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Plötzlich Internet-Verkaufsprofi

Corona ist für den Einzelhandel zur Existenzkrise geworden. Es sei denn, man macht es wie eine Dresdner Modehändlerin.

Als Cornelia Feldmann ihr Geschäft eröffnete, gaben ihr viele nur ein paar Monate. „Nur im Laden stehen und hoffen, dass ein Kunde kommt, ging schon vor Corona nicht.“
Als Cornelia Feldmann ihr Geschäft eröffnete, gaben ihr viele nur ein paar Monate. „Nur im Laden stehen und hoffen, dass ein Kunde kommt, ging schon vor Corona nicht.“ © Ronald Bonß

Der „Ladenhüter“ ist schwarz, trägt ein rotes Halsband und ein ebensolches Schleifchen. Aufmerksam beobachtet Hundedame Hilde vom Kuschelkissen hinter der Eingangstür aus, was im Laden von Cornelia Feldmann vor sich geht. Nur drei Kilogramm schwer, ist die vier Jahre alte Bolonka-Zwetna-Hündin in normalen Zeiten ein kleiner Star im Modegeschäft „Woman Style No.1“ am Schillerplatz in Dresden-Blasewitz. Nur: Normal ist nach einem Jahr Corona nichts mehr. Hilde hat schon lange nicht mehr viele Menschen auf einem Fleck gesehen. Düstere Prognosen künden von einer Pleitewelle im Handel und der Gastronomie, vor allem die kleinen Geschäfte wissen nicht, wie lange es sie noch gibt.

Cornelia Feldmann ist momentan ohne Personal auf sich gestellt. Die einzige Teilzeitbeschäftigte ist in Kurzarbeit. Ihr Laden in dem schlichten Block mit den Klinkerfassaden ist 25 Quadratmeter groß, die Form erinnert an ein L mit zu dickem Fuß. Weiße Wände und Möbel und die großen Spiegel an den Wänden lassen das Geschäft deutlich größer erscheinen. Sogar zwei Umkleiden verstecken sich noch hinter einer Ecke.

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Als der erste Lockdown im März vor einem Jahr angekündigt wurde, sei sie erschrocken über die Schließungen gewesen. Die Ware für das gesamte Jahr war geordert und schon geliefert. Die neuen Kollektionen kommen immer zwischen November und März. „Ich hatte alles ausgepackt und fertig, als ich zumachen musste.“

Pandemie als Herausforderung

Glaubt man den neuesten Äußerungen einiger Ministerpräsidenten, die gerade noch von schnelltestbesicherten Öffnungen gesprochen hatten, inzidiert sich das Land nach ein paar Wochen Click&Meet-Öffnung vieler Geschäfte einem neuen Lockdown entgegen. Die Impfkampagne läuft schleppend. Echte Perspektiven auf ein Ende der Beschränkungen gibt es nicht.

Momentan macht Cornelia Feldmann mit ihren Kundinnen Termine. Immer für eine Stunde. Wer keinen Schnelltest hat, kann ihn im Laden gegen Gebühr nachholen. Sie habe versucht, die Pandemie als Herausforderung zu sehen, sagt Cornelia Feldmann. „Jede Krise hat irgendwo was Positives, man muss die plötzlichen Lücken erkennen, die entstehen, und nutzen.“ Bei ihrem Änderungsschneider hatte die 62-Jährige damals sofort Masken in Auftrag gegeben, damit sie eine der Ersten sein konnte, die ihren Kunden als kleine Aufmerksamkeit die Stoffbedeckungen mitgeben konnte, sobald die Läden wieder öffnen durften.

Feldmann nimmt Corona sehr ernst. „Ich habe Respekt vor dem Virus und den staatlichen Maßnahmen.“ Sie verfolge die sich ständig ändernden Zahlen: Inzidenzen und Belegung von Intensivbetten. Weil es Einfluss auf ihren Laden hat. Im schlimmsten Fall auf die Familie: „Ich habe Kinder und Enkel, das Schlimmste wäre, wenn die im Krankenhaus nicht mehr behandelt werden können, weil alles voll ist.“

Hilde bellt plötzlich. Eine Frau um die 50 schirmt die Augen mit der Hand ab und blinzelt durch die Schaufensterscheibe. Feldmann winkt, hebt die Schultern, breitet die Arme aus und zeigt auf das Plakat an der Tür. Keine Chance ohne Termin.

Hundedame Hilde ist Cornelia Feldmanns „Ladenhüter“.
Hundedame Hilde ist Cornelia Feldmanns „Ladenhüter“. © Ronald Bonß

Im Schnitt hat Cornelia Feldmann in den letzten zwölf Monaten 50 Prozent weniger Umsatz gemacht als sonst. All die Jahre zuvor hatte sie immer kleine Zuwächse. Zur Ladeneröffnung 2013 hätten viele ihr nur ein paar Monate gegeben. Der Online-Handel begann damals zu boomen. Wie sollte da ein solch kleiner Laden abseits des Stadtzentrums eine Chance haben? Ohne vollgestopft zu wirken, passen etwa 500 Bügel auf die acht Ständer, dazu ein paar Accessoires wie Schals, Taschen und Käppis. Alles nur für Frauen.

In den 1970ern hatte Cornelia Feldmann Textilfachverkäuferin in einem Modehaus am Dresdner Altmarkt gelernt, war dann in den Edel-Läden der DDR-Marke Exquisit tätig und arbeitete nach der Wende lange als Managerin in der Fitnessbranche. Ideen haben, ausprobieren, aktiv sein statt jammern – so ließe sich das Lebensmotto von Cornelia Feldmann zusammenfassen.

Schon ihr Vater war selbstständig gewesen, hatte eine Maßschneiderei in der Nähe. Mit ihrem kleinen Modeladen hat Cornelia offenbar die perfekte Nische für sich gefunden. Hochwertige Kleidung, kein Billigkram, aber auch nicht zu teuer. Hosen ab 120 Euro, Jacken für bis zu 400 Euro. Ihr Angebot stellt sie sich bei Großhändlern passend zu ihrer Kundschaft selbst zusammen. „Ich habe zwar einen sehr kleinen Laden, aber ich kann jede Frau bedienen.“ Anfassen und fühlen sei für viele wichtig. Wie der Stoff fällt oder knistert, ob Wolle, Baumwolle, Kaschmir oder Kunstfasern.

Fotos bei Instagram

Die örtliche Lage ist vielleicht nun ein Teil ihrer Rettung. Immerhin reiht sich in der Umgebung ein gutbürgerlicher Stadtteil an den anderen. Sie verkauft fast ausschließlich an lokale Stammkundinnen oder an Menschen, die im Dauerstau vor der Tür einen Blick ins täglich neu dekorierte Schaufenster werfen – und dann selbst zu Stammkundinnen werden. Um die 1.000 Namen hat sie auf der Liste. Die Frauen sind zwischen 30 und 85 Jahre alt. „Es gibt unglaublich schicke alte Damen darunter.“ Manche lassen sich sogar mit den Kleidern für Feldmanns Internetkanäle fotografieren, wie ein Model. Einen Online-Shop hat sie nicht. Nur ihre Bilder.

Während des ersten Lockdowns macht sie Fotos von der Ware und postet die Bilder in sozialen Netzwerken. Theoretisch erreicht sie so alle Altersgruppen. Bei Instagram die jungen, bei Facebook die mittelalten und per Whatsapp alle. Ein Erfolgsrezept. „Alle haben dadurch gewusst, was es bei mir gibt.“ Als sie wieder öffnen darf, hätten die Kunden dann nach den Kleidern auf den Bildern gefragt, sagt Feldmann. Sie ist inzwischen Profi in der Nutzung sozialer Netzwerke für ihr Geschäft, veröffentlicht ihre Bilder immer dann, wenn die meisten online sind. Ihr Freund sei es gewohnt, dass sie zu Hause mit dem Handy dasitze und nebenbei Bilder poste.

„Nur im Laden stehen und hoffen, dass ein Kunde kommt, ging schon lange vor Corona nicht mehr, wenn man nicht gerade einen Laden in der Innenstadt hat, wo auch Touristen vorbeikommen.“ In Corona-Zeiten hätten manche Modehändler auch Heimtextilien wie Bettwäsche ins Angebot aufgenommen. Cornelia Feldmann verkauft nun Taschen einer Tuchmanufaktur und ihre geliebten vasenförmigen Lampen mit eingebautem Funk-Lautsprecher und Eiswürfelkühler für Sektflaschen, die in verschiedenen Farben leuchten können – passend zur Wohnung oder zur Kleidung im Schaufenster. Oft spaziert Feldmann nach Feierabend noch einmal zum Laden, um sich die Wirkung des Schaufensters anzugucken. Auch davon landen regelmäßig Bilder im Netz. Wenn sie nicht arbeitet, liest sie am liebsten Biografien. Zuletzt die von Ex-First-Lady Michelle Obama, einer Frau, die sich nie einschüchtern ließ.

Im März sehr guter Umsatz

Von Hundedame Hilde beäugt, sortiert sie ein paar Kleiderbügel auf die Seite. Ein blumengemusterter Anzug mit Jacke und Hose, Baumwolle und Elasthan, die Jacke zu 399, die Hose zu 189 Euro. Eine Kundin hat beide Teile bestellt. Am Nachmittag will Feldmann die Ware ausliefern.

Als der zweite Lockdown im Dezember startet, beginnt die eigentliche Karriere als Internethändlerin. Zu Kleiderfotos kommt das Angebot, alles per Post zu verschicken oder im Umkreis des Ladens selbst auszuliefern. Daneben hat Feldmann ihren Laden aufgehübscht, hier und da ein bisschen gestrichen und neue Stühle gekauft. Sie will vorbereitet sein, wenn es irgendwann wieder richtig losgeht. Wenn sie Modenschauen veranstalten kann, bei denen der Fußweg vor der Tür zu Laufsteg und Zuschauerzone wird. Der März sei mit fast 90 Prozent vom Umsatz aus Nicht-Corona-Zeiten schon vielversprechend gewesen.

Cornelia Feldmann glaubt, dass mit der Corona-Krise die Wertigkeit von Dingen stark gewachsen ist, weil man auf vieles verzichten müsse. „Wir werden bewusster leben und mehr auf Qualität achten, weil man während dieser Krise mal etwas anderes kennengelernt hat.“ Nur Hundedame Hilde hätte vermutlich gern ihr altes Leben zurück.

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