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Wie groß ist der Andrang im Nationalpark?

In der Sächsischen Schweiz werden Besucher mithilfe von Wildkameras gezählt. Datenschützer sind irritiert. Die Initiatoren reagieren.

Basteibrücke, im Hintergrund der Lilienstein: Wie viele Gäste genau in der Sächsischen Schweiz unterwegs sind, kann nur geschätzt werden.
Basteibrücke, im Hintergrund der Lilienstein: Wie viele Gäste genau in der Sächsischen Schweiz unterwegs sind, kann nur geschätzt werden. © Steffen Unger

Wildkameras sorgen für Aufregung in der Sächsischen Schweiz. Besucher haben die Geräte entdeckt. Am Wanderweg durch die Breite Kluft bei Schmilka etwa hing eine solche Wildkamera an einem Baum, die Linse auf den Weg gerichtet. Die Kameras reagieren auf Bewegung. Jeder Wanderer, der vorbeispaziert wird fotografiert. Das ist datenschutzrechtlich höchst problematisch. Direkt an Wegen dürfen solche Kameras nicht hängen.  

Beim Nationalpark Sächsische Schweiz reagiert man dementsprechend zerknirscht auf eine Anfrage. Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung hatten die Kameras aufgehängt. "Da ist uns ein Fehler unterlaufen", sagt Sprecher Hanspeter Mayr. Man bedauere dies. "Wir versichern, dass wir keine personenbezogenen Daten erhoben haben". Insgesamt waren acht Wildkameras in Betrieb. Sie wurden inzwischen abgenommen, alle Bilder mit Menschen darauf gelöscht.  

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Wildkamera am Wanderweg durch die Breite Kluft bei Schmilka: Inzwischen sind die Kameras abgenommen und sollen nur noch zum Wildmonitoring fernab der Wege zum Einsatz kommen.
Wildkamera am Wanderweg durch die Breite Kluft bei Schmilka: Inzwischen sind die Kameras abgenommen und sollen nur noch zum Wildmonitoring fernab der Wege zum Einsatz kommen. © Mike Jäger

Doch warum hingen die Wildkameras überhaupt an Wanderwegen statt zur Tierbeobachtung im Unterholz? Sie waren Teil eines größeren und langfristig angelegten Projekts: einer Besucherzählung im Nationalpark Sächsische Schweiz. 

Der Nationalpark möchte herausbekommen, wie viele Menschen sich jedes Jahr durch die Felsenlandschaft bewegen. Die letzten belastbaren Daten sind mehr als zehn Jahre alt. 2009 wurden in einer manuellen Zählung 2,9 Millionen Besucher ermittelt. Seitdem sind die Übernachtungszahlen in der Sächsischen Schweiz stetig gestiegen. Der Tourismusverband geht in einer Schätzung mittlerweile von 7,5 Millionen Gästen für das Nationalparkgebiet aus. Genau weiß es aber niemand. 

Versteckte Sensoren zählen Besucher

An mehreren Wanderwegen im Nationalpark sind deshalb automatische Zähler installiert. Es sind kleine elektronische Geräte, die über Infrarotsensoren oder per Lichtschranke registrieren, wie viele Menschen den Weg passieren. 26 solcher Zählgeräte hat die Nationalparkverwaltung in einem rotierenden System an über 200 Zugängen im Einsatz. Die Besucher merken davon nichts. Die Ranger haben die kleinen Kästchen gut in Holzpfosten oder hinter Bäumen versteckt. 

Warum diese Geheimniskrämerei? Ganz einfach aus Kostengründen, erklärt Jens Posthoff, der bei der Nationalparkverwaltung für das Projekt verantwortlich ist. Allein in den vergangenen Monaten wurden fünf der mehrere hundert Euro teuren Geräte von Unbekannten beschädigt. Ein Schild aufzuhängen, das den Sinn der kleinen schwarzen Kästchen erklärt, habe keinen Zweck, sagt Posthoff. Das hätten die Kollegen im Nationalpark Bayerischer Wald probiert, die Vandalismusschäden gingen da erst richtig in die Höhe. Dabei registrieren die Zähler lediglich, ob eine Person vorbei läuft oder nicht. Sonstige Daten nehmen sie nicht auf.

Automatischer Zähler: Dieses kleine Gerät registriert, wenn ein Wanderer vorbei läuft - mehr nicht. Die Sensoren sind versteckt angebracht, weil sie immer wieder beschädigt werden.
Automatischer Zähler: Dieses kleine Gerät registriert, wenn ein Wanderer vorbei läuft - mehr nicht. Die Sensoren sind versteckt angebracht, weil sie immer wieder beschädigt werden. © Dirk Schulze

Anders die Wildkameras. Aber auch die seien so justiert gewesen, dass die Köpfe der Vorbeilaufenden nicht im Bild waren, zudem nur an abgelegenen Wegen. Es sei wirklich nur um die Besucherzählung gegangen, versichern die Verantwortlichen. Ein Mitarbeiter hat die Bilder gesichtet, eine Strichliste geführt und die Fotos anschließend gelöscht. Videos wurden nicht aufgezeichnet. Parallel hatten die Ranger gehofft, vielleicht einen Luchs oder Wolf zu erwischen, denn die laufen bevorzugt auf Wegen entlang. 

Inzwischen sind die Kameras nicht mehr Teil der Besucherzählung und werden nur noch abseits der Wege zum Wildmonitoring eingesetzt. Keineswegs sollten sie dazu dienen, Besucher zu überwachen oder beim verbotenen Verlassen der markierten Wege in der Kernzone zu erwischen. "Stasi-Methoden liegen uns fern", sagt Jens Posthoff.

Wie viele Besucher sind zu viel?

Doch selbst eine Besucherzählung, die es im Übrigen in einigen Teilen des Nationalparks schon seit vielen Jahren gibt, sehen manche kritisch. Die Skeptiker befürchten, die Zahlen könnten irgendwann als Vorwand für Wegesperrungen dienen oder dafür, eine Obergrenze an Besuchern festzulegen. 

Solche Spekulationen weist der Nationalpark zurück. "Das ist nicht das Ziel", sagt Jens Posthoff. "Wer sollte auch festlegen, wann eine solche Grenze erreicht ist?", fragt er. Dafür bräuchte es messbare Parameter, und die gebe es nicht. Sie müssten auch überall anders aussehen. Denn ob Harz, Sächsische Schweiz oder Wattenmeer - die Landschaften in den Nationalparks sind grundverschieden.

Was die Ranger sehr wohl beobachten können, sind Veränderungen an der Natur. Die Nordseite des Lilienstein-Plateaus zum Beispiel war vor 30 Jahren noch dicht begrünt. In der Zwischenzeit sind dort zahlreiche Trampelpfade entstanden. Auch das Nutzungsverhalten und die Erwartungen der Besucher generell haben sich gewandelt. Früher waren die Leute tagsüber zum Wandern da und abends weg. "Heute beginnt der Besucherverkehr früh um vier und endet um 23 Uhr noch nicht", sagt Jens Posthoff. 

Wanderweg in der Sächsischen Schweiz: Der Nationalpark will wissen, wie viele Menschen jährlich in dem Gebiet unterwegs sind.
Wanderweg in der Sächsischen Schweiz: Der Nationalpark will wissen, wie viele Menschen jährlich in dem Gebiet unterwegs sind. © Steffen Unger

Aus touristischer Sicht ist die Schwelle dann erreicht, wenn es den Menschen selbst zu viel wird, weil zu viele andere Touristen vor Ort sind. Das Erlebnis kippt, der erhoffte Erholungseffekt bleibt aus. Schon heute gibt es Besucher, die sich von der Menge an Menschen im Elbsandsteingebirge gestört fühlen. "Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet", lautet eine Umschreibung dieses Paradoxons, die Hans-Magnus Enzensberger zugeschrieben wird. 

Die Natur als Wirtschaftsfaktor

Im August bildete sich an Schwedenlöchern teils eine Schlange mit einer Wartezeit von einer halben Stunde. Oben an der Bastei standen die Besucher in Doppelreihe an der Aussichtsplattform an. Nationalparks und Tourismusforscher weltweit machen sich Gedanken, wie sich solche Besucherströme lenken lassen - beispielsweise durch das Einrichten von Einbahnstraßen.

Mit dem diesjährigen Ansturm hat die laufende Besucherzählung im Nationalpark Sächsische Schweiz aber nur bedingt zu tun. Sie begann schon im September 2019 und soll ein volles Kalenderjahr laufen. Wegen der Corona-bedingten Verzerrung wird jetzt bis Ende 2021 weitergezählt. Mit Ergebnissen ist erst 2022 zu rechnen.  

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Mit der Zählung will der Nationalpark nicht zuletzt seine eigene Bedeutung für die Wertschöpfung nachweisen. Das Schutzgebiet ist längst ein Wirtschaftsfaktor, die Menschen reisen gezielt deswegen in die Sächsische Schweiz. Die Nationalparkverwaltung nimmt diesen Erfolg mit für sich in Anspruch, wenngleich den Rangern eine solche Denkweise - den Wert einer Landschaft wirtschaftlich aufzurechnen - innerlich widerstrebt. "Die Natur muss für sich stehen", sagt Jens Posthoff. 

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