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Verzichts-Appell verärgert Wanderer im Elbsandstein

In der Sächsischen Schweiz seien einige Wege zu gefährlich, sagt der Nationalpark. Kritiker fürchten eine systematische Verdrängung.

Waldarbeiter am Hang des Großen Winterbergs: Entlang des Wanderwegs werden tote Bäume gefällt.
Waldarbeiter am Hang des Großen Winterbergs: Entlang des Wanderwegs werden tote Bäume gefällt. © Mike Jäger

Das Erwartete ist eingetreten: Im Verlauf der vergangene Woche ist die Liste der unpassierbaren Wege im Nationalpark Sächsische Schweiz erneut etwas länger geworden, von zwölf wuchs sie auf 15 Pfade. Während Waldarbeiter damit beschäftigt sind, die Rettungswege zu sichern - aktuell ist die Straße von Schmilka hinauf auf den Großen Winterberg wegen der Baumfällungen für jegliche Begehung gesperrt - stürzen die abgestorbene Fichten an anderer Stelle über den Wanderwegen in sich zusammen.

Die Lage ist dynamisch und ändert sich Woche für Woche. Die Nationalparkleitung warnt deshalb ausdrücklich vor den Gefahren im Wald: "Es ist noch wichtiger als sonst, die begehbaren Wege nicht zu verlassen – es können noch mehr Bäume umfallen", sagt Nationalparkchef Ulf Zimmermann und bittet um Verständnis, dass die blockierten Wege derzeit nicht bewandert werden können.

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Winterbergstraße, gesperrt wegen Baumfällungen. Aber auch an kleineren Wanderwege besteht aktuell Gefahr durch abgestorbene Fichten.
Winterbergstraße, gesperrt wegen Baumfällungen. Aber auch an kleineren Wanderwege besteht aktuell Gefahr durch abgestorbene Fichten. © Mike Jäger

Parallel weist der Nationalpark darauf hin, dass vor allem die Hintere Sächsische Schweiz betroffen ist, aktuell 20 Kilometer von insgesamt 400 Kilometern Wanderrouten im Gebiet. Im vorderen Teil des Nationalparks rings um Lohmen, Wehlen und Hohnstein ist die Situation deutlich weniger angespannt, aktuell sind dort alle Wege passierbar.

"Wanderer verzichten seit 50 Jahren"

Der jüngste Appell des Nationalparks an Wanderer, Kletterer und Ausflugsgäste, doch angesichts der massiven Borkenkäferschäden eine Zeit lang Verzicht zu üben und in andere Gebiete auszuweichen, stößt unterdessen auf scharfen Widerspruch. "Die Wandernden üben seit 50 Jahren im heutigen Nationalparkgebiet Verzicht, ohne dass irgendwann einmal ein Ende in Sicht wäre", erklärt der Bad Schandauer Kartograph Rolf Böhm, Wanderkartenverleger, Gebietskenner und seit jeher Verfechter des Wegenetzes.

In der Sächsischen Schweiz würden seit der Gründung des Nationalparks systematisch Wege gestrichen, erklärt Böhm: "Was noch vor 30 Jahren selbstverständlich bewandert werden konnte, galt bald als zweifelhaft. Was vor 20 Jahren zweifelhaft war, wurde bald nur noch geduldet. Was vor 10 Jahren gerade noch geduldet wurde, ist heute gesperrt, unpassierbar, zerstört", schreibt der Kartograph an Sächsische.de.

Angst vor ausgedünntem Wegenetz

Seine Befürchtung: Das Wegenetz werde immer weiter ausgedünnt und am Ende dieser Entwicklung stehe ein menschenleeres Totalreservat. Die Baumstürze würden dem Nationalpark beziehungsweise dem übergeordneten sächsischen Umweltministerium nur als Vorwand dienen, um Wege quasi hintenrum dichtzumachen. Als Beispiel führt Rolf Böhm immer wieder den Polenztalweg rechts der Polenz an, der nach einem Windbruch nicht wieder geöffnet wurde.

Kartograph Rolf Böhm (re.) und Stiegenfreund Mathias Klimmer (li.) am gesperrten Wanderweg durchs Polenztal im Sommer 2020: Sie fürchten, dass das Wegenetz weiter ausgedünnt wird.
Kartograph Rolf Böhm (re.) und Stiegenfreund Mathias Klimmer (li.) am gesperrten Wanderweg durchs Polenztal im Sommer 2020: Sie fürchten, dass das Wegenetz weiter ausgedünnt wird. © Daniel Schäfer

Böhm erklärt: "Die Nationalparkverwaltung ist aufgerufen, den Wanderer nicht ausschließlich als apokalyptischen Naturzerstörer anzusehen, dessen einzige Leistung darin bestehen könnte, sich in calvinistischem Verzicht möglichst behände aus dem Nationalpark heraus zu scheren und 'woanders' zu wandern." Stattdessen sollten Parkleitung und Freistaat nach Lösungen suchen. "Das drohende Borkenkäfer-Mikado ist ein großes Unglück", schreibt Rolf Böhm. "Viele Wege ließen sich durchaus noch freisägen. Doch wo kein Wille ist, braucht man sich nicht zu wundern, dass dann auch kein Weg gefunden wird." Das gelte im direkten wie im übertragenen Sinn.

Nationalparkleiter Ulf Zimmermann hat unterdessen in den vergangenen Wochen immer wieder betont, dass dies kein Dauerzustand werden soll. "Alle Wege, die jetzt vorübergehend nicht passierbar sind, werden wieder freigeschnitten, sobald es die Situation zulässt", heißt es in der jüngsten Mitteilung vom 5. März. Aktuell sei nur die Gefahr für die Waldarbeiter unter den instabilen Fichten zu groß.

Wann tagt die AG Wege?

Kritisch meldet sich auch die IG Stiegen- und Wanderfreunde zu Wort, ein Zusammenschluss von Elbsandsteinfreunden aus der Region und von weiter her. Die Mitglieder verfolgen die Entwicklung der absterbenden Fichtenbestände mit Sorge, schreiben sie. "Unverständlich ist für uns, dass es seitens der Nationalparkverwaltung anscheinend keinen Plan gibt, wie die touristische Infrastruktur wieder hergestellt werden kann." Die Stiegen- und Wanderfreunde halten es für zwingend notwendig, dass der Nationalpark schnellstens die AG Wege einberuft.

In der AG Wege, offizieller Name AG "Wegekonzeption Nationalpark Sächsische Schweiz", sitzen Tourismusvertreter, Naturschützer, Bergsteiger, Wanderer, Bürgermeister und der Nationalpark zusammen. Die Arbeitsgruppe verhandelt über die Sperrungen oder Öffnung von Wanderwegen und hat vor 20 Jahren nach teils heftigem Streit das Wegekonzept für den Nationalpark beschlossen.

Nationalpark kündigt Aktionsplan an

Angesichts der aktuellen Lage wäre eine Treff der Wegekommission wohl angeraten, normalerweise tagt das Gremium wenigstens einmal pro Jahr. Die letzte Sitzung fand jedoch am 17. September 2019 statt, der schon festgemachte Folgetermin im April 2020 fiel wegen der ersten Corona-Welle aus. Seit dem Sommer 2020 ist zudem Ulf Zimmermann als neuer Chef des Nationalparks im Amt. Bisher hat die AG noch nicht getagt.

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Jetzt gibt es aber zumindest einen ungefähren Termin. Die nächste Sitzung der AG Wege soll kurz vor Ostern oder kurz nach Ostern stattfinden, teilt Nationalparksprecher Hanspeter Mayr auf Anfrage mit. Je nachdem, wann für die teils ehrenamtlich tätigen Mitglieder ein gemeinsamer Termin gefunden werden kann. Zudem entwickele die Nationalparkverwaltung jetzt gemeinsam mit Sachsens Umweltministerium einen Aktionsplan, um Besucher schon vorab sowie vor Ort auf Einschränkungen und Ausweichmöglichkeiten hinzuweisen. Das hatten insbesondere Touristiker gefordert.

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