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Merkel eröffnet Vermeer-Schau - wenige Proteste

Angela Merkel war in Dresden, um die Vermeer-Ausstellung zu eröffnen, wohl der letzte Besuch als Kanzlerin. Und ihre Gegner sind leiser geworden.

Michael Kretschmer (CDU), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Mark Rutte, Ministerpräsident der Niederlande vor Vermeers berühmten Gemälde "Brieflesendes Mädchen".
Michael Kretschmer (CDU), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Mark Rutte, Ministerpräsident der Niederlande vor Vermeers berühmten Gemälde "Brieflesendes Mädchen". © Matthias Rietschel/Reuters/Pool

Dresden. Der Rausch der eigenen Bedeutung hat viele Kanzler mitgerissen. Vor allem am Ende ihrer Ära, das oft unerwartet kam. Angela Merkel macht es anders. Keine großen Linien, kein Pathos, kein Übermut begleiten die Worte der Noch-Kanzlerin, als sie am Donnerstag im Dresdner Albertinum spricht. Stattdessen steht sie da, im ikonisch-schlichten Blazer, und lobt die Stille. „Wenn wir manchmal in unserem hektischen Alltag auch mal einen Moment innehalten würden“, sagt Merkel, „wäre das vielleicht auch lebensbereichernd.“

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Neben Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) lauscht auch der Regierungschef der Niederlande, Mark Rutte, Merkels Worten. Er und die Kanzlerin sind gekommen, weil eine Ausstellung mit Werken von Johannes „Jan“ Vermeer im Dresdner Zwinger öffnet. Es ist Merkels wohl letzter Besuch in ihrer Amtszeit als Kanzlerin, deren Ende sie anders als alle Vorgänger selbst beschlossen hat.

Zweieinhalb Wochen bis zur Bundestagswahl. Die Republik brodelt, die schrillen Töne dominieren den Wahlkampf. Auch die selbst ernannten „Querdenker“ und andere vom Verfassungsschutz beobachtete Gruppierungen wie die „Freien Sachsen“ haben Protest gegen die Kanzlerin angekündigt, hatten eine Versammlung mit 200 Personen angemeldet. Doch es bleibt leiser als erwartet. Stunden bevor Merkel in Dresden ankommt, sperrt die Polizei Teile der Altstadt weiträumig ab.

Gegen 16 Uhr warten einige Dutzend Protestierende, darunter der Dresdner Querdenken-Kopf und bekannte Rechte, mit Transparenten am Theaterplatz. Um sie herum tummeln sich wesentlich mehr Menschen, die nicht für Protest, sondern wegen des Chormusikfestivals zu Ehren Vermeers gekommen sind. Hinter den Gittern wartet Ministerpräsident Kretschmer mit Ehefrau Annett Hofman und Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, auf seine Gäste.

Früher war mehr Protest

Als Merkel gegen 17 Uhr eintrifft, skandieren einige „Merkel muss weg“, johlen, pusten in Trillerpfeifen. Während die Polit-Prominenz in den Innenhof des Zwingers verschwindet, um die Ausstellung zu besichtigen, verstummt der Protest, die Menschen strömen auseinander.

Die Wut der Sachsen zeigte sich der Kanzlerin bei fast allen Besuchen in den vergangenen Jahren. Als sie 2015 nach Heidenau kam, wo rechtsextreme Proteste gegen ein Flüchtlingsheim gewalttätig eskaliert waren, kreischte eine Frau aus einer wütenden Menge heraus Merkel so wüste Schimpfworte entgegen, dass die Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung ermittelte.

Ein Jahr später überschatteten hasserfüllte Sprechchöre von hunderten Demonstrierenden aus dem Pegida-Umfeld die Einheits-Feier in der Frauenkirche.

Eine ausgesprochen unpolitische Rede

Während eines Besuchs im Sommer 2018 sammelten sich erneut Hunderte, angestachelt von Pegida und AfD, darunter der damalige LKA-Mitarbeiter Maik G. der im Deutschlandhut auf ein ZDF-Team losging. Harmonische Bilder von Sachsenbesuchen konnte die Kanzlerin der Welt selten präsentieren, doch es gab sie. 2019 etwa, als Merkel zum 90. Geburtstag des kürzlich verstorbenen Ex-Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf kam.

Nachdem das Merkel-Komitee am Donnerstagabend die Ausstellung verlässt, verlegt es ins Albertinum. Protestierende säumen die Straßen, doch auch die nächste Station der Kanzlerin ist weiträumig abgesperrt. Musik und Reden wechseln sich im Lichthof ab. Ein Ort mit viel Raum, Hall und Stein, der Worte verschwimmen lässt.

Merkel bedauert in ihrer Rede die Folgen der Pandemie für Kunst und Kultur. „Danke an alle, die im Kulturbereich arbeiten, für ihren Beitrag zur Pandemiebekämpfung dafür, dass sie durchgehalten haben“, sagt sie. Politischer als mit der Erwähnung der Pandemie und seichter Schwärmerei für die Europäischen Union wird es nicht.

Lust auf die Kanzlerinnen-Rente

Aber persönlich, zumindest zwischen den Zeilen. Die Sonderausstellung trage einen „bescheidenen Untertitel des Innehaltens“, lobt Merkel. Vermeers Werk sei „tief in unserem kollektiven europäischen Bildgedächtnis“ verankert. „In seinen Gemälden begegnet uns das Innehalten als bewusster Akt der Aufmerksamkeit und sogar Andacht in Alltagssituationen.“ Für viele Menschen, so Merkel, „ist genau diese Konzentration und Stille auch Motiv für einen Museumsbesuch.“ Denn: „Museen können Zufluchtsorte sein. Sie ermöglichen uns, innezuhalten, Abstand zu nehmen von unserem Alltag.“

Merkel vor dem restaurierten Vermeer-Werk "Brieflesendes Mädchen."
Merkel vor dem restaurierten Vermeer-Werk "Brieflesendes Mädchen." © Matthias Rietschel/Reuters/dpa

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Innehalten, Abstand vom Alltag, der Hektik – Merkel scheint die Kanzlerinnen-Rente nach 16 Jahren herbeizusehnen. Zu den ersten Reisen der damals noch Kanzlerin in spe gehörte der Besuch zur Weihe der Dresdner Frauenkirche im Oktober 2005, kurz nach der Bundestagswahl, die Merkels Union knapp gewonnen hatte. Damals skandierte noch niemand „Merkel muss weg“. Ihr letzter Besuch endet mit ein paar schnellen Schritten zur schwarzen Limousine. Pöbeleien begleiten ihren Abgang. Als Merkel weg ist, wird es still.

Mitarbeit: Tobias Wolf, Tim Ruben Weimer, Maximilian Helm

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