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PLUS Pirna

Es fährt ein Bus nach Whiskyland

Auf dem Trip in die Elbsandstein-Highlands serviert ein Feuerwehrmann brennende Getränke.

"Gute Tropfen in schöner Heimat genießen." Frank Hommel (r.) mit Sohn Lars (l.) und Kumpel Marcus Albrecht beim Whisky kosten am Lilienstein.
"Gute Tropfen in schöner Heimat genießen." Frank Hommel (r.) mit Sohn Lars (l.) und Kumpel Marcus Albrecht beim Whisky kosten am Lilienstein. © Marko Förster

Dämmerung über dem Lilienstein. Ein Pärchen aus Südengland hat sich mit dem Wohnmobil am Fuß des Felsens eingerichtet. Da rollt plötzlich ein altertümlicher Reisebus in die Szene. Ihm entsteigen zwei Männer in karierten Röcken. Der eine trägt Whiskyflaschen, der andere einen Dudelsack. Was dachten wohl die englischen Touristen? "Vor den Schotten ist man nirgends sicher!"

Das Zusammentreffen der Engländer mit ihren - wenn auch unechten - schottischen Widerparts gehört zu den liebsten Anekdoten von Jens Schumann, des Mannes mit dem Whisky. Spaßeshalber ist er damals zu den Campern rübergegangen, mit zwei gefüllten Gläsern. Sie griffen dankend zu. Whisky verbindet, sagt Schumann. "Das ist nun mal so."

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Ein Hauch vom Wilden Westen

Schumann muss es wissen. Seit zehn Jahren tourt er durch die Highlands des Dresdner Umlandes. Dabei hat er 3.500 Kilometer zurückgelegt und 270 Liter Whisky an rund 2.000 Passagiere ausgeschenkt. Und das alles im Großvatertempo eines Oldtimers. Für den Zweck gerade schnell genug, findet der Kenner. "Wir wollen nicht konsumieren, sondern genießen."

"Genießen, nicht konsumieren." Der Berufsfeuerwehrmann Jens Schumann ist im Nebenerwerb Reiseleiter im Whiskybus.
"Genießen, nicht konsumieren." Der Berufsfeuerwehrmann Jens Schumann ist im Nebenerwerb Reiseleiter im Whiskybus. © Marko Förster

Heute ist wieder Genusszeit. Die Jubiläumstour zum 10. Whiskybus-Geburtstag steht an. Und sie geht wieder zum Lilienstein. Der majestätische Tafelberg in seiner weiten Ebene hat für Jens Schumann immer etwas von Wildwest, "als ob gleich John Wayne um die Ecke käme."

Mit brennenden Sachen kennt sich Jens Schumann auch abseits vom Whisky bestens aus. Hauptberuflich ist er Feuerwehrmann. Seine eigene Reise in die Whiskywelt begann 2005. Ein Freund, der beruflich viel herumkam und immer eine Menge offener Flaschen daheim hatte, ließ Schumann kosten und machte ihn neugierig auf die schier unendliche Vielfalt des Getränks.

Die Whiskyreise geht los: Ulf Hainich von den "Dresden Bagpipes" lockt die Gäste aus Billys Old English Pub in Pirna zum Busparkplatz.
Die Whiskyreise geht los: Ulf Hainich von den "Dresden Bagpipes" lockt die Gäste aus Billys Old English Pub in Pirna zum Busparkplatz. © Marko Förster

Schumann ging zu Whiskyseminaren und Tastings und pilgerte über die Messen. Auf der Frankfurter Inter Whisky bestieg er 2010 mit einem Kumpel eine historische Straßenbahn, worin man während der Stadtrundfahrt Whisky kosten durfte. Die Kombination aus altem Vehikel, Landschaft und Getränk fanden beide grandios: "Wir sahen uns an und sagten: Sowas brauchen wir auch."

Whiskyreise ist immer ausgebucht

Aus der Bahn wurde, mangels Schienen auf dem Lande, ein Bus. Für gewöhnlich startet er im Herzen Dresdens. Von da kann er alle Ziele seines Fahrplans bequem ansteuern: Das Spitzhaus und Schloß Moritzburg, Pillnitz und Graupa, Weesenstein und den Plauenschen Grund. Geht es zum Lilienstein, ist der Start in Pirna, in Billys Old English Pub.

Ein fast echter Schotte trägt nicht nur Kilt, sondern auch einen Strumpfdolch, hier am Bein von Dudelsackspieler Hainich.
Ein fast echter Schotte trägt nicht nur Kilt, sondern auch einen Strumpfdolch, hier am Bein von Dudelsackspieler Hainich. © Marko Förster

Der Schankraum ist voll. Fast dreißig Leute wollen die hochprozentige Reise antreten. Mittendrin steht Jens Schumann, in Schottenrock, langen Strümpfen, die Schuhbänder über den Knöcheln geschnürt, wie es Brauch ist, und füllt Gläser mit der ersten Probe. Knapp 70 Euro kostet ein Platz im Bus. Der Bus ist ausgebucht, so wie immer, und die Warteliste ist länger als Schumann lieb sein kann. Fast 700 Tage keine Tour, wegen Corona. "Die Leute sind ausgehungert."

Der Dudelsack bläst zum Aufbruch

Kurz nach sechs klemmt sich draußen, auf der Gasse, Ulf Hainich seine Great Highland Bagpipe unter den Arm. Er ist der zweite Kilt-Träger dieses Abends. Seinen Dudelsack spielt er sonst auf Geburtstagen oder Hochzeiten, oder auf Beerdigungen. Die Einweihung eines Schafstalls hat er auch mal musikalisch begleitet. Beim Whiskybus ist er das "Puzzleteil", sagt er, das die Sache abrundet. Dudelsackmusik macht gesellig. "Da lösen sich alle Hemmungen."

Mario Böhme, Chef von Böhmes Gesellschaftsfahrten, am Steuer des Whiskybusses. Er selbst trinkt überhaupt keinen Alkohol.
Mario Böhme, Chef von Böhmes Gesellschaftsfahrten, am Steuer des Whiskybusses. Er selbst trinkt überhaupt keinen Alkohol. © Marko Förster

Von der Sackpfeife gelockt, zieht die Karawane, gefüllte Gläser in der Hand, die Straße hinab, rum ums Eck, wo der Bus parkt. Ein Fleischer S 4, Baujahr 1975, original erhalten und nun im Dienst von Böhmes Gesellschaftsfahrten. Am Steuer sitzt der Chef, Mario Böhme, im flaschengrünen Diensthemd des VEB Kraftverkehr. Die Schirmmütze liegt auf dem Armaturenbrett. Da kann man Trinkgeld reinwerfen. Für den Bus. Herr Böhme trinkt nie Alkohol. "Ich brauch' meinen Führerschein noch", sagt er trocken.

Dann gibt er Gas und treibt die Fuhre über Pirnas Altstadtbücke der freien Landschaft zu. Die Passagiere, bis auf eine Frau eine reine Männerrunde, schaukeln in den Polstern wie auf Omas Couch und bedecken ihre Gläser mit dem "Zuhälter". Diese Korkscheiben hat Jens Schumann selbst gebastelt, damit kein edler Stoff verschütt geht.

Reisen wie auf Omas Couch: Der Fleischer S 4 von 1975 kommt behäbig, dafür aber mit Stil voran.
Reisen wie auf Omas Couch: Der Fleischer S 4 von 1975 kommt behäbig, dafür aber mit Stil voran. © Marko Förster

Die erste Probe, ein irischer Teeling, Noten von Eiche, gerösteten Pfirsichen und Keks, ist noch vor Lohmen bei den meisten alle. Das Glas wird mit Mineralwasser neutralisiert. Dann legt Schumann mit einem Glenndronach aus den schottischen Highlands nach. Brombeere und Bratapfel, Orange und Lebkuchen sollen zu schmecken sein.

Reiseleiter kann keine schwere Zunge brauchen

Beide Getränke haben 46 Prozent Alkohol. Die Stimmung wird spürbar beschwingt. Für Schumann und seine Storys vom Whisky ist das ein Vorteil. Es fällt leichter, die Menschen zu unterhalten. Er selbst wird nicht jede der insgesamt fünf Proben - plus Zugabe - mittrinken. Eine schwere Zunge kann man sich als Reiseleiter selbst im Whiskybus nicht leisten.

Wie trinke ich Whisky richtig? Am Fuße des Liliensteins bekommen die Buspassagiere von Kenner Schumann einen Schnellkurs.
Wie trinke ich Whisky richtig? Am Fuße des Liliensteins bekommen die Buspassagiere von Kenner Schumann einen Schnellkurs. © Marko Förster

Über die Ziegenrückenstraße nähert sich der Bus dem Ziel. Mario Böhme am Lenkrad arbeitet redlich, Zwischengas, Zwischenkuppeln, pumpende Tritte aufs Bremspedal. "Deshalb heißt das Kraft-Fahrer", grient er. Am Lilienstein strömen die Insassen begierig an die Luft und Jens Schumann baut auf der Wiese Campingtisch und Flaschen auf. John Wayne ist nicht da. Aber Ulf Hainichs Dudelsackmusik passt sowieso besser zum schottischen Feuerwasser als Schüsse aus dem Colt.

Diesmal gibt es Tropfen von der Speyside: 11-jährigen GlenAllachie und 18-jährigen Dalmore. Jens Schumann referiert über das richtige Whiskytrinken, über das sachte Heranarbeiten ans Glas mit der Nase, über das Schmecken - so lange im Mund behalten, wie Jahre im Fass vergangen sind - und über die Qualitäten eines guten Abgangs.

Sláinte! Jochen Bielang, Dan Dressel, Olaf Münzner und Ralf Rosenthal (v.l.) stoßen auf ihre Whiskybusfahrt an.
Sláinte! Jochen Bielang, Dan Dressel, Olaf Münzner und Ralf Rosenthal (v.l.) stoßen auf ihre Whiskybusfahrt an. © Marko Förster

Dogma ist das alles keins. Zumindest nicht bei ihm. "Trinkt den Whisky, wie ihr möchtet", lautet die Essenz allen Fachsimpelns. Aber mit Geduld muss man es tun, das ist Jens Schumann wichtig. "Lasst euch Zeit auf dem Weg zum Whiskykenner." Es ist ein langer Weg, sagt er. "Aber er ist wunderschön."

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