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Studie zeigt: Osten wird beliebter und stirbt später

Anlässlich der Wiedervereinigung haben Forscher die Entwicklung in West und Ost verglichen. Manche Unterschiede wurden kleiner. Andere sind ganz neu.

Menschen auf der Berliner Mauer in den Tagen des Mauerfalls 1989. Ob sie damals geahnt haben, wie lange die Wiedervereinigung von Ost und West dauern wird?
Menschen auf der Berliner Mauer in den Tagen des Mauerfalls 1989. Ob sie damals geahnt haben, wie lange die Wiedervereinigung von Ost und West dauern wird? © action press

Wo einst Todesstreifen West und Ost zerteilten, ziehen heute Berliner Hipster durch die Nacht, wo sich einst Bagger tief in Böden gruben, ziehen heute Badeseen Touristen an. Seit der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland vor 30 Jahren haben sich Menschen, Städte und Landschaften stark verändert. Wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) am Dienstag in Wiesbaden mitteilte, gebe es sowohl Annäherungen als auch neue Unterschiede zwischen Ost und West.

Angenähert haben die wiedervereinigten 16 Bundesländer sich vor allem bei der Lebenserwartung und der Erwerbstätigkeit. Während Westdeutsche um 1990 im Schnitt noch gut dreineinhalb Jahre älter geworden sind, ist es heute nur noch gut ein halbes Jahr. Die Forscher führen das auf den medizinischen Standard in der Bundesrepublik zurück, wo Menschen seltener und später an Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestorben seien als in der DDR.

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Die Gleichstellung von Frau und Mann auf dem Berufsmarkt setzte im Osten dagegen früher ein. Rund zwei Drittel der erwerbstätigen Ostfrauen war damals berufstätig, im Westen war es nur gut die Hälfte. Heutzutage sind es im Osten rund drei Viertel und im Westen fast genauso viele. 

Mehr uneheliche Kinder in West und Ost

Der Anteil von unehelichen Kindern ist seither beidseits gestiegen, die Differenz zwischen Ost und West bleibt aber ähnlich. Um 1990 gab es im Westen kaum uneheliche Kinder, Hausfrauen-Ehen dominierten die Bindungen zwischen Mann und Frau, sicherten die oft nicht berufstätigen Frauen wirtschaftlich und die Männer sozial ab. Im Jahr nach der Wiedervereinigung kam im Westen etwa eins von zehn Kindern unehelich zur Welt, im Osten waren es vier. Heutzutage sind es im Westen etwa drei von zehn Kindern, im Osten fast sechs. 

Erhebliche Unterschiede gibt es auch in der Landschafts-Entwicklung. Braunkohle-Tagebaue wurden abgewickelt und geflutet, dadurch ist die Abbaufläche im Osten um fast die Hälfte zurückgegangen und knapp ein Fünftel Wasserflächen kamen hinzu. Im Westen sind die Abbauflächen nur um ein Prozent zurückgegangen, es kamen 13 Prozent Wasser hinzu.

Ein tiefer Graben tut sich heutzutage bei Geschlecht und Altersstruktur auf. Seit der Wiedervereinigung ist der Osten älter und männlicher geworden. Um die Wendezeit war die Hälfte der Ost-Bevölkerung jünger als 35, nun ist die Hälfte der Bevölkerung jünger als 45. Berlin ausgenommen, beträgt der Anteil der Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren im Westen 48,9 Prozent, im Osten 47,5. Außerdem lag der Altersdurchschnitt der Ostdeutschen um die Wiedervereinigung etwa anderthalb Jahre unter dem der Westdeutschen, heute liegt er dreieinhalb Jahre darüber.

Im thüringischen Suhl ist der Altersdurchschnitt der Menschen mit gut 50 Jahren der höchste. Es folgen Dessau Roßlau, der Landkreis Altenburger Land, der Landkreis Mansfeld-Südharz und Greiz - alle in Thüringen oder Sachsen-Anhalt, überall liegt der Durschnitt bei knapp über 50 Jahren. 

Strukturschwache Regionen sind besonders schnell und stark gealtert. BiB-Direktor Norbert Schneider spricht dabei von einer "falschen Erwartung, dass Hilfe immer ohne eigenes Zutun kommt." Wenn Städte und Gemeinden wieder jünger werden wollen, müssten man vor Ort Anreize für jüngere Menschen schaffen, gleiches gelte für Konsum, Infrastruktur und Verkehr. 

Moderne Ehe jetzt auch im Westformat

Manche Trends wenden sich heutzutage aber auch. Verlor der Osten bis 2016 im Saldo 1,2 Millionen Menschen an den Westen, zogen im Jahr 2017 erstmals mehr Menschen von West nach Ost als umgekehrt - 4.000. Auch in den Folgejahren waren es jeweils 1.000 mehr. Mit Berlin, Dresden, Leipzig und Jena weisen einstige DDR-Gebiete heutzutage boomende Regionen auf, deren Speckgürtel sich immer weiter dehnen. Corona sei zudem eine "Chance für periphere Regionen", sagt BiB-Direktor Norbert Schneider. 

Durch die Digitalisierung, die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten, werde das Leben abseits der Großstädte und ihrer Speckgürtel für mehr Menschen eine Option. "Wir erwarten eher, dass die Fläche gewinnt." Eine positive Folge neben der Belebung des ländlichen Raums: Weniger Verkehr tue der Umwelt gut. Schneider sagt allerdings auch: "Es gibt in Deutschland nicht die absolute Peripherie wie in anderen Ländern." 

"Wäre der Osten älter gewesen, wären weniger gewandert"

BiB-Forschungsdirektor Sebastian Klüsener sagt mit Blick auf die Forschungsergebnisse: "Ich war überrascht, wie jung die Bevölkerung 1990 war." Das erkläre, warum derart viele Menschen in den Westen gezogen sind. "Wäre der Osten älter gewesen, wären wahrscheinlich weniger Leute gewandert." In jüngeren Jahren würden Menschen noch ihre Entscheidung über dauerhafte Aufenthaltsorte treffen, später seien diese meist gefallen. 

Satellitenbilder zeigen deutlich, wie sehr Ost und West sich auch landschaftlich seit 1990 gewandelt haben, vor allem durch die Abwicklung von Tagebauten und deren Flutung. Im Osten sind die Abbauflächen seither mit 361 Quadratkilometern um 48 Prozent zurückgegangen, 19 Prozent Wasserflächen, 276 Quadratkilometer, kamen hinzu. Im Westen dagegen sind die Flächen nur um ein Prozent zurückgegangen, und 13 Prozent Wasserfläche kamen hinzu.

Eine Prognose für die nächsten 30 Jahre traute sich keiner der Forschenden zu. Hätte man so eine Prognose 1980 getroffen, wäre bestimmt niemand auf eine derart baldige Wiedervereinigung gekommen. 

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes stand, dass die  Lebenserwartung im Westen um die Wiedervereinigung fünf Jahre höher gewesen sei als im Osten und zuletzt noch drei Jahre. Das Institut hat diese Zahl korrigiert. Es habe sich dabei um die Differenz der Bundesländer mit der je höchsten und niedrigsten Lebenserwartung gehandelt, nicht um die Differenz zwischen Ost und West.

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