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„Hallo, es geht hier um Fußball“

30 Jahre nach der Wiedervereinigung debattiert der Landtag über die heutige Lage erfolgreicher DDR-Vereine.

Wöller sticjelt in Richtung der Linken: „Wollen Sie für ostdeutsche Teams die eigenen Tore kleiner machen, damit sie bessere Chancen haben?“
Wöller sticjelt in Richtung der Linken: „Wollen Sie für ostdeutsche Teams die eigenen Tore kleiner machen, damit sie bessere Chancen haben?“ © dpa-Zentralbild

Die Fußballdebatte, so viel steht fest, bringt zumindest Lockerheit und Witz in die manchmal doch arg verbissen wirkende Landtagsatmosphäre. „Sollen ostdeutsche Vereine am Anfang der Saison zehn Extrapunkte bekommen?“, fragt der für Sportpolitik verantwortliche Innenminister Roland Wöller (CDU) heiter in Richtung Linksfraktion. „Wollen Sie für ostdeutsche Teams die eigenen Tore kleiner machen, damit sie bessere Chancen haben?“ Oder, stichelt Wöller weiter, sollen Bayern und Nordrhein-Westfalen nur noch mit jeweils einem Verein in der ersten Liga vertreten sein dürfen?

Dass sich der Landtag mit Fußball beschäftigt, kommt selten vor. Zu verdanken ist es der Linken, die die derzeit gehäuften Debatten zu 30 Jahren Vereinigung um eine weniger weihevolle Facette ergänzt. Beantragt hat die Fraktion eine Aussprache unter dem Motto: „30 Jahre im selben Land und doch nicht in derselben Liga: Ostdeutsche Fußballvereine fast ohne Chance zum Aufstieg!“

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Sagen lässt sich dazu vieles, etwa zur Finanzkraft des Ostens und Sponsoring, zu Sportförderung, Kapitalisierung des Sportes, Verteilung von TV-Geld und Chancengleichheit. Aber können und sollen Bundes- und Landesregierungen regulierend eingreifen? „Was soll der Ruf nach dem Staat, wenn wir über Profifußball reden?“, fragt denn auch Wöller in die Runde.

Freilich: Vollkommen staatsfern ist der Fußball nicht – das zeigt sich schon an prominenten Anhängern. Vor den Pandemiebeschränkungen schaute sich Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) gerne Spiele von RB Leipzig im Stadion an. Der frühere Kanzler Gerhard Schröder (SPD) ist Fan von Borussia Dortmund und Energie Cottbus. In Sachsen etwa hat Dresden für den Bau des Dynamo-Stadions gebürgt und dem Verein ein Darlehen gewährt.

Das ganz große Rad im professionellen Fußball kann der Staat aber nicht mehr drehen. Und auch Ost-West-Unterschiede nicht nivellieren. Von den einst acht DDR-Mannschaften, die in der Saison 1991/92 in die erste und zweite Bundesliga aufgenommen wurden, spielt 30 Jahre später keine mehr dort. Wer es nicht mehr weiß: Es waren in der ersten Liga Hansa Rostock und Dynamo Dresden, heute sind sie drittklassig. In der zweiten Liga liefen damals Stahl Brandenburg, VfB Leipzig, Carl Zeiss Jena, Rot-Weiß Erfurt, der Hallesche sowie der Chemnitzer FC auf. Auch sie spielen heute, falls überhaupt, maximal dritt-, häufiger viertklassig. Dafür sind der junge, vom österreichischen Red-Bull-Konzern gesponserte Klub RB Leipzig sowie Union Berlin aus Köpenick erstklassig. Erzgebirge Aue spielt in Liga zwei.

Die „Zwei-plus-sechs-Formel“, nach der nur zwei der 14 DDR-Oberligisten und sechs Zweitligisten in die Bundesligen integriert wurden, bezeichnet die Linkenabgeordnete Marika Tändler-Walenta als „Sargnagel“ für den hiesigen Fußball: „Namhafte Ostvereine mit Tradition und großer Fan-Basis wurden degradiert.“ Die Politikerin sieht im Fußball die Gesellschaft gespiegelt: „Ostdeutsche arbeiten länger, verdienen weniger, sind stärker von Arbeitslosigkeit und Armut bedroht, bekommen für die gleiche Arbeit weniger Rente als im Westen.“ Darauf gibt es Zwischenrufe: „Hallo, es geht hier um Fußball.“

Für die SPD warnt Albrecht Pallas in der Debatte am Donnerstag vor einer Überhöhung des beliebten Sports: „Der eigene Verein als völkisch aufgeladene Trutzburg gegen System und Westen führte nicht nur in den Baseballschlägerjahren zu widerlichen Auswüchsen.“ 

André Barth (AfD) spricht sich gegen staatliche Eingriffe aus und fordert Kontinuität in der Vereinsarbeit. Seit der Wende habe Dynamo Dresden 37 Trainer beschäftigt. CDU-Sportpolitiker Frank Rost bezeichnet den Landtag als falschen Ort, um über einstigen und heutigen Profifußball zu sprechen. Gleichwohl fördere sächsische Sportpolitik Infrastruktur und Nachwuchsarbeit, davon profitiere auch der Fußball.

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Für die Grünen verweist der Abgeordnete Thomas Löser darauf, dass die Damen von Turbine Potsdam ebenfalls erstklassig spielen. Mit Blick auf die DDR nennt er den staatlichen Aufbau von Schwerpunktclubs und olympische Erfolge. „Die Fußballclubs im Westen wurden schon 40 Jahre eher kommerzialisiert. Die westlichen Fußballvereine sind und waren vor allem auch Wirtschaftsunternehmen“, betont Löser. Es brauche im Osten daher Sponsoren und bessere Nachwuchsförderung. „Verbitterung“ sei der falsche Weg. Besser sei es „mit Leidenschaft und Power etwas Neues zu schaffen“.

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