merken
PLUS Feuilleton

Brühls Feind im eigenen Lager

Bei der legendären Zeithainer Truppenschau machte sich Heinrich von Brühl 1730 einen mächtigen Feind – mit Folgen bis heute.

Das Zeithainer Lager sorgte 1730 europaweit für Aufsehen und gilt als einer der Höhepunkte barocker Festkunst. Gleichzeitig spielten sich hinter den Kulissen Dramen ab, deren Auswirkungen von weitreichender Bedeutung waren. Auch für Heirnich von Brühl
Das Zeithainer Lager sorgte 1730 europaweit für Aufsehen und gilt als einer der Höhepunkte barocker Festkunst. Gleichzeitig spielten sich hinter den Kulissen Dramen ab, deren Auswirkungen von weitreichender Bedeutung waren. Auch für Heirnich von Brühl © SKD/Elke Estel/ Hans-Peter Klut

Von Christine von Brühl

Im Juni 1730 beschloss August II., eine Truppenschau zu inszenieren, mit der er Friedrich Wilhelm I. von Preußen unterhalten und zudem über die Grenzen des Landes hinaus erneut auf sich aufmerksam machen konnte. Das Zeithainer Lager sorgte europaweit für Aufsehen und gilt als einer der Höhepunkte barocker Festkunst. Gleichzeitig spielten sich hinter den Kulissen Dramen ab, deren Auswirkungen von weitreichender Bedeutung waren.

Anzeige
Gedenken der Toten der Corona-Pandemie
Gedenken der Toten der Corona-Pandemie

Oberbürgermeister Dirk Hilbert wendet sich im Namen Dresdens an die Angehörigen der Verstorbenen – Urnenhain Tolkewitz als öffentlicher Ort für die Trauer.

Friedrich Wilhelm I. geriet in heftigen Streit mit seinem Sohn. Der König hatte das Wiedersehen mit seinem ebenfalls zum Zeithainer Lager gekommenen Freund Ferdinand Albrecht II., Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel, genutzt, um ihm eine Heirat seiner Tochter mit dem Thronfolger in Aussicht zu stellen. Doch Friedrich erklärte sich außerstande, dem zu entsprechen. Friedrich Wilhelm I. geriet darüber derart in Wut, dass er seinen Sohn vor versammeltem Hof beschimpfte und übel verprügelte. Friedrich beschloss, sich seinem rabiaten Vater dauerhaft zu entziehen und nach Frankreich zu fliehen. Er wies seinen Vertrauten Hans Hermann von Katte an, Pferde und Pässe für sie beide zu besorgen.

Lebenslange Verfolgung Brühls durch den Preußenkönig

Die Forschung geht heute davon aus, Brühl habe davon gewusst und die Nachricht dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. übermittelt, womit er Friedrichs Fluchtpläne vereitelte. Preußenspezialist Jürgen Luh schreibt: „Bedenkt man die persönliche, hartnäckige, lebenslange Verfolgung Brühls durch Friedrich, scheint nicht unwahrscheinlich, dass der Graf den preußischen König gewarnt hat. Anders lässt sich kaum erklären, warum Friedrich Wilhelm I. dem 1730 noch wenig wichtigen Kammerherrn als Einzigem aus dem sächsischen Lager die herausragende Auszeichnung des hohen Ordens vom Schwarzen Adler verliehen hat.“

Damit wären die Ereignisse vom Zeithainer Lager Grund und Ausgangspunkt für die Ablehnung gewesen, die Friedrich gegen Sachsen und letztlich auch gegen Heinrich hegte.Ein Jahr später ernannte August II. Heinrich zum „General Accis Direktor“, zum Obersteuereinnehmer des Landes.

Der Geheime Rat wird zum Großgrundbesitzer

Diese Beförderung etablierte ihn erstmals fest innerhalb einer Regierungsbehörde. Am 25. August 1731 wurde ihm zusätzlich der Titel eines „Wirklichen Geheimen Rats“ verliehen, um seine Stimme mit dem notwendigen Gewicht zu versehen. Auch mehrere Latifundien waren inzwischen auf ihn übergegangen. Die Anwesen bei Groitsch, Leisnig und Herzberg waren verschuldet, oder ihre Eigentümer hatten keine männlichen Erben und fielen daher an den Landesherrn. Heinrich musste für die Güter die Verantwortung übernehmen, er entschuldete sie sukzessive, ließ sie zu anmutigen Residenzen umbauen und suchte sie anschließend zu veräußern.

Sein zentrales Augenmerk galt dem Ausbau von Schloss und Ortschaft Pförten. Schon bald nach der Wahl Augusts II. hatte es sich als ungünstig erwiesen, dass Polen und Sachsen über keine gemeinsame Grenze verfügten. Die beiden Unionsländer waren getrennt durch Schlesien. Pförten in der Niederlausitz, im östlichsten Zipfel Kursachsens, befand sich genau an der Stelle, wo das Nachbarland am schmalsten war. Das machte das Anwesen zu einer idealen Reisestation zwischen Dresden und Warschau. Brühl erwarb es für 160.000 Taler und ließ den bescheidenen Bau von Knöffel zu einem mächtigen dreistöckigen Gebäude mit ausladendem Walmdach umgestalten.

Rückzug aus Warschau nach dem Tod Augusts des Starken

Noch heute steht man tief beeindruckt vor der imposanten Größe des Schlosses, das, inzwischen auf polnischem Grund, weit über die nächstliegenden Dächer und Häuser hinausragt. wie es scheint sogar über Bäume und Wälder der Umgebung Im Testament verfügte Heinrich, Schloss Pförten solle erbliches Majorat werden, das gesamtheitlich in die Verantwortung des jeweils ältesten Sohnes falle.

Am 1. Februar 1733 starb August II. in Warschau. Heinrich versiegelte sämtliche Dokumente und Wertgegenstände, verpackte Silber, Kunstwerke und Mobiliar aus den sächsischen Residenzen, beantragte für den gesamten Hof Pässe und Geleitschutz und sorgte für geordneten Abzug.

Ans Ziel gelangt: endlich Premierminister!

Schon bald stand er dem Thronfolger in beratender Funktion zur Seite. Es war gewissermaßen ein Verhältnis auf Augenhöhe, und zwölf Jahre später bestimmte ihn König August III. zu seinem Premierminister. Mit der Ernennung begann der Preußenkönig Friedrich II. seinen privaten Feldzug gegen Heinrich. In seiner Schrift „Histoire de mon temps“ schrieb er abschätzig, dass der Graf seines Amtes unwürdig sei: „Dieser Minister kenne nur die Listen und Ränke, von denen die Staatskunst kleiner Fürsten lebe. Brühl sei zaghaft, unterwürfig und geschmeidig, schurkisch und geschickt. Er besitze weder genug Klugheit noch genug Erinnerungsvermögen, um seine Lügen zu verbergen. Er sei doppelzüngig, falsch und zu den niederträchtigsten Handlungen bereit, wenn es seine Stellung galt“, so heißt es in einem Tagungsbericht.

Weiterführende Artikel

Ein Reichsgraf als gefühlvoller Mann

Ein Reichsgraf als gefühlvoller Mann

Diensteifrig, verschwiegen und schnell denkend: Heinrich von Brühl machte sich nicht nur Freunde am sächsischen Hof.

Des Königs Schnitzel

Des Königs Schnitzel

Eine Nachfahrin des Ministers Heinrich von Brühl gibt Einblicke in die Geschichte ihrer Familie. Lesen Sie ab heute Auszüge aus ihrem neuen Buch.

Die Familie von Brühl hatte mit Dresden nichts am Hut

Die Familie von Brühl hatte mit Dresden nichts am Hut

Christine von Brühl, Nachfahrin des berühmten sächsischen Ministers, spricht über Loyalität, Heimatverlust und eine preußische Hasskampagne.

Generationen von Historikern sind der Argumentation Friedrichs II. gefolgt. Tragisch war letztlich, dass sich nicht nur die Außenwelt, sondern auch zeitgenössische innenpolitische Kräfte der Stimmungsmache des preußischen Königs ergaben.

Der Text ist ein Auszug aus „Schwänein Weiß und Gold“ von Christine von Brühl, Aufbau Verlag, 24 Euro. Es ist erhältlich auf www.ddv-lokal.de oder telefonisch unter 0351 48641827.

Mehr zum Thema Feuilleton