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Michael Kretschmer wird „Herr der Fische“

Das Neiße-Filmfest hat seine größte Hürde gemeistert und bleibt auch in Corona-Zeiten staatsgrenzübergreifend.

"Ich will dich, wenn du es wagst“ erzählt von Jana. Die ist körperlich behindert, will aber endlich Zärtlichkeiten, die nicht nur freundschaftlich sind. Kurz: Sie will Sex. Ihre Schwester und ihre Mutter helfen ihr dabei.
"Ich will dich, wenn du es wagst“ erzählt von Jana. Die ist körperlich behindert, will aber endlich Zärtlichkeiten, die nicht nur freundschaftlich sind. Kurz: Sie will Sex. Ihre Schwester und ihre Mutter helfen ihr dabei. © Festival

Wird Tschechien seine Grenzen wieder schließen? Und was ist mit Polen? Wie um Himmels willen kann man in diesen unberechenbaren Krisenzeiten im Osten Sachsens überhaupt nur halbwegs zuverlässig ein internationales Festival planen, mit polnischen und tschechischen Partnern? Das vom Mai in den September verlegte Neiße-Filmfest hat es geschafft und damit die wohl größte Schwierigkeit in seinem 17-jährigen Bestehen gemeistert.

Da bleibt sogar Platz für ein Augenzwinkern: „Wild Edition“ heißt die 18. Ausgabe. Warum? „Weil es auch für uns wirklich wilde Zeiten waren und wohl auch bleiben werden“, sagt Festivaldirektorin Ola Staszel. Aber live, das wollte man unbedingt, statt wie so viele andere Festivals eine reine Digital-Ausgabe zu fahren. „Ein Online-Festival in den Netzen von drei Ländern? Völlig unmöglich, schon wegen der schlechten Netz-Abdeckung in der Lausitz“, sagt Staszel. Das Live war also ein Muss.

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Carmina Burana Konzerte am See
Carmina Burana Konzerte am See

Der Chor der Europa Akademie Görlitz feiert unter der Leitung von Joshard Daus mit der „Carmina Burana“ einen leidenschaftlichen Ausblick für die kommende Saison.

Das Erfolgsrezept des Teams: Vorsicht, Sparen, Halbieren. Statt sechs Tage dauert das Festival nun vier, vom 24. bis 27. September. Statt 25 Spielorte sind jetzt zwölf dabei, drei davon in Tschechien und Polen. In den Programmen laufen 62 Filme; die Hälfte des 2019er-Jahrgangs. Und es gibt 75 Veranstaltungen, keine 160 wie im Vorjahr. Was nicht heißen soll, dass es nicht auch Zuwachs zu vermelden gäbe: Erstmals ist neben dem 10.000-Euro-Preis der Kunstministerin für den besten Spielfilm auch die Ehrung für den besten Dokfilm angehoben: 5.000 Euro stiftet die Aktion „So geht Sächsisch“ dafür – der Freistaat zeigt sich zunehmend großzügig im Umgang mit dem Neiße-Filmfest, ist es doch neben dem jungen Lausitz-Klassikfestival in der Grenzregion der kulturelle Anker schlechthin. Da passt es natürlich bestens, wenn ihm Ministerpräsident Michael Kretschmer persönlich die Aufwartung macht und als Schirmherr zur Preisverleihung der „Neiße-Fische“ in seine biografische und politische Heimatregion reist.

Besonders erfreut ist der MP über das Festivalprogramm „Films for Future“. Denn das dreht sich um Themen, „die uns in der Heimat genauso bewegen wie Europa und die ganze Welt“, so Kretschmer im Grußwort. Das meint: Kohleausstieg, Umweltschutz, Bevölkerungs- und damit Gesellschaftsveränderungen. Eben darum ging es schon in „Die Schmerzen der Lausitz“ von 1990. Vom anderen Ende der Erde, aber ganz ähnlichen Problemen erzählt der Spielfilm „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“, in dem der Schweizer Aktivist Manser irgendwann für immer verschwand. Nicht minder kriminell sind die Machenschaften von chinesischer Mafia und mexikanischem Drogenkartell, die vor der Küste des mittelamerikanischen Landes aus Profitgier den kleinsten Wal der Welt ausrotten, aus dem sich eine dem Kokain ähnliche Substanz gewinnen lässt.

Auch die Wettbewerbe zeigen sich am Herzschlag der Gegenwart, mit Filmen um Mobbing und Mutterliebe, um das Recht von gehandicapten Menschen auf Liebe und Sex, mit dem internationalen Festival-Überraschungserfolg „Supernova“ um ein Drama an einer polnischen Landstraße sowie „Zustand und Gelände“. Darin besucht Ute Adamczewski Orte der NS-Gewaltherrschaft in Sachsen und lässt dort Stimmen der Opfer lebendig werden ... Die stetig ansteigende Kurve der Festivalzuschauerzahlen bekommt zwar nun ihre erste Delle. Dafür dürften am letzten Septemberwochenende so viele Filmerinnen und Filmer anreisen wie nie. „Für sie ist das ja die erste Gelegenheit zu einem Festivalbesuch seit Monaten“, sagt Ola Staszel. Und, mit einem Augenzwinkern: „Ich fürchte, die rennen uns jetzt total die Bude ein.“

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