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Leben in einer Sekte: „Zu viel Schmerz für eine Person“

Verena* ist in einer satanistischen Sekte aufgewachsen, ihre Kindheit war geprägt von Folter und Vergewaltigung, mit 44 stieg sie aus. Wie kann man überleben?

Verena* empfindet sich als mehrere Menschen. Ihre Persönlichkeit hat sich gespalten und ein einzelnes Ich nicht ertragen, was ihre Kindheit in der Sekte prägte.
Verena* empfindet sich als mehrere Menschen. Ihre Persönlichkeit hat sich gespalten und ein einzelnes Ich nicht ertragen, was ihre Kindheit in der Sekte prägte. © Matthias Rietschel

In guten Nächten schafft Verena* zwei Stunden. Oft wacht sie nach einer auf. Der Käfig, die Hunde, das Blut. Das Rotlicht, die Masken, die Männer. Ein Kind in finsterer Einsamkeit und doch nie allein. Die Bilder peitschen nur dann nicht durch ihren Kopf, wenn er zu erschöpft ist, um sie zu zeigen. Träume wie Horrorfilme, der Schlaf eine Qual. Verena wurde in eine Sekte geboren, die sie gefoltert, vergewaltigt und prostituiert hat. Mit 44 Jahren ist sie ausgestiegen. Das ist rund 15 Jahre her.

Ein nüchterner Raum an der Dresdner Waldschlösschenklinik. Verena lässt sich in einen Polsterstuhl sinken. Monate hat sie an der Traumaklinik verbracht. Diesmal ist sie für ein paar Stunden da, um zu reden. „Damit andere sich früher helfen lassen.“ Mit den runden Brillengläsern, dem grau melierten Kurzhaarschnitt, Wanderschuhen und Rollkragenpulli wirkt sie wie der Typ naturverbundene Akademikerin.

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„Wir wollten nie weiblich wirken. Das war immer Anreiz, was mit uns zu machen.“ Die Klinik hat Verena eine dissoziative Identitätsstörung (DIS) diagnostiziert. Verenas Persönlichkeit wurde gespalten, als sie ein Kind war. „Es war zu viel Schmerz für eine Person. Wir hätten es nicht viel länger ertragen. Sonst wären wir abgekackt.“ Verena ist nicht ein Mensch. Sie ist Dutzende. In einem Körper, in einem Kopf.

Verena* hat inzwischen keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie. Bedroht wurde sie auch nach ihrem Ausstieg aus der Sekte noch regelmäßig.
Verena* hat inzwischen keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie. Bedroht wurde sie auch nach ihrem Ausstieg aus der Sekte noch regelmäßig. © Matthias Rietschel

Es gibt Solveig und Cassi, die Schmerzen ertragen. Es gibt „die Kinder“, die nach Albernheit und Nähe dürsten, die solide Hausfrau Gertrud, die Extremsportlerin Sasse, Tore, der wie ein Hund gehalten worden ist, Greta, die wusste, welches Kleid und welche Praktik welcher Freier mag. Es gibt den düsteren, täterloyalen Anteil, der Verena bis heute abhält, ihre Peiniger zu ahnden.

Und es gibt sie, Verena, die für alle spricht, so gut sie kann. Alle haben eigene Erinnerungen und Fähigkeiten, sprechen und schreiben anders. „Der Vorteil ist, dass man vieles kann.“ 20 Jahre lang hat Verena als „hohes Tier“ in der Bank gearbeitet, außerdem für einen Bundesligaverein und Glasmalerei, hat verkauft und restauriert.

"Das Schlimme war, dass niemand gefragt hat: Warum fehlt die denn so oft? Man hätte das System sprengen können."

Menschen spalten sich zum Schutz. Jeder Missbrauch, jede Folter hinterlässt bei Kindern Wunden, die so schmerzhaft sind, dass sie sie ausblenden. Geschieht das immer wieder, spalten sie ganze Wesenszüge ab. Oft beginnt es mit einem Tag- und einem Nacht-Ich. Eins geht zur Schule, das andere zu Freiern.

Identität hat der Mensch bei der Geburt noch nicht. Damit er alle Zustände von Angst bis Freude als zusammenhängendes Ich empfindet, das Gehirn alle zu einem gemeinsamen Gefühl integriert, muss er in Sicherheit aufwachsen. In gewalttätiger, unberechenbarer Umgebung bleiben Soll-Bruchstellen, weil Netzwerke im Gehirn nicht zusammenwachsen. Der Mensch empfindet sich als mehrere.

Verenas Erinnerungen beginnen mit den Sexspielen des Vaters. „Sofa und der Erzeuger, das war ein Synonym für Schrecken.“ Hinter die Fassade blickte niemand. Davor fiel kaum was auf.

Reihenhaus, Vater mit Verwaltungsjob, Mutter mit vier Kindern. Gewöhnlich, angesehen, abgeschottet. „Gefühle gab es nicht. Das Wort Liebe hasse ich.“ Freunde waren verboten. In der Schule fehlte Verena ständig, doch ihre Noten waren gut genug, um Lehrer ruhigzustellen. „Das Schlimme war, dass niemand gefragt hat: Warum fehlt die denn so oft? Man hätte das System sprengen können.“

Verena* hat zu dem Treffen Collagen und Bilder mitgebracht, in denen sie ihre Erlebnisse verarbeitet hat. Bis heute kann sie sich an viele nur teilweise erinnern.
Verena* hat zu dem Treffen Collagen und Bilder mitgebracht, in denen sie ihre Erlebnisse verarbeitet hat. Bis heute kann sie sich an viele nur teilweise erinnern. © Matthias Rietschel

Verenas Augen fixieren einen fernen Punkt. „Während der Kindergartenzeit wurde man nackig draußen in die Kälte gestellt, bis man sagte: Ja, ich mach’s.“ Immer wieder dachte Verena, sie würde sterben. Nahtoderfahrungen erschüttern bis ins Innerste. Wer sie beendet, ist als Retter abgespeichert, dem man gehorcht.

"Warum schreien die Kinder in den Porno-Videos nicht?"

„Bei Strom hast du das Gefühl, der ganze Körper explodiert. Wenn die Stärke immer doller wird, glaubst du, du stirbst.“ Tagelang verlor Verena sich in der Dunkelheit. Eingesperrt. Ohne Essen, Trinken, Orientierung. Manchmal sei eine Untertasse mit Wasser durch den Spalt gerutscht. „Damit du nicht wegstirbst. Aber du lebst auch nicht.“

Immer wieder musste sie Erbrochenes essen oder hungern. Verena prustet, schüttelt sich. „Sehen Sie das?“ Sie zieht den Ärmel ihres Pullis über einen Flickenteppich, ein Mosaik aus Haut, aus Spuren von Bestrafung. Helle und dunkle Stellen, manche sehen aus, als zerrte man daran. Auf Verenas Hand prangt eine verblasste von früher einmal drei Sechsen, auf ihrer Brust ein Pentagramm. Manches kommt von Messern, manches von glühendem Metall.

Verenas Familie gehörte einer satanistisch-faschistoiden Sekte an. Menschen mit anderen Religionen, Hautfarben oder Behinderungen galten als lebensunwürdig. „Man hat erzählt, dass wir die Auserwählten, die Elite sind. Wir Kinder mussten uns oft gegenseitig wehtun.“ Mit Folter hat man sie abgerichtet, den Körper klaglos hinzugeben. „Der Erzeuger war kalt wie Eisen, hat uns für den Einstieg in die Gruppe trainiert.“ Verena hat gelernt, dass Widerstand nur noch mehr Schmerz bedeutet.

Martina Rudolph, Leitende Ärztin der Dresdner Waldschlösschenklinik, sieht darin System. „Wir kriegen sicher nur die Spitze des Eisbergs mit“, sagt sie. „Aber das, was durch aufgeflogene Missbrauchs-Netzwerke an die Öffentlichkeit kommt, führt zur Frage: Wo kommen diese Kinder her, und wie sind sie in das Video geraten? Warum schreien die Kinder in den Porno-Videos nicht? Warum wehren sie sich nicht? Die sind dressiert.“

Martina Rudolph, Leitende Ärztin der Dresdner Waldschlösschenklinik: "Das Jugendamt setzt viel zu spät an."
Martina Rudolph, Leitende Ärztin der Dresdner Waldschlösschenklinik: "Das Jugendamt setzt viel zu spät an." © Matthias Rietschel

Rudolph sieht keine Mystik, sondern einen Zusammenhang zwischen Kult und Kommerz. „Die Konditionierung wird benutzt, um Geld zu machen. Die Verzahnung mit dem Satanismus ist nützlich für den kommerziellen Zweck. Menschen sind über Werte und Ideologien besser steuerbar.“

„Das Böse ist banal. Wenn es genug Anreize gibt, kippen Menschen in ihren moralischen Vorstellungen."

Häufiges Vorbild ist der Okkultist Aleister Crowley, dessen oberstes Gebot lautet: „Tu, was du willst.“ Immer wieder finden sich Verbindungen zwischen Folter, schwerem sexuellen Kindesmissbrauch und rechtsextremer Ideologie. Schon NSDAP-Arzt Josef Mengele hat in Konzentrationslagern erprobt, wie sich die Psyche durch Folter spalten lässt. Auch bei den Ermittlungen gegen den NSU tauchten Hinweise dafür auf, dass die Rechtsterroristen Kinder missbraucht und getötet haben könnten.

Mit den Horrormythen der rechtsextremen QAnon-Bewegung, die es im Corona-Jahr zu großer Popularität geschafft hat, haben diese Sekten nichts zu tun. QAnon erfindet Zahlen, Orte und Codes, ordnet Taten US-Demokraten und Juden zu, behauptet, dass Stars durch Kinderblut jung blieben.

Für die Existenz von satanistisch-faschistoiden Kulten dagegen gibt es Beweise: Erzählungen unzähliger Betroffener, Ermittlungserfolge gegen Sekten wie Colonia Dignidad, Berichte von Gremien wie der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die vor gut vernetzten Tätergruppen warnt.

Rudolph erklärt sich QAnon so: „Vielleicht wollen die Leute den Kindesmissbrauch, der von Vereinen bis in Kirchen überall geschieht, auf andere abschieben, um es aus der eigenen Gesellschaftsschicht fernzuhalten. So können sie sich vorgaukeln, es gebe das bei ihnen nicht.“

Die Grausamkeit der Menschen begründet sie mit Geld und Zugehörigkeit. „Das Böse ist banal. Wenn es genug Anreize gibt, kippen Menschen in ihren moralischen Vorstellungen. Beim ersten Mal mag die Scham groß sein. Danach ist die Grenze überschritten. Es braucht neue Kicks.“

Das oberste Gebot heißt Schweigen

Besonders eskalierte die Gewalt oft an Feiertagen. Viel Zeit ohne Beobachtung von außen. Mitschüler erzählten nach Weihnachten vom Fest. Verena hatte Gedächtnislücken. „Halloween ist einfach nur schrecklich. Da waren größere Treffen, wo es richtige Exzesse gab. Was mit dir passiert ist, wenn du vom Altar runterkommst, hing davon ab, ob du dann noch laufen kannst.“

Verena schnaubt, knetet die Hände, lacht verlegen. Manchmal wirkt sie noch immer wie ein Kind. Die Begriffe, die sie verwendet, die Ausgelassenheit in ihrem Lachen – sie widersprechen ihrem Alter und dem Grauen, über das sie spricht.

DIS-Patientinnen von Martina Rudolph haben alle Ähnliches erlebt. „Aus den Zahlen in Abrechnungssystemen geht hervor, dass es in Deutschland etwa ein Prozent bestätigter Fälle gibt“, sagt sie. Mehr als 800.000 Menschen, meist Frauen. „Dann gibt es die Dunkelziffer. Viele sind nicht in Therapie oder werden fehlbehandelt.“

Wegen Psychosen, Depressionen, Schmerzen, Essstörungen, Borderline, Schizophrenie. Die DIS zeichnen sehr eigene Symptome aus, doch sie gilt als schwer diagnostizierbar. Das oberste Gebot in Sekten heißt Schweigen. Betroffenen wurde antrainiert, sich lieber umzubringen, als Täter zu verraten. Viele halten sich für verrückt, schämen sich für ihre vielen Ichs.

Auch Verena wurde lange fehltherapiert. Als sie ihren Bankjob wegen der Magersucht verlor, landete sie erstmals in einer Klinik. Es folgten Aufenthalte wegen vermeintlicher Suizidversuche. Erst die Waldschlösschenklinik stellte vor elf Jahren die richtige Diagnose. „Es gibt zu wenig gute Kliniken“, sagt sie.

Verena* wurde dazu abgerichtet, sich zu verletzen uns ich umzubringen, ehe sie das Schweigen bricht. Immer wieder stand sie während ihrer Therapie in Dresden auf der damals noch unfertigen Waldschlösschenbrücke, um sich in einen Schacht zu stürzen.
Verena* wurde dazu abgerichtet, sich zu verletzen uns ich umzubringen, ehe sie das Schweigen bricht. Immer wieder stand sie während ihrer Therapie in Dresden auf der damals noch unfertigen Waldschlösschenbrücke, um sich in einen Schacht zu stürzen. © Christian Juppe

Viele sind überfordert. Eine frühere Therapeutin weigerte sich, sie als mehrere anzusprechen. „Wenn wir nicht in der Wir-Form sprechen, ignorieren wir alle. Aber sie haben ein Recht, da zu sein. Die haben uns das Leben gerettet.“

Durch viel Therapie hat Verena inzwischen ein Bewusstsein für alle. „Früher hab ich nur gemerkt, dass die Sportlerin wieder Marathon gelaufen ist, weil ich das Finisher-Shirt in der Wäsche gefunden hab und das Knie wehtat.“ An Montagen konnte sie nur über die blutigen Striemen an Armen und Beinen herleiten, was am Wochenende bei Freiern geschehen war. Heutzutage fehlen höchstens mal ein paar Stunden.

"Wir waren nicht nur Opfer, haben auch Schönes erlebt. Das Gemeinschaftsgefühl vermissen wir. Wenn man aussteigt, hat man gar nichts."

Ohne die Ausstiegshelferin von der Kirche, ohne die Therapie hätte Verena die Sekte nicht verlassen. Wegen der Angst und der Einsamkeit. „Viele von uns brauchen die Gruppe. Wir waren nicht nur Opfer, sondern auch Mitglied, haben auch Schönes erlebt. Das Gemeinschaftsgefühl vermissen wir. Wenn man aussteigt, hat man gar nichts. Wir haben nichts.“

Verena hat Bilder mitgebracht, die sie gemalt hat. Eins zeigt einen Säugling in Schlingen, die aus der Erde gen Himmel zu einem Regenbogen führen. „Es gibt in jedem einen Kern, der überleben will.“

Nach einem ersten Ausstiegsversuch geht Verena doch wieder zurück, muss zur Strafe auf Holzpfählen stehen. Immer wieder wird sie rückfällig. Auch danach verfolgen sie Drohungen. Fremde Autos versuchen, sie anzufahren. In ihrem Briefkasten liegen abgehackte Taubenköpfe, Puppen mit zerritzten Herzen.

Zu ihren Erzeugern hat Verena seit zehn Jahren keinen Kontakt. Inzwischen sind sie tot. Zur Polizei ist sie nie gegangen. Polizisten, Richter, Anwälte seien Teil der Sekte gewesen. Bei anderen Aussteigerinnen sah sie langjährigen, erfolglosen Prozessen zu. Viele Taten sind verjährt.

Das Rechtssystem ist für diese Art Gewalt nicht gemacht, zumal es keinen Straftatbestand „rituelle Gewalt“ gibt. Täter tragen oft Masken, verabreichen Drogen, fahren im Dunkeln zu fremden Orten.

Vor Gericht können Betroffene nur das Was und das Wie benennen. Wann, wo und wer – selbst wenn sie es sagen könnten: Wer glaubt einer Person, die sich als mehrere empfindet? Je härter die Folter, je schlimmer die Tat, desto besser ist ein Täter geschützt, weil Betroffene das Trauma abspalten, sich nicht oder nur schemenhaft erinnern.

Martina Rudolph sagt, dass auch in Psychiatrien, Kindergärten und Schulen viel Aufklärung passieren müsste. Obwohl die DIS in internationalen Klassifikationssystemen steht, leugnen einige sie.

„Das Jugendamt setzt viel zu spät an. Jugendpsychiatrien sind nicht gut genug informiert. Der Schutz der Familie steht in Ämtern bis heute über dem Schutz des Kindes. Kliniken sprechen im schlimmsten Fall mit Tätern über Lösungen für das Kind, die natürlich das Deckmäntelchen der Familie übergestülpt haben.“

Verena würde gern vertrauen können

Mit dem „Hilfe-Telefon berta“ gibt es seit knapp zwei Jahren eine wichtige Anlaufstelle für Betroffene. 4.600 Gespräche haben die Beraterinnen schon geführt. Oft zum Ausstieg. „Sie stehen zur Seite, hören zu und bleiben da – auch wenn es schwer wird“, sagt Beraterin Tanja von Bodelschwingh. „Das ist besonders wertvoll, weil es vergleichsweise wenig regionale Angebote für Menschen gibt, die derart gewaltvolle Erfahrungen machen mussten.“

Verena hat es geschafft und überlebt. Auf die Frage, ob sie sich mag, muss sie lachen. „Wir hassen unseren Körper. Sich eincremen, sich wertschätzen, ist ganz schwierig.“ Verenas Schultern sind ausgeleiert, weil sie häufig an den Armen aufgehängt wurde. Ihre Knie sind durch Sport und die vielen Stellungen verschlissen.

Ihre Füße schmerzen, seit sie auf den Holzpfählen verharrte. Von ihrem Dickdarm musste ein Meter entfernt werden. Verena würde gern vertrauen. „Gerade in der Corona-Zeit merkt man: Keiner braucht uns. Wir wünschen uns Freunde, eine Beziehung, Umarmungen. Aber wir können nur Leuten aus dem Helferkontext vertrauen, weil die es sich nicht erlauben können, fies zu uns zu sein.“

Auf Signale, bei denen sie früher in ein wartendes Autos steigen musste, reagieren Teile von ihr bis heute. Lichter, Lieder, Nelken, Rosen. An Feiertagen fährt sie die Rollläden runter, schaltet die Klingel ab.

Verena lächelt. „Wir denken, dass noch was fehlt, dass wir das Leben noch genießen wollen.“ In der Therapie hat sie gelernt, sich über Blumen und Fotografie zu freuen. Am Ufer sitzen und Eisvögeln zusehen, bis sie einen Fisch fangen. „Wir würden nicht pauschal sagen, dass es lebenswert ist. Wir haben zu wenig Geld, können kaum arbeiten, sind körperlich völlig kaputt. Mal denkt man: Es ist noch schön.“ Dann wieder treiben die Folgen der Folter sie an die Schmerzgrenze, und sie denkt: „Wie lange muss ich das noch erleiden?“

*Name von der Redaktion geändert

Hilfe-Telefon berta: 0800 30 50 750

Dissoziative Identitätsstörungen (DIS) treten bei Menschen auf, die extreme Gewalt in ihrer Kindheit erlebt haben. Die Dissoziation ist ein Abwehr- und Überlebensprozess des Gehirns. Es blendet einen Teil des Lebens so weit aus, dass er körperlich und emotional nicht mehr spürbar ist. Wenn so etwas immer wieder passiert, entwickelt sich ein abgespaltenes Bewusstsein über den gewalterfüllten Teil des Alltags, während andere Teile des Gehirns ihr eigenes Ich-Bewusstsein entwickeln. Bei der Geburt hat der Mensch noch nicht das eine, kohärente Ich. Identität entwickelt sich erst. Wenn das Kind in einer stabilen, sicheren und liebevollen Umgebung heranreift, lernt es, dass alle Zustände von Hunger und Angst bis hin zu Freude und Zufriedenheit zu seinem einen Ich gehören. Wenn Sicherheit und Stabilität nicht gegeben sind, kommt all das nicht zusammen. Der Mensch empfindet sich als mehrere. Physische Belege liefert etwa die funktionale Magnetresonanztomographie (MRT), bei der sich Blutströme in verschiedenen Regionen des Gehirns zeigen - je nachdem, welche Ich-Identität gerade agiert.

Dissoziative Identitätsstörungen werden oft erst spät oder gar nicht entdeckt. Ehe Betroffene die Diagnose erhalten, ist ihnen oft nicht bewusst, dass mehrere Ich-Identitäten agieren, weil diese voneinander nichts mitbekommen. Stattdessen klaffen Erinnerungslücken, die oft zu Scham führen. Immer wieder werden Betroffene über viele Jahre hinweg fehlbehandelt, beispielsweise mit der Diagnose Schizophrenie oder Borderline. Dabei liegt der Schizophrenie im Gegensatz zur DIS nicht unbedingt ein Trauma zugrunde.

Es handelt sich um eine multifaktorielle Erkrankung, bei der Stoffwechselprobleme eine Rolle spielen. Schizophrenie-Patientinnen nehmen nicht in sich selbst, sondern von außerhalb Stimmen wahr, entwickeln oft einen Wahn, erklären sich die Stimmen mit Marsmenschen, Jesus, der Stasi oder anderen Fantastereien. DIS-Patientinnen dagegen wirken meist aufgeräumt und sehr strukturiert. Symptome der Schizophrenie lassen sich mit Medikamenten abmildern - die bei DIS-Patientinnen keine Verbesserung bewirken.

Die Verwechslung mit Borderline-Patientinnen rührt daher, dass diese sehr radikal zwischen negativen und positiven Gefühlszuständen changieren können. Bei Fehldiagnosen werden die mehreren Identitäten der DIS als Borderline-Zustände missinterpretiert. Dabei weiß ein Borderliner selbst nach dem extremsten Wutausbruch noch, dass auch das er selbst war. Ein DIS-Patient dagegen wüsste nicht, wovon die Rede ist.

Bei der Therapie von DIS-Patientinnen und Patienten ist es wichtig, die inneren Identitäten miteinander kommunizieren zu lassen und ihr Verständnis füreinander zu fördern. Nur wenige Klinken in Deutschland bieten DIS-Konzepte an. Die Klinik am Waldschlösschen in Dresden gehört zu den wenigen. Es gibt themenbezogene Gruppen, Aufstellungsarbeiten, durch die Beziehungen zwischen den Ich-Identitäten deutlicher werden, Kunst- und Ergotherapie. Es gibt eine Vertragsgruppe für Patienten mit schädlichen Verhaltensweisen und eine Notfall-Gruppe für den Fall, dass jemand die Klinik verlässt, desorientiert durch die Gegend irrt, sich schlimmstenfalls verletzt. Ziel ist es, dass die Anteile möglichst gut miteinander klarkommen, der Mensch sich nicht mehr selbst schädigt. Es soll so viel Bewusstsein für die jeweiligen anderen Anteile vorhanden sein, dass der Patient steuerungsfähig ist, Absprachen über den Alltag, über Lebensziele und Entscheidungen treffen kann.

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