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Jubel

Der SZ-Chefredakteur stellt sich den Lesern

Der Leserbeirat der SZ interviewt Chefredakteur Uwe Vetterick. Ein Gespräch über Unabhängigkeit, konstruktiven Journalismus und Visionen für die Zukunft.

Drei Leserbeiräte interviewen SZ-Chefredakteur Uwe Vetterick – coronabedingt mit Abstand. Die Fragen stellten Mandy Vogel, Volker Neubert und Heiko Lindemann (von links).
Drei Leserbeiräte interviewen SZ-Chefredakteur Uwe Vetterick – coronabedingt mit Abstand. Die Fragen stellten Mandy Vogel, Volker Neubert und Heiko Lindemann (von links). © Ronald Bonß

Das hat es noch nicht gegeben im Haus der Presse: Der Leserbeirat bittet den Chefredakteur in seinem eigenen Haus zum großen Interview. Die Fragen stellten Mandy Vogel, Projektleiterin für Automatisierungstechnik, der Kamenzer Gymnasiallehrer Volker Neubert und der stellvertretende Theaterleiter des UCI-Kinos im Elbepark Heiko Lindemann. Die drei hatten Fragen von allen Beiräten gesammelt, die das Gespräch coronabedingt per Livestream verfolgten.

Herr Vetterick, Sie sind seit 14 Jahren im Amt. Sind Sie als Chefredakteur der SZ geeignet, gerade weil oder obwohl Sie früher bei „Bild“ gearbeitet haben?

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Oh, das können nur die beantworten, die mich nach Dresden gelotst haben, also unsere Eigentümer. Ich für mich kann aber sagen: Ich arbeite hier seit 14 Jahren glücklich. Für mich war das damals ja auch so etwas wie eine Rückkehr. Ich hatte im Lokaljournalismus begonnen. Im Frühjahr 1990, bei der Emder Zeitung im Westen, als Praktikant. Das war eher Zufall. Zuvor war ich Hafenarbeiter und NVA-Soldat. Am Ende dieses ersten Praktikumstag wusste ich allerdings: Ich will Journalist werden.

Dann hatte ich das Riesenglück, dass sich der Chefredakteur eine Woche mit mir als Praktikanten befasste, was sicher einfach daran lag, dass damals im Westen junge Menschen aus dem Osten als extrem spannend empfunden wurden. Am Ende dieser ersten Woche wusste ich dann: Mein Lebenstraum ist, einmal Chefredakteur einer Regionalzeitung zu werden. Dass sich dieser Traum erfüllen würde, in Dresden, das wusste ich natürlich nicht.

Wie wirkt sich die Bild-Zeit auf Ihren täglichen Journalismus aus?

Gar nicht. Das sind zwei unterschiedliche Produkte, die auch ein unterschiedliches Publikum haben. Eine Boulevardzeitung wird, wie der Name schon sagt, auf dem Boulevard verkauft, lebt also vom Einzelverkauf am Kiosk. Dazu muss sie gesehen und gehört werden. Daraus leitet sich eine gewisse Aggressivität im Ton und die Größe der Typografie her. All das spielt im klassischen Zeitungsjournalismus keine Rolle.

Inwieweit ist es notwendig, Überschriften nah am Boulevard zu formulieren?

Ich sage aus meiner Erfahrung im Boulevardjournalismus: Unsere Überschriften sind nicht so. Die Kunst ist es, den Text gut zu verknappen und zugleich den Leser dafür zu interessieren. Die Art, Leser neugierig zu machen, empfindet jeder etwas anders. Aber legen Sie die SZ mal neben eine Boulevardzeitung und vergleichen Sie die Überschriften. Dann werden die Unterschiede schnell klar.

Neugier ist der entscheidende Ansatz?

Wer eine Überschrift so formuliert, dass sein Artikel von möglichst wenigen Leuten gelesen wird, der ist im falschen Beruf. Allerdings darf die Überschrift nicht mehr versprechen, als der Text halten kann. Unsere Leser, auch dies unterscheidet uns vom Boulevard, wollen und dürfen nicht getäuscht werden.

Der aktuelle Leserbeirat erarbeitete gemeinsam die Fragen an den SZ-Chefredakteur und war – coronabedingt – per Livestream beim Interview zugeschaltet.
Der aktuelle Leserbeirat erarbeitete gemeinsam die Fragen an den SZ-Chefredakteur und war – coronabedingt – per Livestream beim Interview zugeschaltet. © Ronald Bonß

Aufregungs- und Empörungsstürme prasseln seit Jahren auf die Medienwelt ein. Wie nehmen Sie als Chefredakteur Einfluss auf die Zeitung, um der SZ ein optimistisches Gesamtbild zu geben?

Eine wichtige Frage. Wir haben vor einigen Jahren in der Redaktion überlegt, ob das Bild, das wir von der Wirklichkeit zeichnen, real ist oder eher ihr negativer Ausschnitt. Unsere Antwort: Ja, die positiven Seiten kommen zu kurz. Also druckten wir mehr schöne Geschichten, stellten aber mit unserer Lesewert-Methode fest, diese Artikel werden wesentlich weniger gelesen.

Uns wurde bald klar, dass flacher Positivismus nicht funktioniert. Gut funktioniert dagegen, ein Problem zu beschreiben und zu analysieren und dann eine Lösung zu recherchieren und vorzustellen. Vielleicht aus einem vergleichbaren Fall, vielleicht hat ein Experte die richtige Idee. Wir wollen also nicht Positives dem Negativen entgegenstellen, sondern Konstruktives. Dies ist allerdings ungleich schwieriger, als ein Problem nur zu beschreiben.

Wie viel Freiheit hat die SZ-Redaktion unter ihrer Führung?

Ich bin hier auf eine Redaktion getroffen, die bis heute gut zu meiner inneren Verfasstheit passt. Die Redaktion hat sich 1990 in einem schmerzhaften Prozess emanzipiert als ehemaliges Bezirksorgan. Sie hat sich damals ihre Unabhängigkeit genommen und die verteidigt sie bis heute. Dieser Geist ist in den Konferenzen zu spüren, er macht auch vor dem Chefredakteur nicht halt. Freilich auch nicht vor Entscheidern oder vor Kunden des Verlages. Die Konflikte, die daraus erwachsen, sind der beste Beweis für die gelebte Freiheit der Redaktion.

Welchen Einfluss hat die SPD?

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagten Sie, dass Emotionalität das wichtigste Kriterium für hohe Abonnementzahlen sind. Inwieweit passen Emotionalität und Sachlichkeit zusammen?

Ganz gut, aber wahrscheinlich anders als Sie meinen. Sachliche Berichterstattung kann auf den Leser durchaus emotional wirken. Wir sehen das gerade in Coronazeiten. Wir erzielen immer dann die höchsten Lesewerte im Blatt und Zugriffszahlen im Netz, wenn die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten getagt haben. Diese sachlichen Beschlüsse, die wir genauso sachlich wiedergeben, lösen in uns allen intensive Gefühle aus, wir registrieren das in den Zuschriften. Aber eben auch in digitalen Abo-Abschlüssen, auf die sich die Frage im Interview mit der Süddeutschen Zeitung bezog.

Die SZ gehört mehrheitlich dem Verlag Gruner + Jahr, ein Minderheitsanteil hält eine SPD-Beteiligungsgesellschaft. Welchen Einfluss nehmen diese auf Ihre Entscheidungen?

Gar keinen. Die SPD-Beteiligungsgesellschaft ddvg hält einen Anteil von 40 Prozent, Gruner + Jahr 60 Prozent, er ist der bestimmende Gesellschafter. Bei Gruner + Jahr gilt für alle Titel, ob Stern, Geo oder Brigitte das Chefredakteursprinzip. Niemand, kein Gesellschafter, kein Verlagsgeschäftsführer oder sonst wer, darf dem Chefredakteur vorschreiben, welche Geschichte wie und wann gemacht wird. Oder welche nicht.

Die gesamte publizistische Verantwortung liegt allein beim Chefredakteur. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass ich dankbar bin, in einem solchen Haus zu arbeiten. Übrigens hat der Minderheitsgesellschafter ddvg schon im Kennenlerngespräch erklärt, dass ich niemals einen Anruf von ihnen erhalten werde, der irgendetwas mit Berichterstattung zu tun hat. So ist es bis heute geblieben.

Uwe Vetterick ist seit dem Jahr 2007 Chefredakteur der SZ.
Uwe Vetterick ist seit dem Jahr 2007 Chefredakteur der SZ. © Ronald Bonß

Und wie versuchen Parteien, Werbekunden, Lobbyisten konkret Einfluss zu nehmen auf journalistische Inhalte?

Der Versuch, Einfluss zu nehmen, ist nicht verboten. Wir leben in einer Demokratie mit widerstreitenden Interessen, die über Medien verhandelt werden. Das Ganze passiert auch nicht in Hinterzimmern, sondern beispielsweise in Pressekonferenzen. Es ist immer noch an uns zu entscheiden, wie gehen wir mit dem dort Gehörten um.

Wie denn?

Das besprechen wir gemeinsam. Bei der Schlagzeile beispielsweise sind das Reporter, Ressortleiter und ich. Auch daran ist wenig Geheimes, auch Sie könnten da zuhören. Unsere Transferleistung ist, das Gehörte zu checken, wenn nötig Gegenmeinungen einzuholen und dann alles für die Leser verständlich aufzuarbeiten. Ein komplexes Gesetzesvorhaben zum Beispiel.

Am Ende möchten wir Menschen befähigen, Zusammenhänge zu verstehen und sich selbst eine Meinung zu bilden, um eine Entscheidung für sich treffen zu können. Oder mindestens, um am Diskurs teilzunehmen - sei es in der Kantine, am Küchentisch oder an der Geburtstagstafel.

Kann sich die SZ Korrespondenten leisten?

Die Seite Drei ist sehr lesenswert, oft umfangreich recherchiert. Können Sie sich vorstellen, dass es Folgerecherchen gibt, damit Leser erfahren, was daraus geworden ist?

Absolut. Dieses Dranbleiben an den Themen geschieht häufig, aber leider rutscht auch immer mal wieder etwas weg. Es gibt Reporter, die haben eine Wiedervorlagemappe. Dies wirkt ein wenig bürokratisch, wird von Kollegen auch belächelt, ist aber hocheffektiv und total vernünftig. Gerade in der Abozeitung hat der Leser ein Recht darauf, dass wir dranbleiben, ja.

Vor einem Jahr gab es die Geschichte vom Marathonläufer, der an Corona schwer erkrankte. Es war sehr interessant, jetzt die Fortsetzung zu lesen.

Sie sprechen mir aus dem Herzen. Diese Geschichte hatte vor einem Jahr einen sehr hohen Lesewert, und jetzt hatte sie den wieder. Aber Journalisten sind auch nur Menschen und oft in Gedanken schon wieder bei der nächsten neuen Geschichte.

Auslandskorrespondenten bereichern das Angebot, beliebt ist zum Beispiel Hans-Jörg Schmidt in Tschechien. Kann sich das die SZ weiter leisten oder ist sie künftig auf Agenturen angewiesen?

Wir leisten uns, was für die Leser wichtig ist. Hans-Jörg Schmidt ist sicher der bekannteste SZ-Korrespondent. Er behandelt Themen, die uns nahe sind und die Menschen im Grenzgebiet unmittelbar betreffen. Das kommt an. Agenturen sind deshalb aber keineswegs schlecht. Die Dpa beschäftigt 1.000 Journalisten, viele davon im Ausland. Das sind gute Leute.

Aber man kennt sie nicht.

Stimmt. Vielleicht müssten wir deren Berichte auch personalisieren. Ich nehme den Hinweis gerne auf.

Terrasse mit Aussicht: Chefredakteur Uwe Vetterick (2.v.l.) im Dachcafé vom Haus der Presse mit den Leserbeiräten Mandy Vogel, Volker Neubert (l.) und Heiko Lindemann.
Terrasse mit Aussicht: Chefredakteur Uwe Vetterick (2.v.l.) im Dachcafé vom Haus der Presse mit den Leserbeiräten Mandy Vogel, Volker Neubert (l.) und Heiko Lindemann. © Ronald Bonß

Wie halten Sie einerseits die Print-Leser bei Laune und wie wollen Sie anderseits neue Leser gewinnen?

Da gibt es eine gute Botschaft: Egal ob jemand 25 oder 85 ist - er interessiert sich immer für das, was vor der Haustür los ist. Das ist unsere Chance. Große Unterschiede gibt es aber, auf welchem Kanal diese Inhalte gelesen werden. Grob gesagt: Über 50-Jährige lesen Print, die Jüngeren fast ausschließlich auf digitalen Geräten. Beiden versuchen wir das bestmögliche Angebot zu machen. Das ist kein Hexenwerk.

Wie sind denn Ihre Zukunftsvisionen?

Wir wollen Qualitätsjournalismus im Lokalen und Regionalen bieten. Die Chancen dafür stehen gut. Natürlich wird der Kanal Zeitung kleiner, ja, aber er ist mit über 400.000 Lesern immer noch groß. Daneben wachsen andere digitale Kanäle gerade gewaltig auf. Tatsächlich haben wir noch nie so viele neue Leser gewonnen wie in den vergangenen zwei Jahren.

Wir sind der dritte Leserbeirat der SZ. Was haben Sie davon?

Der Leserbeirat inspiriert uns, so wie gerade mit dem Dranbleiben an Themen oder den Korrespondenten. Sie sind zweitens ein Korrektiv für uns Journalisten, weil wir wie jedermann auch in der Blase leben. Deshalb sind uns die direkten Begegnungen mit Ihnen wichtig.

Und den dritten Aspekt hatten wir erst gar nicht auf dem Zettel: Die Begegnungen mit dem Beirat sind für uns motivierend. Es ist schön, Menschen gegenüber zu sitzen, die kritisch und selbstbewusst sind, und eben deshalb dieses Produkt prinzipiell bejahen. Dies unterscheidet sich sehr vom rauen und verletzenden Ton, der der Redaktion in den vergangenen Jahren oft entgegenschlägt.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

(Notiert von Olaf Kittel)

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