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Sachsens mächtigster Schreibtisch geht in Rente

Kurt Biedenkopf hatte ihn 1991 angeschafft. Nun wird der Schreibtisch ausgetauscht, an dem alle Ministerpräsidenten gearbeitet haben.

Von Annette Binninger
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Der 1991 angeschaffte Schreibtisch des kürzlich verstorbenen Kurt Biedenkopf hat bis heute allen Ministerpräsidenten gedient. Jetzt muss er weichen.
Der 1991 angeschaffte Schreibtisch des kürzlich verstorbenen Kurt Biedenkopf hat bis heute allen Ministerpräsidenten gedient. Jetzt muss er weichen. © Archivfoto: imago

Dresden. Wenn eine Ära endet, dann hinterlässt die Geschichte manchmal auch ein Möbelstück, das an sie erinnert. In Sachsen ist es ein Schreibtisch, der seit rund 30 Jahren in der Machtzentrale der Landesregierung jedem Regierungschef gedient hat.

Was viele nicht wissen: Es ist noch der erste Schreibtisch, den der erste Ministerpräsident des Freistaats nach der Wende, Kurt Biedenkopf, damals kurz nach seinem Amtsantritt anschaffen ließ. Im funktionalen Büro-Design West der späten 90er-Jahre, tiefschwarz und riesengroß. Seitdem hat der schwarze Tisch das Chef-Zimmer in in der Staatskanzlei nie verlassen. Alle drei Amtsnachfolger – Georg Milbradt, Stanislaw Tillich und auch Michael Kretschmer – steuerten von diesem Tisch aus die Geschicke des Freistaats. An diesem Tisch wurden die wichtigsten Ansiedlungsverträge unterzeichnet sowie die umfangreichen Gesetzes-Neuerungen, die zur Neustrukturierung von Schulen und Hochschulen dienten. Dieser Tisch hat alles „gesehen“ und „gehört“ an sächsischer Geschichte aus den vergangenen 30 Jahren. Er hat auch die vertraulichsten Besprechungen zu Skandalen und Affären in der Landesregierung miterlebt. Die Ministerpräsidenten kamen und gingen, „Bikos“ Schreibtisch blieb. Und dafür sieht er auch nach 30 Jahren noch erstaunlich widerstandsfähig und weithin unbeschädigt aus. Er blieb und blieb.

"Erforderliche" Neumöblierung

Passend dazu lud eine Sitzgruppe aus schweren, schwarzen Stahlrohr-Sesseln mit Lederauflage und einem runden schwarzen Tisch zu so mancher Krisen-Sitzung ins Chef-Büro am Regierungssitz mit der goldenen Krone und herrlichem Elbblick.

Doch nach fast 30 Jahren ist nun Schluss mit Schwarz. Die Möbel zeigten nach 30 Jahren Dienstzeit „auch schon entsprechenden sichtbaren Verschleiß“, teilte Regierungssprecher Ralph Schreiber auf Nachfrage mit. Sie seien auch „nicht mehr zeitgemäß“. Und: „Auch im Hinblick auf den repräsentativen Charakter des Büros des Ministerpräsidenten machte sich eine Neumöblierung erforderlich“, so Schreiber.

Gäste des Ministerpräsidenten stellten in den vergangenen Tagen bereits erstaunt fest, dass sich das Dienstzimmer schon weitgehend geleert hat. Auch das wuchtige, jahrzehntealte Wandregal mit schweren Nachschlagewerken und allerlei mehr oder minder dekorativen Geschenken an den Freistaat ist bereits verschwunden. Zwei Wände sind nahezu völlig leer, auch das große, moderne Gemälde mit den farbig-plakativen Streifen hat das Chef-Zimmer des derzeitigen Amtsinhabers bereits verlassen und ist zurück in den Kunst-Fonds des Freistaats gegangen, aus dem auch er sich Gemälde ausleihen kann.

Es hallt in dem Raum, der weiße Teppichboden aus „Biko-“Zeiten, der vermutlich Dutzende von chemischen Reinigungen in den vergangenen Jahrzehnten nötig hatte, ist bereits ausgetauscht. Ein Milchcafé-Ton ersetzt das reine Weiß und dürfte künftig etwas pflegeleichter sein. Die neue Büro-Ausstattung, die erste neue seit Kurt Biedenkopf, soll Ende des Jahres geliefert sein.

Was dann mit „Bikos“ altem Schreibtisch und der übrigen historischen Einrichtung geschehen wird, ist noch unklar. Über eine „weitere Verwendung der Altmöbel“ sei „noch keine abschließende Entscheidung gefallen“, heißt es dazu aus der Staatskanzlei. Vielleicht gibt es also noch eine Chance für ein Museum oder gar eine Versteigerung für einen guten Zweck. Dem kürzlich verstorbenen Kurt Biedenkopf hätte diese Idee vermutlich gefallen.