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Totholz blockiert Wege im Nationalpark

In der Sächsischen Schweiz brechen die Bäume reihenweise um. Schon ein Dutzend Wanderwege ist unbegehbar. So schnell wird sich das nicht ändern.

Das war mal ein Wanderweg: Umgestürzte Fichten machen ihn unpassierbar.
Das war mal ein Wanderweg: Umgestürzte Fichten machen ihn unpassierbar. © Mike Jäger

Erst kam der Borkenkäfer, jetzt folgen die Baumstürze. Tausende Fichten, die der Käfer in den vergangenen drei Jahren in der Sächsischen Schweiz zum Absterben gebracht hat, fallen nun einfach um. Und das in einer Geschwindigkeit, die selbst Fachleute überrascht: Entgegen der bisherigen Erfahrung bricht das Totholz nicht erst nach mehreren Jahren in sich zusammen, sondern schon ab dem ersten Jahr, erklärt Nationalparksprecher Hanspeter Mayr. Im ganzen Land machten Waldbesitzer diese Erfahrung.

In Teilen der Sächsischen Schweiz hat das Geschehen eine ungekannte Dynamik angenommen. Dort, wo noch im Herbst unbeschwert die Touristen durch die Felslandschaft wanderten, liegen nun meterlange Stämme kreuz und quer über den Wegen. Besonders der hintere Teil des Nationalparks um das Kirnitzschtal, den Großen Zschand und Hinterhermsdorf ist betroffen. Mittlerweile listet die Nationalparkverwaltung ein Dutzend Wege in diesem Gebiet als unpassierbar auf.

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Bäume brechen leise

Häufig brechen einzelne Kronenteile oder Stammteile einfach in sich zusammen. "Das Tückische daran ist, dass dies meist sehr leise und überraschend passiert", sagt Hanspeter Mayr vom Nationalpark. Für Waldbesucher birgt das eine erhebliche Gefahr. Wanderer sollten keinesfalls versuchen, durch die querliegenden Bäume hindurchzuklettern.

Der Weg am Hinteren Raubschloss im Herbst: Wann er beräumt wird, ist noch unklar.
Der Weg am Hinteren Raubschloss im Herbst: Wann er beräumt wird, ist noch unklar. © Mike Jäger

Auch drumherum laufen ist keine Alternative. Das Verlassen der Wege ist im Nationalpark nicht nur nicht erlaubt, sondern in der aktuellen Situation lebensgefährlich. "Die umstehenden Baumleichen können jederzeit abbrechen", sagt Mayr. Ihre Instabilität sei ihnen von außen kaum anzusehen.

Generell warnt der Nationalpark vor einer extremen Baumsturzgefahr im gesamten Gebiet. Bei Wind, starkem Regen oder schneebedeckten Ästen sollte der Wald unbedingt gemieden werden. An den blockierten Wegen sollen in Kürze Schilder vor den Gefahren warnen.

Waldarbeiter kommen nicht hinterher

Aktuell dürfen aufgrund der geltenden 15-Kilometer-Regel ohnehin nur die Einheimischen in den Wald. Doch die versperrten Wege werden auch zum Beginn der Tourismussaison im April oder Mai noch nicht beräumt sein. Das ist schon wegen der Menge nicht zu schaffen. Eher ist damit zu rechnen, dass noch weitere Wege hinzukommen.

"Momentan konzentrieren wir uns auf die Verkehrssicherheit entlang der 140 Kilometer Rettungswege im Nationalpark", erklärt Hanspeter Mayr. Allein von diesen breiten Hauptwegen sind aktuell zwischen 40 und 50 Kilometer betroffen. Links und rechts davon müssen die toten Fichten bis in einer Tiefe von 30 Metern gefällt werden, damit umstürzende Bäume in der kommenden Saison nicht Bergwacht, Rettungswagen oder Feuerwehr bei etwaigen Einsätzen blockieren.

Bereits im vergangenen Jahr hat die Nationalparkverwaltung die Prioritäten festgelegt. Zuerst wurden die Steilhänge oberhalb der Kirnitzschtalstraße und an anderen öffentlichen Straßen gesichert. Auch benachbarte Grundstücke mit Gebäuden und ausgewählte Besucherschwerpunkte standen weit oben auf der Liste.

Wanderpfade bleiben länger blockiert

Für kleinere Wanderwege gibt es aber keine schnelle Lösung. "Auf den schmalen Pfaden können wir nicht mit moderner Technik wie Fällkran oder Harvester arbeiten", erklärt Nationalparksprecher Mayr. In diesen Maschinen sitzen die Fahrer sicher hinter einem Stahlkäfig. Die Waldarbeiter zu Fuß ins Gelände zu schicken, sei wiederum zu riskant. Leicht könnten Äste oder Kronenteile während des Fällens auf sie herabstürzen. Das ist in der Vergangenheit bereits passiert, mitsamt teils schweren Verletzungen.

Weg durch die Richterschlüchte: Für Waldarbeiter ist es zu gefährlich, die noch stehenden Bäume können jederzeit umbrechen.
Weg durch die Richterschlüchte: Für Waldarbeiter ist es zu gefährlich, die noch stehenden Bäume können jederzeit umbrechen. © Nationalpark/Jan Scheffler

Anfangs habe man noch versucht, einzelne Wege freizuhalten - ohne Erfolg: Schon nach kurzer Zeit waren die nächsten Bäume umgebrochen. Zudem, gibt Hanspeter Mayr zu bedenken, würden überall breite Schneisen entstehen, wenn an jedem Wanderweg die toten Bäume gefällt werden. Dies könne das Landschaftsbild negativ beeinflussen.

Kritiker fürchten um Wegenetz der Sächsischen Schweiz

Kritiker wie der Bad Schandauer Kartograph Rolf Böhm fürchten bereits, dass der Nationalpark die flächendeckenden Baumstürze zum Anlass nehmen könnte, weitere Wege dauerhaft zu sperren. "Am Ende ist da ein menschenleeres Totalreservat Großer Zschand schneller da, als es sich auch der radikalste Naturschützer in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können", schreibt Wanderkarten-Produzent Böhm auf seiner Website.

Anders als einen schon länger geschlossenen Wanderweg im Polenztal hat der Nationalpark die aktuell betroffenen Wege jedoch nicht als gesperrt deklariert, sondern als "vorübergehend unpassierbar". Sprecher Hanspeter Mayr sagt: "Damit soll zum Ausdruck kommen, dass dies keine Maßnahme zur Ausgrenzung von Wanderern ist, sondern dass wir den natürlichen Prozess im Nationalpark akzeptieren und wir der Natur Zeit und Raum geben, sich zu entwickeln."

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