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Letzte Hoffnung Camping

Wer demnächst ein Wohnmobil mieten und einen Stellplatz am Meer buchen will, muss sich beeilen. Für Kurzentschlossene gibt es andere Urlaubsideen.

Es geht auch ohne Wohnmobil: Patrick Pirl und Anne-Sophie Hußel verhelfen zum Gratis Zelten in fremden Gärten.
Es geht auch ohne Wohnmobil: Patrick Pirl und Anne-Sophie Hußel verhelfen zum Gratis Zelten in fremden Gärten. © Christine Schulz

Wenn es doch endlich eine Perspektive gebe. „Die Leute brennen darauf, wieder campen zu gehen“, sagt Maximilian Möhrle. Der Chef der Internetplattform camping.info hat genug Zahlen, um seine These zu untermauern. Zum Beispiel den Reservierungsstand. „In Deutschland und Österreich hatten wir im ersten Quartal ein Buchungsplus von 200 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.“ Auch für Kroatien, Frankreich, Italien und Spanien habe es Anfang 2021 gut ausgesehen. Dann jedoch, so Möhrle, hätten steigende Corona-Infektionszahlen die Nachfrage abgewürgt. Vorläufiger Tiefpunkt war die Nachricht, dass der von vielen ersehnte Saisonstart zu Ostern abgeblasen wurde.

Notgedrungen richten Gäste und Platzbetreiber ihre Hoffnungen nun auf die Zeit nach dem 18. April. Dann könnte das bundesweite Beherbergungsverbot in der Tourismusbranche aufgehoben werden. Denkbar ist aber auch, dass der Betrieb auf Campingplätzen erst zu Himmelfahrt oder Pfingsten startet. Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern hatten darauf gedrängt, schon eher „kontaktarmen Urlaub“ für weitgehend autarke Wohnmobil- und Caravanreisende zu ermöglichen, sich aber nicht durchsetzen können. Auch eine Petition der Plattformbetreiber Freeontour und camping.info mit über 40.000 Unterzeichnern blieb bislang ohne Erfolg.

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Wie beliebt der lange als Spießertum bespöttelte Urlaub im Wohnmobil oder Caravan mittlerweile ist, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Demnach verzeichnete Deutschlands Campingbranche im vergangenen Jahr knapp 34 Millionen Übernachtungen – nur fünf Prozent weniger als im Rekordjahr 2019. Die gesamte Beherbergungsbranche musste dagegen im selben Zeitraum ein coronabedingtes Minus von 50 Prozent verkraften. „Für die hiesigen Campingplätze war das Coronajahr ein wahres Sommermärchen“, sagt Möhrle. Das gilt insbesondere für Sachsen, wo die Übernachtungen gegen den Trend um knapp 15 Prozent zulegten.

Viele Reservierungen

Fragt sich, ob es so weitergeht. Für die Hauptsaison sind die Aussichten bislang positiv. „Plätze am Meer und in den Bergen berichten uns, dass sie für die Sommermonate schon gut gebucht sind“, sagt Möhrle. Wer schnell sei, finde aber noch beinahe in jeder Region einen Platz.

Das bestätigen stichprobenartige Nachfragen der SZ. Der Campingplatz Wulfener Hals auf Fehmarn beispielsweise hat noch Plätze frei – sogar zu Beginn der sächsischen Sommerferien. Laut Management kosten 13 Übernachtungen vom 25. Juli bis 7. August knapp 1.000 Euro. Der Preis gilt für eine Familie mit zwei Kindern (acht und 14 Jahre alt), die mit einem VW T5 anreist. Auf Rügen dagegen hat der Campingplatz Thiessow erst ab 19. August wieder freie Parzellen. Dafür veranschlagen die Betreiber für die gleiche vierköpfige Musterfamilie und 14 Nächte nur 535 Euro.

Entscheidungsfreude ist auch bei der Suche nach geeigneten Leihfahrzeugen gefragt. „Im Schnitt sind schon jetzt vier von fünf Wohnmobilen für die Hauptsaison reserviert“, sagt Stephan Beckmann vom Händlernetzwerk Inter Caravaning. „Sobald klar ist, ab wann die Beschränkungen beim Camping fallen, werden auch die übrigen Fahrzeuge weg sein.“ Unter 100 Euro pro Tag dürfte im Sommer kaum noch ein Mietmobil zu bekommen sein, sagt der Verleihspezialist.

Abhängen und Sonne genießen auf dem Campingplatz - danach sehnen sich derzeit viele Sachsen.
Abhängen und Sonne genießen auf dem Campingplatz - danach sehnen sich derzeit viele Sachsen. © dpa

Wohnwagen mit vergleichbarer Nutzfläche seien etwa um die Hälfte günstiger. „Interessenten sollten sich aber vorher erkundigen, ob ihnen das Gespann-Fahren laut Führerschein erlaubt ist.“ Fahrern mit Ziel Skandinavien empfiehlt Beckmann, auf die Fahrzeuglänge zu achten. „Sechs Meter sollten die Obergrenze sein. Wenn Sie die überschreiten, zahlen Sie beispielsweise auf der Öresundbrücke doppelt so viel Maut.“ Auch für das Fassungsvermögen der rollenden Ferienwohnung hat der 57-Jährige eine griffige Faustformel parat. „Wählen Sie das Fahrzeug so, dass jeder ein Bett hat, ohne dass großartig umgebaut werden muss.“

Als weniger geräumige Alternative haben sich Campervans etabliert. Das sind Kleinbusse mit eingebauter Küchenzeile und Aufstellzelt auf dem Dach, die sich sowohl bei klassischen Verleihern als auch über Sharing-Plattformen von Privatleuten mieten lassen. Das Angebot wirkt schon jetzt überschaubar: Wer beispielsweise bei Paulcamper mit dem Stichtag 26. Juli einen Camper sucht und als Startpunkt Dresden eingibt, bekommt im Umkreis von 20 Kilometern noch 42 Camper angezeigt.

Preise für Wohnmobile steigen

Noch spärlicher ist das Angebot bei der Konkurrenz von Yescapa. Hier konnten Interessenten diese Woche nur noch zwischen vier Fahrzeugen wählen, wenn sie vom 26. Juli bis 8. August mieten wollten. Günstigstes Angebot: Ein mehr als 20 Jahre alter VW-Bus mit vier Schlafplätzen, der für zwei Wochen mit mindestens 630 Euro zu Buche schlägt. Moderne Modelle werden zu vierstelligen Preisen inseriert. Vermietet wird meist nur an Personen, die älter als 23 sind und seit mehr als drei Jahren einen Klasse-B-Führerschein haben.

Nicht mal der Spontankauf eines Reisemobils sei derzeit ein Selbstläufer, sagt Stephan Beckmann. Denn die Nachfrage übersteige das Angebot. „Das größte Problem besteht darin, dass die Hersteller nicht genügend Fahrgestelle bekommen.“ Allein von der häufig verwendeten Chassis des Fiat Ducato fehlen laut Beckmann rund 8.000 Stück. Das führt dazu, dass weniger Neufahrzeuge fertiggestellt werden als geplant. Was wiederum die Gebrauchtwagenpreise oben hält. Auf dem Online-Fahrzeugmarkt mobile.de beispielsweise wurden neun bis 15 Monate alte Wohnmobile im Februar für durchschnittlich 60.173 Euro angeboten. „Das ist ein Plus von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat“, sagt ein Sprecher des Portals. Ähnlich sehe es bei drei Jahre alten Gebrauchten aus.

Beliebt bei vielen Camping-Fans sind teilintegrierte Wohnmobile. Teilintegriert bedeutet, dass der Hersteller das komplette Fahrerhaus des Basisfahrzeugs übernimmt.
Beliebt bei vielen Camping-Fans sind teilintegrierte Wohnmobile. Teilintegriert bedeutet, dass der Hersteller das komplette Fahrerhaus des Basisfahrzeugs übernimmt. © Fiat

Dass Campingurlaub auch ohne ein rollendes Domizil und sogar kostenlos möglich ist, wollen Patrick Pirl und Anne-Sophie Hußler mit ihrer Internetseite 1NiteTent beweisen. Die 2018 gegründete Onlinebörse hilft Reisenden dabei, einen Platz zur Übernachtung finden. Das Ganze funktioniere wie Couchsurfing – nur eben für Zelte, erklärt Pirl, der aus Bad Muskau stammt. „Wir bringen Grundstücksbesitzer und Camper zusammen.“ Die Idee dafür sei während einer Reise durch Südschweden entstanden. „Das dort geltende Jedermannsrecht, wonach Wildcampen für eine Nacht überall erlaubt ist, hat uns eine schöne Reise beschert.“ In Deutschland ist die Rechtslage ungünstiger. Zelten auf nicht ausgewiesenen Flächen stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, die die Behörden mit einem hohen Bußgeld ahnden können. Illegales Übernachten in einem Naturschutzgebiet Mecklenburg-Vorpommerns etwa kann bis zu 5.000 Euro kosten.

Viele Plätze in Ostsachsen

Um derart drakonische Strafen zu vermeiden, suchen die Macher von 1NiteTent nach Landeigentümern, die geeignete Flächen freigeben. Das jeweilige Areal muss nur noch in einer digitalen Karte markiert und mit Kontaktinfos versehen werden. Gäste können sich per E-Mail oder telefonisch melden, um die Verfügbarkeit oder die Möglichkeit einer Toilettennutzung zu erfragen. Die Regeln auf dem Gelände bestimmt der Gastgeber.

Schon im ersten Sommer der Pandemie sei 1NiteTent dank Mund-zu-Mund-Propaganda gut frequentiert gewesen, sagt Pirl. Momentan verzeichnet die Plattform 400 bis 500 Zugriffe pro Tag, die Zahl der bundesweit verfügbaren Orte für Freiluftübernachtungen liegt bei rund 450. Ein Manko gibt es allerdings: Beliebte Urlaubsregionen, wie die Ostsee oder die Alpen, sind bislang eher spärlich vertreten. „Die meisten Plätze haben wir derzeit in Ostsachsen“, sagt der 34-Jährige.

Auch anderswo in Europa verfängt die charmante Idee vom kostenlosen Kurzurlaub in fremden Gärten. Für Belgien und die Niederlande gibt es seit vergangenem Jahr eine Webseite namens „Welcome to my Garden“, über die Radtouristen und Wanderer private Gastgeber finden. Das Start-up vansite.eu und die Macher der App Caravanaya werben damit, schöne und legale Wohnmobilstellplätze in Europa oder sogar weltweit auffindbar zu machen. Eine Konkurrenzsituation zu klassischen Campingplätzen sehen die Sharing-Dienste meist nicht. „Dafür sind die Zielgruppen zu unterschiedlich“, sagt Patrick Pirl.

Wucherpreise bei Ebay

Tatsächlich dürften viele Campingplatzbetreiber kein Interesse daran haben, in der Hauptsaison Gäste für nur eine Nacht zu beherbergen. Alternative Plattformen haben sich aber auf genau diese flexible und reiselustige Klientel spezialisiert.

Als bekanntestes Beispiel gilt Landvergnügen. Diese Plattform ermöglicht Gratis-Logis auf mehr als tausend Bauernhöfen in ganz Deutschland. Teilnehmen kann nur, wer den gleichnamigen, 554 Seiten starken, Reiseführer kauft. Dem Buch ist eine Klebevignette beigelegt, die als Teilnahmeberechtigung fungiert und nicht übertragbar ist. Leider sind von der fünfstelligen Auflage nur noch einige Exemplare für den Buchhandel übrig. Der sei erst am 22. März beliefert worden, sagt Projektleiterin Daniela Pensold. Auf Ebay werden Exemplare des Reiseführers, der regulär 34,90 Euro kostet, schon für bis zu 100 Euro angeboten. Nachdrucken scheint keine Option zu sein. „Wir achten strikt darauf, dass das Verhältnis von Gastgebern und Gästen ausgewogen bleibt“, erklärt Pensold.

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Von der größer werdenden Vielfalt im Campingsektor werde auch Sachsen profitieren, sagt Andrea Kis vom Landestourismusverband in Dresden. „Gerade für das sächsische Seenland sehen wir viel Potenzial.“ Andererseits bestehe momentan die Gefahr, dass andauernde Beschränkungen einige der alteingesessenen Campingplatzbetreiber zum Aufgeben zwingen könnten. „Die Stimmung wird von Tag zu Tag schlechter“, warnt Christian Günther vom Bundesverband der Campingwirtschaft. Seine dringlichste Forderung an die Politik: „Eine Perspektive.“

Nachtrag: Die Kurverwaltung Mönchgut antwortet mittlerweile auf Reservierungsanfragen per E-Mail, der Campingplatz Thiessow sei in der angefragten Zeit ausgebucht.

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