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"Misstrauen gegenüber Politikern ist hoch"

Der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung glaubt an den Dialog. Roland Löffler sagt, was dafür nötig ist.

Roland Löffler ist seit 2017 Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.
Roland Löffler ist seit 2017 Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. © SLpB

Die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung wird 30. Das sind 30 Jahre Kontroversen, Diskussionen, massenhaft Publikationen und vor allem das Ringen um eine politische Kultur, in der Konflikte friedlich und sachlich ausgetragen werden. So beschreibt es der Direktor der Einrichtung Roland Löffler.

Herr Löffler, als Sie 2017, kurz nach der Bundestagswahl, aus Münster nach Dresden kamen, hatte in Münster die AfD das niedrigste Wahlergebnis, hier in Sachsen eines der höchsten. Hat Sie das erschreckt?

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Ich wusste sehr genau, worauf ich mich einlasse. Ich habe das eher als Herausforderung empfunden und bis heute keinen Tag bereut, dass ich hierhergekommen bin.

Sie leiten als Theologe eine Institution, deren Aufgabe es ist, Menschen in Sachsen politisch zu bilden. Das ist ein weit gefasster Begriff. Was konkret sind die Ziele der Landeszentrale?

Politische Bildung heißt für uns, das Vertrauen in die Demokratie zu stärken und über Gefahren für den demokratischen Staat aufzuklären. Wir vermitteln Wissen, wie Politik funktioniert, und möchten Menschen animieren, ihre eigene Meinung zu entwickeln und selbstständig politisch zu handeln.

Die Landeszentrale wird mit 3,4 Millionen Euro pro Jahr vom Freistaat finanziert. Woran messen Sie die Wirksamkeit Ihrer Arbeit?

Ob man die Wirkung politischer Bildung messen kann, darüber gibt es in der Fachdisziplin eine große Debatte. Ich bin der Meinung, dass man auf einer formalen, quantitativen Ebene sehr wohl messen kann, ob Maßnahmen greifen, ob Veranstaltungen gut organisiert sind. Wir wissen recht gut, wo und in welchem Alter die Menschen unsere Angebote wahrnehmen. Was sich schwer messen lässt, sind die Reaktionen in den Köpfen und Herzen der Menschen.

Den Menschen hier wird immer wieder vorgeworfen, sie seinen demokratieunfähig. Wie sehen Sie das?

Die Herausforderung in Sachsen besteht darin, dass wir bei Umfragen eine große Spannung zwischen einer allgemein hohen Demokratie-Zufriedenheit und zugleich einem großen Misstrauen gegenüber Politikern, Parteien, Verwaltungen und Gerichten haben. Und dass die persönliche Bereitschaft, sich selbst gesellschaftlich und politisch einzubringen, eher zurückhaltend beantwortet wird.

Gleichzeitig steht in einer Publikation Ihres Hauses, „Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Sachsen“, dass sich rechte Ideologie immer mehr verbreitet. Lässt Sie das verzweifeln?

Nein, da verzweifle ich nicht, denn ich weiß, dass unsere Arbeit sehr viele Impulse setzt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bildung ist immer ein langfristiger Prozess. Wir organisieren Foren, Wettbewerbe, Diskussionen, Lesungen, Vorträge, veröffentlichen viele Publikationen, schulen Multiplikatoren wie Lehrerinnen und Lehrer, arbeiten mit anderen Bildungseinrichtungen zusammen. Als Demokraten glauben wir fest daran, dass Kontroversen im Wege friedlicher Aushandlung zu bewältigen sind. Mir ist es ein Anliegen, dass wir extremistische Tendenzen in unserer Gesellschaft zurückdrängen. Wir unterstützen beispielsweise das Friedensfest in Ostritz.

Ihr Vorgänger Frank Richter war während der Hochzeit der Pegida-Bewegung sehr präsent, hat sich persönlich in Debatten eingemischt. Sie dagegen agieren eher zurückhaltend. Was ist die bessere Strategie?

Jeder hat seine Philosophie und seinen Stil. Was die bessere Strategie ist, mögen andere beurteilen. Mein Ansatz war es, zunächst einmal die gesellschaftlichen Entwicklungen in Sachsen zu beobachten, dann aus diesen Beobachtungen die Arbeit in der Landeszentrale zu optimieren und zu modernisieren. Das alles im Zusammenspiel mit dem Team der Landeszentrale. Teamwork ist mir sehr wichtig, ebenso die landesweite Vernetzung unserer Arbeit. Daraus ist beispielsweise das Projekt „Kontrovers vor Ort“ erwachsen, mit dem wir politische Bildung gemeinsam mit den sächsischen Volkshochschulen in den ländlichen Raum bringen. Den bereits etablierten Dialog-Ansatz haben wir weiterentwickelt, etwa vor der Landtagswahl 2019 mit insgesamt 60 Wahlforen.

Was ist Ihnen nicht gelungen?

Natürlich gibt es bei einem solchen Ansatz auch schwierige Momente: etwa im Februar 2019 die hoch emotionale Debatte unter dem Motto „Zurück zur Sachlichkeit“ in der Maria-Martha-Kirche in Bautzen. Sachlich war der Abend leider nicht. Der sich scharf artikulierende Volkszorn dort hat mich länger beschäftigt. An einem solchen Abend war gesellschaftliche Polarisierung sehr stark spürbar. Wir haben im Team lange diskutiert, wie wir derartig emotionale Abende angemessener moderieren können.

In der Rückschau auf die Arbeit der Landeszentrale weisen Sie auf Ihrer Website auf die Aktion „Politik auf dem Marktplatz“ hin. Warum findet das nicht mehr statt?

Diese Debattenform hat sich etwas überlebt, auch das Interesse am Wahl-O-Mat auf Plätzen und Straßen war 2019 etwas verhaltender. Die Zeiten ändern sich. Aufgrund der Pandemie lag unsere gesamte klassische Veranstaltungsarbeit brach. Der Trend geht im Moment klar zu digitalen und zu gemischten Angeboten. Diese probieren wir gerade in der Lehrerfortbildung aus. Dass wir vor anderthalb Jahren unsere Homepage als „Informationshafen“ überarbeitet haben, war in der Pandemie ein Glücksfall. Wir mussten während Corona zügig auf digitale Formate umstellen. Das Wachstum an Klicks lag im letzten Jahr bei rund 145 Prozent. Aktuell bauen wir eine neue Webseite für Kinder und Jugendliche auf und entwickeln einen Podcast für Erstwählerinnen und -wähler.

Müssen Sie an Bildung nachholen, was in der Schule nicht vermittelt werden kann, weil an Deutsch- oder Geschichtsstunden gespart wird, um den jahrelangen Lehrermangel zu kompensieren?

Die dichte sächsische Stundentafel zu entschlacken war überfällig. Ich halte es aber für eine Fehlentwicklung, wenn Fächer wie Geschichte, Politik, Religion/Ethik, Musik und Kunst vernachlässigt werden. Das war in der Pandemie leider der Fall. Auch die schulische Inklusion kam hier und da zu kurz. Diese Fächer sind aber grundsätzlich prägend für das Orientierungswissen und für die Persönlichkeitsbildung junger Menschen. In der Landeszentrale liegt unser Schwerpunkt aber auf der Erwachsenenbildung. Anders als in der Schule kommen zu uns Menschen ja freiwillig mit ihren eigenen Fragen und Anliegen. Bei uns werden weder Wissen noch Haltungen abgeprüft. Unser Ansatz ist diskursiver. Wir reagieren auf die Anliegen unserer Gäste, machen zielgruppenbezogene, lebensweltlich ausgerichtete Angebote. Wir fragen nicht danach, ob jemand Mängel in Wissen oder Kompetenzen hat, sondern wir nehmen die Menschen so, wie sie sind.

Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?

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