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Wird das die neue Generation Windräder?

Die Innovationsagentur des Bundes in Leipzig legt richtig los. Ein 90-jähriger Erfinder gibt den Anstoß für die erste Tochterfirma.

Maschinenbauer und Erfinder Horst Bendix und Rafael Laguna de la Vera, Gründungsdirektor SprinD-Agentur (r.), sind wie füreinander gemacht.
Maschinenbauer und Erfinder Horst Bendix und Rafael Laguna de la Vera, Gründungsdirektor SprinD-Agentur (r.), sind wie füreinander gemacht. © Mattia Balsamini

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Horst Bendix ist 90 Jahre alt und absoluter Experte für große, schwere Maschinen. Der Ur-Leipziger kennt sich aus mit Braunkohlebaggern und riesigen Kranen, die eine Kugel auf den Berliner Fernsehturm hieven können. Er war viele Jahre Technik- und Forschungschef beim Schwermaschinenbauer Kirow, er war Hochschulprofessor und Berater, Maschinenbauer und Erfinder. 

Seit 30 Jahren denkt Bendix auch über effizientere Windräder nach als die vorhandenen. Seine Ideen sind es nun, die als das allererste Projekt der Bundesagentur für Sprunginnovationen auf die Rampe gehen. Der neue gegründete Aufsichtsrat hat gerade in Leipzig dem Start der ersten Projektgesellschaft zugestimmt. Eine eigene Firma wird nun Bendix‘ Höhenwindanlagen weiterentwickeln. Wenn alles gut geht, bis zur Marktreife.

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Windräder auf mehreren Säulen - doppelt so hoch

Es sind gleich mehrere Ideen, mit denen Bendix‘ die Welt der Windräder revolutionieren könnte. Sie stehen nicht mehr auf einer einzigen Säule, sondern auf drei Stützen. Damit können sie höher gebaut werden als bisher – und damit stärkere, wie auch stetigere Winde einfangen. 200 Meter und mehr schweben Bendix vor. 

Dabei fußen die Anlagen auf einer drehbaren Ebene, damit sie sich mit der Windrichtung um die eigene Achse drehen können. Der Generator, der aus dem Rotieren der Flügel Strom erzeugt, wird nicht mehr am Kopf, sondern am Turmfuß postiert. Angetrieben wird er über einen langen Treibgurt, der Rotor und Generator verbindet. Wie bei einer Fahrradkette kann diese Konstruktion auch größere Übersetzungen erreichen oder sogar zwei Generatoren antreiben.

„Die Konstruktion ist nicht nur technisch hochinnovativ, sondern auch volkswirtschaftlich erfreulich“, sagt Rafael Laguna de la Vera, der Gründungsdirektor und Chef von SprinD. „Die Verringerung der Fertigungskosten senkt auch die Kosten für Strom aus Windkraft erheblich.“ Die SprinD-Agentur der Bundesregierung will nun eine „Gesellschaft für Forschung zu innovativen Höhenwindanlagen“ gründen und ein Darlehen des Bundes einholen. 

China und den USA zuvorkommen

Sie will Ingenieure einstellen, die das Bendix-Windrad am Computer weiter konstruieren, simulieren und weitere Forschungsaufträge vergeben. Und sie will ein Geschäftsmodell entwickeln, mit dem die Windräder in aller Welt erfolgreich vermarktet werden können. 

Denn das ist die Kernidee von SprinD: Revolutionären technologischen Ideen aus Deutschland zum weltweiten Durchbruch zu verhelfen, statt sie den USA oder Asien zu überlassen. „Wenn mit dem Windrad alles gut läuft, wird die Firma in einigen Jahren von uns entkoppelt und auf eigenen Beinen stehen“, sagt Laguna.

Dass nun ausgerechnet ein Projekt aus Leipzig den Auftakt macht, hat mit einer kleinen Begebenheit zu tun: Zur Eröffnung des Leipziger Agenturbüros war Horst Bendix mit einer Mappe voller Pläne aufgetaucht und hatte sie Laguna in die Hand gedrückt. „Unsere Fachleute waren auf Anhieb begeistert“, sagt der Agenturchef. Erleichternd hinzu kam, dass Bendix als Privatmann agiert und alle Rechte innehat – und nicht in einem Unternehmen oder Forschungsinstitut eingebunden ist.

Schon 300 Vorschläge

Fast 300 Vorschläge hat die Agentur seit ihrem Start vor einem Jahr erhalten, mehr als 180 wurden bereits abgesagt. Doch jede Woche trudeln zehn bis 15 neue Vorschläge ein. 40 Projekte sind zurzeit in die engere Auswahl gekommen. Von ihnen haben es neun Innovatoren geschafft, dass sie erstes Geld von der Agentur erhalten, um ihre Pläne weiter auszufeilen. „Wir schauen uns alle Bewerbungen gleichermaßen an“, sagt Laguna. „Daran arbeiten einige Analysten und Innovationsmanager in der SprinD. Wenn wir uns unsicher sind, was häufig vorkommt, bitten wir die Einreicher und unser Netzwerk von externen Experten, das Thema weiter auszuleuchten.“

Zum erlauchten Kreis der Ausgewählten gehört auch Christian Mayr, Professor für Neuromikroelektronik an der TU Dresden. Er entwickelt im europäischen „Human Brain“-Forschungsprojekt den weltweit ersten Supercomputer mit einer neuen Architektur, die die Arbeit des menschlichen Gehirns simuliert. Derzeit bauen Mayr und sein Team eine riesige 70.000-Chip-Maschine, die verteilt sind auf 16 Serverschränke und teils digital und teils analog arbeiten. Nach sieben Jahren Vorentwicklung soll der Supercomputer nächstes Jahr stehen und gleich zwei Innovationssprünge machen: sowohl bei Energieeffizienz als auch bei der Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung. „Wir sind bei der Entwicklung schon sehr weit“, sagt Laguna. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das Projekt in den nächsten Monaten mit einer weiteren Gründung umzusetzen.“

Reichste Frau Deutschlands dabei

Zur Agentur, die noch in einem Interim untergebracht ist, gehören inzwischen 15 Festangestellte und zehn freie Mitarbeiter. Insgesamt soll die Agentur auf bis zu 50 Beschäftigte anwachsen: etwa zwei Drittel in Leipzig, die anderen über die ganze Republik verteilt.

Die Fäden laufen beim hochkarätig besetzten, zehnköpfigen Aufsichtsrat zusammen, der die millionenschweren Gründungs-Entscheidungen treffen muss. Entsprechend besetzt ist die Runde: Dazu gehört mit der BMW-Großaktionärin Susanne Klatten die reichste Frau Deutschlands. Sie betreibt als Unternehmerin die „SKion“-Beteiligungsgesellschaft, ist Aufsichtsrätin bei BMW und fördert mit ihrer „UnternehmerTUM“-GmbH Tech-Start-ups aus Hochschulen. Mit an Bord sind auch Maximilian Viessmann, Chef der Viessmann-Werke, Dietmar Harhoff, Direktor des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb sowie drei Staatssekretäre aus der Bundesregierung. Aufsichtsratschef ist Peter Leibinger, Technologievorstand beim Maschinenbau-Weltmarktführer Trumpf, seine Stellvertreterin ist die Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt, Birgitta Wolff.

„Der Aufsichtsrat spiegelt wider, was wir erreichen wollen: Wissenschaft und Unternehmen zusammenbringen, damit aus der tollen Forschung in unserem Land marktfähige Produkte und neue Arbeitsplätze werden“, sagt Laguna. „Sprunginnovation heißt ja: groß, riesig, Vollgas. Dafür haben wir tolle Persönlichkeiten mit enormem Know-how gewonnen.“

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