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Nach dem Hochwasser: Hilfe für den Hirschgrund

Reinhardtsdorf-Schöna hat die schwersten Schäden des Unwetters in der Sächsischen Schweiz zu tragen. Eine Straße ist zerstört, eine historische Mühle bedroht.

Seit 1854 steht die Niedermühle im Hirschgrund, jetzt ist die 15 Meter hohe Stützmauer weg. Die Brüder Christoph (l.) und Jürgen Büttner brauchen Hilfe.
Seit 1854 steht die Niedermühle im Hirschgrund, jetzt ist die 15 Meter hohe Stützmauer weg. Die Brüder Christoph (l.) und Jürgen Büttner brauchen Hilfe. © Marko Förster

Der Hirschgrund in Schöna ist ein verwunschenes Tal am östlichen Rand der Sächsischen Schweiz, kurz vor der tschechischen Grenze. Von der Elbe aus führt eine steile, alte Asphaltstraße durch die im Sommer grün überwucherte Klamm hinauf nach Reinhardtsdorf-Schöna. Außer Wanderern, einigen Radfahrern und den wenigen Anwohnern kommt hier kaum jemand vorbei. Aus dem Elbtal ist der Hirschgrund nur über den Elberadweg zu erreichen, von oben aus dem Dorf ist die Straße eine Sackgasse.

Seit dem Abend des 17. Juli ist die Idylle zerstört. Eine riesige Furche zieht sich durch das enge Tal: aufgerissene Erde, umgestürzte Bäume, ein Geländer - das ohne Boden über dem Abgrund hängt. Die Wassermassen, die hier talwärts schossen, haben Stützmauern und unzählige Kubikmeter Boden mitgerissen. "Die Straße existiert abschnittsweise nicht mehr", sagt Bürgermeister Andreas Heine (Wählervereinigung 94).

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Das kleine Reinhardtsdorf-Schöna mit seinen rund 1.300 Einwohnern ist am schwersten von dem jüngsten Unwetter in der Sächsischen Schweiz betroffen, vermutlich gilt dies sogar für ganz Sachsen. Die Schäden bewegen sich im Millionenbereich, erklärt Bürgermeister Heine, genauer ließe sich die Frage momentan noch nicht seriös beantworten.

Historische Niedermühle in Gefahr

Besonders dramatisch ist die Situation an der historischen Niedermühle am unteren Ende des Hirschgrunds. Der sonst friedlich plätschernde Mühlgrundbach hat hier eine gut 15 Meter hohe massive Sandsteinmauer weggerissen. Ein Stützpfeiler der Mühle stürzte in die Tiefe. Die Gebrüder Christoph und Jürgen Büttner, die die 1854 erbaute Niedermühle in mühevoller Handarbeit erhalten und regelmäßig zum Mühlentag zu Pfingsten für Besucher öffnen, sind fassungslos ob der Zerstörung.

Vor wenigen Tagen machte sich Vize-Landrat Heiko Weigel (CDU) vor Ort ein Bild der Lage. "Die Besitzer der Mühle werden nicht allein gelassen", sagte Weigel, Beigeordneter für Bau und Umwelt beim Landratsamt in Pirna. Die Niedermühle ist ein Baudenkmal, in ihr befindet sich das größte in Sachsen noch existierende Wasserrad seiner Art mit acht Metern Durchmesser.

In einem ersten Schritt soll eine Baufirma das Fundament stabilisieren. Zudem werden Baumkletterer einige Bäume fällen, die von der anderen Talseite auf die Mühle zu stürzen drohen.

Was wird aus der Straße im Hirschgrund?

Beides wird extrem schwierig, schätzt Bürgermeister Andreas Heine ein, selbst Bauingenieur und promovierter Verkehrswissenschaftler. Es existiert derzeit keine intakte Zufahrt in den Hirschgrund, über die schwere Technik herangefahren werden könnte. Perspektivisch muss das gesamte Flussbett neu aufgebaut werden, zudem ist eine Kläranlage betroffen und natürlich die Straße durch den Hirschgrund.

Bürgermeister Andreas Heine im Hirschgrund zwei Tage nach dem Unwetter: "Die Straße existiert abschnittsweise nicht mehr."
Bürgermeister Andreas Heine im Hirschgrund zwei Tage nach dem Unwetter: "Die Straße existiert abschnittsweise nicht mehr." © Marko Förster

"Das wird Jahre dauern", sagt Heine. Er geht davon aus, dass es einen Hilfsfonds geben wird, allein könnte die Gemeinde die Kosten nicht stemmen. Der Bürgermeister von Reinhardtsdorf-Schöna betont die Bedeutung der Straße durch den Hirschgrund als Rettungsweg. Sie ist die einzige Zufahrt ins Elbtal in diesem Bereich und damit auch zur internationalen Bahnstrecke. Verunglückt hier ein Zug, wie bei der Landeskatastrophenschutzübung 2019 simuliert, wäre diese Straße entscheidend.

Ferienheim bewegt sich nicht

Eine gute Nachricht gibt es für Ferienheim Kuckuckswinkel im Hirschgrund. Dort hatten die Fluten ebenso wie bei der talabwärts liegenden Niedermühle die komplette Böschung weggerissen, das Haus steht seitdem direkt an der Abbruchkante. Fraglich war, ob diese hält. Spezialisten des Technischen Hilfswerks (THW) haben ein Messsystem mit Prismen an der Fassade und dem Hang installiert, um herauszufinden, ob der Hang in Bewegung ist.

Ferienheim Kuckuckswinkel im Hirschgrund: Der Hang ist vorerst stabil, das hat eine mehrtägige Messung des THW ergeben. Bei erneutem Starkregen besteht allerdings Gefahr.
Ferienheim Kuckuckswinkel im Hirschgrund: Der Hang ist vorerst stabil, das hat eine mehrtägige Messung des THW ergeben. Bei erneutem Starkregen besteht allerdings Gefahr. © Daniel Schäfer

Das Ergebnis: Es bewegt sich nichts. Das haben die mehrtägigen Messungen ergeben, wie Susan Schmidt vom THW Pirna gegenüber Sächsische.de erklärt. Die weitere Sicherung müssen Fachfirmen übernehmen. Das THW war eine Woche lang mit teils über 60 Helfern pro Tag in Reinhardtsdorf-Schöna, Krippen und Bad Schandau im Einsatz.

Das Ferienheim ist damit nicht akut vom Absturz bedroht, gänzlich gebannt ist die Gefahr aber nicht. Der Hang liegt frei, es ist keine Uferbefestigung zum Mühlgrundbach mehr vorhanden. Sollte der Bach bei einem weiteren Starkregen erneut anschwellen, hätte das Wasser freie Angriffsfläche und würde das Erdreich weiter ausspülen, erklärt Bürgermeister Andreas Heine. "Hier besteht Handlungsbedarf."

Familie kann zurück in ihr Wohnhaus

Schwer getroffen hat es auch ein Wohnhaus am oberen Ende des Hirschgrunds in Schöna. Hier haben die Wassermassen die komplette Stützmauer und einige Meter des Grundstück weggeschwemmt, das Fundament des Hauses ist unterhöhlt. Die Bewohner mussten das Gebäude zwischenzeitlich verlassen.

Schöna am oberen Ende des Hirschgrunds: Das THW hat ein unterspültes Wohnhaus gesichert. Die Stützmauer und einen Teil des Grundstücks sind weg.
Schöna am oberen Ende des Hirschgrunds: Das THW hat ein unterspültes Wohnhaus gesichert. Die Stützmauer und einen Teil des Grundstücks sind weg. © Daniel Schäfer

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Ein Ferienheim im Hirschgrund in der Sächsischen Schweiz steht nach dem Unwetter buchstäblich auf der Kippe. Das THW überwacht jede Bewegung im Hang.

Das THW hat dort mehrere mit Sand gefüllte große Plastiksäcke eingepasst, sogenannte Bigbags, die das Gebäude nun vorerst stabilisieren. Nach fünf Nächten in einer Ferienwohnung im Ort, welche die Gemeinde kurzfristig organisiert hat, konnten die Hauseigentümer inzwischen in ihr Heim zurückkehren. Der eigentliche Wiederaufbau beginnt aber nun erst. (mit mf)

Am Sonnabend, dem 31. Juli, 10 Uhr planen die Gebrüder Büttner einen Arbeitseinsatz an der Niedermühle. Wer helfen möchte, kann sich vormittags im Hirschgrund einfinden.

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