merken
PLUS Pirna

"Niemand sollte seine Kräfte am Felsen überschätzen"

Die Zahl der Kletter- und Wanderunfälle in der Sächsischen Schweiz steigt. Ein Bergwachtretter im Gespräch.

Immer wieder Kletterunfälle in der Sächsischen Schweiz: Erst im April stürzte ein 44-Jähriger am Pfaffenstein ab.
Immer wieder Kletterunfälle in der Sächsischen Schweiz: Erst im April stürzte ein 44-Jähriger am Pfaffenstein ab. © Archivfoto: Marko Förster

Tragisch: Vor Kurzem verunglückte ein Wanderer an den Schrammsteinen bei Bad Schandau. Vermutlich ist er abgestürzt; er konnte nur tot geborgen werden. Bereits im April ereignete sich am Pfaffenstein ebenfalls ein schwerer Kletterunfall. Damals stürzte ein Dresdner an der Südkante rund sechs bis acht Meter in die Tiefe. Er wurde mit einem Hubschrauber mit Winde gerettet und in die Klinik geflogen.

Christoph Weber ist Notfallsanitäter sowie Bereitschaftsleiter der Bergwacht Sebnitz.
Christoph Weber ist Notfallsanitäter sowie Bereitschaftsleiter der Bergwacht Sebnitz. © privat

Herr Weber, wie oft ist die Bergwacht Sebnitz in diesem Jahr bereits zu Unfällen in der Sächsischen Schweiz ausgerückt?

Anzeige
Die Sachsen-Edition von Mühle Glashütte
Die Sachsen-Edition von Mühle Glashütte

Ab sofort gibt es den sportlich-eleganten Teutonia II Chronographen exklusiv bei DDV Lokal zu erwerben. Die Edition ist auf nur 100 Stück limitiert.

Dieses Jahr hatten wir bisher 35 Bergrettungseinsätze. Zwei Drittel davon waren Wanderunfälle und ein Drittel Kletterunfälle. Todesfälle gab es bisher drei. Die Einsatzzahlen sind seit 2016 leider steigend. Wir müssen immer mehr Unfälle verzeichnen. 2018 hatten wir 100 Einsätze, 2019 waren es 121 und im vergangenen Jahr rückte die Bergwacht 125 Mal aus.

Was sind die Hauptursachen für die Unfälle?

Da muss ich differenzieren. Wie schon gesagt, sind die Mehrzahl Wanderunfälle. Sie entstehen durch Wegrutschen, Stolpern über Wurzeln sowie Umknicken beim Herunterlaufen am Berg. Das führt dann zu Knieverletzungen, Sprunggelenksfrakturen oder auch Schulterverletzungen, je nach dem, wie man fällt.

Und bei den Kletterunfällen?

Da handelt es sich in den meisten Fällen um sogenannte Vorstiegsstürze. Das bedeutet, der Kletterer, der zuerst hochklettert, sichert sich lediglich mit Schlingmaterialien gegen den Absturz ab. Seine eigene Sicherung ist also eher sporadisch. Besonders in den leichteren Klettertouren gibt es nur wenige fest installierte Sicherungsringe, was das Risiko für den Vorsteiger erhöht.

Heißt das im Umkehrschluss: Es sollten mehr Sicherungsringe in den Felsen verankert werden?

Das ist die heiße Frage, die gleichermaßen intensiv und kontrovers unter den Fachleuten diskutiert wird. Die Sächsische Schweiz ist ein traditionelles Sandsteinklettergebiet, das man nicht mit einem Sportklettergebiet vergleichen kann. In einem solchen gibt es viel mehr Sicherungsringe in kurzen Abständen. Ob nun mehr Ringe auch mehr Sicherheit bedeuten, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall würde solch eine Maßnahme noch mehr Kletterer in das Gebiet locken, was vermutlich zu noch mehr Einsätzen der Bergwacht führen würde. Ich sehe aber auch den Naturschutz-Aspekt. Mehr Ringe sind ein starker Einschnitt am Fels, der zu einer Schädigung des Gesteins führen kann.

Jetzt kommt Pfingsten. Vermutlich werden zahlreiche Wanderer und Kletterer die Sächsische Schweiz stürmen. Welche Sicherheits-Tipps haben Sie?

Vor allem Wanderer sollten sich vorher über die genaue Routen- und Wegesituation informieren und sich nicht auf Online-Karten ihres Smartphones verlassen. Denn in der Sächsischen Schweiz ist kein flächendeckender Empfang vorhanden. Wichtig sind natürlich auch angepasste wetterfeste Kleidung sowie festes Schuhwerk. Die Kletterer sollten sich bewusst sein, dass sie in einem traditionellen Klettergebiet unterwegs sind, das heißt, sie müssen eigenhändig textile Schlingen legen. Der Sandstein ist aber weicher als zum Beispiel Granit oder Kalkstein, deshalb müssen diese Schlingen mit besonderer Sorgfalt gelegt werden. Jeder Kletterer sollte sich vorab über den Schwierigkeitsgrad der Route informieren und seine persönliche Leistungsgrenze kennen. Niemand darf seine Kräfte am Felsen überschätzen. Das kann tödlich enden.

Wer ist für die Rettung in der Sächsischen Schweiz verantwortlich?

Die Einsätze der Bergwacht werden vom DRK-Kreisverband Sebnitz organisiert. Unter der Woche halten wir sogenannte Alarmgruppen bereit, die im Unglücksfall gerufen werden. An den Wochenenden von Mai bis Oktober sind die Bergwachtstationen in Rathen und Bielatal mit mindestens vier Bergrettern besetzt. Die Retter beziehungsweise Retterinnen sind erfahrene Kletterer, kommen aus der näheren sowie weiteren Region und arbeiten ehrenamtlich.

Sie selber sind beim DRK Kreisverband Sebnitz seit 2015 als Notfallsanitäter tätig und seit 2018 für die Koordination der Bergwacht zuständig. Was war Ihr bisher schwierigster Einsatz?

Das war im Jahr 2019. Ein Familienvater stürzte im Bielatal ab und verstarb vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder. Wir hatten noch versucht, ihn zu reanimieren. Jedoch ohne Erfolg.

Mehr Nachrichten aus Pirna und der Sächsischen Schweiz lesen Sie hier.

Den täglichen kostenlosen Newsletter können Sie hier bestellen.

Mehr zum Thema Pirna