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Sächsische Schweiz: Lebensgefahr im Wald

Zum Beginn der Wandersaison warnt der Nationalpark eindringlich vor umbrechenden Bäumen. Viele Wege sind blockiert. Es gibt aber Alternativen.

Tote Fichten knicken wie Streichhölzer: Für Wanderer ist es derzeit gefährlich in einigen Teilen der Sächsische Schweiz.
Tote Fichten knicken wie Streichhölzer: Für Wanderer ist es derzeit gefährlich in einigen Teilen der Sächsische Schweiz. © Mike Jäger

Sobald die Frühlingssonne sich zeigt, strömen die Menschen in Scharen in die Sächsische Schweiz - und wer will es ihnen verdenken? Die Freizeitmöglichkeiten sind rar in Zeiten der andauernden Pandemie, die Sehnsucht nach Zerstreuung in der Natur hingegen groß. Diese Saison aber wird für Wanderer, Spaziergänger und Kletterer im Elbsandsteingebirge etwas anders verlaufen als in den Jahren zuvor.

Zahlreiche Wege sind von umgestürzten Fichten blockiert und deswegen unpassierbar. Auch dort, wo die Bäume noch stehen, droht Gefahr. Die durch den Borkenkäfer abgestorbenen Fichten können jederzeit umbrechen. Das passiert geräuschlos und ohne Vorwarnung. Oft stürzen einfach die Kronen der Bäume aus mehreren Metern herab.

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Appell: Gefährliche Wege meiden

Zum Start der Wandersaison warnt Landesforstpräsident Utz Hempfling deshalb eindringlich: "Wir haben an einigen Stellen eine wirklich bedrohliche Situation. Wir appellieren dringend an alle Besucher, die Risiken ernst zu nehmen und sich an Sperrungen und Empfehlungen zu halten."

Betroffen ist insbesondere die Hintere Sächsische Schweiz zwischen dem Kirnitzschtal und der tschechischen Grenze. Die akut betroffenen Wege dort sollten derzeit gemieden werden, bittet der Nationalpark. Im vorderen Bereich des Schutzgebiets rings um Lohmen, Wehlen und Hohnstein sowie links der Elbe ist die Situation wesentlich entspannter.

Das empfiehlt auch Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne): "Ich bitte alle Besucher, die Hinweise im Gelände im Sinne ihrer eigenen Sicherheit zu beachten und in andere Regionen der Sächsischen Schweiz oder Sachsens auszuweichen", sagt der Minister. Die Nationalparkverwaltung unternehme alles, was derzeit möglich ist, um Wanderwege von abgestorbenen Bäumen zu befreien. Dabei müssen aber die Arbeitssicherheit der Forstleute und das Naturschutzrecht beachtet werden.

Welche Wege sind unpassierbar?

Mit Stand vom 2. April listet der Nationalpark insgesamt 35 Wanderwege und Bergpfade als unpassierbar auf. Zwei Wochen zuvor waren es noch halb so viel. Die Situation ist dynamisch und ändert sich täglich. Eine fortlaufend aktualisierte Liste der betroffenen Wege inklusive Übersichtskarte findet sich auf der Website des Nationalparks Sächsische Schweiz unter Aktuelles/Wegeservice und Wegeinfo.

"Das Betreten dieser Wege ist momentan lebensgefährlich", sagt Nationalparkchef Ulf Zimmermann. "Wir raten dringend davon ab, auf eigene Faust die unpassierbaren Stellen zu umgehen." Die Nationalparkverwaltung bedauere die Einschränkungen und bittet um Verständnis. Vor Ort weisen an neuralgischen Punkten Schilder auf die Gefahren hin. Die Nationalpark-Ranger werden an besucherstarken Tagen auch vor Ort im Einsatz sein, um darauf hinzuweisen.

Mit Harvestern lässt der Nationalpark Wege freischneiden. Nur in den Kabinen sind die Forstarbeiter vor stürzenden Bäumen geschützt.
Mit Harvestern lässt der Nationalpark Wege freischneiden. Nur in den Kabinen sind die Forstarbeiter vor stürzenden Bäumen geschützt. © Nationalpark/Matthias Protze

Wie unberechenbar die Lage ist, zeigt sich am Beispiel des Wanderwegs auf der alten Kirnitzschtalstraße, der Lindigtstraße und dem Stimmersdorfer Weg. Diese drei Wege bei Hinterhermsdorf hatten Forstarbeiter erst in der Woche vor Ostern mit dem Harvester freigesägt. Noch vor den Feiertagen sind dort erneut Fichten umgestürzt und über die Wege gefallen.

Neu gesperrt ist jetzt auch der Weg durch die Spitzsteinschlüchte. Bis vor wenigen Tagen galt er noch als Alternativroute für unteren Abschnitt des Großen Zschands, der seit Ende Januar beginnend vom Wanderparkplatz an der Neumannmühle gesperrt ist. Aktuell ist wochentags zusätzlich der hintere Teil des Großen Zschands ab dem Zeughaus gesperrt.

Dort ist ein Harvester im Einsatz, um stehendes Totholz auf 30 Metern links und rechts des Weges vorsorglich zu fällen. In diesem Bereich hatten Forstarbeiter bereits vor zwei Jahren Borkenkäferbäume umgelegt, doch inzwischen sind neue hinzugekommen. Der Weg gehört zu den Rettungswegen, die derzeit mit Priorität freigeschnitten werden. An den Wochenenden ist der Große Zschand ab dem Zeughaus frei.

Was tut der Nationalpark dagegen?

Bereits freigeschnitten ist der Roßsteig, eine wichtige Wanderverbindung zwischen Zeughaus und Großen Winterberg. Ihn will die Nationalparkverwaltung unbedingt freihalten, ebenso die Lindigtstraße, den Wanderweg entlang der Kirnitzsch, die jedoch - wie erwähnt - nach dem ersten Freischneiden schon wieder von Baumstürzen betroffen sind. Gleiches gilt für den Stimmersdorfer Weg, der zunächst eine Sackgasse bleiben wird, weil er sich am oberen Ende in zwei schmale Wege teilt, wo für breite Forstmaschinen kein Durchkommen ist.

Noch bis Ende April geht es jetzt darum, rund 50 Kilometer Rettungswege im Nationalpark zu sichern. Dafür werden links und rechts der Wege die toten Bäume umgelegt. Für diese umfangreichen Eingriffe braucht es eine Ausnahmegenehmigung, denn eigentlich wäre wegen der beginnenden Brutzeit schon ab dem 1. April Schluss. Von Ende April bis Mitte August sind dann wegen des Vogelschutzes keine größeren Eingriffe mehr möglich, erst danach geht es weiter.

In den vergangene fünf Jahren hat der Sachsenforst nach eigenen Angaben über 3,3 Millionen Euro für die Unterhaltung der Wanderwege mit Stiegen, Geländern sowie der Besuchereinrichtungen investiert. Doch das bietet nur eine trügerische Sicherheit. Entlang der Wege stehen nach wie vor stark bruchgefährdete abgestorbene Fichten, die jederzeit umbrechen können", erklärt Nationalparkleiter Ulf Zimmermann.

Wie erkenne ich einen gefährlichen Baum?

Ein untrügliches Zeichen für einen akut bruchgefährdeten Baum ist der Pilzbefall. Sobald an einer Fichte Pilze zu sehen sind, sollte man diesen Waldbereich meiden. "Die Pilze sind die Sollbruchstellen", hatte Nationalparkchef und Forstingenieur Ulf Zimmermann kürzlich in Sebnitz erklärt. Sie zersetzen das Holz innerlich, ohne dass von außen größere Risse zu erkennen werden. Irgendwann bricht der Stamm dann ohne Vorwarnung in sich zusammen.

Wo kann ich wandern in der Sächsischen Schweiz?

Wandern kann man dennoch weiterhin in der Sächsischen Schweiz. Für Sächsische.de hatte kürzlich der Bad Schandauer Kartograph und Wanderexperte Rolf Böhm vier Wandertipps zusammengestellt. Sie führen durch den Kleinen Zschand auf den Großen Winterberg, durch das Schwarzbachtal bei Lohnsdorf, von Waltersdorf ins Prossengründel oder einmal anders nach Rathen und durchs Polenztal.

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Inzwischen hat auch die Nationalparkverwaltung nachgezogen. In Zusammenarbeit mit dem Tourismusverband Sächsischen Schweiz gibt es eine Liste mit Wanderempfehlungen abseits der gefährdeten Bereiche. Darunter sind Klassiker wie die Felsenburg Neurathen und die Schwedenlöcher, der Lilienstein, die Schrammsteine und die Festung Königstein, aber auch weniger bekannte Touren zu weniger bekannten Zielen wie dem Katzstein, dem Kohlbornstein oder durch die Falkenschlucht versammelt. Die Wandertipps sind auf der Website des Nationalparks verlinkt, weitere Tourenempfehlungen gibt es beim Tourismusverband Sächsische Schweiz.

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