merken
PLUS Sachsen

Razzia bei Rezeptabrechner sächsischer Apotheken

Mehr Beschuldigte, neue Vorwürfe: Die Staatsanwaltschaft weitet ihre Ermittlungen gegen den insolventen Dienstleister AVP deutlich aus.

Die Ermittlungen gegen den Apothekendienstleister AVP, der auch für zahlreiche sächsische Apotheker Rezepte abrechnete, sind ausgeweitet worden.
Die Ermittlungen gegen den Apothekendienstleister AVP, der auch für zahlreiche sächsische Apotheker Rezepte abrechnete, sind ausgeweitet worden. © Thomas Kretschel/kairospress

Düsseldorf/Dresden. Der Finanzskandal um den Rezeptabrechner AVP zieht weitere Kreise. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf teilte mit, sie habe am heutigen Donnerstag 15 Objekte durchsuchen lassen, sowohl private wie auch firmeneigene. Zudem richteten sich die Ermittlungen nunmehr gegen fünf Personen, "die zur Führungsebene der Unternehmensgruppe AVP gehören beziehungsweise Mitarbeiterin oder Mitarbeiter sind oder waren". Bislang war lediglich von zwei Beschuldigten die Rede gewesen.

Bei der AVP handelt es sich um ein Apothekenabrechnungszentrum, das seit Anfang November 2020 pleite ist. Von der Insolvenz ist in Sachsen rund jede zehnte der 950 Apotheken betroffen. Insgesamt war der 1999 gegründete Finanzdienstleister für ein Abrechnungsvolumen von gut sieben Milliarden Euro im Jahr zuständig. Nun warten rund 3.200 Gläubiger auf 617 Millionen Euro.

Anzeige
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?

Das therapeutische Gesundheitszentrum von PPS Medical Fitness in Dresden bietet modernste Möglichkeiten. Hier bringt Arbeiten Spaß und Erfüllung.

Schatten über der Apotheker-Branche: Die Pleite des Rezeptabrechners AVP zeigt, wie bürokratisch und unsicher der Finanzflüsse zwischen Krankenkassen, Pharmaunternehmen und Apothekern ist.
Schatten über der Apotheker-Branche: Die Pleite des Rezeptabrechners AVP zeigt, wie bürokratisch und unsicher der Finanzflüsse zwischen Krankenkassen, Pharmaunternehmen und Apothekern ist. © Thomas Kretschel/kairospress

Staatsanwalt Lukas Kockmann von der Schwerpunktabteilung Wirtschaftsstrafsachen teilte mit, es stünden mehrere Tatvorwürfe im Raum: Insolvenzverschleppung, Bilanzfälschung, Urkundenfälschung, Betrug und/oder Beihilfe zum Betrug, Bankrott und Untreue. Es bestehe der Verdacht, "dass Erträge verbucht worden sind, die es tatsächlich nicht gegeben hat". So sei die wirtschaftliche Lage der AVP besser dargestellt worden, "als sie tatsächlich war". Ferner sei die Insolvenz zu spät beantragt worden. Darüber hinaus habe es "sachfremde Verfügungen" sowie "sachfremde Entnahmen von Firmenkonten zugunsten einzelner Beschuldigter" gegeben.

Bekannt ist, dass etwa AVP-Eigentümer Matthias W. für Geschäftstermine und Urlaubsreisen einen Learjet des brasilianischen Herstellers Embraer charterte. Die Kosten dafür sollen über eine MW Aviation GmbH & Co. KG verrechnet worden sein. Ob in diese Firma Geld von den Apothekerkonten der AVP floss, auch das untersucht derzeit die Staatsanwaltschaft Düsseldorf.

Mit diesem gecharterten Jet war AVP-Eigentümer Mathias W. jahrelang zu seinen Geschäftsterminen unterwegs.
Mit diesem gecharterten Jet war AVP-Eigentümer Mathias W. jahrelang zu seinen Geschäftsterminen unterwegs. © Marco Materlik

Weiterführende Artikel

Pleite auf Rezept

Pleite auf Rezept

In der Apotheker-Branche ist ein großes Rechenzentrum insolvent. Der Fall zeigt beispielhaft, wie die Bürokratie im Gesundheitssystem wuchert.

Die Ermittlungen gehen nach Angaben von Kockmann zurück auf eine Strafanzeige der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht im September 2020. Die Auswertung bislang vorliegender Beweismittel sowie Zeugenvernehmungen hätten "die Notwendigkeit der heute erfolgten Durchsuchungsmaßnahmen" ergeben. Wegen des laufenden Verfahrens würden keine weiteren Details bekanntgegeben.

Mehr zum Thema Sachsen