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Noch einmal schreiben lernen - diesmal mit links

Jeder zehnte Mensch ist Linkshänder, aber die meisten von ihnen schreiben mit rechts. Eine Dresdnerin hat darunter gelitten – und fängt von vorne an.

Erst wenige Buchstaben, dann kurze Wörter: Juliane Remenyi aus Dresden lernt das Schreiben noch mal neu.
Erst wenige Buchstaben, dann kurze Wörter: Juliane Remenyi aus Dresden lernt das Schreiben noch mal neu. © Matthias Rietschel

Aufrecht sitzt Juliane Remenyi am Tisch, der Rücken ist durchgestreckt, die Füße stehen parallel nebeneinander. Ihre rechte Hand liegt auf einer Schreiblernunterlage, die linke führt den Füller. Konzentriert schreibt die Dresdnerin kleine Buchstaben auf ein Blatt mit großer Lineatur. Juliane Remenyi ist Mitte 30 und hat studiert. Trotzdem lernt sie jetzt das Schreiben noch einmal neu. Mit ihrer „richtigen“ Hand, der linken.

Ob man Linkshänder ist oder nicht, liegt in den Genen. Bei Linkshändern ist die rechte Gehirnhemisphäre dominant, bei Rechtshändern die linke. Oft liegt das in der Familie. Diese genetischen Anlagen bestehen weiter, auch wenn Kinder auf Rechtshändigkeit trainiert werden. Sie werden „umerzogen“, sagen Fachleute wie die Ergotherapeutin Peggy Hammerschmidt aus Dresden. Sie berät in ihrer Praxis viele Linkshänder. Die meisten kommen zu ihr, weil sie ahnen, zu Rechtshändern umerzogene Linkshänder zu sein. Kinder sind darunter, deren Eltern sich nicht sicher sind, welche Hand das Kind bevorzugt, oder bei denen es mit dem Schreibenlernen einfach nicht klappen will.

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Viele Erwachsene wie Juliane Remenyi kommen her, weil sie immer das unterschwellige Gefühl hatten, dass irgendwas nicht richtig ist. Sogar eine 80-Jährige hat hier schon Hilfe gefunden. „Bei mir war das so, dass ich beim Kartenspielen die Karten falsch hielt und das Bild nicht gesehen habe. Oder dass ich den Schlüssel in die falsche Richtung gedreht oder beim Einschenken verschüttet habe“, sagt Therapeutin Hammerschmidt, die sich im Beraternetzwerk für Linkshänder engagiert. „Linkshänder fühlen sich oft ungeschickt oder tollpatschig.“

Therapeutin Hammerschmidt engagiert sich im Beraternetzwerk für Linkshänder.
Therapeutin Hammerschmidt engagiert sich im Beraternetzwerk für Linkshänder. © Matthias Rietschel

Bestätigen umfangreiche Tests, Gespräche und die Auswertung alter Fotos diese Annahme, entscheiden sich 70 bis 80 Prozent der Klienten für eine Rückschulung. Die Kosten dafür tragen sie selbst, eine Stunde wird mit 60 Euro veranschlagt.

10,6 Prozent aller Menschen sind Linkshänder. Das hat ein Forscherteam der Universitäten St. Andrews, Athen, Oxford, Bristol und Bochum bei einer Datenanalyse von 2,4 Millionen Frauen und Männern herausgefunden. Die meisten von ihnen hatten das nur geahnt. Dabei gibt es viele berühmte Linkshänder. Die Queen und Tennislegende Martina Navratilova zum Beispiel. Auch Albert Einstein, Leonardo da Vinci, Beethoven und Jimi Hendrix nutzten ihre linke als dominante Hand. Einen Nachweis, dass Linkshänder besonders intelligent, kreativ oder geschickt wären, gibt es trotzdem nicht. „Es gibt vergleichsweise mindestens genauso viele begabte Rechtshänder“, sagt Hammerschmidt.

Aber umerzogene Linkshänder haben es definitiv schwerer. Denn ihre nicht dominante Hirnhälfte muss die Führungsrolle übernehmen, was sie in vielen Fällen überlastet. Die Hand, die eigentlich helfen und halten soll, muss auf einmal führen und arbeiten. Und zwar nach einer Art Pingpong im Kopf: Denn der Impuls, einen Handgriff zu machen, geht an die richtige, die dominante Stelle im Gehirn. Von dort aus wird er auf die andere Hemisphäre übertragen und muss den Corpus callosum, den Hirnbalken zwischen den Hälften, überwinden. Das kostet Zeit und vor allem Energie. Es kann zu Konzentrations- und Erinnerungsschwierigkeiten, feinmotorischen Problemen sowie schnellerer Erschöpfung führen. „Besonders die Kombination von Hören und Aufschreiben ist anstrengend“, sagt Hammerschmidt. „Man kommt nicht hinterher und hält sich für geistig unzureichend, obwohl man das ja gar nicht ist“, bestätigt Remenyi. Nicht umsonst hat Johanna Barbara Sattler ihr Buch zum umgeschulten Linkshänder „Knoten im Gehirn“ genannt. Es ist eines der bekanntesten zu dieser Thematik.

Viele Lehrer reagieren hilflos

Bis in die Mitte der 1980er-Jahre nahm man an, dass Linkshändigkeit anormal sei. In Kindergärten und Schulen wurden Kinder, die automatisch mit links zu Messer, Löffel und Stift greifen wollten, korrigiert. Heute hat sich das etwas geändert, die Umwelt sei toleranter geworden, sagt die Linkshänderberaterin. Trotzdem würden Kinder immer noch umerzogen – oft unbeabsichtigt, wenn etwa die Tasse rechts steht oder alle Kinder in der Kita-Gruppe mit der rechten Hand zur Schere greifen. Dabei lässt sich schon bei den ersten Greifversuchen im Babyalter beobachten, welche Hand das Kind bevorzugt. Bis zum fünften Geburtstag ist die Händigkeit dann ausgeprägt.

Sind Eltern von Vorschülern noch unsicher, sollten sie ihren Kinderarzt fragen oder sich beraten lassen. „Dem Kind bleibt viel erspart, wenn es gleich die dominante Hand beim Schreibenlernen nutzt“, sagt die Ergotherapeutin. Dann müsse das Blatt schräg liegen, damit der Schüler weder die Schrift verwischt noch seine Hand unnatürlich zu einem Haken verkrümmt. Lehrer und Erzieher müssten das wissen, um das Kind unterstützen zu können. Obwohl das Thema vor einigen Jahren auch in den sächsischen Lehrplan aufgenommen wurde, wüssten viele Lehrer nicht, wie sie konkret helfen sollen.

Peggy Hammerschmidt kritisiert, dass viele Arbeitsplätze nicht für Linkshänder eingerichtet seien. Das ist meist nur unbequem, manchmal aber sogar gefährlich. Juliane Remenyi arbeitet viel am Computer. Seit sie die Maus auf der linken Seite angeschlossen hat, ist sie ihre Verspannungen los, die Kopfschmerzen ließen nach. Auch Bildschirm oder Telefon lassen sich unkompliziert umstellen. Was aber macht die Verkäuferin an der Wursttheke, wenn sie mit der Aufschnittmaschine Schinken in hauchdünne Scheiben schneiden soll? Wie behilft sich der Zimmermann, wenn er an der Kreissäge Bretter zurechtsägt? Was ist mit der Kellnerin, die mit der rechten Hand Getränke und Essen serviert – über die rechte Schulter des Gastes hinweg? „Auf solche Dinge aufmerksam zu machen, darum geht es uns. Eine Lösung lässt sich immer finden“, sagt Hammerschmidt. Sie versucht es auf Vorträgen vor Lehrern, Erziehern, Ärzten und in Fachbeiträgen.

Juliane Remenyi übt jeden Abend, sobald ihre Kinder im Bett sind. Dann setzt sie sich an den Schreibtisch und malt Kringel und erste Buchstaben. „Das macht Spaß und hat etwas Meditatives“, sagt sie. Trotzdem kann sie sich nicht länger als 20 Minuten darauf konzentrieren, denn neue Synapsen im Gehirn anzulegen und alte Gewohnheiten umzudenken, strengt an.

Peggy Hammerschmidt sieht ihre Klientin nur in größeren Abständen. Sie ist zufrieden mit den Fortschritten ihrer erwachsenen Schülerin. „Anfangs erfolgt die Bewegung aus der ganzen Hand heraus. Das hat sie hinter sich gelassen und kann die Finger schon gut koordinieren“, analysiert sie. Als Nächstes wird sie ihr kurze Wörter aufgeben, dann lange, irgendwann folgen die ersten linksgeschriebenen Sätze. Je nachdem, wie intensiv die Rückschüler üben, dauert es bis zu zwei Jahre, bis sie links genauso sicher und schnell schreiben können wie mit rechts. Erst dann sind sie soweit, ihre Schreibweise komplett und dauerhaft umzustellen.

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