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Das Naturparadies unweit der Großstadt

Der Werbeliner See in der Nähe von Leipzig ist ein Paradies für Vögel, Schmetterlinge, Biber und Wölfe. Dabei gruben sich dort gigantische Bagger durch den Boden.

Der 18-jährige Hobby-Ornithologe Erik Eckstein und die Biologin Heike Franke erkunden mit Kamera und Spektiv die Vogelwelt am Werbeliner See bei Leipzig. Auch bei den öffentlichen Exkursionen im Naturschutzgebiet hilft der Schüler ehrenamtlich mit.
Der 18-jährige Hobby-Ornithologe Erik Eckstein und die Biologin Heike Franke erkunden mit Kamera und Spektiv die Vogelwelt am Werbeliner See bei Leipzig. Auch bei den öffentlichen Exkursionen im Naturschutzgebiet hilft der Schüler ehrenamtlich mit. © kairospress

Gerade war der Himmel über dem Werbeliner See noch bedeckt. Aber dann reißen die Wolken auf, und gnadenlos brennt die Sonne auf die schattenarme Ebene herab. Erik Eckstein setzt sein Basecap auf, Heike Franke ihren Strohhut. Die Gepäcktaschen ihrer Räder sind gut bestückt: Ferngläser, Spektiv, Gummibärchen und viel Wasser müssen mit auf ihre Erkundungstour. Und das Notizbuch. Hier wird alles eingetragen, jede Vogelart und die Anzahl der Tiere. Denn zu sehen gibt es viel in dem Gebiet. Die Gegend um den Werbeliner See ist ein Vogelparadies, eines der wichtigsten in Sachsen.

Wer auf den Wegen rings um den Werbeliner und den angrenzenden Grabschützer See unterwegs ist, hat gute Chancen, dem ungewöhnlichen Gespann zu begegnen. Heike Franke betreut das noch junge Naturschutzgebiet, das sich auf 1.600 Hektar erstreckt, mitten im einstigen Braunkohletagebau. Zu den Aufgaben der Biologin gehört es, zu beobachten, welche Tiere dort nisten oder durchziehen. Erik Eckstein hilft ihr ehrenamtlich. Der Schüler ist gerade 18, „aber schon ein hervorragender Ornithologe“, sagt Heike Franke. „Er kann die Arten sehr gut anhand ihres Gesangs bestimmen. Das hilft mir sehr. Bei uns heißt es immer: Der Erik hört die Vögel, bevor sie piepsen.“

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Der Steinstrand eher nicht zum Baden ein - ein Glück für die Tierwelt.
Der Steinstrand eher nicht zum Baden ein - ein Glück für die Tierwelt. © Thomas Kretschel

Sie lacht und öffnet das Notizbuch, denn Erik hat bei dem kurzen Stopp die ersten Vögel gehört: einen Kleinspecht, eine Goldammer, einen Pirol. „Und da kommt jetzt eine Rohrweihe“, sagt er, und wenig später schwebt pfeifend am Himmel einer der Greifvögel vorüber. Erik hebt seine Kamera mit dem gewaltigen Objektiv. Der Apparat dient ihm als Fernglas, aber er liebt es auch, zu fotografieren. Alles, was er sieht, will er festhalten.

Sanddorn an den Ufern

Erik, der nächstes Jahr Abitur macht, ist in seiner freien Zeit oft und gern am Werbeliner See unterwegs. „Das ist cool hier und faszinierend“, erzählt er. „Auf relativ engem Raum gibt es die unterschiedlichsten Lebensräume: magere Wiesen voller Wildblumen und Kräuter, dann die Seen mit ihren Schilfgürteln. Es ist unglaublich, was man hier alles sehen kann.“

Am Werbeliner See leben die seltenen Braunkehlchen, Blaukehlchen und Schwarzkehlchen. Ebenso Beutelmeisen, deren Männchen aus flauschigem Material mehrere kleine Beutel weben und dann versuchen, Weibchen für eines ihrer Bauwerke zu interessieren. Oder der Steinschmätzer, dessen Name herrührt von seinem schmatzenden Gesang und der Vorliebe für Steinhaufen, in denen der Nachwuchs großgezogen wird.

Eine Charakterart des Naturschutzgebietes ist der Rothalstaucher: Beim Balzen präsentiert er seiner Liebsten Wasserpflanzen als Geschenk und stößt Rufe aus, die an das Wiehern von Pferden und das Quieken von Schweinen erinnern. Das Gebiet ist zudem ein Eldorado für die verschiedensten Insekten, Amphibien, Reptilien und für Säugetiere. Biber fühlen sich hier wohl und Wölfe. Im Naturschutzgebiet mit seinen zum Teil für die Öffentlichkeit unzugänglichen Zonen lebt ein Rudel.

Vor 30 Jahren bewegten in der Region noch gewaltige Bagger gigantische Erdmassen. Sie verwandelten die Gegend im Nordosten von Leipzig in eine Mondlandschaft aus Sand und Steinen, voller karger Hügel, Täler und Krater. Mehrere Orte mussten der Braunkohle weichen, darunter die Dörfer Grabschütz und Werbelin. 1994 wurde der Tagebau eingestellt und mit der Renaturierung des Geländes begonnen. Die tiefen Einkerbungen verwandelten sich zu Seen. Die Uferbereiche wurden bepflanzt. Mit Sanddorn beispielsweise, der auf den kargen Böden regelrecht wuchert.

Viele Vogelarten sind bedroht

Da fühlt man sich fast wie am Meer. Ein starker Wind weht an diesem Tag. In Wellen schwappt das Wasser des Werbeliner Sees an die grasigen Ufer und kleine, von Schilf gerahmte Buchten. Der Blick schweift weiter, über Grasflächen, die an eine Prärie denken lassen. Schottische Hochlandrinder und neuerdings eine kleine Herde von Konik-Pferden halten einen Teil des Geländes kurz.

Der Werbeliner und der Grabschützer See sind nicht für Freizeit und Erholung freigegeben, sondern dienen dem Naturschutz. 2006 wurde die Gegend als Vogelschutzgebiet mit dem Namen „Agrarraum und Bergbaufolgelandschaft bei Delitzsch“ ausgewiesen. Sie ist mehr als 6.000 Hektar groß und gehört zum europäischen Netzwerk Natura 2000. Der Kernbereich um den Werbeliner See steht seit 2019 zusätzlich unter Naturschutz. Anders als in vielen Bergbaufolgelandschaften sind manche Hinterlassenschaften des Tagebaus erhalten geblieben. Zum Beispiel die Schüttrippen. Sie entstehen, wenn sich der Bagger im Laufe von Jahren vorarbeitet, den Boden über lange Förderbänder transportiert und abschüttet.

Nur noch Relikte zeugen von den gigantischen Kohlebaggern, die hier einst das Erdreich zerwühlten.
Nur noch Relikte zeugen von den gigantischen Kohlebaggern, die hier einst das Erdreich zerwühlten. © Thomas Kretschel

Diese allmählich zuwachsenden Abraumhalden bieten neue, ungewöhnliche Lebensräume. Im Wasser bilden sie Inseln. Die verschiedensten Vögel suchen sie auf zum Nisten und Jagen: Flussseeschwalben zum Beispiel und verschiedene Möwen. „Unser Seeadler-Paar nutzt sie gern als Ansitz“, erzählt Heike Franke. Und tatsächlich, auf einer der Erhebungen thront auf einem Stein ein Seeadler. Er putzt sich. Am Horizont sieht man den Tower des Leipziger Flughafens. Ein Flugzeug landet. Und dennoch hat sich hier eine ganz erstaunliche Vielfalt entwickelt, unweit von Autobahn, BMW-Werk und einem Betrieb für Baustoffrecycling. 181 Vogelarten leben im Bereich des Werbeliner Sees. Das sind mehr als zwei Drittel aller in Sachsen vorkommenden Arten. Viele davon sind gefährdet oder vom Aussterben bedroht.

Ein Freudenschrei über einen Schwalbenschwanz

Es ist keine einfache Angelegenheit, dieses Kleinod zu erhalten. Immer wieder verlassen Besucher die öffentlichen Rad- und Wanderwege, um in den kleinen Buchten zu baden. „Das ist im Naturschutzgebiet verboten“, sagt Heike Franke. „In den Schilfgürteln brüten viele seltene Vögel. Wenn da Menschen und Hunde sind, werden sie massiv gestört und geben ihre Nester in kürzester Zeit auf.

Das bedeutet, dass es dann bei manchen Vogelpaaren keinen Nachwuchs gibt.“ Heike Franke spricht ein junges Paar freundlich an und wartet, dass die beiden zurückkehren auf den Weg. Dann geht es weiter mit der vogelkundlichen Tour. Schließlich wurde trotz größter Bemühungen und Geduld noch kein Rothalstaucher erspäht.

Die Vogelwelt in, an und über dem See lockt viele Hobbyforscher an.
Die Vogelwelt in, an und über dem See lockt viele Hobbyforscher an. © Thomas Kretschel

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Nicht immer sieht ein Ornithologe das, was er sehen möchte. Erik stört das nicht. „Der Werbeliner See ist zu jeder Jahreszeit spannend“, sagt er. „Man entdeckt immer was Schönes. Vor allem, wenn man früh aufsteht.“ Er freut sich auf den Herbst, auf die Schauspiele des Morgennebels und den Vogelzug. Der Rothalstaucher lässt sich an diesem Tag nur kurz blicken. Erik stößt dennoch einen Freudenschrei aus: Ein Schwalbenschwanz flattert heran. Heike Franke zückt das Notizbuch. Erik macht Fotos von dem gelb-schwarzen Schmetterling. Davon hat er Wochen geträumt.

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