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Totholz und Tourismus: So läuft's im Harz

Borkenkäfer und umbrechende Bäume sind kein Phänomen der Sächsischen Schweiz. Wie gehen andere damit um? Ein Blick in den Nationalpark Harz.

Harz, Straße zum Brocken: Die toten Bäume sind auf eine Baumlänge neben der Fahrbahn gefällt.
Harz, Straße zum Brocken: Die toten Bäume sind auf eine Baumlänge neben der Fahrbahn gefällt. © Dirk Schulze

In der Sächsischen Schweiz und darüber hinaus wird seit Wochen über die Auswirkungen des historisch beispiellosen Borkenkäferbefalls debattiert, insbesondere über die Folgen für den Tourismus. Schon ein Dutzend Wege im Nationalpark sind durch umgestürzte Bäume blockiert. Wer während der vergangenen Monaten die unzähligen abgestorbenen Fichten in dem Gebiet gesehen hat, kann erahnen, dass dies erst der Anfang ist.

Mit der Sperrung des Großen Zschands aus Sicherheitsgründen hat sich die Diskussion nochmals zugespitzt. Die Stadt Sebnitz droht der Nationalparkverwaltung, dass sie eine längerfristiges Dichtmachen dieser öffentlich gewidmeten Verbindung rechtlich nicht mitmachen will. Wanderer und Kletterer fürchten um ihre altbekannten Wege, die Touristiker und Gastwirte um die Zufriedenheit der Gäste.

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Harz kämpft schon länger mit dem Borkenkäfer

Doch wie läuft das eigentlichen anderswo? Die Sächsische Schweiz ist nicht die einzige Urlaubsregion, die mit massiven Landschaftsveränderungen durch den Borkenkäfer zu kämpfen hat. Im Harz haben die Schäden schon einige Jahre früher eingesetzt. Am Brocken ragen längst flächendeckend silbrig-grau verdorrte Stämme in den Himmel, die Bundesstraße B4 an der Westseite des Gebirges wurde schon 2016 in der Presse als "Allee der toten Fichten" betitelt.

Blick zum Brockengipfel: Das war mal ein Fichtenwald.
Blick zum Brockengipfel: Das war mal ein Fichtenwald. © Dirk Schulze

Auch der Harz lebt in großen Teilen vom Tourismus, auch im Harz gibt es einen Nationalpark. Das dortige Schutzgebiet ist mit knapp 25 Hektar Fläche sogar zweieinhalb mal so groß wie der Nationalpark Sächsische Schweiz (9,35 Hektar). Auch im Harz besteht der Wald durch die menschengemachte Forstwirtschaft fast nur aus Fichten.

Dementsprechend großflächig konnte der Borkenkäfer zuschlagen. "Rasend schnell" sei das gegangen, berichtete jüngst Sabine Bauling, die stellvertretende Leiterin des Nationalparks Harz bei einer Online-Diskussionsrunde des Tourismusverbands Sächsische Schweiz. Die Verantwortlichen im Harz mussten sich fragen, wie sie die Sicherheit für Besucher gewährleisten und parallel dem Nationalparkgedanken - "Natur Natur sein lassen" - entsprechen.

Umleitungen für gesperrte Wege freigegeben

Entlang der Brockenstraße sowie der Schmalspurbahn auf den Brocken wurden die toten Fichten auf eine Baumlänge gefällt, ganz ähnlich wie das in der Sächsischen Schweiz im vergangenen Sommer schon im Kirnitzschtal passiert ist. An einem der Hauptwanderwege auf den Brocken, dem "Gelben Brink", ließ der Nationalpark per Harvester mit langem Kranausleger die Kronen der Bäume abschneiden, damit sie nicht herunterbrechen. So ähnlich ist es hierzulande in der Waldhusche in Hinterhermsdorf passiert.

Besonders spannend: die Debatte um den Magdeburger Weg, einen der spektakulärsten Wanderpfade im Harz. Der ist durch umgebrochene Fichten blockiert und kann wegen der Gefahr durch das stehende Totholz im steilen Gelände nicht beräumt werden. Er bleibt voraussichtlich auf Jahre gesperrt, was heftige Diskussionen auslöste. Ganz ähnlich ist die Situation am Reitsteig in der Sächsischen Schweiz.

Im Harz hat der Nationalpark schließlich eine Umleitung für den gesperrten Weg freigegeben, für die teilweise sogar ein Weg neu angelegt wurde. Im Wegeplan des Nationalparks Harz bleibt der Magdeburger Weg weiterhin enthalten. Wenn die Gefahr in einigen Jahren vorüber ist, soll er wieder für Besucher freigegeben werden.

Kommunikationskampagne für die Gäste

Ebenso wie heute in der Sächsischen Schweiz haben die Borkenkäferfolgen im Harz teils heftige Debatten ausgelöst. Nicht selten musste sich der Nationalpark für seine angebliche Untätigkeit beschimpfen lassen. Dabei sehen die Besucher vieles weniger kritisch als die Einheimischen, berichtete Sabine Bauling vom Nationalpark Harz - auch das eine Parallele zur Sächsischen Schweiz. Beide Gruppen müssen jedoch spezifisch angesprochen werden, um ihr Verständnis zu wecken.

Geisterwald am Brocken, davor erstes junges Grün.
Geisterwald am Brocken, davor erstes junges Grün. © Dirk Schulze

Die große Frage für die Touristiker lautet: Wie erklären wir's dem Gast? Das Schlüsselwort heißt: Kommunikation. Und zwar gemeinsame Kommunikation, wie Cordula Schmidt vom Tourismusverband Harz betonte. Viele langjährige Urlauber seien negativ überrascht und gar verärgert gewesen, als sie die liebgewonnene Waldlandschaft nicht wiedererkannten.

Im Harz entschloss man sich, offensiv mit der Sache umzugehen. Die Initiative "Der Wald ruft!" startete. Dahinter verbirgt sich eine komplette Kommunikationskampagne mit eigenem Logo und Slogan, deren Ziel es ist, die Waldschäden durch den Borkenkäfer zu erklären. Eine eigene Website wurde dafür aufgesetzt, Erklärvideos gedreht, Seiten im Reisekatalog reserviert und 100.000 Flyer gedruckt. Finanzielle Unterstützung kam vom Land Sachsen-Anhalt.

Fotospots für Naturprozesse

Besonders kreativ: Der Harz hat feste Fotospots ausgeschildert, an denen Gäste die Waldschäden fotografieren können. Die Besucher sind aufgerufen, die Bilder mit dem Hashtag #derwaldruft auf Instagram hochzuladen. Über Monate und Jahre entsteht somit eine Fotoreihe mit immer demselben Bildausschnitt, in der die Veränderung der Landschaft vom Absterben bis zum Nachwachsen des neues Waldes dokumentiert wird.

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"Wir haben es mit dieser offenen Kommunikation geschafft, das Gros unserer Gäste mitzunehmen", erklärte Cordula Schmidt vom Tourismusverband Harz. Wenn man den Besuchern die Ursachen und die aktuelle Entwicklung erkläre, dann würden sie dies auch verstehen. Aktuell ist selbst auf der offiziellen Website des Tourismusverbands als erste Botschaft eine Warnung zu lesen, die neben den Corona-Regeln freundlich auf die Waldbrandgefahr, auf geltende Parkverbote und die Müllvermeidung im Wald hinweist.

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