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Bundestagsvize über AfD in Sachsen: "Das ist schmerzlich"

Yvonne Magwas ist das neue Gesicht im Bundestagspräsidium. Im Interview spricht sie über das neue Amt, Frauen in der Union und den Umgang mit der AfD.

Von Annette Binninger
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Durchgestartet im Bundestag: Die vogtländische CDU-Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas ist am Dienstag zur Bundestagsvizepräsidentin gewählt worden. Foto: dpa/Britta Pedersen/dpa
Durchgestartet im Bundestag: Die vogtländische CDU-Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas ist am Dienstag zur Bundestagsvizepräsidentin gewählt worden. Foto: dpa/Britta Pedersen/dpa © Britta Pedersen/dpa

Sie ist die größte Überraschung bei der ersten Wahl im neu versammelten Deutschen Bundestag: Die Vogtländer CDU-Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas ist am Dienstag mit dem stärksten Ergebnis in einen der begehrten Posten als Bundestagsvizepräsidentin gewählt worden. Sie steht für eine neue Generation, auch in ihrer Partei. Sächsische.de hat die 41-Jährige eines ihrer ersten Interviews in neuer Funktion gegeben.

Ostdeutsch, Frau, jung. Frau Magwas, das klingt für die CDU ziemlich ungewöhnlich.

Das ist doch ein deutliches Signal meiner Partei. Und von daher ein klarer Neuanfang.

Sind Sie die Bestätigung dafür, dass die CDU verstanden hat, dass sie mehr Frauen in Führungspositionen bringen muss?

Ja. (lacht)

Da mussten die Unions-Frauen aber ziemlich lange drum kämpfen.

Wir hatten immer gute Frauen in Führungspositionen. Wir haben eine Bundeskanzlerin, gute Bundes- und Staatsministerinnen, Staatssekretärinnen. Also die Partei hat nicht jetzt erst damit begonnen, den Frauenanteil deutlich zu erhöhen. Als Vorsitzende der Frauen-Gruppe in der Unionsfraktion habe ich das natürlich auch immer wieder thematisiert. Sicherlich ist das jetzt ein Neuanfang, aber wir haben uns doch schon vor längerer Zeit auf den Weg gemacht.

Welche Themen muss die CDU anpacken, damit sie für Frauen attraktiver wird?

Als Bundestags-Vizepräsidentin habe ich mir beispielsweise vorgenommen, die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit, auch von Parlamentsarbeit, zu verbessern. Da sollten wir dringend ein paar Digitalisierungspotenziale heben. Nur ein Beispiel: Ich bin ja vor zwei Jahren Mutter geworden. Die abendlichen Sitzungen mit namentlicher Abstimmung nach 22 Uhr mit einem Kleinkind wahrzunehmen ist – mal gelinde ausgedrückt – herausfordernd. Und wenn das Parlament mehr Lebenswirklichkeit widerspiegeln soll, wenn politische Arbeit attraktiv sein soll, dann muss sich hier auch etwas ändern. Wir sollten da Prozesse straffen, Politik muss attraktiver werden.

Für Frauen stehen aber oft andere Themen mehr im Fokus.

Frauen finden häufig eher über soziale Themen Zugang zur Politik, weil diese Bereiche oftmals stärker mit ihrer Lebenswirklichkeit verknüpft sind. Frauen befassen sich öfter mit den existenziellen Fragen, also beispielsweise Löhnen, Renten, soziale Gerechtigkeit. Da müssen wir als Union sichtbarer werden.

Warum sind Sie eigentlich in die Politik gegangen? Was war der entscheidende Moment?

Ich wollte mitgestalten, mitmachen, mittun. Das war schon immer so. Ich war Klassen- und Schulsprecherin, bin dann ziemlich bald in die Junge Union gegangen. Ich wollte mich immer einsetzen, damit sich etwas verändert. Auch gerne für andere etwas tun. Das ist mir wichtig.

Sie sind im Vogtland, in Rodewisch, geboren – verstehen Sie sich bewusst als Ostdeutsche?

Ich verstehe mich zuallererst als Vogtländerin. Ich bin 1979, also noch in einer Diktatur, geboren, aber in der Demokratie sozialisiert und aufgewachsen. Beides gehört zu mir, das macht mich aus. Wichtig ist mir aber vor allem die gesamtdeutsche Perspektive, das Verbindende.

Machen Sie als Ostdeutsche anders Politik?

Nein, das ist für mich weniger eine Frage von ost- und westdeutsch, sondern mehr ein Generationsthema. Ich habe klare Haltungen, aber im Herangehen bin ich dann sehr pragmatisch. Immer wieder zwischen Ost und West zu trennen, das bringt nicht viel. Ich bin dankbar, dass ich beide Prägungen erfahren habe. Und da kann ich auch immer wieder ganz viel Kraft herausziehen. Die Mehrheit der Ostdeutschen ist doch aus dieser Erfahrung gestärkt hervorgegangen. Davon bin ich überzeugt.

Sie haben in Sachsen als eine von vier CDU-Bundestagsabgeordneten ein Direktmandat geholt – mit dem besten Ergebnis in Sachsen. Was haben Sie anders gemacht als Ihre Parteifreunde?

Für mich ist Wahlkreis-Arbeit immer sehr wichtig. Ich habe viel für meine Heimat getan. Man muss ansprechbar sein und konkret werden. Konkrete Projekte unterstützen, die dann auch wahrgenommen werden – darum geht es. Zu wissen, wo es welche Förderprogramme gibt, schadet auch nicht. Aber ob das so viel anders ist, als das, was meine Parteifreunde gemacht haben? Das weiß ich gar nicht so genau.

Was muss die CDU in Sachsen verändern? Lag es wirklich nur am Kanzlerkandidaten Armin Laschet, dass die Partei auch im Freistaat so hohe Verluste gemacht hat?

Das darf man zumindest nicht außen vor lassen. Dabei hatten wir sogar ein eigenes Ost-Kapitel im Wahlprogramm, ein Zukunftsprogramm für Schienenanbindung in Richtung Tschechien und Polen. Aber auch bei den Themen Löhne, soziale Gerechtigkeit, Rente, Energie haben wir als CDU zu wenig überzeugende Antworten gegeben.

Sie gelten in der sehr konservativen sächsischen CDU eher als progressiv. Wie progressiv?

Klar, ich habe zum Teil andere Themen - Frauen und Familie. Ich halte auch schon mal eine Jugendweihe-Rede, aber bin trotzdem katholisch. Ich bin christlich erzogen worden. Das gehört zu meinem Grundkompass. Barmherzigkeit und Helfen sind meine Grundfesten. Ich bin wie gesagt sehr pragmatisch, versuche trotzdem, authentisch zu sein, bin sehr heimatverbunden. Hinzu kommt, dass ich in einer Patchwork-Familie lebe. Für manche mag das schon progressiv sein. (lacht)

In Sachsen ist die AfD auch bei dieser Bundestagswahl stärkste Kraft geworden – weit vor der CDU. Und die CDU ist sogar hinter die SPD zurückgefallen. Wie wollen Sie hier Wähler zurückgewinnen?

Wir haben als CDU vor allem in der Mitte verloren. Viele sind zur SPD gegangen oder zur FDP oder haben Grün gewählt. Die AfD hat ja nicht hinzugewonnen, die sind ein Stück weit „ausmobilisiert“. Aber dass die AfD ausgerechnet in meiner Heimat so stark ist, das ist schon schmerzlich für mich.

Sind Sie eher dafür, AfD-Wähler wieder zurückzugewinnen und dabei auch Zugeständnisse zu machen – oder eher für eine klare Abgrenzung?

Ich bin für eine klare Grenze, eine klare Kante. Der jüngst veröffentlichte Verfassungsschutzbericht für Sachsen hat das ja nochmal bestätigt: Die AfD ist und bleibt eine rechtsextreme Partei. Da muss es eine klare Abgrenzung geben. Wer sie für bürgerlich-konservativ hält, der weiß selbst nicht, was das ist. Eine Zusammenarbeit mit der AfD käme für mich nicht in Frage.