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Rettung aus der Luft für die Kahnfahrt Obere Schleuse

Tote Fichten am böhmischen Steilhang bedrohen die Touristenattraktion auf sächsischer Seite. Wer zahlt die Bergung? Jetzt gibt es eine Lösung.

Von Dirk Schulze
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Kahnfahrt auf der Oberen Schleuse Hinterhermsdorf: Das angestaute Wasser ist schon abgelassen. Die toten Fichten müssen raus aus der Klamm.
Kahnfahrt auf der Oberen Schleuse Hinterhermsdorf: Das angestaute Wasser ist schon abgelassen. Die toten Fichten müssen raus aus der Klamm. © Steffen Unger

Am 19. Oktober war plötzlich Schluss mit beschaulichen Bootstouren durch die wildromatische Felsenlandschaft der Sächsischen Schweiz. Die Kahnfahrt auf der Oberen Schleuse bei Hinterhermsdorf musste von einem Tag auf den anderen eingestellt werden. Der Zustand der abgestorbenen Fichten auf tschechischer Seite der Kirnitzschklamm hatte sich derart verschlechtert, dass die Bäume vom Steilhang hinabzustürzen drohten - und damit auf die mit Menschen besetzten Kähne.

Das hatten Mitarbeiter des Nationalparks Böhmische Schweiz festgestellt und die Stadt Sebnitz als Betreiber der Kahnfahrt informiert. Die zog sofort die Reißleine und erklärte die Saison ihrer besucherstärksten Touristenattraktion vorzeitig für beendet. Zwei Tage später fegte Sturm Ignatz über das Land.

Die prekäre Lage an der Kirnitzschklamm ist seit Längerem bekannt. Der Borkenkäfer hat hier wie vielerorts in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz flächendeckend zugeschlagen und die Fichten zum Absterben gebracht. Die ohnehin konfliktträchtige Situation mit versperrten Wanderwegen in einer Touristenhochburg wird durch die Randlage nochmals verkompliziert. In der Mitte der Kirnitzsch verläuft hier die Landesgrenze zwischen Deutschland und Tschechien - auf der linken Uferseite sind die tschechischen Behörden zuständig, rechterhand die deutschen.

Hubschrauber soll Totholz ausfliegen

Bereits im Frühjahr hatte es eine größere Fällaktion am Steilhang auf tschechischer Seite gegeben. Der Nationalpark Böhmische Schweiz ließ einen ersten Schwung toter Fichten fällen, die Sebnitzer Kahnfahrer räumten die Stämme anschließend zu Wasser aus der engen Schlucht. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit funktionierte. Auf deutscher Seite hatte der sächsische Nationalpark schon im vorherigen Winter sägen lassen.

Schon damals war aber klar, dass noch viel mehr Borkenkäferbäume raus müssen aus der Klamm. Für Sachsens Hälfte plant die hiesige Nationalparkverwaltung dafür schon länger einen spektakulären Hubschraubereinsatz, bei dem die Bäume ausgeflogen werden. Die gleiche Methode ist auch gegenüber am böhmischen Hang passend, doch lange war unklar, wer den teuren Einsatz bezahlt.

Abgestorbene Borkenkäferbäume drohen in die enge Klamm zu stürzen und gefährden die Kahnfahrt. Das felsige Gelände ist extrem unwegsam.
Abgestorbene Borkenkäferbäume drohen in die enge Klamm zu stürzen und gefährden die Kahnfahrt. Das felsige Gelände ist extrem unwegsam. © Steffen Unger

Der Steilhang auf der tschechischen Seite der Klamm ist komplett unzugänglich, kein Wanderpfad führt dort entlang. Dementsprechend hat der Nationalpark Böhmische Schweiz kein eigenes Interesse, dort überhaupt einzugreifen, normalerweise würde die Natur sich selbst überlassen. Das Geld mit der Kahnfahrt verdient ausschließlich die Stadt Sebnitz. Und die sollte deshalb auch für die Sicherung aufkommen. Sebnitz wiederum ist auf deutscher Seite nur Pächter der Anlage, Grund und Boden gehören dem Freistaat Sachsen.

Zukunft der Kahnfahrt steht sonst auf dem Spiel

Nach längeren Verhandlungen, die bis zum tschechischen Umweltministerium in Prag und Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) reichten, ist nun eine Lösung gefunden: Auch auf tschechischer Seite wird ein Hubschrauber fliegen. Die Stadt Sebnitz übernimmt dafür die Kosten von bis zu 73.500 Euro. Über einen neuen Pachtvertrag mit günstigerer Pacht erhält die Stadt die Kosten über die kommenden Jahre vom Freistaat zurück. Letztlich zahlt also das Land Sachsen.

Erste Fällaktionen hat es im Frühjahr auf tschechischer Seite und im vergangenen Winter entlang des deutschen Teils der Klamm gegeben. Doch das genügt noch nicht.
Erste Fällaktionen hat es im Frühjahr auf tschechischer Seite und im vergangenen Winter entlang des deutschen Teils der Klamm gegeben. Doch das genügt noch nicht. © Steffen Unger

Die Zeit für den Einsatz drängt. "Wenn wir jetzt nichts machen, gibt's die Kahnfahrt im nächsten Jahr nicht mehr", sagte Amtschef Ronald Kretzschmar im Sebnitzer Stadtrat. Der Zersetzungsprozess der Käferfichten schreitet stetig voran. Schon in wenigen Wochen kann es so weit sein, dass kein Waldarbeiter mehr in das Gebiet hinein darf, da die Gefahr unkontrolliert brechender Bäume zu groß ist. Die Obere Schleuse bliebe dann auf Jahre hinaus gesperrt.

Der Sebnitzer Stadtrat stimmte der Kostenübernahme einstimmig zu, auch wenn Amtschef Kretzschmar die Details für den neuen Vertrag noch mit dem Freistaat aushandeln muss. Sowohl der Freistaat als auch die Nationalparkverwaltungen auf sächsischer und böhmischer Seite hätten ihren Willen bekundet, dass die seit 1879 bestehende Kahnfahrt auf der Oberen Schleuse erhalten bleiben soll.

Insgesamt sollen über 100 Fichten gefällt und ausgeflogen werden, erklärt Tomáš Salov, Sprecher des Nationalparks Böhmische Schweiz. Wann genau der Hubschraubereinsatz eines tschechischen Unternehmens startet, ist noch nicht bekannt. Das hänge immer vom Wetter an dem jeweiligen Tag ab, sagt Salov. Das letzte Wort hat der Pilot. Einen zweiten, noch umfangreicheren Hubschraubereinsatz an der Oberen Schleuse wird es aktuellen Plänen zufolge noch in dieser Wintersaison auf deutscher Seite geben. Der Nationalpark Sächsische Schweiz rechnet dafür mit Kosten von rund 220.000 Euro.