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Sackgasse Europa

Studien geben Einblick in das Schicksal der ersten modernen Menschen auf dem Kontinent – und könnten auch das Verschwinden der Neandertaler erklären.

Dieser Schädel einer Frau lag seit mindestens 45.000 Jahren in einer tschechischen Höhle und könnte der bisher älteste Fund eines modernen Menschen in Europa sein.
Dieser Schädel einer Frau lag seit mindestens 45.000 Jahren in einer tschechischen Höhle und könnte der bisher älteste Fund eines modernen Menschen in Europa sein. © Martin Frouz

Von Roland Knauer

Offensichtlich ohne Konkurrenz auf zwei Beinen streiften die Neandertaler und ihre Vorfahren in der Altsteinzeit einige Hunderttausend Jahre durch Europa und die nördlichen Regionen Asiens. Dann aber wanderten vor mehr als 45.000 Jahren moderne Menschen aus Afrika nach Norden, und die Neandertaler verschwanden vor rund 39.000 Jahren für immer. Dazwischen aber gab es reichlich Zeit für Begegnungen beider Menschenlinien. Svante Pääbo, Janet Kelso und Mateja Hajdinjak vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig berichten gemeinsam mit einem großen Team von Spezialisten jetzt in der Zeitschrift Nature über die Spuren, die solche manchmal auch intimen Treffen im Erbgut der Sammler und Jäger hinterlassen haben, die vor 45.000 Jahren in einer Höhle im heutigen Bulgarien lebten.

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Sicherlich erreichten etliche Gruppen solcher Auswanderer Europa, von denen sich keineswegs alle dauerhaft etablierten: Einige Linien der damaligen Neuankömmlinge sind inzwischen aus Europa, Asien und Amerika längst wieder verschwunden. Das schließen die EVA-Forscher Kay Prüfer und Johannes Krause ebenfalls mit einem großen Team von Kollegen in der Zeitschrift Nature Ecology and Evolution aus den Überresten einer Frau, die tschechische Wissenschaftler bereits 1950 in einer Höhle südwestlich von Prag unweit des Berges Zlaty kun (Goldenes Pferd) ausgegraben hatten.

Aus deren Schädel konnten die Forscher jetzt das Erbgut isolieren. Bereits 1950 aber hatten die Entdecker erkannt, dass die Überreste keinesfalls aus dem Mittelalter stammten, sondern mindestens seit 30.000 Jahre in der Höhle liegen mussten. Allerdings zeigte eine Radiokohlenstoff-Datierung nur ein Alter von 15.000 Jahren für die Knochen an. Irgendetwas musste bei dieser Datierung schiefgegangen sein. Schließlich waren auf der linken Seite des Stirnbeins erhebliche Schäden zu sehen, dort könnte eine Höhlenhyäne zugebissen haben. Nur waren diese mächtigen Raubtiere bereits vor 24.000 Jahren ausgestorben. Und auch die Form des Schädels der Frau zeigte den tschechischen Archäologen klar, dass sie vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor 21.000 Jahren gelebt haben musste.

Rätsel um die Datierung

Um das Rätsel zu lösen, machten die EVA-Forscher mit modernsten Methoden neue Radiokohlenstoff-Datierungen von einem Fragment des Steinzeitschädels. Dabei ergab sich einmal ein Alter von 27.000 und ein anderes Mal eines von 19.000 Jahren. Erklären konnten die Forscher sich diese Unterschiede erst, als sie im Knochen nicht nur das Erbgut einer Frau, sondern auch die DNA von Rindern fanden. In Kay Prüfer keimte ein Verdacht: Sollten die Entdecker 1950 ihren Fund, wie es früher üblich war, mit Knochenleim stabilisiert haben? Dieser hatte die Fragmente der Knochen gut durchdrungen und die Forscher maßen bei jeder Probe eine Mischung aus jungem Knochenleim und den uralten Knochen aus der Steinzeit. Da diese Mischung obendrein in den einzelnen Bereichen der Knochen sehr unterschiedlich ausgefallen war, ermittelten die Forscher jeweils unterschiedliche Alter.

Aber vielleicht könnte ja das Erbgut mehr über das Alter der Steinzeit-Frau verraten, die nach dem Fundort Zlaty kun genannt wird. Aus 15 Milligramm Knochenmehl aus dem Schläfenbein fischten die Forscher menschliche DNA und ermittelten mit den in Leipzig entwickelten Methoden weite Teile der Sequenz. „Darin gab es kaum Spuren des nur in Männern vorhandenen Y-Chromosoms“, erklärt Kay Prüfer. Damit bestätigt die Erbgut-Analyse bisherige Untersuchungen, nach denen dieser Steinzeitmensch eine Frau sein sollte.

Eindeutig gehört die Frau auch zu den modernen Menschen und nicht zu den Neandertalern. Ihr Erbgut ähnelt auch dem der Menschen, die vor 50.000 oder 60.000 Jahren aus Afrika aufbrachen und die später in Europa und dem Norden Asiens den Neandertalern begegneten. Nur finden die EVA-Forscher keine Hinweise auf eine nähere Verwandtschaft mit den Menschen, die heute in Europa, Asien oder Amerika leben. „Offensichtlich ist die Linie dieser Frau also verschwunden“, schließt Kay Prüfer daraus. „Es handelt sich um eine Linie, die letztlich nicht erfolgreich war“, sagt auch sein Kollege Johannes Krause, „eine klassische Sackgasse“.

Sehr wohl aber gibt es Neandertaler-Spuren im Erbgut von Zlaty kun, ungefähr drei Prozent der Sequenzen stammten ursprünglich von Neandertalern. Das ist keineswegs ungewöhnlich, vergleichbare Neandertaler-Erbgutmengen tragen auch die Europäer des 21. Jahrhunderts in sich. Nach Meinung der EVA-Forscher könnten die aus Afrika kommenden modernen Menschen in der Region, die wir heute als den Nahen Osten kennen, auf Neandertaler getroffen sein. Aus der ein oder anderen intimen Beziehung zwischen beiden Menschen-Linien vor vielleicht 50.000 Jahren könnte dann der Schuss Neandertaler-DNA stammen, den nicht nur Zlaty kun, sondern auch die meisten Menschen unserer Zeit in sich tragen.

Der älteste moderne Mensch

Bei diesen Neandertaler-Einsprengseln aber findet Kay Prüfer einen wichtigen Unterschied: Normalerweise mischt sich das Erbgut beider Elternteile in ihren Kindern, dabei werden die Blöcke mit dem Neandertaler-Erbgut tendenziell in jeder Generation ein klein wenig kürzer.

Die Einsprengsel im Erbgut von Zlaty kun aber sind ein wenig länger als im Erbgut eines Steinzeitmannes, dessen Oberschenkelknochen ein Mammutelfenbein-Schnitzer 2008 in der Nähe des heutigen Ortes Ust‘-Ishim am Ufer des Irtysch im Westen Sibiriens gefunden hatte. Dieser Steinzeitmensch hatte vor ungefähr 45.000 Jahren gelebt, seine Vorfahren könnten nach Schätzungen von Kay Prüfer rund 85 bis 100 Generationen früher im Nahen Osten ihren Schuss Neandertaler-Erbgut erworben haben.

Bei Zlaty kun hingegen deuten die größeren Neandertaler-Einsprengsel an, dass die gleiche Vermischung nur 60 bis 80 Generationen früher stattgefunden haben sollte. Damit aber sollte die Steinzeit-Frau aus Tschechien ein paar Hundert Jahre älter als der Steinzeit-Mann aus Sibirien sein. Daraus könnten sogar wenige Tausend Jahre Unterschiede werden, sollte sich ein Verdacht bestätigen, nach dem sich die Vorfahren des Mannes von Ust‘-Ishim nach der Neandertaler-Liaison im Nahen Osten sogar noch ein weiteres Mal mit Menschen dieser Linie eingelassen haben könnten.

Bei den Ausgrabungen in der bulgarischen Bacho-Kiro-Höhle stießen Max-Planck-Forscher auf die Knochen und Werkzeuge sehr früher moderner Menschen in Europa.
Bei den Ausgrabungen in der bulgarischen Bacho-Kiro-Höhle stießen Max-Planck-Forscher auf die Knochen und Werkzeuge sehr früher moderner Menschen in Europa. © Tsenka Tsanova, MPI-EVA Leipzig

Somit wäre Zlaty kun der älteste moderne Mensch, der bisher in Europa und Asien nachgewiesen wurde. Nur ist diese Linie, genau wie die des Steinzeitmannes von Ust‘-Ishim inzwischen aus Europa, Asien und Amerika verschwunden. Die sehr entfernte Verwandtschaft der drei Steinzeitmänner, die vor ebenfalls rund 45.000 Jahren in der Bacho-Kiro-Höhle an den nördlichen Ausläufern des Balkan-Gebirges im Norden des heutigen Bulgariens lebten, hat dagegen nach den Erbgut-Analysen des Teams um die EVA-Forscher Svante Pääbo, Janet Kelso und Mateja Hajdinjak bis heute überlebt. „Allerdings nicht in Europa oder Sibirien, sondern in Südostasien“, erklärt Mateja Hajdinjak, die seit wenigen Monaten am Francis-Crick-Institut in London forscht.

Auch im Erbgut dieser drei Männer finden die EVA-Forscher einen kräftigen Schuss Neandertaler-Erbgut, der allerdings eine zusätzliche Überraschung birgt: Unter den Vorfahren eines der drei Männer in der Bacho-Kiro-Höhle muss vor weniger als sechs Generation und damit vielleicht nur hundert Jahre vor seiner Geburt ein Neandertaler gewesen sein. Und bei den anderen beiden Männern lagen ihre Neandertaler-Vorfahren auch nur ungefähr sieben Generationen zurück.

Ein ganz ähnliches Bild fanden die EVA-Forscher im Erbgut eines Unterkiefers, den Kollegen in den Pestera-cu-Oase-Karsthöhlen im Südwesten Rumäniens gefunden hatten. Dieser moderne Mensch hat vor mindestens 40.000 Jahren, möglicherweise aber auch deutlich früher gelebt. Und einer der direkten Vorfahren dieses Mannes war vier bis sechs Generation vorher ein Neandertaler gewesen. Allerdings finden sich auch von dieser Linie heute keine Spuren mehr.

Daraus schließen die Forscher, dass wohl eine Reihe verschiedener Gruppen moderner Menschen aus Afrika in das Europa der Neandertaler kamen. Intime Beziehungen zwischen beiden Menschenlinien scheinen recht häufig gewesen zu sein. Viele dieser Gruppen wie die Frau von Zlaty kun, die Männer von Ust‘-Ishim und aus den Pestera-cu-Oase-Höhlen aber verschwanden wieder, während nahe Verwandte der Bacho-Kiro-Höhlen-Linie noch heute im Osten Asiens und in Amerika leben. „In Europa scheint damals also viel los gewesen zu sein“, folgert Kay Prüfer daraus. „Es ist erstaunlich, dass die frühesten modernen Menschen in Europa sich nicht durchsetzen konnten“, ergänzt Johannes Krause.

Ausbruch eines Supervulkans

Weshalb aber verschwanden später nicht nur etliche Linien des modernen Menschen, sondern auch die Neandertaler? Auch da haben Kay Prüfer und seine Kollegen einen Verdacht: Vor ungefähr 39.000 Jahren brach in der Bucht von Neapel ein Supervulkan aus, der nicht nur im weiten Umkreis das meiste Leben direkt tötete, sondern auch die Temperaturen in weiten Teilen Europas für einige Jahre um mehrere Grad fallenließ. Diesem Klimaschock aber könnten nicht nur die Neandertaler, sondern auch etliche Linien der modernen Menschen in Europa zum Opfer gefallen sein. (mit dpa)

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