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Sachsens königlicher Wald ist in Not

Der Wald rings um Moritzburg hat massiv mit Hitzefolgen zu kämpfen. Nun müssen Förster, wie Daniel von Sachsen, unterschiedliche Antworten darauf finden.

Imposante Rotbuchen, wie diesen rund 160 Jahre alten Baum, hat Daniel von Sachsen in seinen Waldgebieten im Friedewald bei Moritzburg. Sie sind Lebensraum für Vögel, Insekten, Pilze und Moose.
Imposante Rotbuchen, wie diesen rund 160 Jahre alten Baum, hat Daniel von Sachsen in seinen Waldgebieten im Friedewald bei Moritzburg. Sie sind Lebensraum für Vögel, Insekten, Pilze und Moose. © Matthias Rietschel

Leise surrt der Mini-Hummer durch den Wald. Am Kamm des Spitzgrundes stoppt Daniel von Sachsen seinen elektrischen Geländewagen, steigt aus, schaut sich um. Nach Radebeul sind es von hier aus fünf Kilometer, nach Meißen etwa 15. Die Fichten, die am Hang stehen, waren einst groß und mächtig. Heute sind die Wipfel braun, die Äste dürr. Rinde hat sich abgelöst. „2018 haben wir hier den ersten Borkenkäferbefall festgestellt, kein Jahr später waren die ersten Bäume tot“, sagt Daniel von Sachsen.

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Der Hang gehört zum Flora-Fauna-Habitat (FFH) „Teiche und Gründe im Friedewald“. In seinen muldenförmigen, zum Teil tief eingekerbten Tälern im bewaldeten Randgebiet des Elbtals gibt es naturnahe Bachläufe und Stillgewässer, wertvolle Waldgesellschaften, Grünland mit Niedermooren und Zwischenmoore. Neben weitverbreiteten Waldbewohnern, wie Reh-, Damm- und Schwarzwild, leben hier Fischotter, Kammmolch, Mopsfledermaus und Großes Mausohr. Das Gebiet ist eines von insgesamt 274 in Sachsen, deren natürliche Lebensräume oder Arten im besonderen Schutzinteresse der EU stehen. Die SZ hat einigen davon eine Sommerserie gewidmet. Sie endet mit diesem Teil.

1.500 des insgesamt 4.500 Hektar großen Friedewaldes gehören dem Sachsenforst, 800 Daniel von Sachsens Wettinischer Forstverwaltung. Prinz zur Lippe, Prinzessin Gisela von Sachsen, die Kirche und viele kleinere Waldbesitzer teilen sich in den Rest. „Der Friedewald war immer kurfürstlicher, ab 1806 königlicher Wald der Wettiner“, sagt Dr. Markus Biernath von Sachsenforst. Er leitet den Forstbezirk Dresden. Wie eine Pufferzone lag der Wald zwischen der Markgrafschaft Meißen und Böhmen. In kriegerischen Zeiten war er Rückzugsgebiet und Fluchtort. Daher wohl der Name. Im 16. Jahrhundert wurde er als Jagdgebiet der sächsischen Kurfürsten etabliert, vermessen und kartiert. Teiche wurden angelegt und aufgestaut. 46 waren es ehemals, 23 sind es jetzt noch, der Rest ist verlandet. Altehrwürdige Bäume, fünf, sechs Jahrhunderte alte Eichen oder Buchen findet man trotzdem nicht. „Der Wald war schon immer flächig bewirtschaftet“, sagt Biernath. Bäume wurden gepflanzt, um sie dereinst zu ernten: zum Bauen, Heizen, für Möbel. Ein Teil erfüllt auch jetzt entgeltliche Zwecke.

Ein Waldarbeiter zerlegt eine alte Rotbuche in unmittelbarer Nähe zum Moritzburger Schloss. Der Baum ist ein Hitzeopfer.
Ein Waldarbeiter zerlegt eine alte Rotbuche in unmittelbarer Nähe zum Moritzburger Schloss. Der Baum ist ein Hitzeopfer. © Matthias Rietschel

147 Hektar ist das FFH-Gebiet groß. Daniel von Sachsen gehören 128 davon. Als Eigentümer ist er dazu angehalten, die Schutzgüter zu erhalten. Er muss dafür sorgen, dass der Zustand nicht schlimmer wird. „Jeder Eingriff, der nicht dem Erhalt dient, wäre eine Verschlechterung“, sagt er. Konkret heißt das zum Beispiel, „unterwuchsarme Hallenwaldbestände zu entwickeln“ – hohe Buchenwälder, auf deren Boden durch die Beschattung kaum etwas wächst. Darin kann das Mausohr gut jagen. Oder Biotopbäume zu erhalten und nicht zu verschneiden, weil darin Insekten, Pilze oder Spechte ein Zuhause gefunden haben. Das ist keine leichte Aufgabe, weil Interessen kollidieren. Der Naturschutz will schützen, der Eigentümer wirtschaften, der Spaziergänger keinen Ast auf den Kopf bekommen. Der Klimawandel macht es nicht leichter. Mehr Bäume sterben ab und aufgeforstet werden darf nur, was hier heimisch ist.

Die Fichte ist es nicht. Erst recht nicht in den riesigen Monokulturen, in denen sie noch vor 40 bis 50 Jahren angepflanzt wurde. „Hier dominieren Kiefer, Eiche und Buche“ sagt Daniel von Sachsen und startet den E-Motor. Aber auch für diese Arten wird es eng. „Die Rotbuche fällt als erster Baum aus dieser Reihe raus. Ihr wird es zu trocken.“ Auch die Eiche verkraftet den Dürrestress zunehmend schlechter. Inwieweit sich der nasse Sommer 2021 auswirkt, wird man später sehen.

Keine acht Kilometer weiter östlich steht Revierförster Marko Groß vor dem Moritzburger Hellhaus. Das kleine sechseckige Jagdpalais ist kaum bekannt, auch wenn man von hier aus genau auf den Speisesaal des Moritzburger Schlosses sehen kann. 1776 ist es auf dem hellen Berg inmitten eines achtstrahligen Jagdsterns gebaut worden. Jetzt wird es saniert, der Dachstuhl ist schon erneuert. Acht Wege, die Hellen, gehen von hier aus in den Wald hinein. Das Areal befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum FFH-Gebiet, gehört aber nicht dazu. Dem Borkenkäfer sind vom Menschen erdachte Schutzgebiete schnuppe. Sind die Bedingungen für ihn günstig, macht er vor nichts halt. Der Friedewald hat ihm Top-Konditionen geboten. Erst die Orkane Herwart und Friederike, die im Oktober 2017 und Januar 2018 zahllose Bäume brachen, dann die heißen Dürrejahre. Beides verschaffte dem wärmeliebenden Käfer das Paradies auf Erden.

Borkenkäfer haben für Kahlschlag gesorgt, Förster sorgen für Neuanpflanzungen. Am Hellhaus in Moritzburg weist dieses Schild darauf hin.
Borkenkäfer haben für Kahlschlag gesorgt, Förster sorgen für Neuanpflanzungen. Am Hellhaus in Moritzburg weist dieses Schild darauf hin. © Matthias Rietschel

Die Sonne scheint auf Helle VIII. Mitten auf dem Weg gräbt sich ein Mistkäfer in einen frischen Pferdeapfel. Nebenan zerlegt ein Waldarbeiter eine Rotbuche. 150 der Bäume, viele über 200 Jahre alt, sind wegen der Dürre eingegangen. Die Motorsäge zerkreischt die Spätsommerruhe. „Wir haben in den letzten beiden Jahren 50 Hektar Fichten- und Lärchenwald verloren, allein hier im Moritzburger Revier. Das hört nicht auf. Die Altbäume haben ein Problem“, schreit Groß gegen die Säge an.

„Wir müssen den Wald in Hinblick auf den Klimawandel stabiler gestalten“, sagt Biernath, sein Chef. Das bedeutet: weg von Monokulturen, hin zu mehr Vielfalt und Waldgesellschaften, die von jeher an den Standorten vorkommen. Forstwirte planen langfristig. Bäume, die sie heute pflanzen, erreichen mitunter erst in 150 Jahren ihr Erntealter. Lärchen etwa, oder Buchen. Das wäre dann im Jahr 2171. Abzuschätzen, was bis dahin passiert, gleicht trotz aller Klimamodelle einem Blick in die Glaskugel. „Das momentane Szenario hatten wir Forstleute schon lange auf dem Schirm, aber dass es so schnell eintritt, hat uns überrascht“, sagt Biernath. Daniel von Sachsen sagt: „Wir rennen den Ereignissen hinterher, ganz unabhängig davon, was wir mal geplant haben.“ Groß sagt: „Wir sehen innerhalb einer Generation, wie sich alles ändert. Der Wald wird sich erholen, aber er wird ein anderer sein.“

Wald der Zukunft: Diese Bäumchen sind Esskastanien. Seit Jahrhunderten vereinzelt im Elbtal angepflanzt, kommen sie gut mit Dürre zurecht.
Wald der Zukunft: Diese Bäumchen sind Esskastanien. Seit Jahrhunderten vereinzelt im Elbtal angepflanzt, kommen sie gut mit Dürre zurecht. © Matthias Rietschel

Einen Steinwurf entfernt, auf einer vom Käfer völlig kahl gefressenen Fläche, hat Groß 3.000 Lärchen pflanzen lassen. In den zwei Jahren seither sind aus den 50 Zentimeter hohen Setzlingen zwei Meter hohe Bäumchen geworden. „Mir geht das Herz auf, wenn ich das sehe“, sagt er. Die Bestände sind gemischt mit Bergahorn. Hainbuchen, Kiefern und Birken haben sich angesiedelt. Diese Mischkultur ist gut für das Waldinnenklima. Die Bäume beschatten sich gegenseitig und werden einen dichten Unterstand bilden. Das verhindert, dass die Lärchen neues Futter für künftige Käfergenerationen werden. Auch Daniel von Sachsen hat vor mehr als zehn Jahren begonnen, Teile seines Waldes umzubauen. Er hat dafür mit hitzeresistenteren Baumarten experimentiert, Schwarznuss und Douglasie zum Beispiel. Sie gedeihen gut, er ist zuversichtlich. Aber auf seine Flächen im FFH-Gebiet darf er sie nicht pflanzen. Sie sind Neophyten, hier ursprünglich nicht heimisch und kein natürlicher Bestandteil des Ökosystems.

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