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Aufgewachsen auf dem Rauenstein

Ein Teil der Geschichte der Bergbaude ist auch die von Maria Schulte-Herbrüggen. Mit dem Restaurant-Papst der Sächsischen Schweiz beginnt ein neues Kapitel.

Für Maria Schulte-Herbrüggen ist der Rauenstein ein Stück Familiengeschichte.
Für Maria Schulte-Herbrüggen ist der Rauenstein ein Stück Familiengeschichte. © Steffen Unger

Maria Schulte-Herbrüggen sitzt auf der Bank auf der Rauenstein-Baude und sieht ein kleines Mädchen. Das läuft jahraus jahrein bei Wind und Wetter die Rauenstein-Stufen hoch und runter. Zur Schule, zum Befüllen der Milchkannen, für jeden Weg. Die Eltern des Mädchens bewirtschaften den Rauenstein in den 1950er-Jahren. Immer mehr Bilder tauchen vor den Augen von Maria Schulte-Herbrüggen auf. Sie war das Mädchen und ist nun wieder an den Ort ihrer Kindheit zurückgekehrt. Nicht das erste und nicht das letzte, aber ein besonderes Mal.

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Die 78-Jährige ist mit ihrem Mann Walter zum offiziellen Neustart der Rauenstein-Baude aus Frankfurt am Main gekommen. Sie sind oft in Dresden zu Gast, waren es auch in DDR-Zeiten. Meist waren sie einfach Gäste. Diesmal ist sie Ehrengast der offiziellen Neueröffnung der Baude. Zum ersten Mal ist die Familie von Maria Schulte-Herbrüggen nicht mehr Eigentümer der Baude und darüber nicht traurig. Es ist das gute Ende einer langen Geschichte.

Maria Schulte-Herbrüggen als Mädchen mit ihren Eltern auf dem Rauenstein.
Maria Schulte-Herbrüggen als Mädchen mit ihren Eltern auf dem Rauenstein. © privat

Maria war ein kleines Mädchen, als ihre Eltern die Gaststätte auf dem Rauenstein übernahmen und die Familie auf den Berg zog. Der Vater war spät aus dem Krieg gekommen, die Großeltern hatten den Gasthof in Naundorf. Für den Dorfgasthof war der Vater ungeeignet. Genau wie als Lehrer, weil er der Bekennenden Kirche angehörte, erzählt seine Tochter. Als die bisherige Rauenstein-Wirtin starb, war die Baude heruntergekommen und die Familie Petzold zog hoch. "Es war schrecklich", sagt Maria Schulte-Herbrüggen. Der Schulweg lang und ohne Beleuchtung, die Toilette war erst die und dann die andere Schlucht, jeder Liter Wasser musste hochgetragen werden. Der Kran kam erst, als die Petzolds weg waren und die DDR sonst keinen Betreiber gefunden hätte.

Aus der Chronik des Rauensteins:

  • Zwischen 1886 und 1893 werden erstmals Milch und Bier verkauft.
  • 1885 begannen die Arbeiten auf dem Kammweg. Kosten: 603,50 Mark.
  • 1892 wird beklagt, dass sich höchst selten Wanderer auf den Rauenstein kommen.
  • 1968 wird die Lehmann-Schlucht saniert.
  • Nach der Wende 1990 bekommt die Familie von Maria Schulte-Herbrüggen das Gebäude der Baude zurück.

Die Mutter kochte und organisierte die Lebensmittel und das Leben und der Vater war auch auf dem Rauenstein der Lehrer. "Er erklärte immer allen, welche Berge rings rum zu sehen sind." Ein paar Pirnaer Ingenieure, die im Strömungsmaschinenwerk Flugzeuge entwickelten, wurden ihm zum Verhängnis. Am 23. Dezember 1959 tauchten vier Männer auf dem Rauenstein auf, durchsuchten stundenlang die Räume und nahmen den Vater mit. "Als er später zurückkam, war er schlohweiß", erzählt Maria Schulte-Herbrüggen.

Mauer, Wende und Merkel

Kurz darauf kam ein alter Kommunist aus Weißig auf den Rauenstein. "Er sagte zum Vater, ich soll dich beobachten, können wir das nicht zusammen machen." Da sagte die Mutter: Jetzt ist Schluss. In den Herbstferien 1960 flüchtete die Familie in den Westen. Im Jahr darauf wurde die Mauer gebaut.

Geschichte am Baum: So wird der Aufstieg zum Rauenstein zur Zeitreise.
Geschichte am Baum: So wird der Aufstieg zum Rauenstein zur Zeitreise. © Marko Förster

Nach der Wende erhielt die Familie die Baude zurück. In einem schlechten Zustand. Als sie in Struppen nach Handwerkern suchten und etwas drängten, bekamen sie schon mal "immer diese Wessies" zu hören. Da erklärte Maria Schulte-Herbrüggen ihnen dann, dass sie eine gebürtige Hiesige ist. Dass Angela Merkel als Bundeskanzlerin auch mal auf dem Rauenstein war, gibt der Familiengeschichte die zusätzliche politische Dimension.

Mit dem ersten Pächter hatte die Familie kein Glück, die zweiten kamen aus Strand und waren fantastisch, sagt Familie Schulte-Herbrügge. Auch ihre Mutter war mit 80 noch einmal auf dem Rauenstein. Als sie da oben stand, sagte sie: "Jetzt brauche ich ein Bier." Maria und Walter Schulte-Herbrüggen sind im Schnitt alle drei, vier Monate in Dresden und auf dem Rauenstein.

Der Restaurant-Papst der Sächsischen Schweiz

Als die fantastischen Pächter als Altersgründen aufgaben, entschied sich die Familie, die Baude zu verkaufen. Konrad Schmidt entdeckte die Anzeige bei der IHK. "Ich glaube, wir haben einen Notartermin", sagte er zu seinen beiden Mitkäufern Tino Wolter und Frank Haring. Eine Gaststätte hatten sie sich nicht gesucht, aber der Rauenstein ist ja auch keine Gaststätte, sondern ein Sehnsuchtsort, sagt Schmidt. Ein Ort, zu dem ihr Hauswanderweg führt und das nun noch öfter.

Der schon mal als Restaurant-Papst der Sächsischen Schweiz bezeichnete Sven-Erik Hitzer betreibt für die drei Besitzer die Rauenstein-Baude und hat noch einen Plan.
Der schon mal als Restaurant-Papst der Sächsischen Schweiz bezeichnete Sven-Erik Hitzer betreibt für die drei Besitzer die Rauenstein-Baude und hat noch einen Plan. © Marko Förster

Auch den Betreiber fand das Eigentümer-Trio per Anzeige. Dabei lag der eigentlich sprichwörtlich vor den Füßen. Vom Rauenstein sieht man die Festung Königstein und von dort Sven-Erik Hitzer den Rauenstein. Hitzer, den Frank Göhler vom Gemeinderat Struppen zur Eröffnungsfeier am 7. Juli den Restaurant-Papst der Sächsischen Schweiz nennt, hat in der Betreibung mehrere Chancen gesehen.

Eine ist, die Tradition der Bergbauden in der Sächsischen Schweiz fortzuführen. Eine andere ist die Bewahrung der Geschichte, auch die der Familie von Maria Schulte-Herbrüggen. Und eine dritte ist die Vision einer Bergbahn zur vielleicht ersten "barrierefreien Felsgaststätte". Zu deren Eröffnung lädt Hitzer dann sicher auch Tom Pauls gleich ein, damit der sich nicht wieder - mit einem Augenzwinkern - beschweren muss. Aber im Notfall kommt Pauls auch ohne Einladung auf seinen Hausberg. So wie jetzt.

Schmilkaer Bier und Knoblauchspagetti

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In der Berggaststätte oberhalb von Weißig werden Wanderer seit 2006 von Familie Kaiser bewirtet. Die geht in den Ruhestand. Dennoch soll weiter gekocht werden.

Während die Gäste des offiziellen Aktes bewirtet werden, holen sich die anderen ihr Essen und ihre Getränke am Abholfenster. Das Schmilkaer Bier aus dem Hause Hitzer wird besonders gern gekauft, sagt die tschechische Angestellte am Tresen. "Und Knoblauchspaghetti."

Geöffnet ist die Baude auf dem Rauenstein wochentags von 11 bis 17 Uhr, am Wochenende von 10 bis 18 Uhr. Neben verschiedenen Wanderwegen aus Richtungen Rathen und Wehlen führt der kürzeste Weg vom Parkplatz in Weißig auf den Rauenstein.

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