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Kies oder Wald?

Inmitten der Laußnitzer Heide prallen Natur und Wirtschaft aufeinander. Die Bauwirtschaft braucht Rohstoffe, Umweltschützer fürchten um Biotope.

Naturschützer Matthias Schrack trägt das Bundesverdienstkreuz und ist fasziniert von Waldmooren. Er fürchtet ihren schleichenden Tod, sollte der Kiesabbau expandieren.
Naturschützer Matthias Schrack trägt das Bundesverdienstkreuz und ist fasziniert von Waldmooren. Er fürchtet ihren schleichenden Tod, sollte der Kiesabbau expandieren. © kairospress

Wie Lärm von Motorsägen. Kreischend, nervtötend. Motocross-Räder und Quads drehen am Rand des Kiestagebaus bei Ottendorf-Okrilla an Allerheiligen ihre Runden. Hinter einem Erdwall an der Kreisstraße nach Würschnitz brettern sie über schlammige Pisten. Erlaubt ist das nicht. „Betriebsgelände. Betreten verboten. Lebensgefahr“, warnen Schilder. Aufgestellt hat sie die Kieswerk Ottendorf-Okrilla GmbH & Co. KG. „Ach“, gluckst es unter dem Helmvisier eines Fahrers hervor, „hier kontrolliert sowieso keiner.“

Eine Stunde später kreist ein Polizeihubschrauber über dem Gelände. Aber nicht wegen der illegalen Cross-Fahrten. Nein, die Luftüberwachung dirigiert drei Streifenwagen zu einem Reitweg weiter nördlich. Dort haben vielleicht 20 bis 30 Menschen Girlanden zwischen Bäume gehängt. Vor der Fahrerkabine eines Baggers hängt ein Transparent. „Wald statt Kies“ steht darauf.

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„Wir sind fast alle aus Würschnitz“, sagt Heiko Richter. Der Mann mit dem blonden Bart gehört zur Bürgerinitiative „Contra Kiesbau“. Man mache ein Protest-Picknick gegen „die Zerstörung unserer Heimat“, sagt er.

Heiko Richter (links) und zwei weitere Mitstreiter der Bürgerinitiative Contra Kiesbau aus Würschnitz protestieren auf der Schneise für das geplante Förderband.
Heiko Richter (links) und zwei weitere Mitstreiter der Bürgerinitiative Contra Kiesbau aus Würschnitz protestieren auf der Schneise für das geplante Förderband. © Ulrich Wolf

Schon seine Urgroßeltern lebten in dem 200-Einwohner-Dorf östlich von Radeburg. Der 46-Jährige zeigt auf gestapelte Baumstämme. Dazwischen liegen zersplitterte Äste und kaputte Wurzeln. Es sind Relikte eines Werks, mit dem Mitarbeiter des Staatsbetriebs Sachsenforst im Oktober begonnen hatten. Sie schlugen eine Schneise. 1,2 Kilometer lang und 20 Meter breit. Fast drei Hektar Platz für ein Förderband, das den Kies aus den Abbaufeldern bei Würschnitz ins Werk bei Ottendorf-Okrilla transportieren wird.

Ganz Dresden braucht den Kies aus Ottendorf

Der Konflikt zwischen Wald und Kies, er dauert hier schon 20 Jahre. Unter einer Fläche von mehr als 800 Hektar, umgeben von diversen Natur-, Vogel-, Landschafts- und Wasserschutzgebieten, lagern teils bis zu 20 Meter dicke Schichten Kies. Geologen schätzen ihn wegen seines hohen Quarzgehalts als „äußerst wertvoll“ ein. Es ist genau der Kies, der gebraucht wird, um alles in und um Dresden zu bauen, was mit Beton zu tun hat: die geplante Erweiterung der Autobahn 4 nach Bautzen, die Sanierungen Dresdner Brücken, neue Wohnquartiere.

Ein Blick auf das Bergwerkseigentum Laußnitz 1 der Kieswerk Ottendorf-Okrilla GmbH & Co. KG. Größter Anteilseigner der Kommanditgesellschaft ist das Adelshaus Württemberg.
Ein Blick auf das Bergwerkseigentum Laußnitz 1 der Kieswerk Ottendorf-Okrilla GmbH & Co. KG. Größter Anteilseigner der Kommanditgesellschaft ist das Adelshaus Württemberg. © Kristin Richter

Von keinem Rohstoff wird in Deutschland so viel verbraucht wie von Kies und Sand. Im Durchschnitt eines Bundesbürger-Lebens sind es 335 Tonnen. Nicht nur in Bauwerken steckt die Rohstoffe, auch in Glas, Keramik oder sogar Zahnpasta. Das alles eingerechnet, beläuft sich der Verbrauch von Sand und Kies bei jedem Deutschen auf ein Kilogramm stündlich. Allein Sachsens Bauwirtschaft verlangt jährlich nach 36 Millionen Tonnen. Und obwohl Sachsens Boden ganz gut bestückt ist und rund 70 Betriebe Kies fördern und verarbeiten, gibt es inzwischen Lieferengpässe.

Das Adelshaus Württemberg hat jede Menge Kies

Umso wichtiger ist da für die Branche das Kieswerk Ottendorf-Okrilla. Gemessen an der potenziellen Abbaufläche zählt es zu den größten in Deutschland. Derzeit fördert es jährlich rund 750.000 Tonnen. Eigentümer sind fünf Familien aus Baden-Württemberg. Größter Anteilseigner ist das Adelshaus Württemberg. Das älteste Abbaugebiet namens Laußnitz 1 wird nach Unternehmensangaben 2023 „ausgekiest“ sein, das sächsische Oberbergamt in Freiberg gibt fünf bis acht Jahre an. Wie auch immer: Die Kiesabbau ist weiter nach Norden gezogen, in Richtung Würschnitz. Die Genehmigung, im Südosten des Ortes zu graben, liegt seit 1998 vor. Nun will das Kieswerk zusätzlich im Südwesten abbauen, auf einer Fläche so groß wie rund 190 Fußballfelder.

Der studierte Bergmann Thomas Gruschka ist Geschäftsführer des Kieswerks. Er will bis zu vier Millionen Euro in die neue Abbaufläche Würschnitz-West investieren. Der Umweltschutz habe natürlich "höchste Priorität".
Der studierte Bergmann Thomas Gruschka ist Geschäftsführer des Kieswerks. Er will bis zu vier Millionen Euro in die neue Abbaufläche Würschnitz-West investieren. Der Umweltschutz habe natürlich "höchste Priorität". © Kristin Richter

Der Mann, der das alles managt, heißt Thomas Gruschka. Der 55 Jahre alte Geschäftsführer weiß genau, dass das Werk eine Schlüsselrolle spielt in der Frage der regionalen Versorgungssicherheit. Er sagt, der Kiesabbau an den beiden Standorten bei Würschnitz sei notwendig, „um eine gleichbleibende Qualität zu ermöglichen“. Beide Areale sicherten den Standort für über 40 Jahre. Verarbeitet werde das Material im eigenen Werk auf dem Gebiet Laußnitz 1. Das Förderband solle nächstes Jahr in Betrieb gehen. So vermeide man rund 150 tägliche Pendelfahrten mit Lkw. Das Unternehmen sichere 150 regionale Arbeitsplätze. Das Kieswerk selbst hat um die 25 Mitarbeiter. Drei bis vier Millionen Euro sollen investiert werden.

Kein Graben unter dem Grundwasserspiegel

Gruschka betont, Umweltschutz habe „höchste Priorität“. Man werde im beantragten Tagebau Würschnitz-West bei mindestens einem Meter oberhalb des Grundwasserspiegels aufhören zu graben. 400.000 Tonnen sollen dort jährlich gefördert werden. „Ich möchte keineswegs, dass Raubbau an der Natur getrieben wird“, betont der studierte Bergmann. „Wenn einer ernsthaft denkt, wir könnten tun und lassen, was wir wollen, irrt er sich gewaltig.“

Umgeben von Schutzgebieten liegen die tatsächlichen und geplanten Abbaugebiete der Kieswerk Ottendorf-Okrilla GmbH & Co. KG
Umgeben von Schutzgebieten liegen die tatsächlichen und geplanten Abbaugebiete der Kieswerk Ottendorf-Okrilla GmbH & Co. KG © SZ-Grafik: Gernot Grunwald

Die Mitglieder der Bürgerinitiative um Heiko Richter sehen das anders. „Die machen hier Pläne für die Ewigkeit“, sagt der Beamte. Das Kieswerk gebe die Gutachten zu den Auswirkungen auf Wasser und Natur in Auftrag und bezahle sie. Das Oberbergamt in Freiberg nehme die Ergebnisse wohlwollend zur Kenntnis und drücke den Genehmigungsstempel drauf. „Das sind schon fast brasilianische Verhältnisse.“

Rechtlich war bei der Rodung alles in Ordnung

Tatsächlich hat das Kieswerk die Anträge für seine Abbauvorhaben in den vergangenen Jahren mehrfach verändert, zurückgezogen und erneut gestellt. Es existiert eine Vielzahl sogenannter Betriebspläne unterschiedlicher Laufzeiten, die das Oberbergamt genehmigt. Auch für das Förderband hat Freiberg grünes Licht gegeben, zusammen mit dem Sachsenforst und dem Landratsamt Bautzen. Bergrechtliche Grundlage dafür sind zwei Pläne aus den Jahren 2011 und 2019. Dem Sachsenforst zufolge war für die Rodung keine Umweltverträglichkeitsprüfung erforderlich.

Eine ausgekieste Fläche im Abbaugebiet Laußnitz 1. Die Umweltgutachter des Kieswerks erwarten hier eine stärkere "Diversität der Arten" als zuvor.
Eine ausgekieste Fläche im Abbaugebiet Laußnitz 1. Die Umweltgutachter des Kieswerks erwarten hier eine stärkere "Diversität der Arten" als zuvor. © Ulrich Wolf

Kieswerkbetreiber in Sachsen profitieren immer noch vom Einigungsvertrag zwischen BRD und DDR. Dort galt bis 1996 im Bergrechtskapitel eine Sonderregelung: Die Politik wollte damit den für den Wiederaufbau Ostdeutschlands notwendigen Zugang zu Rohstoffen wegen der vielen ungeklärten Eigentumsverhältnisse sicherstellen. Man gewährte den Investoren sehr lange Betriebspläne, die teils über Jahrzehnte laufen. Auch die Bewilligungen zum Gewinn von „Kiesen und Kiessanden“ in der Radeburger und Laußnitzer Heide beruhen teilweise darauf. „Bestandsschutz“ nennen Verwaltungsjuristen das.

Die Landesdirektion Sachsen stellt sich quer

Doch gilt der für die Ewigkeit? Im Fall von Würschnitz-West ist die Landesdirektion Sachsen eher zurückhaltend. Diese für die Raumordnung zuständige Behörde stellte 2016 fest, dass bei dem Vorhaben „mit erheblichen Auswirkungen auf die Natur, Tiere und Pflanzen, das Wasser, den Boden und das Klima“ zu rechnen ist. Es erlegte dem Kieswerk 16 Maßgaben auf. Die beiden gravierendsten waren eine drastische Verkleinerung der geplanten Abbaufläche sowie das Verbot, ausgekieste Abschnitte wieder zu verfüllen.

Das Kieswerk hält einen Großteil der Maßgaben für rechtswidrig. Der Ende 2018 vom Unternehmen vorgelegte, 815 Seiten starke Rahmenbetriebsplan zu Würschnitz-West konstatiert: „Im Ergebnis wird eine Beeinträchtigung auf die Flora-Fauna-Habitat- und Vogelschutzgebiete ausgeschlossen.“ Das zugehörige Umweltgutachten erstellte ein niederländischer Konzern, dessen Kunden aus der Öl- und Gasindustrie, der Bauwirtschaft und dem Bergbau stammen. Es entstünden „dynamische Pionierlebensräume“, heißt es. „Die Diversität der Arten wird durch das Vorhaben begünstigt.“ Das Vorhaben Würschnitz-West sei ein „substanzieller Beitrag zur Erreichung des Gemeinwohlziels“.

Der Zugang zum Naturschutzgebiet "Waldmoore bei Großdittmansdorf" ist nur auf Waldwegen möglich.
Der Zugang zum Naturschutzgebiet "Waldmoore bei Großdittmansdorf" ist nur auf Waldwegen möglich. © kairospress

Darüber rümpft Matthias Schrack die Nase. Der 68-Jährige ist Naturschutzbeauftragter von Dresden. Im Ehrenamt. Seit seinem 13. Lebensjahr widmet er sich der Vogelkunde, leitet eine Fachgruppe im Naturschutzbund und ist seit diesem Sommer sogar Träger des Bundesverdienstkreuzes. „Das Kieswerk macht nichts falsch“, sagt Schrack. Es stellt Anträge, das war’s.“ Dass jedoch sämtliche Naturschutzeinwände seit 2001 unbeachtet geblieben seien, das regt den sonst so ruhigen Mann auf. „Den größten Konflikt haben wir mit dem Oberbergamt.“

Er und der Naturschutzbund halten Würschnitz-West „für unvertretbar und nicht genehmigungsfähig“. Unterstützer sind nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Grüne Liga, Fridays for Future, Greenpeace, Schutzgemeinschaft Deutscher Wald sowie Bund für Umwelt- und Naturschutz. Auch Sachsens Ornithologen, Angler, Jäger und Heimatschützer sind skeptisch. Teilweise seien bereits „irreparable Schäden“ entstanden, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung vom November 2019. Die würden verschärft, „nur um vermeintlich profitable Abbautätigkeiten durchzusetzen“.

Die herbstliche Wunderwelt der Waldmoore:

Die Moore bei Großdittmannsdorf und am Pechfluss bei Medingen bergen viele Geheimnisse.
Die Moore bei Großdittmannsdorf und am Pechfluss bei Medingen bergen viele Geheimnisse. © kairospress
Zum Beispiel diese Pflanze, die viele Namen hat: Goldenes Frauenhaarmoos, Gewöhnliches Widertonmoos oder Großes Haarmützenmoos.
Zum Beispiel diese Pflanze, die viele Namen hat: Goldenes Frauenhaarmoos, Gewöhnliches Widertonmoos oder Großes Haarmützenmoos. © kairospress
Was aussieht wie ein Ölfilm ist in Wirklichkeit ein äußerst zerbrechlicher Teppich aus Mikroorganismen auf saurem und nährstoffarmen Wasser.
Was aussieht wie ein Ölfilm ist in Wirklichkeit ein äußerst zerbrechlicher Teppich aus Mikroorganismen auf saurem und nährstoffarmen Wasser. © kairospress
Das Knöterich-Laichkraut ist eine stark gefährdete Art und bevorzugt in Ostdeutschland die Moore bei Radeburg.
Das Knöterich-Laichkraut ist eine stark gefährdete Art und bevorzugt in Ostdeutschland die Moore bei Radeburg. © kairospress
Keine Ordnung, nirgends. Die Natur spielt Mikado - und keiner versucht, die Stäbchen rauszuziehen.
Keine Ordnung, nirgends. Die Natur spielt Mikado - und keiner versucht, die Stäbchen rauszuziehen. © kairospress
Im Reich des toten Holzes sind die Reduzenten die Totengräber - Bakterien und Pilze wie hier ein Birkenpilz.
Im Reich des toten Holzes sind die Reduzenten die Totengräber - Bakterien und Pilze wie hier ein Birkenpilz. © kairospress
Optimale Ausnutzung von Wohnraum: Der Schwarzspecht hackt Höhle auf Höhle, als Nachmieter zieht der Große Abendsegler ein, eine Fledermaus.
Optimale Ausnutzung von Wohnraum: Der Schwarzspecht hackt Höhle auf Höhle, als Nachmieter zieht der Große Abendsegler ein, eine Fledermaus. © kairospress
Misteln in Nadelnbäumen? Ja, die gibt's. Die Kiefernmistel kommt sogar in Fichten vor und gilt dort als forstbotanische Besonderheit.
Misteln in Nadelnbäumen? Ja, die gibt's. Die Kiefernmistel kommt sogar in Fichten vor und gilt dort als forstbotanische Besonderheit. © kairospress
Dieses Torfmoos ist, wie der Botaniker sagt, eine "wertbestimmende Art". Torfbildung ist das entscheidende Kennzeichen eines Moores. Sümpfe hingegen sind mineralische Nassstandorte.
Dieses Torfmoos ist, wie der Botaniker sagt, eine "wertbestimmende Art". Torfbildung ist das entscheidende Kennzeichen eines Moores. Sümpfe hingegen sind mineralische Nassstandorte. © Foto: Kairospress
Spagnum magellanicum (Magellans Torfmoos) ist eine  absolute Rarität im sächsischen Tiefland.
Spagnum magellanicum (Magellans Torfmoos) ist eine  absolute Rarität im sächsischen Tiefland. © Foto: Kairospress
Rippenfarn und Adlerfarn sind typisch für Moorrandlagen.
Rippenfarn und Adlerfarn sind typisch für Moorrandlagen. © Foto: Kairospress
Sie ist jetzt im Winterquartier, aber im Sommer sind die Kieshochflächen am Rand der Moore die Jagdgebiete der stark gefährdeten Kreuzotter. 
Sie ist jetzt im Winterquartier, aber im Sommer sind die Kieshochflächen am Rand der Moore die Jagdgebiete der stark gefährdeten Kreuzotter.  © Foto: Nabu

Im Fokus stehen zwei Moorgebiete. Die werden zwar nicht weggebaggert, doch die Befürchtungen, dass Würschnitz-West die sensiblen Ökosysteme verändert, ist groß. Das Bundesnaturschutzgesetz verbiete alle Handlungen, die Moore zerstören oder erheblich beeinträchtigen könnten, sagt Schrack. Und wiederholt noch einmal: „Könnten!“

Eine Schranke versperrt den Zugang zum Gebiet „Waldmoore bei Großdittmannsdorf“. Schrack darf sie ignorieren. Großen Schritts stapft er voran. „Das ist die Waldtundra“, sagt er. In seiner Stimme schwingt Begeisterung. „Nass, kalt, der Boden sauer.“ Birkenblätter rieseln herab. Dort stehe der Faulbaum, „auch Pulverholz genannt“, sagt Schrack. Er schaut hinauf zur Spitze einer Fichte. „Dort oben, das ist eine forstbotanische Besonderheit: eine Kiefernmistel in der Fichte.“ Dann entdeckt er eine mächtige Kiefer, an ihrem Stamm reiht sich Höhle über Höhle, „das Werk des Schwarzspechts“.

Der Wasserschlauch, der Wasserflöhe frisst

Kreuz und quer liegen umgestürzte Bäume, mitunter ist das Dickicht kaum zu durchdringen. „Das Totholz ist das Revier der Reduzenten, der Bakterien und Pilze“, sagt Schrack. Er zeigt einen verrottenden Stamm, übersät mit braunroten Schwämmen. „Das ist der Fichtenporling.“

Der Wald endet abrupt an einem Teich, umgeben von Seggen und Binsen und Wollgras. Aus dem Wasser ragen abgestorbene Birken, „die sind beliebt bei Haubenmeisen“. Auch Kranich, Waldwasserläufer und Waldschnepfe brüteten hier. Schrack ist stolz auf utricularia vulgaris, den Gewöhnlichen Wasserschlauch. Die unscheinbare Pflanze ist fleischfressend, sie ernährt sich von Wasserflöhen. Gelegentlich unterbricht Schrack seine Erklärungen, lauscht. „Da, das ist der Habicht. Und das, der Trompetergimpel.“ Ein Buntspecht klopft. „In der Abenddämmerung hört man hier den Sperlingskauz im Kontergesang.“

Der 68-jährige Matthias Schrack beobachtet seit mehr als 50 Jahren Vögel in seinem Heimatrevier rund um Radeburg und Moritzburg.
Der 68-jährige Matthias Schrack beobachtet seit mehr als 50 Jahren Vögel in seinem Heimatrevier rund um Radeburg und Moritzburg. © kairospress

Eine geologische Besonderheit hat dieses Paradies geschaffen. Ein Gestein namens Granodiorit bildet in der Laußnitzer und Radeburger Heide die Untergrenze für Grundwasser. Das bahnt sich in den Hängen hin zum Rödertal als Sickerquellen seinen Weg oder drückt in Geländesenken nach oben: der Beginn eines Waldmoores. Seit Jahren verlangen die Naturschützer ein unabhängiges hydrologisches Gutachten zu den Auswirkungen des Kiestagebaus. Sie befürchten nicht nur eine Störung des Wasserhaushalts; auch die sukzessive Verfüllung der Kiesgrube Würschnitz-West würde „lebensraumtypische Tier- und Pflanzenarten infolge möglicher Salz- und Nährstoffeinträge erheblich gefährden“. Zwar macht das Kieswerk seit 1994 ein Grundwassermonitoring, doch diesem misstrauen die Naturschützer.

Taumelkäfer kreisen wie trunken durchs Moor

An der Trasse für das künftige Förderband gluckert ein Rinnsal zwischen verblichenen Grasbüscheln. Weil es in der Gegend bis ins 19. Jahrhundert hinein jede Menge Pechsiedereien gab, trägt das Bächlein den etwas großspurigen Namen Pechfluss. Bei Medingen mündet es in die Große Röder. Dazwischen formt es das zweite Naturschutzgebiet, den „Moorwald am Pechfluss“. Dort kreisen Taumelkäfer wie trunken auf den Oberflächen der nun wieder mit Grundwasser gefüllten Torflöcher.

Im südwestlichen Teil des Gebiets Laußnitz 1 wird der ausgekieste Teil mit Bauschutt, Steine und Erden verfüllt. Das Wasser aus diesen Kippen sei zu nährstoff- und salzhaltig für die benachbarten Moore, kritisieren die Umweltschützer.
Im südwestlichen Teil des Gebiets Laußnitz 1 wird der ausgekieste Teil mit Bauschutt, Steine und Erden verfüllt. Das Wasser aus diesen Kippen sei zu nährstoff- und salzhaltig für die benachbarten Moore, kritisieren die Umweltschützer. © Ulrich Wolf

Schrack interessiert sich aber mehr für den Kampf zwischen Pfeifengras und Torfmoos. Ersteres macht sich breit, wenn Nährstoffe und Salze ins Moor gelangen, etwa, wie er sagt, durch das Grundwasser aus einer nur 150 Meter entfernten, bereits verfüllten Kippe. Schracks Sympathien gelten zweitem, dem Torfmoos, besonders dem spagnum magellanicum, Magellans Torfmoos. „Das ist eine absolute Rarität im sächsischen Tiefland.“ Herausragend sei jedoch das Vorkommen des fleischfressenden Rundblättrigen Sonnentaus. Um die 10.000 Exemplare seien „ein Indiz für die herausragende floristische Schutzwürdigkeit“.

Der Sachsenforst vermeldet nur sehr geringe Ausfälle

Der Waldboden ist weitflächig bedeckt von Heidel- und Preiselbeeren. „Da drinnen brütet der Baumpieper“, sagt Schrack. Auf verfüllten Kieskippen wachse so was nicht, dort zeige sich stets „ein verfremdetes und artenmäßig verarmtes Erscheinungsbild“. Diese Aussage widerspricht dem Resultat des Umweltgutachtens im Betriebsplan Würschnitz-West konträr. Ob die Expertise des Sachsenforsts dem Streit hilft? Der Staatsbetrieb hält sich raus. Er teilt lediglich mit, di abschließende Bewertung in diese Frage obliege dem Bergamt. Auf den bislang aufgeforsteten 43 Hektar jedenfalls verzeichne man „nur sehr geringe Ausfälle“.

Nach Ansicht der Umweltgutachter für den Rahmenbetriebsplan Würschnitz-West leistet das Kieswerk Ottendorf-Okrilla einen substanziellen Beitrag für das Gemeinwohl.
Nach Ansicht der Umweltgutachter für den Rahmenbetriebsplan Würschnitz-West leistet das Kieswerk Ottendorf-Okrilla einen substanziellen Beitrag für das Gemeinwohl. © Marion Doering

Wie der Konflikt zwischen Wald und Kies ausgehen wird, ist unklar. Die Kommune Thiendorf, zu der Würschnitz gehört, warnt vor einem „teilweisen kompletten Verlust der Bodenfunktionen für Wasser, Flora und Fauna“. Auch Radeburg äußert „massive Bedenken“. Weniger skeptisch reagiert das von den Kieswerk-Jobs profitierende Ottendorf-Okrilla. „Beim Naturschutz sind wir der Ansicht, dass entsprechende Ausgleichsmaßnahmen zu schaffen sind.“ Und Laußnitz, auf dessen Terrain das Kieswerk seinen Firmensitz hat, möchte sich zu dem Konflikt gar nicht äußern.

Das Landratsamt Bautzen äußert Zweifel an der Umsetzung des Naturschutzrechts, hält sich ansonsten jedoch mit einer Bewertung zurück. Der regionale Planungsverband Oberlausitz/Niederschlesien geht davon aus, „dass sich die Bergbehörde nicht über ein Ziel der Raumordnung hinwegsetzen kann“. In ihrem zweiten Entwurf zum neuen Regionalplan liebäugeln die Planer damit, aufgrund der verkehrsgünstigen Lage „mittelfristig Bademöglichkeiten an neuen Landschaftsseen zu schaffen“.

Ein Warnschild steht an der Kreisstraße zwischen Ottendorf und Würschnitz, die am Kieswerk vorbeiführt. Im Sommer ist dahinter ein (illegaler) Badeort, im Frühjahr und Herbst eine (ebenfalls illegale) Moto-Cross-Piste.
Ein Warnschild steht an der Kreisstraße zwischen Ottendorf und Würschnitz, die am Kieswerk vorbeiführt. Im Sommer ist dahinter ein (illegaler) Badeort, im Frühjahr und Herbst eine (ebenfalls illegale) Moto-Cross-Piste. © Ulrich Wolf

Die Kollegen des benachbarten regionalen Planungsverbands Oberes Elbtal/Osterzgebirge haben erst im September ihren neuen Regionalplan vorgelegt. Darin hat man einen Kiesbedarf von 88 Millionen Tonnen für die nächsten 30 Jahre ermittelt. Der Bedarf könne mit den noch verfügbaren Reserven von 143 Millionen Tonnen in den Vorranggebieten Rohstoffabbau gedeckt werden. Würschnitz-West jedoch sei ein „sehr konfliktreiches Gebiet“. Die Sorge gilt vor allem dem Trink- und Grundwasserschutz. Der ebenfalls von den Abbauplänen betroffene Landkreis Meißen macht es sich bequem und behauptet, es handle sich um ein nicht-öffentliches Verfahren, über das nur das Bergamt selbst Auskunft geben könne.

Umwelt- gegen Wirtschaftsminister?

Indessen verschärft sich der Konflikt. Vor dem Wirtschaftsministerium gab es im Oktober eine Demonstration, im Internet läuft eine Petition, der Sachsenforst erstattete Anzeige, weil an der Förderbandtrasse Nägel in rund 200 Bäume geschlagen worden waren. Das Bergamt betont, sämtliche Stellungnahmen und Einwendungen seien von großer Bedeutung. Eine abschließende fachliche und rechtliche Würdigung aber noch nicht möglich.

Der Streit um die Erweiterungspläne des Kieswerks Ottendorf-Okrilla ist noch lange nicht entschieden.
Der Streit um die Erweiterungspläne des Kieswerks Ottendorf-Okrilla ist noch lange nicht entschieden. © Marion Doering

Sogar in der Kenia-Koalition droht Streit: Aus dem von den Grünen geführten Umweltministerium heißt es, Hausherr Wolfram Günther habe in einem Schreiben an Wirtschaftsminister Martin Dulig von der SPD „die Erwartung zum Ausdruck gebracht, dass in dem Verfahren Würschnitz-West alle Belange mit dem ihnen zukommenden Gewicht Beachtung finden“.

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Das geplante Kiesabbaugebiet Würschnitz-West gefährdet die Existenz einzigartiger geschützter Biotope. Die SZ sprach mit Holger Oertel, Nabu-Fachgruppe Ornithologie.

Das Wirtschaftsministerium selbst teilt mit, der Kieswerksbetreiber sei aufgefordert worden, „ein weiteres hydrogeologisches Gutachten in Auftrag zu geben“. Die Kriterien und Anforderungen dafür gebe das Bergamt vor. Die Auswahl des Gutachters obliege dem Unternehmen. Dessen Ergebnis prüfe dann ein Sachverständiger, dessen Auswahl zwischen dem Kieswerk und dem Oberbergamt abgestimmt werde. „Ein Anlass einzugreifen ergibt sich für das Wirtschaftsministerium nicht.“

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