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Rainald Grebe tanzt mit altem Adel

Regisseur, Musiker und Stückeschreiber Rainald Grebe macht gerade kein Theater in Dresden, sondern versorgt die Welt mit sehr spezieller Pop-Musik.

Rainald Grebe, der im vergangenen Jahr die Corona-Revue „Einmeterfünfzig“ im Dresdner Schauspielhaus auf die Bühne brachte, hat jetzt ein neues Album fertig.
Rainald Grebe, der im vergangenen Jahr die Corona-Revue „Einmeterfünfzig“ im Dresdner Schauspielhaus auf die Bühne brachte, hat jetzt ein neues Album fertig. ©  PR

Er hat es geschafft, wird aber kaum glücklich mit dem Ergebnis werden. Vor Veröffentlichung seines neuen Albums erklärte Rainald Grebe, sein größter Wunsch sei es, damit eine Rezension im Musikmagazin Rolling Stone zu ergattern. Das hat prinzipiell geklappt. Allerdings räumten die Kollegen Grebes Werk, das ab Freitag zu haben ist, nur einen Zehnzeiler in der Rubrik „Short Cuts“ ein. Inklusive eher mauliger Bewertung. Und das hat er wirklich nicht verdient.

Schließlich bringt der vielseitig aktive Künstler irgendwie das gesamte vergangene Jahr auf den Punkt. Da muss es einfach auch mal „überraschend unlustig“ zugehen dürfen. Politische Entwicklungen, die furchtbar nerven, Frust über geplatzte Tourneen, der sich mit sentimentalen Erinnerungen paart, absonderlicher Lockdown-Zeitvertreib, der zu einem jähen Interesse am alten Adel, zur Sucht nach Eis und schrägen Gedankenspielen führt. Das sind nur einige Punkte, die Grebe behandelt.

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Rainald Grebe, geboren 1971 in Köln, lebt jetzt in Berlin und in einem Uckermark-Dorf.
Rainald Grebe, geboren 1971 in Köln, lebt jetzt in Berlin und in einem Uckermark-Dorf. © PR

Für ihn, der auf seinen bisher veröffentlichten Platten im Wesentlichen auf von einer Kleinstband umrahmtes Klavierspiel baute, ging’s diesmal in die Vollen. Nicht umsonst heißt das Album „Popmusik“, genau mit der jongliert Grebe. Zum Start mit „Wissenschaft ist eine Meinung“ blubbern die Disco-Beats, die Neue Deutsche Welle wird ebenso gestreift wie der richtig fette Bombast. So dreht das sentimentale wie zunächst sparsam instrumentierte Stück „Flugbegleiterin“ über den letzten Arbeitstag einer Stewardess zum Schluss mächtig auf. Orchestral anmutender Schwulst mit Soundeffekten, die schon Pink-Floyd-Klangdimensionen erreichen. So etwas gab es bei Grebe noch nie. Doch es steht ihm.

Links der Wolf, rechts der See

Zwar nahm er das Ganze in der Uckermark auf – „links der Wolf, rechts der See, oben der Storch, weit ab vom Schuss und vom Handynetz“, wie es offiziell heißt. Doch natürlich hat der Mann, der in Leipzig wie in Dresden mehrfach am Theater inszenierte, stets auch Sachsen im Blick. So heißt es im Song „Meganice Zeit“: „Wir fahrn durch Sachsen / an der Straße steht ein Gnu / nu mir fallen die Augen zu.“ Haut einen jetzt vielleicht nicht um, im Gesamtkontext wiederum passt das schon.

Natürlich ist die Platte keine Ansammlung verbaler wie musikalischer Höhepunkte, es wird schon mal etwas flach und vorhersehbar. Der Aluhut kriegt was auf den Deckel, ebenso der Immerzu-Macher und der Veganer sowieso. Im Kontrast dazu rauscht die gar merkwürdige Kiffer-Minioper „Die Kraft der Pflanze“ mit Synthie-Flattern, übersäuerten Gitarrenschleifen und Auto-Tune-Effekten durch und sollte am besten unter Zuhilfenahme spezieller Kräuter genossen werden.

„Ich bin kein guter Pianist, da gibt es viele, die das besser können“, sagt Grebe. „Ich nutze das Instrument nur als Begleitung – ein paar Akkorde drücken, mehr ist es nicht.“ Deshalb holte er sich für „Popmusik“ den umtriebigen Kollegen Martin Bechler von Fortuna Ehrenfeld als Mitkomponisten und als versierten Instrumentalisten ins Boot.

Bechler übernahm es somit auch, die Tasten für den überraschendsten Song auf diesem Album zu drücken. Amanda McBrooms Herzschmerz-Überhit „The Rose“ wird zunächst vom Männergesangsverein „Harmonie“ aus Lünen vielstimmig und mit viel Pathos interpretiert, das Finale übernimmt Grebe allein, ohne dabei in die Satire abzubiegen. Offensichtlich meint er es mit dieser Nummer ernst. Und ja, sie ist tatsächlich ein wirksamer Seelenwärmer, den bereits Bette Middler und Nana Mouskouri erfolgreich einsetzten.

Pessimismus pur passt auch gar nicht zu Rainald Grebes Analyse der Gegenwart. Er ist sich sicher: „Die Welt geht unter, aber sie geht auch wieder auf.“ Und irgendwann werden selbst die Damen und Herren vom Rolling Stone sein Werk zu würdigen wissen.

Das Album: Rainald Grebe, Popmusik. Tonproduktion Records/Rough Trade

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