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Sächsische Schweiz: Wie viele Wege bleiben offen?

Einige Routen sind freigesägt, doch für viele Wanderwege im Nationalpark fällt die Prognose düster aus. Bei den Touristikern wächst die Sorge.

Sperrschilder wie hier an der Spitzsteinschlüchte sind die Ausnahme. Blockierte Wege werden als unpassierbar erklärt. Das Ergebnis ist dasselbe.
Sperrschilder wie hier an der Spitzsteinschlüchte sind die Ausnahme. Blockierte Wege werden als unpassierbar erklärt. Das Ergebnis ist dasselbe. © Mike Jäger

Die Liste der blockierten Wege ist kürzer geworden. Mit Stand von Anfang Mai führt der Nationalpark Sächsische Schweiz noch knapp über 20 Wanderwege und Bergpfade als unpassierbar auf. Dort liegen die abgestorbenen Fichten bereits wie Mikadostäbchen der Quere oder sind stehend so instabil, dass sie jederzeit umbrechen können. Für Waldbesucher besteht dann Lebensgefahr.

Vor ein paar Wochen war diese Liste, die der Nationalpark regelmäßig auf seiner Website aktualisiert, schon einmal um gut ein Drittel länger. Mit Harvestern und Motorsägen haben sich Waldarbeiter seitdem durch das Gebiet gekämpft, um zuerst die breiten Rettungswege zu sichern, damit Bergwacht oder Feuerwehr dort in Notfällen vorwärtskommen. Links und rechts dieser Rettungswege wurden dafür abgestorbene Fichten gefällt.

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Entlang der Rettungswege wie hier im oberen Teil des Großen Zschand haben Waldarbeiter in den vergangenen Wochen zahlreichen abgestorbene Fichten gefällt.
Entlang der Rettungswege wie hier im oberen Teil des Großen Zschand haben Waldarbeiter in den vergangenen Wochen zahlreichen abgestorbene Fichten gefällt. © Nationalpark/Hanspeter Mayr

Im besonders betroffenen Gebiet um Hinterhermsdorf hat sich die Lage damit etwas entspannt. Der Zugang zur Oberen Schleuse, der Schleusenhornweg zum Hermannseck , der Waldwegabschnitt der alten Kirnitzschtalstraße und weitere Verbindungen sind wieder begehbar. Soweit die guten Nachrichten.

Wanderwege werden zu Sackgassen

Für viele weitere, vor allem kleinere Wanderwege fällt die Prognose jedoch deutlich düsterer aus. Der Sächsische Bergsteigerbund (SBB) fordert bereits seit längerem, dass auch entlang von Wanderwegen schon vorsorglich gesägt werden sollte - also noch bevor die Wege zubrechen und dann auf absehbare Zeit aus Sicherheitsgründen auch kein Waldarbeiter mehr hinein darf.

Der SBB hat dafür einen Stufenplan erstellt und die Wege nach Dringlichkeit priorisiert. Zumindest zehn dieser bedrohten Wanderwege wollte sich der Nationalpark näher anschauen, darauf konnten sich Bergsteigerbund, Nationalpark und Tourismusvertreter in einer ersten Sitzung der AG Wege Mitte April einigen.

Der Reitsteig ist bereits seit November 2019 zugebrochen und für Wanderer nicht mehr begehbar. Der Bergsteigerbund fürchtet, dass vielen Wegen in der Sächsischen Schweiz das gleiche droht.
Der Reitsteig ist bereits seit November 2019 zugebrochen und für Wanderer nicht mehr begehbar. Der Bergsteigerbund fürchtet, dass vielen Wegen in der Sächsischen Schweiz das gleiche droht. © SBB/Ehrentraut

Das Ergebnis fällt aus Sicht der Wander- und Tourismusvertreter erneut mehr als ernüchternd aus. Nur drei dieser zehn wichtigsten bedrohten Wege wird der Nationalpark vollständig zur Prüfung bei der Landesdirektion einreichen. Diese naturschutzfachliche Prüfung ist die Voraussetzung, dass auf den geschützten Flächen neben den Wegen tote Bäume gefällt werden dürfen. Allein das Verfahren, bei dem auch Naturschutzverbände beteiligt werden, dauert bis zum Herbst.

Weitere drei Wege gehen zumindest zur Hälfte in die Prüfung ein, was bedeutet, dass sie höchstwahrscheinlich als Sackgassen enden. Für die übrigen bedrohten Wanderwege sieht der Nationalpark überhaupt keine Chance für ein vorsorgliches Sägen. Das Risiko sei dort zu große, der Einsatz von Technik nicht möglich. Diese Wege werden also in jedem Fall unbegehbar werden - es ist nur eine Frage der Zeit.

Ringen um Hinweisschilder fürs Kirnitzschtal

In der jüngsten Sitzung der AG Wege am 29. April führte dies zu einer "kontroversen Diskussion", ist im offiziellen Protokoll zu lesen. Im Klartext heißt das, dass es ziemlich gekracht haben dürfte. Der Tourismusverband und die Kommunen in der Sächsischen Schweiz machen sich inzwischen ernsthaft Sorgen um die Tourismussaison. Die ganze Region lebt zu wesentlichen Teilen von den Wandergästen. Welche Wirkung hat es, wenn viele Wege einfach versperrt sind?

Als ein Zugeständnis hat die Nationalparkverwaltung jetzt zugesichert, im Kirnitzschtal an den wichtigsten Wanderparkplätzen Hinweisschilder inklusive Karten anzubringen, auf denen Wanderer und Kletterer die jeweils aktuellen Einschränkungen ablesen können.

Das hatte der Tourismusverband Sächsische Schweiz mit Nachdruck gefordert. Den Touristikern geht es vor allem um eine umfassende Information der Besucher über die Waldschäden durch den Borkenkäfer. Dann, das zeigen Erfahrungen aus anderen Regionen wie dem Harz, stoßen Wegesperrungen auch auf mehr Verständnis.

Doch nicht genug Geld und Personal?

Für Irritation sorgt hingegen ein anderes Ergebnis aus der AG Wege. Demnach hakt es am Geld. Es könnten "derzeit keine zusätzlichen Ressourcen zur Bewältigung der Problemsituation im Nationalpark bereitgestellt werden", erklärten laut Protokoll ein Vertreter des sächsischen Umweltministeriums und Nationalparkchef Ulf Zimmermann. Der Grund sei die kritische Finanzsituation des Freistaats infolge der Corona-Pandemie. Allenfalls innerhalb des Budgets des Sachsenforsts sei im Doppelhaushalt 2021/22 noch eine Umschichtung denkbar.

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Zudem fehlen dem Nationalpark die Leute. Die Personalsituation sei aktuell "sehr angespannt", schilderte Nationalparkchef Zimmermann in der jüngsten Sitzung der AG Wege. Nicht zuletzt deshalb könnten in der nächsten Zeit keine weiteren Wege aus dem Stufenplan des SBB überprüft werden. Noch zwei Wochen zuvor hatten die Mitglieder der AG einem Antrag der Bergsportverbände zugestimmt, wonach der Staatsbetrieb Sachsenfort genügend Personal und Technik bereitstellen soll.

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