arbeiten. © SZ/Uwe Soeder

Als Maschinist ist er auf den rund 500 Meter langen Abraumförderbrücken ebenso unterwegs wie auf kleinen Baggern. In den Tagebauen Nochten und Reichwalde kontrolliert er, ob die Technik zuverlässig funktioniert und legt Hand an, wenn sie es nicht tut. Der Wahl-Bautzener ist einer von etwa 800 Leag-Mitarbeitern, die diese beiden Tagebaue rund um die Uhr in Schichten am Laufen halten. "Ich kenne mich aus, die Arbeit macht Spaß. Man sieht nie nur immer dasselbe."

"Über 2030 möchte ich noch nicht nachdenken"

Aber natürlich kennt Thomas Petrick auch die Jahreszahl 2038. Bis dahin will Deutschland aus der Kohle aussteigen. Die modernen Kraftwerksblöcke in Boxberg gehören zu den letzten, die keinen Strom mehr produzieren werden. Und damit gehören auch die beiden Tagebaue in der Nähe zu den letzten, die keine Kohle mehr liefern. "Ich bin im Moment noch relativ entspannt", sagt Petrick. "Aber klar, man macht sich Gedanken."

Wenn Schluss ist mit der Kohle, will er weiter im technischen Bereich arbeiten. "Facharbeiter werden ja gesucht. Und wenn ich eine Umschulung machen muss, dann ist es eben so", sagt er. "Aber im Büro, das wäre nicht so meins." Vielleicht hilft ihm dann ja auch sein Meisterabschluss weiter, den er 2015 erwarb.

Und wenn der Kohle-Ausstieg schon 2030 kommt, wie es sich einige Politiker wünschen? "Auf dem Plan steht 2038", sagt Thomas Petrick. "Über 2030 möchte ich noch nicht nachdenken. Es wäre nicht wünschenswert und ist auch schwer vorstellbar." Er zeigt ein paar hundert Meter weiter, zum Kraftwerk. "Die Blöcke laufen auf Anschlag, wir arbeiten seit einiger Zeit auch sonnabends, weil unsere Kohle zur Stromversorgung gebraucht wird. Von den erneuerbaren Energien kommt dieses Jahr nicht so viel."

Ohne heimische Kohle geht es noch nicht

Stefan Wenke kann das bestätigen. Er ist einer von etwa 530 Kraftwerkern in Boxberg und seit 13 Jahren hier. "Ich sehe doch täglich, was am Strommarkt los ist. Ohne Kohle geht es noch nicht. Es sei denn, Deutschland will sich bei der Energieversorgung abhängig machen von anderen Ländern."

Der gebürtige Görlitzer studierte einst an der Hochschule in Senftenberg Verfahrenstechnik. Seine Diplomarbeit schrieb er über das Vattenfall-Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig und fing Feuer für die Energiewirtschaft. Er bewarb sich um eine ausgeschriebene Stelle in Boxberg. Dort wurde gerade der neueste Kraftwerksblock errichtet, der junge Ingenieur verfolgte interessiert jeden Baufortschritt.

Mehr als zehn Jahre gehörte er zu der Mannschaft, die für die Instandhaltung der Anlagen zuständig ist. Inzwischen leitet er eine eigene Abteilung mit 78 Mitarbeitern. In seiner Truppe arbeiten Schlosser, Schweißer, Elektriker und andere Fachleute. "Wir haben hier im Kraftwerk alle Kompetenzen, Probleme schnell selbst zu lösen."

Beim Strukturwandel noch nicht viel Zählbares

Und das soll auch so bleiben. Aber jüngere Mitarbeiter würden schon überlegen, ob sie hier für sich noch eine lange Perspektive sehen. Und die mittlere Generation fragt: Was wird aus mir? "Ich kann diese Fragen noch nicht beantworten", sieht sich Stefan Wenke in einer Zwickmühle. "Ich sage aber, dass sie bleiben sollen, weil sie doch hier gebraucht werden."

Stefan Wenke steht vor dem Braunkohlekraftwerk Boxberg, wo er eine Abteilung leitet und oft von den Kollegen die Frage hört: Was wird aus uns?
Stefan Wenke steht vor dem Braunkohlekraftwerk Boxberg, wo er eine Abteilung leitet und oft von den Kollegen die Frage hört: Was wird aus uns? © SZ/Uwe Soeder

Privat wohnt der 37-Jährige mit seiner Frau und zwei Töchtern in Doberschau bei Bautzen. Die Familie hat dort ein Haus gebaut, zu Zeiten, als noch nicht absehbar war, dass der Kohleausstieg auf 2030 vorgezogen werden könnte. "Freilich, da macht man sich jetzt schon Gedanken, es muss ja auch alles abgezahlt werden", sagt er nachdenklich. Er, von dem es im Kraftwerk heißt, dass er keinem Spaß aus dem Wege geht.

"Ich sage mir selbst und den Kollegen: Wir lassen uns nicht verrückt machen, es gibt einen Kohle-Kompromiss und auch bei der Leag neue Geschäftsfelder. Ich bin nicht der Typ, der jetzt panisch wird." Aber Unsicherheit sei schon da.

Zumal in Sachen Strukturwandel noch nicht viel Zählbares passiert. "Es muss mehr Unterstützung von außen kommen", sagt Wenke und meint die Politik. Boxberg soll ja ein Kompetenzzentrum für neuartige Carbon-Fasern bekommen. "Aber das ist bisher auch alles nur beschriebenes Papier."