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Wohin geht die Reise für den Tourismus?

Die Sächsische Schweiz erwartet 2021 erneut viele Urlaubsgäste. Das stellt Gastwirte und Verkehrsplaner vor besondere Herausforderungen.

Himmelfahrt in Kurort Rathen: Lange Schlangen bildeten sich 2020 nicht nur an der Fähre.
Himmelfahrt in Kurort Rathen: Lange Schlangen bildeten sich 2020 nicht nur an der Fähre. © Daniel Förster

Es gibt Hoteliers, die behaupten, die Sächsische Schweiz bräuchte kein Marketing mehr, weil die Region in der kommenden Saison ohnehin von Touristen überrannt werde. Zumindest in Letzterem ist sich die Gastgeber weitgehend einig: Nach dem Rekordsommer 2020 wird die Nachfrage im Elbsandsteingebirge auch 2021 wieder groß sein - sobald das Reisen wieder möglich ist. Die bisher beim Tourismusverband eingegangenen Buchungsanfragen sprechen da eine deutliche Sprache.

Zur zentralen Frage wird damit die Besucherlenkung. Touristiker verstehen darunter die allgegenwärtige Verkehrsproblematik, aber besonders im Nationalpark Sächsische Schweiz auch die Steuerung der Besucher innerhalb des Gebiets. Wird der Andrang zu groß, leidet nicht nur die Natur, sondern auch die Zufriedenheit der Gäste.

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Diese und andere Themen haben über 100 Gastgeber, Lokalpolitiker und Branchenexperten bei einem digitalen Stammtisch des Tourismusverbands per Videokonferenz diskutiert. Sächsische.de fasst die wichtigsten Herausforderungen der kommenden Saison zusammen.

Herausforderung 1: Das Verkehrsproblem

Verstopfte Straßen, überfüllte Parkplätze und insbesondere im Kirnitzschtal illegal zugeparkte Straßenränder haben im vergangenen Jahr die Nerven von Urlaubern wie Einheimischen strapaziert. Eine kurzfristige Lösung für dieses Problem wird es nicht geben. Der langfristige Plan seien Parkhäuser an strategisch günstigen Stellen mit guter Anbindung an den ÖPNV, erklärte Landrat Michael Geisler (CDU).

Bereits seit Jahren ist von einem einheitlichen Verkehrsleitsystem die Rede. Als erster Schritt wird noch in diesem Jahr in Bad Schandau eine Anzeigetafel über freie Parkplätze am Parkplatz an der Elbbrücke installiert. Das kündigte Bürgermeister Thomas Kunack (WV Tourismus) an. Die elektronische Anzeige gilt als Modellprojekt für die Region. Perspektivisch müsse das vernetzte Leitsystem bereits in Pirna oder gar Heidenau beginnen.

In Sachen Kirnitzschtalbahn muss sich die Öffentlichkeit noch bis Februar gedulden. Dann soll die mit Spannung erwartete Machbarkeitsstudie zur Verlängerung der Straßenbahnlinie vorgestellt werden. Es gebe mehrere Varianten und er sei guter Dinge, sagte Bad Schandaus Bürgermeister Kunack.

Herausforderung 2: Die Verpflegung der Gäste

Noch vor ein paar Jahren wurden in den Touristenorten in der Sächsischen Schweiz die Bürgersteige sprichwörtlich um 18 Uhr hochgeklappt, und in den Gästezimmern flimmerten die Fernseher. Das hat sich längst gewandelt. Im vergangenen Sommer war der Andrang so groß, dass die Gäste abends zum Beispiel durch Bad Schandau irrten, auf der verzweifelten Suche nach einem freien Tisch in einem Restaurant. Doch es war einfach kein Platz mehr zu bekommen.

Für diese Urlauber endete der Abend dann notgedrungen mit Essen aus dem Discounter auf ihrem Pensionszimmer, obwohl sie eigentlich gern irgendwo eingekehrt wären. Das ist in dem Moment nicht nur für die Betroffenen frustrierend. Es führt langfristig auch zu einem Problem bei der allgemeinen Gästezufriedenheit, wie Tino Richter vom Tourismusverband erklärt.

Als eine Idee haben Branchenvertreter das Anwerben von Foodtrucks ins Spiel gebracht, also mobile Essenswagen, die spezielle, meist frisch gekochte Speisen anbieten. Der Tourismusverband hat bereits mit Gastronomen über mobile Angebote gesprochen.

Herausforderung 3: Das Personal halten

Das Problem der Essensversorgung ist eng verknüpft mit dem Personalmangel in der Gastronomie. Mancher Gastwirt würde sich vielleicht erweitern, findet aber keine Leute. Durch den derzeitigen Lockdown wird sich das Problem nochmals verschärfen, befürchtet Michael Geisler (CDU), Landrat und Vorsitzender der Tourismusverbands Sächsische Schweiz. Für Hoteliers und Gastwirte war es schon immer schwierig, ihre Saisonkräfte über den Winter zu halten, durch die unklare Perspektive wird es nun noch einmal schwerer.

Viele Mitarbeiter wechseln angesichts von geschlossenen Hotels und Gaststätten derzeit die Branche. "Das ist ein Riesenproblem", sagte Manfred Böhme, Direktor des Landestourismusverbands Sachsen. Denn wer einmal einen neuen Job außerhalb des Gastgewerbes hat, der kehrt höchstwahrscheinlich nicht mehr zurück. Dramatisch wird es, wenn jahrzehntelang bestehende Familienbetriebe die Pandemie nicht überstehen.

Helfen könnte aus Sicht des Branchenverbands Dehoga eine dauerhafte Absenkung des Mehrwertsteuersatzes auf sieben Prozent. Was für Hotels bereits gilt, müsse auch in der Gastronomie die Regel werden, erklärte Dehoga-Regionalleiter Axel Klein. Dann würden auch wieder vermehrt neue Gaststätten eröffnen. Bisher ist die während der Corona-Pandemie beschlossene Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie zeitlich befristet.

Herausforderung 4: Die Digitalisierung

Noch Ende Januar sollen kostenfreie WLAN-Hotspots in Sebnitz sowie seinen Ortsteilen Hinterhermsdorf, Lichtenhain, Mittelndorf und Altendorf in Betrieb gehen. Das kündigte Oberbürgermeister Mike Ruckh (CDU) an. Damit werden auch Ausflugsziele wie der Lichtenhainer Wasserfall und die Neumannmühle im Kirnitzschtal oder der Weifbergturm in Hinterhermsdorf mit Internet versorgt.

Generell bleibt in Sachen Digitalisierung noch einiges zu tun. Noch immer sind nicht alle Orte an ein zentrales Online-Buchungssystem angeschlossen. Die Anbieter selbst müssen vor allem auf offene Daten achten, die von den Algorithmen großer Portale gefunden und gelesen werden können, so dass beispielsweise die Öffnungszeiten in Echtzeit bei Google erscheinen, erklärte Petra Hedorfer, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Zentrale für Tourismus.

Auf Landesebene arbeitet die Tourismus und Marketing Gesellschaft Sachsen (TMGS) derzeit an einer neuen Digitalarchitektur. Die Sächsische Schweiz soll hierfür Pilotregion werden.

Herausforderung 5: Neue Gästegruppen gewinnen

Die eingangs erwähnte These, dass die Sächsische Schweiz, kein Marketing mehr bräuchte, stößt bei Branchenexperten auf Widerspruch. "Man muss am Gast kontinuierlich dranbleiben", sagte TMGS-Geschäftsführerin Veronika Hiebl. Gerade jetzt in der Krise würden die Marktanteil neu verteilt. Der Freistaat hat deshalb noch während des ersten Lockdowns die Werbekampagne Saxony Travel Dreams im Ausland gestartet.

In der Saison 2021 werden die deutschen Urlauber noch in großer Zahl in die Sächsische Schweiz strömen. Doch was passiert, wenn die Corona-Pandemie überstanden ist? Dann wird es einen immensen Nachholbedarf an Reisen ins Ausland geben, prophezeit Petra Hedorfer von der Deutschen Zentrale für Tourismus. Inländische Ziele sind dann weniger gefragt.

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Genau diesen Trend können sich aber umgekehrt auch die Touristiker in der Sächsischen Schweiz zunutze machen - indem sie jetzt in den Nachbarländern werben. Die Chance, neue Gästegruppen aus dem europäischen Ausland zu gewinnen, sei noch nie so groß gewesen, sagte Petra Hedorfer.

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