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Sächsischer Mord von vor 500 Jahren aufgeklärt

In Annaberg taucht ein Grab voller Rätsel auf. Wie Archäologen, Historiker und Anthropologen einen Krimi klären, der vor 500 Jahren zur Staatsaffäre wurde.

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Christiane Hemker zeigt den Schädel des Toten aus Grab 20. Im archäologischen Archiv Sachsen lagern in 60.000 Kartons rund 18 Millionen Befunde.
Christiane Hemker zeigt den Schädel des Toten aus Grab 20. Im archäologischen Archiv Sachsen lagern in 60.000 Kartons rund 18 Millionen Befunde. © Thomas Schade

Von Thomas Schade

Für Christiane Hemker ist es wie immer, wenn auf geschichtsträchtigem Boden Neues entstehen soll. Dann darf die Archäologin ran, um die Relikte zu retten, die die Zeit überdauert haben. Im erzgebirgischen Annaberg ist es ein Areal kaum 300 Meter vom Markt entfernt. Dort soll ein neues Finanzamt entstehen, wo Sachsens Herzog Georg der Bärtige (1414-1539) den Franziskanern zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Kloster stiftete.

Annaberg, 1497 gegründet, ist zu jener Zeit eine boomende Stadt. Silberfunde am Schreckenberg haben ein schrilles Berggeschey ausgelöst. Das Franziskanerkloster ist bald ein mächtiges Anwesen. Herzog Georg, tief gläubiger Katholik, richtet sich im Nordflügel sogar eine Residenz ein. Denn Annaberg steht als Quelle neuen Reichtums unter seiner Protektion.

Nach nicht mal 30 Jahren verlassen die Franziskaner Annaberg wieder. Heinrich der Fromme (1473-1541), ein Fan Martin Luthers, folgt seinem verstorbenen Bruder Georg auf den Thron und herrscht nur zwei Jahre. In dieser Zeit führt er den Protestantismus ein und verjagt die katholischen Brüder. Die Gebäude fallen Bränden zum Opfer. Das Kloster versinkt im Strom der Geschichte. Das Areal wird überbaut.

Die ungewöhnliche Lage des Toten gab Archäologen, Anthropologen und Historikern Rätsel auf – „eine elegante, höfische Geste“.
Die ungewöhnliche Lage des Toten gab Archäologen, Anthropologen und Historikern Rätsel auf – „eine elegante, höfische Geste“. © S. Bock, Landesamt für Archäologie

Anfang 2016 beliest sich Silvio Bock über die wechselvolle Geschichte des Areals. Er wird die Grabung leiten, studiert Chroniken und sitzt im Stadtarchiv. „So wussten wir, dass der Ort vor langer Zeit Tatort eines Verbrechens und auch letzte Ruhestätte für ein Mordopfer gewesen ist.“

Aber das tritt in den Hintergrund, als die Archäologen im Frühjahr beginnen, nach Relikten der Klosteranlage zu suchen und erste Gräber im geweihten Boden finden. „Es ist mit 2.200 Quadratmetern die größte archäologische Untersuchung, die je im Erzgebirge stattgefunden hat“, sagt Christiane Hemker, Gebietsreferentin des Landesamtes für Archäologie.

Hinterschädel gespalten

Erst nach einem Jahr wird Silvio Bock durch einen Anruf jäh an die Recherchen erinnert. Die Anthropologin Bettina Jungklaus findet bei der Begutachtung des Skeletts aus dem Grab Nummer 20 eine Schädelverletzung. Der Tote war erschlagen worden. Silvio Bock hatte das Grab wenige Tage zuvor freigelegt. „Die unmittelbare Nähe zum Altar und die seltsame Lage des Skeletts im Sarg waren uns gleich aufgefallen“, sagt er. Dem Toten war das rechte über das linke Bein gelegt worden. Sein rechter Arm lag angewinkelt über dem Becken. Die linke Hand ruhte auf der Brust. „Sehr ungewöhnlich, diese elegante, höfische Geste“, sagt Bock. In keinem der 28 freigelegten Gräber wird ein Skelett in gleicher Lage gefunden.

Die Anthropologin findet heraus, dass der Mann aus Grab 20 zwischen 57 und 67 Jahre alt geworden war. Er war etwa 165 Zentimeter groß, litt an chronischem Husten und an Karies und hatte wohl nie schwer gearbeitet. Er starb bei guter Gesundheit, weil ihm jemand mit einem Hieb den Hinterschädel gespalten hatte. Der Tote aus Grab Nummer 20 war zweifellos brutal erschlagen worden.

Grab 20 in Annaberg. Anthropologin Bettina Jungklaus und Grabungsleiter Silvio Bock untersuchen unter einem Zelt den spektakulären Fund.
Grab 20 in Annaberg. Anthropologin Bettina Jungklaus und Grabungsleiter Silvio Bock untersuchen unter einem Zelt den spektakulären Fund. © U. Krämer, Landesamt für Archäologie

Die Nachricht elektrisiert die Archäologen. Haben sie den Toten aus den alten Legenden gefunden? „In Chroniken war von einem Kaufmann namens Mengenmair die Rede, der am Kloster zu Boden gestochen worden war“, sagt Silvio Bock. Ein Übersetzungsfehler aus dem Lateinischen, wie sich später herausstellt.

Projektleiterin Christiane Hemker beauftragt Ivonne Burkhard, die Identität des Toten und die Umstände seines Todes aufzuklären. Im Annaberger Stadtarchiv, im Dresdner Hauptstaatsarchiv und in den Archiven der Stadt Nürnberg findet die Historikerin Belege eines Kriminalfalls, der vor 500 Jahren in höchste Kreise der Stadt Nürnberg führte, eine diplomatische Krise zwischen Sachsen und der Reichsstadt auslösts und Thema am Rande des Reichstages zu Augsburg 1518 wurde.

Die Historikerin findet heraus: Der Toten ist Johann Wengenmair, ein hochrangiger Beamter der Stadt Nürnberg. Nach allem, was mit Hilfe der Genetik ermittelt werden kann, stammt der Tote nämlich aus Franken. In den Akten wird er seit 1490 als Nürnberger Bürger geführt. Wengenmair heiratet und hat drei Kinder. Er ist schreibgewand, hat offenbar Jura studiert.

Lösten Folterinstrumente die Zunge?

Nürnberg besitzt im 16. Jahrhundert beträchtlichen Einfluss im Deutschen Reich. Wengenmair führt Protokoll bei Ratssitzungen, auf diplomatischen Missionen und bei Gerichtsverhandlungen. Als Advokat besorgt er die Post mächtiger Patrizier wie Anton Tucher und Anton Tetzel. Der Spitzenbeamte verfasst Chroniken zu überregionalen militärischen Ereignissen. „Heute würde man Wengenmair einen politischen Insider nennen mit vollem Einblick in die politischen, finanziellen und diplomatischen Angelegenheiten des Stadtstaates“, sagt die Historikerin.

Um das Jahr 1512 bekommt Wengenmairs Karriere einen Knick. „In den Akten werden ihm Betrug und Dokumentenfälschung vorgeworfen“, sagt Ivonne Burkhard. Aber vor Gericht steht er deswegen nie. Ende 1513 zieht der umtriebige Advokat nach Annaberg. Weggelobt oder weggegangen? Das sei nicht abschließend zu klären, so die Historikerin. Wengenmair selbst schreibt, er wolle in Annaberg „Nahrung“ suchen „unter meinem gnädigen Herrn Herzog Jorigen“, was so viel heißt wie: Er will in Herzog Georgs Dienst treten.

Am 2. Juni 1514, einem Freitag, geht Johann Wengenmair morgens zur Kirche. Von dort läuft er zum Markt und weiter die Klostergasse hinunter zu den Franziskanern. Er merkt nicht, dass ihm zwei Gestalten folgen. Einer der Männer schlägt ihn mit einem mächtigen Hieb von hinten nieder. Der Schlag führt vermutlich sofort zum Tode. Danach trennen sich die Männer. Einer, Wibold Tyrmann, wird noch am selben Tag in Annaberg festgenommen. In einem „gütlichen“ und „peinlichen“ Verhör gesteht er Erstaunliches. Den Akten sei nicht zu entnehmen, so Burkhard, ob dem Täter vielleicht schon der Anblick der Folterinstrumente die Zunge löste.

Das Vernehmungsprotokoll mit dem Geständnis des Mittäters Wibold Tyrmann im Urfedebuch des Stadtarchives von Annaberg.
Das Vernehmungsprotokoll mit dem Geständnis des Mittäters Wibold Tyrmann im Urfedebuch des Stadtarchives von Annaberg. © Silvio Bock, Landesamt für Archäologie

Tyrmann gesteht, er sei am 28. Februar 1514 von Nürnberg nach Annaberg gekommen, mit dem Auftrag Wengenmair umzubringen. Doch angesichts der „Büttel und Wachen“ bekommt er kalte Füße und reist zurück. Ende März taucht Tyrmann wieder in Annaberg auf und lernt Hans Unger kennen, vermutlich ein Bergmann aus Schneeberg. Ihm erzählt Tyrmann, Wengenmair habe seinen Vater umgebracht. Nun soll Unger ihm helfen, den Wengenmair zu erwürgen. Wochen später schlägt Unger mit einer Axt zu.

Zum Polit-Thriller wird der Mord, als Tyrmann seine Auftraggeber preisgibt. Sein Onkel, Philip Weißenburger, habe ihn angestiftet und 40 Gulden versprochen, wenn er Wengenmair töte. Eine Summe, für die Tyrmann sechs bis acht Jahre hätte arbeiten müssen. Aber sein Onkel sei nur Mittelsmann gewesen. Der Auftrag stamme von Stadtrat Tucher.

Anton Tucher ist seinerzeit der mächtigsten Patrizier und Ratsherr in Nürnberg und so etwas wie der Außenminister des Stadtstaates. Das heißt: Der Auftrag zum Mord kam von ganz oben.

Tyrmanns Komplize Unger wird am 5. Juli 1514 in Pirna gefasst. Beide werden acht Wochen nach dem Mord, am 28. Juli, durch einen Scharfrichter gerädert bis sie tot sind.

Die Kunde von dem Mordanschlag der Nürnberger in sächsischen Gefilden fliegt schnell nach Dresden. „Herzog Georg nimmt die Sache sehr ernst. Eine fremde Macht lässt in der Stadt morden, die unter seinem besonderen Schutz steht. Das nimmt er nicht hin“, sagt Ivonne Burkhard. Der Mittelsmann Weißenburger räumt ein, dass Wengenmairs „Entleibung mit seinem Wissen und Geheiß“ geschehen ist. Er nimmt alle Schuld auf sich, wird aber nicht bestraft. „Anton Tucher und der Rat geben nie zu, dass sie mit dem Mord zu tun hatten“, sagt die Historikerin.

Stolz, gewissenlos und habsüchtig

Doch Herzog Georg lässt nicht locker. Vier Jahre später, 1518, wird die Causa Wengenmair am Rande des Reichstages zu Augsburg zwischen Sachsen und Nürnberg verhandelt. Kein Geringerer als Jakob Fugger, seinerzeit bedeutendster Kaufherr, Montanunternehmer und Bankier in Europa, müht sich um einem Vergleich. Wegen Weißenburgers Geständnis hat Tucher schlechte Karten. Fugger erreicht, dass der Nürnberger Rat an Herzog Georg eine „Verehrung“ in Höhe von 5.800 Gulden zahlt – verbunden mit der Feststellung, dass das Geldgeschenk kein Schuldeingeständnis sei. Je 400 Gulden erhalten Wengenmairs Witwe Barbara, die nach Nürnberg zurückgeht und dort 1524 stirbt und sein Sohn, der in Herzog Georgs Dienst tritt.

Welches Motiv gab es für den Auftragsmord? Das liege im Dunkeln und könne heute nur vermutet werden, sagt Ivonne Burkhard. Selbst wenn Wengenmair seine exponierte Stellung für persönliche Vorteile missbraucht hat, wäre im 16. Jahrhundert ein ordentlicher Gerichtsprozess die normale Folge, so die Historikerin. „Vieles deutet darauf hin, dass man Wengenmair zum Schweigen bringen wollte.“

Möglicherweise sei der Spitzenbeamte in einer anderen Nürnberger Staatsaffäre zwischen die Fronten geraten – dem Sturz des seinerzeit zweitmächtigsten Mannes der Stadt: Anton Tetzel. Beide kennen sich seit Jahren und sind gemeinsam in diplomatischen Missionen unterwegs gewesen.

Ein Zeitgenosse beschreibt Tetzel als stolz, gewissenlos und habsüchtig. Er dürfte vielen unbequem gewesen sein, glaubt die Historikerin. Tetzels Karriere endet ebenfalls jäh. Am 14. November 1514, wenige Monate nach Wengenmairs Tod, wird er festgenommen. Ihm werden Machtmissbrauch und Geheimnisverrat vorgeworfen. Tetzel bleibt bis zu seinem Tod im Januar 1518 in Haft. Er kann nicht mehr aussagen, als die Causa Wengenmair in Augsburg verhandelt wird.

Eine Spezialistin für Paläomechanik in Hamburg analysierte die Verletzung am Schädel und rekonstruierte, wie der Tote erschlagen wurde.
Eine Spezialistin für Paläomechanik in Hamburg analysierte die Verletzung am Schädel und rekonstruierte, wie der Tote erschlagen wurde. © Grafik: Universität Hamburg

Fürchtete Nürnberg, dass Tetzels in der Angelegenheit aussagt? „Auch das bleibt Spekulation“, sagt Burkhard. „Beide Männer wussten viel. Das könnte ihnen zum Verhängnis geworden sein.“ Auch damals seien zu geheimen Staatsangelegenheiten oft keine Akten angelegt worden.

Alle Indizien sprechen für ein Szenario

Silvio Bock steht dieser Tage an der alten Klostermauer, dem vermutlichen Tatort. Er zeigt, wo die teils dreigeschossigen Gebäude standen. Vor fünf Jahren schützen Zelte die archäologischen Fundstellen. Heute liegt eine dicke Schotterschicht darüber. Finanzbeamte parken auf dem historischen Boden ihre Autos. Und das wird erstmal so bleiben. Denn, so die Ironie der Geschichte, seit inzwischen will Sachsen kein neues Finanzamt mehr bauen.

Die Klärung der Identität des Toten aus Grab 20 sei eine außergewöhnliche Leistung, sagt Archäologin Christiane Hemker. „Es kommt nicht oft vor, dass wir einem anonymen Toten auf diese Weise einen Namen geben und sein Schicksal aufklären können. Für uns bleibt es eine der spektakulärsten Grabungen der letzten Jahre,“ Ein Kapitel Stadtgeschichte sei hier ausgegraben worden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit, wirft Ivonne Burkhard ein. Denn der genetische Beweis steht noch aus. Nachkommen haben sich bisher nicht gemeldet. „Aber alle Indizien sprechen dafür, dass wir Johann Wengenmair gefunden haben“, so die Historikerin.