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Unterwegs mit Sachsens Schatzsuchern

Ronny Schott ist einer von rund 150 Sachsen, die mit Genehmigung auf Schatzsuche gehen. Doch es gibt auch immer mehr illegale Sondengeher.

Auf der Suche nach der Vergangenheit: Ausgerüstet mit Metalldetektor und Spaten, ist Hobbyarchäologe Ronny Schott unterwegs auf einem Feld im Schneeberger Ortsteil Griesbach.
Auf der Suche nach der Vergangenheit: Ausgerüstet mit Metalldetektor und Spaten, ist Hobbyarchäologe Ronny Schott unterwegs auf einem Feld im Schneeberger Ortsteil Griesbach. © kairospress

Ronny Schott ist bereit für den nächsten Ausflug. Spaten, Zahnbürste und Müllbeutel hat er eingepackt. Natürlich das Handy für den GPS-Empfang. Jetzt holt er noch den Metalldetektor und die Stabsonde, einen sogenannten Pinpointer zur Feinlokalisierung. Und die Tasche, in der er seine Fundstücke transportieren wird.

Der 44-Jährige aus Schneeberg sucht Vergangenheit – und findet dabei an der Luft nicht nur Ausgleich zu seiner Arbeit als Hauptamtsleiter. Ronny Schott ist Hobbyarchäologe und gehört zu den etwa 150 Sachsen, die dafür eine Genehmigung und ein Zertifikat vom Landesamt für Archäologie besitzen. So wie andere joggen oder wandern, sondelt er, wie es in der Szene heißt. Meist ist er einmal in der Woche unterwegs, oft in der Nähe seines Wohnhauses im Schneeberger Ortsteil Griesbach. Immer auf Feldern, deren Eigentümer ihr Einverständnis gegeben haben. „Das sieht das Gesetz so vor. Zudem darf ich nur bis 30 Zentimeter in die Tiefe, so weit, wie die Bauern beim Pflügen kommen“, sagt Schott.

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Er schwingt den Metalldetektor vorsichtig über der Erdoberfläche. Magnetfelder werden so um die Metallsonde erzeugt. „Die Einstellung meines Detektors signalisiert Eisensignale mit tiefen Tönen und edlere Metalle wie Aluminium, Kupfer, Bronze und Silber mit hohen Tönen“, erklärt Schott. Der Pinpointer helfe, die oft sehr kleinen Objekte zu finden. Plötzlich ein hohes Piepen. Schott greift zum Spaten, sammelt etwas Müll ein und holt Teile eines Geschosses für Vorderlader aus Blei aus dem Boden. Anschaulich, aber unbrauchbar. „Die Form zeigt, dass diese Stücke aus der Mitte des 19. Jahrhunderts sind“, erklärt Schott fachmännisch. Das Blei, das längst nicht mehr silbrig blinkt, ist durch Jahrzehnte in der Erde bräunlich geworden.

Ronny Schott schwingt den Metalldetektor vorsichtig über der Erdoberfläche. Redakteurin Gabriele Fleischer beobachtet ihn dabei.
Ronny Schott schwingt den Metalldetektor vorsichtig über der Erdoberfläche. Redakteurin Gabriele Fleischer beobachtet ihn dabei. © kairospress

Schott hat auf diesem Feld schon viele solcher Geschosse gefunden: „Vielleicht war das ein Übungsplatz für eine Garnison oder Schauplatz eines Wettschießens.“ Im Dresdner Landesamt für Archäologie ist diese von ihm entdeckte Häufung für weitere Schlussfolgerungen dokumentiert.

Schon nach Minuten des Sondelns ist Schott angefixt. Dass er bei dem kalten Wind an diesem Tag seine Mütze vergessen hat, stört ihn nicht. Er folgt seinem Drang, etwas Besonderes zu entdecken. Wieder ein heller Ton. Diesmal holt er einen DDR- Pfennig vom Feld, später noch etwas Müll. Dann packt er alles zusammen – für heute.

Frisch aus dem Boden: Mit der Zahnbürste wird der DDR- Pfennig gereinigt.
Frisch aus dem Boden: Mit der Zahnbürste wird der DDR- Pfennig gereinigt. © kairospress

Das Sondengehen ist in Sachsen seit 1993 genehmigungspflichtig und im Sächsischen Denkmalschutz geregelt“, sagt Wolfgang Ender, der im Landesamt für Archäologie für diese Ehrenamtler verantwortlich ist. Er bietet einmal im Jahr Schulungen als Voraussetzung für die Genehmigung an, die immer nur für einen Landkreis in Sachsen gilt. Bei Ronny Schott ist es der Erzgebirgskreis. Nach zwölf Monaten muss sie neu beantragt werden.

Corona hat auch hier eine Zwangspause verordnet. „Momentan nehmen wir keine Anmeldungen an. 50 bis 60 Interessenten warten schon“, sagt Ender. Das Interesse an dieser Art der Freizeitbeschäftigung sei zuletzt regelrecht explodiert. Vielleicht als Ausgleich in der Pandemie. Oder es sind die vielen Filme von Sondlern in sozialen Netzwerken, die mit ihren Funden andere anlocken.

Dr. Christiane Hemker zeigt einige Funde, die Ronny Schott bei seinen Sondengängen gemacht und danach beim Landesamt für Archäologie in Dresden eingereicht hat.
Dr. Christiane Hemker zeigt einige Funde, die Ronny Schott bei seinen Sondengängen gemacht und danach beim Landesamt für Archäologie in Dresden eingereicht hat. © kairospress

Stefan Wildhagen ist so einer. Er hat sogar einen eigenen Youtube-Kanal. In der Szene kennt man ihn unter dem Namen „Sondelsüchtig“. Seit sechs Jahren ist er zertifizierter Sondengänger in Niedersachsen und gerade dabei, Nachforschungsgenehmigungen für Thüringen und Sachsen zu bekommen. Jedes Bundesland hat seine eigenen Gesetze.

Er lebt inzwischen in Altenburg und arbeitet bei der Firma OKM Detectors. Dort werden Bodenradare, 3-D-Scanner und andere für Funde wichtige Geräte gebaut. Etwa 20 verschiedene Detektoren für Profis werden dort hergestellt. Auch Kampfmittelräumdienste nutzen solche Detektoren. Da mit der wachsenden Zahl der Sondengänger die Nachfrage steigt, ist inzwischen am selben Standort eine zweite Firma entstanden.

Crazy Detectors vertreibt Geräte zwischen 130 und 1.400 Euro. „Wir versuchen aber auch, den Hobbyarchäologen zu vermitteln, wo sie sich in Grauzonen und verbotenem Terrain bewegen“, sagt der sondelsüchtige Stephan Wildhagen, der Geschäftsführer der Tochterfirma ist.

Ausgebuddelt: Teile eines Bleigeschosses für Vorderlader aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Blei blinkt längst nicht mehr silbrig, es ist durch die Lagerung im Erdreich bräunlich geworden.
Ausgebuddelt: Teile eines Bleigeschosses für Vorderlader aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Blei blinkt längst nicht mehr silbrig, es ist durch die Lagerung im Erdreich bräunlich geworden. © kairospress

Trotz vieler vorbildlicher Sondengeher wächst die Sorge der Archäologen, dass Relikte aus der Vergangenheit verschwinden. Nicht nur einmalige Schätze – wie 1999 bei Raubgrabungen die 3.600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra – werden bei unsachgemäßer Behandlung zerstört, sondern auch Kulturschichten, in denen die Funde liegen. Bodenspuren, Erdschichten oder pflanzliche Reste können Aufschluss über Zeiträume und Besiedlungen geben.

Wolfgang Ender vom sächsischen Landesamt für Archäologie schätzt die Zahl der illegal tätigen Schatzsucher um ein Vielfaches höher als die derjenigen mit Genehmigung. Wer Funde behält, macht sich strafbar. Wer Waffen- oder Sprengstofffunde illegal lagert und sogar vertreibt, verstößt zudem gegen das Waffengesetz. Erst im April wurden bei einer Razzia in Zwickau bei Hobbyschatzsuchern funktionsfähige Munition, Handgranaten, Schwarzpulver und Kulturgüter gefunden.

Im Freistaat regelt das sogenannte Schatzregal die Eigentumsrechte. Danach gehören herrenlose Funde, deren rechtmäßige Eigentümer nicht zu ermitteln sind, dem Freistaat – für die wissenschaftliche Forschung.

Das Typenschild einer Landmaschine um 1900.
Das Typenschild einer Landmaschine um 1900. © kairospress

Es gibt etwa 70 Sondler, die wie Ronny Schott eng mit den Profiarchäologen in Dresden-Klotzsche zusammenarbeiten. Der Schneeberger liefert wertvolle Hinweise. Akribisch füllt er nach jeder Tour eine Meldung aus – mit Ort, Zeit, Flurstücknummer und den gefundenen Gegenständen. Inzwischen bestimmt er sogar Münzen. Er skizziert, notiert und forscht nach. Wie bei der Fahrzeugplakette des ADAC von 1930 mit der Nummer 37587, die er gefunden hat. Hier allerdings blieb seine Nachfrage beim ADAC ergebnislos. Solche Funde aus jüngerer Zeit sind für die Landesarchäologen meist weniger relevant. Deshalb kann Ronny Schott die Plakette genauso behalten wie Stücke aus Blei – Spielzeugfiguren oder Warenplomben, Mantelgewichte oder das Typenschild einer Landmaschine aus der Zeit um 1900. Auch ein Bonbonglas, gefüllt mit Musketenkugeln, datiert um 1700, bereichert Schotts private Sammlung.

Ronny Schotts Leidenschaft begann Ende der 1990er-Jahre auf dem heimischen Bauernhof. „Da habe ich eine ramponierte Silbermünze aus Preußen von 1766 gefunden, geprägt unter König Friedrich II.“ Sein erster Detektor habe 120 D-Mark gekostet. Inzwischen sondelt er mit wertvollerem Gerät.

Auch er war jahrelang illegal unterwegs, seit 2019 ist er es offiziell – und hat dem Landesamt zum Beispiel eine drei Jahre zuvor gefundene dänische Silbermünze von 1646 übergeben. Auch zwei Siegelstempel, bekannt als Petschaften, ließ er registrieren. Alle drei Funde wurden im Landesamt gereinigt und mit Schutzüberzug versehen. Archäologin Christiane Hemker schwärmt vor allem vom Münzenfund: Ein dänisches Talerteilstück von 1646, 2 Mark, Königreich Dänemark aus der Regierungszeit von Christian IV. (1588 bis 1648). „Der König von Dänemark und Norwegen hat solche Münzen in Kopenhagen von Münzmeister Heinrich Köhler prägen lassen“, sagt die Expertin.

Archäologisch interessant: Diese dänische Silbermünze von 1646 ist einer von Ronny Schotts wertvollen Funden, die nun der Wissenschaft dienen.
Archäologisch interessant: Diese dänische Silbermünze von 1646 ist einer von Ronny Schotts wertvollen Funden, die nun der Wissenschaft dienen. © kairospress

Dabei sei der König verärgert über die Art und Weise des schwedischen Angriffs gewesen, einen Krieg zu beginnen, ohne diesen vorher formell zu erklären, hat Ronny Schott herausgefunden. Nach seinen Recherchen habe Christian IV. am 20. Januar 1644 eigenhändig eine Skizze angefertigt, nach der zwischen 1644 und 1647 Kriegsmünzen geschlagen wurden, die zum Teil die Kriegskosten finanzieren sollten. Und es gibt ein weiteres interessantes Detail: „Auf der Rückseite steht auf Hebräisch Justus jehova judex (Gott ist ein gerechter Richter).“ Wahrscheinlich, so Schott, kündigte Christian IV. dem schwedischen Königshaus damit Verdammnis im Jenseits als Strafe für den Überfall an. Dieses auch als Hebräermünze bekannte Geldstück könnte durch heimkehrende Söldner nach Sachsen gelangt sein, vielleicht auch durch Handel und Geldgeschäfte, so Christiane Hemker.

Die beiden von Schott gefundenen Siegel, in denen jeweils eine Hausmarke eingearbeitet ist, stammen aus dem späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert und aus der Zeit um 1800. Dass sie auf Äckern wie bei Griesbach gefunden werden, sei nicht ungewöhnlich, sagt er. Möglicherweise sind sie mit Fäkalien aus Latrinen für die Düngung der Felder dahin gekommen.

Jetzt liegen die Funde, nummeriert, klimatisiert und geschützt vor weiteren Schäden, im Archiv des Landesamtes und warten dort auf weitere Untersuchungen.

Archäologisch weniger interessant: Deshalb darf Ronny Schott diesen Fund, eine Fahrzeugplakette des ADAC aus dem Jahr 1930, für sich behalten.
Archäologisch weniger interessant: Deshalb darf Ronny Schott diesen Fund, eine Fahrzeugplakette des ADAC aus dem Jahr 1930, für sich behalten. © kairospress

An die 1.000 Einzelfunde hat Ronny Schott inzwischen gemeldet. Finderlohn hat er dafür nicht bekommen. „Der ist im Denkmalschutzgesetz nicht vorgesehen“, sagt Wolfgang Ender. Hobbyarchäologen, die mit dem Landesamt zusammenarbeiten, würden aber zu Ausstellungen und Veranstaltungen eingeladen oder erhalten mal ein Präsent, Geld nicht. Kein Problem für Ronny Schott: „Ich bin dankbar, dass ich eine Genehmigung bekomme und das Hobby in Sachsen möglich ist.“

Für ihn sei der Weg das Ziel, das Suchen und Finden wichtiger als Besitzen oder Sammeln. Und dass Funde wie die Silbermünze wertvolle Erkenntnisse bringen, macht ihn auch ein wenig stolz. Einen Wunsch hat er: „Schön wäre es, wenn mit jedem Sondengeher jährlich wenigstens ein längeres Gespräch über die Suchregion, die Funde und deren wissenschaftlichen Wert geführt würde.“ Denn den Beitrag, den er durch seine Notizen und Nachforschungen leistet, möchte er ausbauen.

Dafür hat er in den nächsten Wochen mehr Zeit. Die Jahreszeit für Sondengeher ist vorbei. Die Felder sind bestellt. Frühestens Ende August wird er wieder losziehen. Und dann vielleicht den Fund seines Lebens machen.

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