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Jubel

Das ist der Gipfel!

Mein erstes Mal als Bergsteiger war eine Erleuchtung. Die Höhlentour eher eine dunkle Stunde. Ein Beitrag zum Jubiläum 75 Jahre Sächsische Zeitung.

Auf dem Weg zum Gipfel des Mönchs: SZ-Reporter Jörg Stock wird von Bergführer André Zimmermann erfolgreich in die Welt der Kletterer eingeführt.
Auf dem Weg zum Gipfel des Mönchs: SZ-Reporter Jörg Stock wird von Bergführer André Zimmermann erfolgreich in die Welt der Kletterer eingeführt. © Mike Jäger

Wer im Elbsandstein Reporter ist, muss es einmal gewagt haben: auf einen Gipfel steigen. Ich hatte das immer hinaus gezögert. Ich hielt die Kletterer, die ich als Kind schon staunend, doch mit Grauen, an den Felsnadeln herumturnen sah, für Lebensmüde, für Eroberer des Nutzlosen.

So staunte ich über mich selber, als ich im Sommer 2016 nahe Rathen am Fuße des Mönchsteins stand, mit klopfendem Herz und drückenden Kletterschuhen, um diesen, wohl an die fünfzig Meter hohen Turm zu erklimmen. Dass ich nicht gleich wieder kehrt machte, war André Zimmermann zu verdanken, Bergführer aus Pirna und damals schon zwanzig Jahre am Fels, ein großer, semmelblonder Typ, die Ruhe in Person.

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Der Weg war Schwierigkeit III. Ob das gefährlich sei, fragte ich ihn. Schwierigkeit und Gefahr hängen nicht zwangsläufig zusammen, erklärte er mir. Der Kletterer bestimmt, welchem Risiko er sich aussetzt. Das ist die Freiheit am Berg, mit der umzugehen man lernen kann. Umgehen muss man auch mit dem Seil, der "mentalen Kupplung" zwischen den Bergkameraden, die notfalls zur physischen wird.

André hielt die Kupplung straff. Ich wusste: Da ist einer, der auf dich aufpasst. Als ich mich durch einen Kamin gezwängt hatte, über eine Kante in die freie Luft hinaus stieg, hatte die Angst mich verlassen. Sie war der Freude über den fantastischen Ausblick gewichen. Wenig später saßen wir auf dem Kopf des Mönchs. Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages, beäugt von Touristenfeldstechern, in dieses Gipfelbuch schreiben würde. Und so verstand ich, was mein amerikanischer Kollege, der Journalist Nicholas O'Connell, einmal zum Thema schrieb: "Was Bergsteiger antreibt, ist kein Todeswunsch, sondern die Gier nach Leben."

Muss man mögen: Reporter Stock (M.) mit Höhlenführer Enrico Schiffner (r.) und Touristen aus Leipzig beim Befahren der Tiefen Höhle im Bielatal.
Muss man mögen: Reporter Stock (M.) mit Höhlenführer Enrico Schiffner (r.) und Touristen aus Leipzig beim Befahren der Tiefen Höhle im Bielatal. © Mike Jäger

Eine dunkle Begierde führte mich ins Bielatal. Mit Höhlenführer Enrico Schiffner und zwei Touristen aus Leipzig stieg ich in die Tiefe Höhle ein. Grundsätzlich habe ich weder vor Dunkelheit noch vor Spinnen Angst. Doch wenn das Gestein von allen Seiten ganz nahe heran rückt, manchmal so nah, dass es einem die Klamotten auszieht, ist mir das unangenehm.

Die Höhlen dieser Gegend sind zumeist durch Bewegung im Fels entstanden. Der Stein zerriss, Trümmer fielen übereinander und bildeten Hohlräume, in die durch mehr oder - oftmals - weniger kleine Ritze, ein Mensch krauchen kann, im Extremfall nur unter Anwendung spezieller Atemtechnik.

In der Tiefen Höhle ist der Eingang leidlich eng. Aber das geht noch. Mental schwierig wird es an der Stelle, wo ein flaschenförmiger Kamin steil abwärts führt, aus einer Düsternis in eine noch viel düstere Sphäre. Am Seil baumelnd, sucht man panisch einen Halt für die Füße, der nicht da zu sein scheint, schließlich aber doch gefunden ist. Im "Hohen Raum" ist Ende, sozusagen der Gipfel. Aussicht gibt's keine. Immerhin das Höhlenbuch zum Eintragen.

Wieder am Licht, schon reichlich staubig, die nächste Etappe der Tour: die Juliklufthöhle, auch bekannt als "Menschenfalle". Das ist nicht untertrieben. Hinter dem sperrigen Felsblock, der den Eingang schon zu einer Tortur macht, geht es steil nach unten. Einmal herabgehangelt, steht man in einem einzelnen, übermannshohen Gewölbe. Ich zweifle ernstlich daran, dass wir noch einmal die Sonne sehen.

Mit zerfetzter Hose, zerknülltem Notizbuch und zitternden Muskeln gelingt es mir doch, die Wand zu erklettern und den Körper irgendwie wieder ins Freie zu zwängen. Die Leipziger sind begeistert. Auf zur nächsten Höhle! Ich dagegen setze mich ab aus Enge, Dreck und Finsternis. Denn ich bin jetzt ganz sicher: Ein Höhlenmensch werde ich nie.

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