merken
PLUS Pirna

Nationalpark-Besucher verschrecken Wanderfalken

Erneut sind 2021 in der Sächsischen Schweiz weniger junge Wanderfalken ausgeflogen. Für den Vogel-Experten des Nationalparks ist die Ursache klar.

Blick durchs Fernrohr: Oben Wanderer, nur wenige Meter tiefer der Brutplatz eines Wanderfalkenpaares. In der Horstschutzzone sollte das nicht passieren.
Blick durchs Fernrohr: Oben Wanderer, nur wenige Meter tiefer der Brutplatz eines Wanderfalkenpaares. In der Horstschutzzone sollte das nicht passieren. © Nationalpark/Jan Scheffler

Es ist eine Szene, wie sie sich täglich in der Sächsischen Schweiz abspielt. Wanderer sitzen und stehen auf einem Felsen, genießen die Aussicht über das Elbsandsteingebirge und machen Fotos mit dem Handy. Das Problem in diesem Fall: Nur wenige Meter unterhalb haben Wanderfalken ihren Brutplatz in der Felswand bezogen.

Nationalpark-Ranger haben die Szene am 11. April und damit während der Brutzeit der Vögel durch ein Fernrohr fotografiert, mit dem sie die Horstplätze beobachten. Der Gipfel liegt inmitten einer ausgeschilderten Horstschutzzone und dürfte deshalb gar nicht betreten werden. Bewusst oder unbewusst haben die Besucher dagegen verstoßen.

HOLDER
Zuverlässigkeit und Erfahrung
Zuverlässigkeit und Erfahrung

Kettensäge kaputt oder Profi-Gerät für´s Wochenende gesucht? Bei HOLDER kein Problem: Onlineshop, Werkstatt und Leihservice sorgen für funktionierendes und passendes Gerät.

Das Bild steht beispielhaft für eine kritische Entwicklung. Erneut sind in diesem Jahr weniger junge Wanderfalken in der Sächsischen Schweiz ausgeflogen. Nachdem die Bruterfolge im besucherarmen Corona-Frühjahr 2020 zunächst gestiegen waren, gingen sie in diesem Jahr wieder zurück. Waren im vergangenen Jahr noch 17 junge Wanderfalken ausgeflogen, sank die Zahl 2021 auf sieben Jungvögel. Schon 2019 waren es nur sechs gewesen.

Negativtrend bei Wanderfalken setzt sich fort

Der negative Trend der Vorjahre setzt sich damit fort. Nur 13 Wanderfalkenpaare haben 2021 im Nationalpark Sächsische Schweiz mit der Brut begonnen, bei den Schwarzstörchen waren es lediglich zwei Paare. Laut der Statistik der Nationalparkverwaltung sind das erhebliche Rückgänge. In den besten Jahren brüteten noch 20 Wanderfalkenpaare und bis zu fünf Schwarzstorchpärchen im Elbsandsteingebirge.

Vogelexperte Ulrich Augst beim Beringen von Wanderfalkenküken. 2021 sind nur sieben Jungvögel ausgeflogen.
Vogelexperte Ulrich Augst beim Beringen von Wanderfalkenküken. 2021 sind nur sieben Jungvögel ausgeflogen. © Archivfoto: Mike Jäger

Für den Vogelexperten der Nationalparkverwaltung, Ulrich Augst, ist die Ursache klar. Die Ergebnisse sind das Resultat einer Überbelastung der Natur durch den Menschen, sagt der Artenschutzfachmann. "Kein Schwarzstorch hat mehr Ruhe, wenn er in den Bergbächen Nahrung sucht und auf den Wanderwegen entlang der Bäche vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung Menschen unterwegs sind", erklärt Augst.

Permanent würden die scheuen Vögel gestört, sei es durch Fotografen, die den Sonnenaufgang festhalten wollen, Rückkehrer aus den Boofen oder Wanderer und Hundeführer. In der Folge würden immer weitere Flüge notwendig, um Nahrung zu beschaffen. Die verbleibende Zeit reiche dann nicht, um ausreichend Futter zu beschaffen oder die Brut zu bewachen.

"Krakeelende Menschen rund um die Uhr"

Seinen Unmut darüber mag Ulrich Augst nicht verbergen. "Krakeelende Menschen überall auf, an und unter den Felsen, auch innerhalb der Sperrzonen, rund um die Uhr, sind an der Tagesordnung", schreibt er in der September-Ausgabe des Nationalpark-Newsletters "Sandsteinschweizer". "Welches Tier findet da noch Ruhe in den Fels-Wald-Gebieten des Elbsandsteingebirges?!", fragt der Artenschützer.

Beim Uhu sah die Entwicklung Anfang der Saison 2021 noch besser aus. Mit elf Plätzen waren außergewöhnlich viele Nester besetzt. Insgesamt konnten jedoch nur sieben junge Uhus ausfliegen. Gleich fünf Paare brüteten ohne Erfolg.

Anders sieht es bei einigen Vogelarten aus, die abseits der Besucherströme brüten. Am Großen Winterberg konnte beispielsweise eine Brut des Zwergschnäppers entdeckt werden, einem hierzulande seltenen Singvogel. Zudem zogen 19 Sperberpaare 49 Jungvögel auf.

Kauze als Nachmieter der Spechte

Besonders erfolgreich entwickelt sich aktuell die Population der Schwarzspechte. Sie profitieren von der großen Zahl an Borkenkäfern, von denen sie sich ernähren. Seit Beginn der Käferplage vor vier Jahren hat sich die Zahl der Bruten auf 63 verdoppelt. Dies nützt auch wiederum anderen Arten. In die zahlreichen Spechthöhlen sind 137 Hohltauben- und 13 Rauhfußkauz-Paare eingezogen - gewissermaßen als Nachmieter.

Kauziger Nachmieter: Der Raufußkauz zieht in die Höhlen der Spechte ein. Hier ein Jungvogel kurz nach dem Ausfliegen im Juni 2021.
Kauziger Nachmieter: Der Raufußkauz zieht in die Höhlen der Spechte ein. Hier ein Jungvogel kurz nach dem Ausfliegen im Juni 2021. © Nationalpark/Frank Strohbach

Weiterführende Artikel

Wege in Sächsischer Schweiz sollen nicht verlassen werden

Wege in Sächsischer Schweiz sollen nicht verlassen werden

Mit einem Video wirbt der Nationalpark für Rücksicht auf sensible Tierarten. Beim Wanderfalken ist bereits ein Kipppunkt erreicht. Er droht auszusterben.

Hoffnung auf viele Uhus im Nationalpark

Hoffnung auf viele Uhus im Nationalpark

In der Sächsischen Schweiz sind dieses Jahr viele Jungtiere geschlüpft. Bei den Wanderfalken sieht es hingegen schlecht aus. Eine Zwischenbilanz der Vogelbrut.

Die Bilanz fällt aus Sicht des Nationalparks somit durchwachsen aus. "Es gibt Gewinner und Verlierer in der aktuellen Situation", sagt Nationalparkchef Ulf Zimmermann. Einerseits gebe es natürliche Verschiebungen bei den Artenvorkommen aufgrund der sich deutlich verändernden Landschaft. "Andererseits stellen wir fest, dass die Störungen durch den Menschen permanent zunehmen und zu herben Verlusten bei unseren sensiblen Arten führt."

Zimmermann verweist deswegen auf das Wegegebot im Nationalpark, das zum Schutz dieser Arten entwickelt worden sei. Bei der Wander-Routenplanung per Internet und der Navigation per Smartphone würde diese Regeln oft nicht berücksichtigt.

Mehr zum Thema Pirna